Jordan" 2 verspotteten Großstadt Anlass zu Konflikten zwischen Juden und Nichtjuden geboten und zur Herausbildung eines florierenden politischen Antisemitismus geführt hätten. Doch Inge Schlotzhauers Untersuchung zeigt, dass der politische Antisemitismus in Frankfurt nie richtig Fuß fasste. Anfang der 1880er Jahre wurden im Kontext der Agitation für die Antisemitenpetition erste Versuche zur Gründung eines Vereins unternommen, die allerdings im Sande verliefen. Erst mit der Gründung des "Deutschen Vereins" 1891/94 gelang die Etablierung einer judenfeindlichen Organisation. Sie blieb aber sowohl in der Frankfurter Kommunalpolitik, als auch im Rahmen der reichsweiten antisemitischen Bewegung ohne nennenswerten Einfluss. Die Mitgliedschaft schwankte zwischen 500 (1895) und 200 (1906) Personen mit abnehmender Tendenz, abgesehen von einem leichten Aufschwung um 1912. Reichsweiten Bekanntheitsgrad erlangten die Frankfurter Antisemiten nur durch die Skandale um den "Kölner Hof", während ihre Versammlungs- und Pressetätigkeit nicht die erhoffte Resonanz erzielten. Dies lag nicht zuletzt am entschlossenen Widerstand, den ganz unterschiedliche Frankfurter Bevölkerungsgruppen der antisemitischen Agitation entgegenbrachten. Jüdische wie christliche Kaufleute empörten sich über Boykottaufrufe der Antisemiten gegen jüdische Geschäfte und die Herausgabe eines Adressenbuches mit nichtjüdischen Geschäften pünktlich zum Weihnachtsfest. Sozialdemokraten störten regelmäßig die Versammlungen der Antisemiten, so dass man sich gezwungen sah, durch hohe Eintrittspreise entsprechende Klientel abzuschrecken. Der Magistrat begab sich in einen Rechtsstreit mit dem reichsweit bekannten "Kölner Hof", der damit warb, Juden nicht zu bewirten oder zu beherbergen. Es gelang, dem Betreiber des "judenfreien" Hotels, der gleichzeitig ein führendes Mitglied des "Deutschen Vereins" war, die Nutzung des städtischen Gehwegs für seinen Betrieb zu untersagen.
Erfolge konnte der "Deutsche Verein" nur dann verbuchen, wenn er sich politischen Anliegen annahm, die nicht unmittelbar mit der "Judenfrage" zu tun hatten. So gelang die Wahl von zwei Kandidaten in die Stadtverordnetenversammlung nur, weil sie sich für die Interessen der Hausbesitzer stark gemacht hatten und ihre antisemitische Propaganda zurückstellten. 1912/13 organisierte der "Deutsche Verein" den Protest gegen die Errichtung eines Denkmals für Heinrich Heine. Der Dichter erregte weniger wegen seiner jüdischen Herkunft als seiner antipreußischen und antimonarchischen Gesinnung Anstoß im konservativen Bürgertum. Verhindern konnten die Antisemiten die Errichtung des ersten Heine- Denkmals Deutschlands allerdings nicht.
Insgesamt überzeugt Schlotzhauers Studie durch ihren Faktenreichtum auf der Basis gründlicher Recherche, leidet aber unter zwei Defiziten. Am ersten Defizit ist die Autorin völlig schuldlos: Viele wichtige Quellenbestände sind leider verloren, so dass etliche Details zur Ideologie und organisatorischen Struktur des "Deutschen Vereins" gar nicht oder nur aus zweiter Hand rekonstruiert werden konnten. Das zweite Defizit betrifft die - auch für die Verhältnisse der späten 80er, Anfang der 90er Jahre - leicht angestaubt wirkende Methodik. Schlotzhauers Arbeit steht in der Tradition einer handwerklich soliden, aber methodisch wenig originellen Politikgeschichte. Ganz in Anlehnung an Richard Levy sucht die Autorin die Gründe für das Scheitern der Antisemiten eher in ihren organisatorischen Defiziten als in der soziokulturellen Struktur der Stadt. 3 Warum konnte sich ausgerechnet in der "Judenmetropole" Frankfurt eine urbane, liberale politische Kultur behaupten, während das hessische Umland, wo weitaus weniger Juden lebten, zu einer Hochburg des politischen Antisemitismus avancierte? Welche Rolle spielten antisemitische Stereotypen und Vorurteile im Alltag, abseits der Sphäre parteipolitischer Organisationen? Was wurde z.B. zur Zeit des Kaiserreichs aus der rabiaten Judenfeindlichkeit der Frankfurter Handwerker, die in der Restaurationszeit alles daran gesetzt hatten, das mittelalterliche Judenrecht wieder zur
2 Zit. nach Schlotzhauer, Ideologie und Organisation, S. 37.
3 Vgl. Richard S. Levy, The Downfall of the Anti- Semitic Political Parties in Imperial Germany, New Haven/ London 1975.
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Geltung zu bringen? Wie gestaltete sich das Zusammenleben von Protestanten, Katholiken und Juden in Frankfurt; d.h. wo boten sich Konfliktfelder, an die der Antisemitismus andocken konnte, oder wo bildeten sich Beziehungsgeflechte, die gegen Judenhass immunisierten? Diese Fragen bleiben offen. 4
Viel stärker haben sich die methodischen Innovationen der letzten Jahrzehnte in der Geschichtswissenschaft im Allgemeinen und der deutsch- jüdischen Geschichte im Besonderen in Till van Rahdens Studie über Breslau niedergeschlagen. Der Autor fahndet weniger nach Erfolgen und Misserfolgen des Antisemitismus im Kaiserreich, vielmehr geht es ihm um die Bedingungen und die praktische Ausgestaltung des Zusammenlebens von Juden und Nichtjuden in einer deutschen Großstadt. Van Rahdens Ziel ist es, die vielfältigen und z.T. widersprüchlichen Mechanismen von Inklusion und Exklusion herauszuarbeiten, an deren Aushandlung und Verschiebung sich die Breslauer Juden aktiv beteiligten. So lässt er, im Gegensatz zu traditionellen Ansätzen, die Juden als Akteure und nicht als passive Objekte von Assimilation oder Opfer von Antisemitismus erscheinen.
Etwas pathetisch bezeichnet van Rahden seine Herangehensweise als "Geschichtsschreibung im Zeichen des Multikulturalismus". 5 Dabei sieht sich der Autor einem multikulturalistischen Liberalismus verpflichtet, der, im Gegensatz zur Position des kulturellen Relativismus, westliche Werte wie Menschen- und Bürgerrechte nicht auf dem Altar ethnisch- religiöser Vielfalt opfern will. Stattdessen gelte es, den Kanon der Menschen- und Bürgerrechte um das "Recht auf Andersartigkeit" zu erweitern. 6 Gegenwärtige politisch- ideologische Kontroversen um Multikulturalität als Ausgangspunkt für eine Studie über das 19. Jahrhundert, das Zeitalter des klassischen Nationalstaats und des Nationalismus, zu wählen, erscheint gewagt weil unhistorisch. Immerhin gelingt es dem Autor, durch Anleihen bei der modernen Ethnologie und Anthropologie eingefahrene Begriffe wie Assimilation und Integration neu zu fassen. Sie seinen nicht als teleologische Prozesse zu begreifen, in deren Verlauf eine ethnische Minderheit durch schrittweise Anpassung quasi völlig in der Mehrheitsgesellschaft aufgehe. Stattdessen müsse nach Prozessen aktiver Aneignung und gegenseitiger Beeinflussung Ausschau gehalten werden. Dies gilt allzumal für Breslau, wo die Juden zumindest bis 1918 alles andere als eine vernachlässigbare Größe waren. Stellten sie einen relativ hohen Bevölkerungsanteil von etwa 7%, so bildeten sie mit einem Anteil von fast 30% eine Kerngruppe des Breslauer Bürgertums.
Die Studie gliedert sich in fünf thematische Schwerpunkte, an Hand derer das Zusammenleben von Juden und anderen Breslauern ausgeleuchtet wird. Van Rahdens sorgfältige Analyse der jüdischen Berufs- und Einkommensstruktur relativiert die vorherrschende These, die Juden hätten im Kaiserreich in ihrer übergroßen Mehrheit zum Bürgertum gehört. In Breslau erreichten zwei Drittel der Juden kein Jahreseinkommen, das einen bürgerlichen Lebensstil ermöglichte. Dennoch war die jüdische Minderheit, verglichen mit der nichtjüdischen Bevölkerungsmehrheit, im Bürgertum deutlich und im
Kleinbürgertum leicht überrepräsentiert. Die bürgerlichen Juden spielten eine zunehmend bedeutende Rolle im politischen und gesellschaftlichen Leben der Stadt, nachdem sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Breslauer Logen, Assoziationen und Vereine gegenüber ihnen geöffnet hatten. Daneben bestand allerdings weiterhin ein spezifisch jüdisches Vereinswesen, in dem sich die Breslauer Juden gleichzeitig engagierten.
4 Obwohl die neuere Bürgertumsforschung die wichtige Rolle der Juden in Frankfurt erkannt hat, liefert auch sie wenig zur Beziehungsgeschichte von Juden und Nichtjuden und zur Frage des "gesellschaftlichen Antisemitismus". Vgl. Ralf Roth, Stadt und Bürgertum in Frankfurt am Main. Ein besonderer Weg von der ständischen zur modernen Bürgergesellschaft 1760- 1914, München 1996. Zur Beziehungsgeschichte, aber wenig zum Antisemitismus: Andrea Hopp, Jüdisches Bürgertum in Frankfurt am Main im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1997.
5 Van Rahden, Juden und andere Breslauer, S. 16.
6 Ebd., S. 15.
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Thomas Gräfe, 2004, Judentum und Antisemitismus in Frankfurt am Main und Breslau 1866- 1914, Munich, GRIN Publishing GmbH
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