mittlerweile eher von fließenden Übergängen aus, anstatt von einem Paradigmenwechsel von Religion zu Rasse. Zweitens stellte man bei der Analyse der Trägerschichten des Antisemitismus fest, dass offenbar Protestanten ungleich anfälliger für antisemitisches Gedankengut waren als Katholiken. Die NSDAP war in protestantischen Regionen wesentlich erfolgreicher als in katholischen. Die Forschung hat dies einerseits auf die Minderheitensituation der Katholiken im Deutschen Reich und ihre Milieubildung vor dem Hintergrund des Kulturkampfs zurückgeführt. Die Verteidigung religiöser Rechte und Privilegien gegenüber dem protestantisch geprägten Nationalstaat habe eine aggressive Haltung gegenüber anderen religiösen und nationalen Minderheiten ausgeschlossen. Andererseits sei der Rassenantisemitismus mit der Ultramonatnisierung des deutschen Katholizismus, d.h. der Ausrichtung auf eine romzentrierte Weltkirche, inkompatibel gewesen.
Diese Immunitätsthese versucht Olaf Blaschkes Dissertation zu widerlegen. Gerade die Kulturkampferfahrungen und die Durchsetzung des Ultramontanismus hätten zur Herausbildung eines spezifisch katholischen Antisemitismus geführt. Dieser habe die Juden in eine Reihe mit anderen Feinden der Kirche gestellt (Protestanten, Liberale, Atheisten) und sie als Hauptträger bedrohlicher Modernisierungsprozesse angegriffen. Die „Lösung der Judenfrage“ erblickte man nicht in judenfeindlichen Maßnahmen wie Entrechtung, Vertreibung oder physische Vernichtung, sondern in der Rechristianisierung der Gesellschaft unter katholisch- ultramonataner Führung. Folgerichtig erkennt Blaschke in der Herstellung von milieuinterner Geschlossenheit die Hauptfunktion des katholischen Antisemitismus. Die Tatsache, dass sich Katholiken vom unchristlichen Rassenantisemitismus distanzierten und von entsprechenden politischen Gruppen fernblieben, lässt der Autor nicht als Beleg für die katholische Immunität gegenüber dem modernen Antisemitismus gelten. Das katholische Milieu (zu dem im Kulturkampf 80- 90%, im späten Kaiserreich 60- 70% aller Katholiken zählten) habe seinen ureigenen Antisemitismus ausgebildet und es nicht nötig gehabt, milieufremde judenfeindliche Ideologien und Organisationen zu frequentieren. Kein gutes Haar lässt Blaschke auch an der Haltung des politischen Katholizismus gegenüber den Juden. Wenn die Zentrumspartei in Parlamentsdebatten die Rechtsstellung der Juden verteidigte und den Antisemitismus zurückwies, so habe sie dies aus schlichtem Eigennutz getan. Schließlich hätte man nicht glaubwürdig für die Durchsetzung von Rechten und Privilegien der katholischen Minderheit kämpfen können, während man sie einer anderen Minderheit streitig machen wollte. Diese pflichtgemäße Zurückhaltung habe Zentrumspolitiker, Klerus und
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Presse aber nicht davon abgehalten, gegen Judentum und Liberalismus als Feinde der katholischen Kirche zu Felde zu ziehen.
Blaschkes Studie hat erfolgreich aufgedeckt, dass der Anteil des deutschen Katholizismus an der Herausbildung und Internalisierung des modernen Antisemitismus wesentlich größer veranschlagt werden muss als bisher. Damit bildet der deutsche Katholizismus im europäischen Vergleich, z.B. mit Frankreich, Österreich oder Polen, keinen Sonderfall mehr. 5 Die apologetische Immunitätsthese kann als widerlegt gelten. Es ist bezeichnend, dass sich katholische Theologen und Historiker veranlasst sahen, ihre Konfession reflexartig zu verteidigen, indem sie Blaschke in zahlreichen Rezensionen der Übertreibung bezichtigten. 6 Diese Kritik hat durchaus ihre Berechtigung. Auch wenn man dem Autor keine antikatholische Tendenz unterstellen sollte, so fallen doch etliche Einseitigkeiten in seiner Arbeit auf.
Blaschke sieht das katholische Milieu als einen monolithischen Block unter ultramontaner Führung und übernimmt z.T. unkritisch Stereotype der antiultramontanen Propaganda der Liberalen im Kaiserreich. Vor allem der in Gesellen- und Arbeitervereinen und in den christlichen Gewerkschaften organisierte Sozialkatholizismus spielt in Blaschkes Arbeit gar keine Rolle. Dagegen wird der Ultramontanismus zu einer den Alltag durchdringenden, geradezu totalitären Ideologie aufgebauscht. Als Multiplikatoren des katholischen Antisemitismus macht Blaschke Bildungsbürgertum und Klerus aus, jedoch kann er nicht erklären, warum Judenfeindlichkeit ausgerechnet unter katholischen Studenten keine nennenswerte Rolle spielte. 7 Außerdem stellt sich der aufmerksame Leser immer wieder die Frage, was am katholischen Antisemitismus eigentlich spezifisch katholisch war, einmal abgesehen von gewissen Erbschaften aus dem vormodernen Antijudaismus (Ritualmordlegende, Antitalmudismus usw.). In Blaschkes Kapiteln zur Verbreitung des katholischen Antisemitismus in verschiedenen Regionen und Gesellschaftsschichten wird klar ersichtlich, dass politische und sozioökonomische Motive häufig in Mischung mit konfessionellen Motiven auftraten und zum Teil sogar vorherrschend waren. Ein Beispiel: Für katholische und protestantische Bauern war der Mythos vom Juden als Wucherer und Güterschlächter für antisemitische Einstellungen maßgebend, nicht hingegen konfessionsgebundenes Gedankengut. Aus der Herausbildung und Verbreitung
5 Vgl. Olaf Blaschke/ Aram Mattioli (Hg.), Katholischer Antisemitismus im 19. Jahrhundert. Ursachen und Traditionen im internationalen Vergleich, Zürich 2000.
6 Z.B. Wilfried Loth, in: HZ 267 (1998), S. 515- 517.
7 Vgl. Christopher Dowe/ Stephan Fuchs, Katholische Studenten und Antisemitismus im Wilhelminischen Deutschland, in: GG 20 (2004), S. 571- 593.
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überkonfessioneller Mythen, Stereotype und Feindbilder zieht Blaschke leider nicht die notwendigen, d.h. seine Thesen relativierenden, Schlussfolgerungen. Vielleicht hätten sich einige Einseitigkeiten in Blaschkes Studie vermeiden lassen, hätte er sich, wie Wolfgang Heinrichs in seiner Habilitationsschrift über den deutschen Protestantismus, nicht nur dem Antisemitismus, sondern dem Judenbild insgesamt zugewandt. Ähnlich wie Blaschke möchte Heinrichs mit seiner Arbeit einen Beitrag zu einer milieuspezifischen Mentalitätsgeschichte liefern. Angesichts der Spaltung des Protestantismus in Landeskirchen, theologische Fraktionen und Frömmigkeitsbewegungen kann von einem einheitlichen Judenbild, wie es Blaschke für den Katholizismus herausgearbeitet hat, keine Rede sein. Doch in einer Epoche, in der sich der Protestantismus mit den Herausforderungen der Moderne konfrontiert sah, korrelierten die Haltungen zur Moderne auffällig mit den Haltungen gegenüber dem Judentum. Dies stellt Heinrichs in seiner Auswertung einschlägiger theologischer, kirchennaher, bzw. religiös- erbaulicher Periodika der unterschiedlichen theologischen Richtungen des Protestantismus (Konservative, „Mittelpartei“, Liberale), der kirchlich ungebundenen Gemeinschaftsbewegung, sowie der Judenmission fest. Um Heinrichs Ergebnisse idealtypisch zu vereinfachen, kann man im Protestantismus des Kaiserreichs ein konservatives und ein liberales Judenbild unterscheiden. Die Konservativen von den Anhängern Stoeckers bis zur „Positiven Union“ identifizierten das liberale Judentum mit allen als bedrohlich empfundenen Entwicklungen der Moderne wie Säkularisierung, Kapitalismus, Sozialismus, Materialismus, Verstädterung, Individualisierung usw. Dem stand eine positivere Einschätzung der orthodoxen Juden gegenüber, die man für eine Konversion zum Protestantismus durchaus für zugänglich hielt, obwohl die Judenmission in Osteuropa nur geringe Erfolge erzielen konnte. Dabei sahen die Konservativen im Judentum, wenn nicht eine Rasse, so doch eine ethnische Gruppe. Die Juden konnten zwar durch Taufe zum Christentum übertreten, wurden aber nicht als zugehörig zur deutschen Nation empfunden, ganz gleich ob sie Staatsbürger waren oder nicht.
Im liberalen Protestantismus waren die Vorzeichen der Haltung gegenüber dem Judentum in der Regel genau umgekehrt. Der liberale Protestantismus erblickte die „Lösung der Judenfrage“ in der Assimilation der Juden an die protestantische Leitkultur. Daher sah man das liberale Judentum quasi als Verbündeten, während man das orthodoxe Judentum als Gegner auf eine Stufe mit konservativen Protestanten und Katholiken stellte. Finden sich im liberalen Protestantismus erste Ansätze zu einem christlich- jüdischen Dialog, so setzten sich allerdings mit der Zeit eine zunehmende Skepsis gegenüber der Moderne und eine kritischere Haltung gegenüber dem liberalen Judentum durch.
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Thomas Gräfe, 2004, Antisemitismus und Konfession im deutschen Kaiserreich, Munich, GRIN Publishing GmbH
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History - World History - Early and Ancient History
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