4. Der Wahrheitsbegriff der aristotelischen Metaphysik
22
4.1. Logische und ontologische Wahrheit
23
4.2. Die Wahrheit des Zusammengesetzten
23
4.3. Die Wahrheit des Unzusammengesetzten
24
5. Kritische Betrachtung der aristotelischen Ideenlehre
27
5.1. Die Ideenlehre Platons
27
5.2. Die Wirklichkeit der Ideen
28
5.3. Kritische Betrachtung des tode ti
32
5.3.1. Das tode ti und der Begriff
32
5.3.2. Das aristotelische Ideenmodell
33
5.3.2.1. Das Problem der Vollkommenheit
34
5.3.2.2. Der Gegensatz von Einheit und Vielheit
35
5.3.2.3. Die Identität und deren Widersprüchlichkeit
36
5.3.2.4. Die Individualität eines Seienden
37
Literatur
39
1. Einleitung
Um sich eingehend mit der Frage "Was ist das Seiende?" auseinanderzusetzen, die in den Büchern ?, ? und T der Metaphysik des Aristoteles eine besondere Gewichtung erfährt, in denen die Wissenschaft vom Seienden, deren Untersuchung bereits im Buch G ihren Anfang nimmt, nun konkretisiert wird und mit der Suche nach einem Seienden, das zugleich Seins- und Erklärungsgrund alles Seienden ist, mit der Definition der ousia ihren Höhepunkt findet, ist es notwendig, den von Aristoteles geprägten Begriff der Metaphysik genauer zu beleuchten.
Aristoteles versteht unter Metaphysik eine Wissenschaft, die davon absieht, lediglich Teilbezirke des Seins zu untersuchen, wie zum Beispiel die Mathematik oder die Medizin es tun würden, sondern sich vielmehr dem allgemeinen Sein zuwendet, das in allem zu finden ist, also dem Sein als solchem und dem, was damit zusammenhängt: "Es gibt eine Wissenschaft, die das Seiende, insofern es seiend ist, betrachtet und das, was ihm an sich zukommt" (Met. G,1; 1003a 21). Die Metaphysik ist somit für Aristoteles Seinswissenschaft, Ontologie. Alle Wissenschaften würden zwar in gewisser Weise etwas über das Sein aussagen, setzten jedoch hierbei eine Reihe von Begriffen voraus, die unmittelbar mit dem Sein zusammenhingen, die unmittelbar mit dem Sein gegeben seien. Begriffe wie Identität, Art, Einheit oder auch Gattung würden ohne genauer untersucht zu werden von den Einzelwissenschaften benutzt und somit unbesehen vorausgesetzt. Aus diesem Grund bedürfe es einer Wissenschaft, die das Sein und seine spezifischen Eigenheiten wissenschaftlich untersuche, es bedürfe einer ersten Philosophie. Aufgrund der Tatsache, dass das allgemeine Sein allen Seinsbezirken und allem Seienden zugrunde liegt, definiert Aristoteles die Metaphysik auch als die Wissenschaft vom Ersten und Ursächlichen: "Denn wer das Verstehen um seiner selbst willen wählt, wird am meisten die höchste Wissenschaft wählen | - das ist aber die Wissenschaft des im höchsten Grade Wißbaren; und im höchsten Grade wißbar sind das Erste und die Ursachen" (Met. A,2; 982a 31).
Innerhalb der Metaphysik des Aristoteles, die aus insgesamt 14, zum größten Teil eigenständigen Büchern zusammengesetzt ist, bilden die Bücher ?, ? und T eine geschlossene Gruppe. Die Bücher Z und H enthalten die in Buch Z eingeführte Abhandlung über die ousia, die Substanz, das Wesen: "Und die Frage, die bereits von alters her erhoben wurde, die auch heute erhoben wird und immer erhoben
werden und Gegenstand der Ratlosigkeit sein wird, was nämlich das Seiende sei, bedeutet nichts weiter als, was das Wesen sei" (Met. Z,1; 1028b 2-4). Das Buch T hingegen widmet sich der dynamis (Vermögen) sowie der energeia (Verwirklichung). Während sich die ersten neun Kapitel des Buches T ausschließlich mit dynamis und energeia beschäftigen, thematisiert das zehnte Kapitel darüber hinaus das Seiende als das "wahr" beziehungsweise "falsch" Seiende, dessen Erforschung Aristoteles bereits in den Kapitel V,7 und VI,2 angedeutet hat: "Weiter bezeichnet "sein" und "ist", daß etwas wahr sei, aber das Nichtsein, daß etwas nicht wahr sei, sondern falsch bei Bejahungen ebenso wie bei Verneinungen" (Met. V,7; 1017a 31), und: "Da aber das Seiende, das man schlechthin das Seiende nennt, in vielfachen Bedeutungen ausgesagt wird, von denen die eine das Akzidentelle bezeichnete, die andere das Seiende im Sinne des Wahren und das Nichtseiende im Sinne des Falschen, […] so muß man zuerst von dem im akzidentellen Sinn Seienden sagen, daß es davon keine wissenschaftliche Betrachtung gibt." (Met. VI,2; 1026a 33 - 1026b 4).
2. Das Seiende und seine Bestimmungen
2.1. Die ousia
Im ersten Kapitel des Buches Z unterscheidet Aristoteles die seiner Meinung nach immer wieder auftretenden, verschiedenen Aussageweisen des Seins. Diese sind für ihn das Was (ti esti) und das Das (tode ti), auf der anderen Seite die Quale und das Quantum, sowie die anderen Kategorien die durch das Sein bezeichnet werden, die er aber an dieser Stelle nicht näher bestimmt. Wenn man diesem Gedankengang von hier aus Folge leisten würde, so ergäbe sich, dass so viele Bedeutungen des Seienden existierten, wie i n gleicher Zahl Kategorien, also zehn, vorhanden sind. Doch Aristoteles beharrt nicht auf diesem Standpunkt, sondern erreicht mit diesen einleitenden Gedanken eine "Gegenüberstellung von Substanz und nichtsubstantialen Kategorien" 1 , indem er die ousia als das eigentlich Seiende heraushebt, streng genommen als das einzig Seiende bezeichnet. All das, was in den Kategorien sei, sei nur Seiendes, sofern die ousia in der Weise des genannten Seienden vorliege:
1 Christof Rapp, Substanz als vorrangig Seiendes - in: Christof Rapp, Aristoteles - Metaphysik / Substanzbücher, S.29
"Das andere aber wird als "seiend" ausgesagt, weil es an dem Seienden in der ersten Bedeutung eine Quantität, eine Qualität, eine Affektion oder etwas anderes derartiges ist" (Met. Z,1; 1028a 18ff). Das Sein der anderen Kategorien erhalte den Titel "seiend" folglich nur, da es ein Sein oder einen Seinsgehalt des im eigentlichen Sinne Seienden, der ousia, bezeichne. Daher stellt Aristoteles in seinem gewählten Beispiel neben anderem das Weiß-Sein in Frage, das seiner Meinung nach nicht als Seiendes vorliegen könne, da es nur durch die Verbindung mit der ousia als Seiendes bezeichnet werden könne. Jedes Seiende - also im Sinne der Kategorien -, das heisst, jedes Sein, ist durch die ousia, oder, wie es von Aristoteles noch bezeichnet wird, durch das "einzelne Ding" (Met, Z,1; 1028a 27) seiend. Die ousia ist somit das vorrangig Seiende, das schlechthin vorliegt. Aristoteles belässt es also nicht bei der Bestimmung des Seienden als "das einzelne Ding", sondern stellt die Frage nach dem bestimmten Was (ti esti), dem Wassein desselben, denn für ihn bezeichnet erst die Verbindung des Was und des Das das Seiende in seiner eigentlichen Struktur. Das Seiende liegt folglich in einer Verbindung des Einzelnen, dem tode ti, und einer allgemeinen Bestimmtheit des Seienden, dem ti esti, vor, wobei darauf geachtet werden muss, bei der Benennung des ti esti nicht die individuelle Beschaffenheit des Seienden zur Sprache zu bringen.
2.2. Die ousia als Zugrundeliegendes
Aristoteles widmet sich weiterhin der Frage, inwieweit die ousia in ihrer Funktion des Seienden, an die das Seiende der Kategorien gebunden ist, als Substrat (hypokeimenon) vorliegt und argumentiert vorerst positiv hinsichtlich dieser Fragestellung: "Substrat aber ist dasjenige, von dem das übrige ausgesagt wird, während es von keinem anderen ausgesagt wird" (Met. Z,3; 1028b 36). Nimmt Aristoteles in seinem Beispiel zuerst Erz als Wesen einer Statue an, das mit den in den Kategorien enthaltenen Eigenschaften der Form oder Größe als ein Seiendes zusammengefügt wird, so distanziert er sich doch kurz darauf von seiner Annahme. Denn wenn von hier aus die ousia bestimmt werden würde, dann sei diese Definition "noch unklar, und es würde demnach auch der Stoff selbst zum Wesen werden" (Met. Z,3; 1029a 10). Alle Bestimmungen also, die man dem Seienden zusprechen will, werden, so Aristoteles, von dem Seienden selbst ausgesagt, der letzte Grund der
Definitionen aber, bleibt das völlig Unbestimmte. Entziehe man dem Substrat seine charakteristischen Eigenschaften, löse sich dieses auf und existiere nicht mehr, könne demnach also nicht die ousia sein: "Denn nimmt man alles übrige weg, so bleibt nichts übrig" (Met. Z,3; 1029a 12). Demnach existieren für Aristoteles Bestimmungen, die der ousia unveränderlich und unverlierbar zukommen: "Daher ist das Letzte an sich weder ein Was noch ein Quantum, noch sonst irgend etwas. Aber auch die Verneinungen davon sind es nicht, denn diese können nur im akzidentellen Sinne bestehen" (Met. Z,3; 1029a 24ff.). In dieser Unbestimmtheit jedoch ist für Aristoteles die ousia nicht zu definieren. Um diese zu erkennen, müsse zuerst von der Überlegung Abstand genommen werden, die ousia sei das durch ihre Unbestimmtheit geartete Substrat, da jedes Wesen eine spezifische Individualität aufweise: "Denn es kommt dem Wesen am meisten zu, abgetrennt und ein Dies zu sein" (Met, Z,3; 1029a 28).
2.3. Das ti ên einai des Seienden
Doch weist, wie eben erörtert, jedes Wesen diese Individualität auf, so erhebt sich zwangsläufig die Frage, was das Wesen hinsichtlich dieser Einzigartigkeit bestimmt. Der Weg, das Seiende zu suchen, das alles übrige Sein trägt, führt für Aristoteles zu dem Wassein, genauer, dem "Was-es-ist-dies-zu-sein" (ti ên einai), das heisst dem Sein, das für das einzeln Seiende das erste ist, in dem es konstant erhalten bleibt, solange dieses Seiende ist, das sogar das Seiende in seiner Ausprägung bestimmt, da das Seiende erst durch das ti ên einai das wird, was es ist. Den Begriff des ti ên einai führt Aristoteles bereits am Anfang des dritten Kapitels des Buches Z ein, wenn er davon schreibt, dass man, wenn man von der ousia eines Seienden spricht, diese vier verschiedenen Dinge bezeichnen kann: das ti ên einai, das Allgemeine, die Gattung und das hypokeimenon (vgl. Met. Z,3; 1028b 33-36). Das ti ên einai bestimmt Aristoteles als dasjenige, welches für jedes Seiende "das ist, als was es an sich ausgesagt wird" (Met. Z,4; 1029b 14). Das "was es an sich aussagt" erläutert er mit Hilfe des Beispiels der Bestimmung einer Fläche. Indem man die Fläche als eine weiße Fläche bezeichne, sei dies keine Bezeichnung des ti ên einai der Fläche, also keine Bezeichnung der Fläche in ihrem Fläche-Sein, sondern eine Bezeichnung der Fläche als etwas von der Fläche Unterschiedenes, "da das Fläche-Sein ja nicht das
Weiß-Sein ist" (Met. Z,4; 1029b 17). Aber auch die Bezeichnung der Fläche als ein von beiden Verbundenes, also von Fläche-Sein und Weiß-Sein, sei nicht das ti ên einai, da "das zu Bestimmende darin enthalten ist" (Met. Z,4; 1029b 19). Aristoteles bedient sich zur Klärung des Sachverhalts des Ausdrucks "Kleid", um das einzeln vorliegend Seiende so zu bezeichnen, dass es weder als das ihm vorbestimmte Sein, also das Fläche-Sein, noch als das von ihm weiterbestimmte Sein, also das Weiß-Sein, definiert würde. Dieses "nicht an sich" (Met. Z,4; 1029b 29) des Kleid-Seins liege jedoch einerseits in der Weise des Hinzufügens, andererseits in der Weise des Weglassens vor. Der erste Fall treffe dann zu, wenn das Seiende in der Bezeichnung mit einem anderen verbunden und diesem beigefügt werde, zum Beispiel wenn man das Weiß-Sein mit dem Begriff des "weißen Menschen" bezeichne. Im zweiten Fall ist das zu Bezeichnende "nicht als solches Gegenstand der Aussage, in der die Definition der Eigenschaft, die es besitzt, von ihm ausgesagt wird, als bei dem Versuch, es zu definieren, das Hinzugefügtsein dieser Eigenschaft zu ihm irrtümlich nicht mit berücksichtigt worden ist." 1 Das bedeutet also, dass, wenn man ein Seiendes als Kleid bezeichnet, diesem Kleid eine Form des Seins, aus dem es zusammengesetzt ist, zuspricht, eine andere dabei jedoch weglässt. Nun ergibt sich der berechtigte Einwand, ob dieses Kleid-Sein überhaupt das ti ên einai bezeichnet, da letzteres ja als ein Sein vorliegen müsste und nicht, wie es beim Kleid-Sein der Fall ist, als ein Zusammengefügtes von zweierlei Sein. Das ti ên einai definiert folglich die regelnde Einheit aller Seinsweisen eines Seienden, die nach Aristoteles aber "nur dem Wesen zukommt" (Met. Z,4; 1030a 5). Die Wesensbestimmung eines Seienden sollte also die ousia in seinem einen ti ên einai ansprechen. Die Lösung dieses Problems sieht Aristoteles darin, dass ein Seiendes bestimmt werden könne in seiner Gattung und weiterhin in der für das Seiende individuellen Art, die sich von anderen Arten derselben Gattung unterscheidet: "Es gibt also das Was-es-ist-dies-zu-sein für nichts, das nicht Art einer Gattung ist, sondern nur für diese Arten allein [...]" (Met. Z,4; 1030a 12). Doch lediglich für das in der Einfachheit vorliegend Seiende ist eine solche Bestimmung für Aristoteles möglich, also weder für das Seiende, das in Verbindung mit dem Sein der Kategorien steht, noch für das Seiende, das in Kopplung zweier Seinsformen vorliegt, wie das Weiß-Sein und das Mensch-Sein.
1 Hermann Weidemann, Zum Begriff Des ´ti ên einai´ - in: Christof Rapp, Aristoteles - Metaphysik / Substanzbücher, S.87
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Martin Endres, 2001, Zu: Aristoteles - Die Substanzbücher, Munich, GRIN Publishing GmbH
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