Inhaltsverzeichnis:
1.0 Glauben und Wissen, Wahrheit und Lüge 3
2.0 Wirklichkeit als Wahrheit 4
2.1 Theorien und Hintergründe 4
2.1.1 Die Konsequenztheorie 4
2.1.2 Der skeptische Rationalismus und Skeptizismus 5
2.1.3 Wahrnehmung 5
2.2 Die Ontologie sozialer Tatsachen 6
2.2.1 Objektive Tatsachen 7
2.2.2 Soziale Tatsachen 9
2.2.3 Realismus? 10
3.0 Die Massenmedien 13
3.1 Jede Selektion ist gleichzeitig Konstruktion 13
3.2 Desinformation 14
3.3 Motivation zur falschen Berichterstattung 16
4.0 Ausweg aus dem Circulus vitiosus? 18
Literaturverzeichnis 20
2
1.0 Glauben und Wissen, Wahrheit und Lüge
„Ich glaube nur, was ich sehe!“ - Diesen Satz hört man recht oft, wenn eine Diskussion um die Glaubhaftigkeit vermeintlicher Fakten entbrennt, wenn verschiedene Meinungen aufeinander treffen und ein Disput entsteht - doch ist aus diesem Moment der mögliche Kehrschluss richtig, dass wir alles, was wir sehen, auch glauben können? Ist die reine Sichtbarkeit bereits Beweis genug für Wirklichkeit, für Existenz? Ist der Ansatz, zu glauben, was man sieht, ausreichend, um sich eine Meinung zu bilden, die gegenüber anderen vertreten werden kann? Ist diese Meinung dann auch die eigene, oder nicht lediglich nur eine Reproduktion des wahrgenommenen, vermittelten und eventuell konstruierten „Faktums“, ja eventuell sogar „Artefakts“? Sehen wir vielleicht nur, was wir glauben wollen? Wo treffen wir auf Wahrheit, auf Wirklichkeit? Gehen wir einmal davon aus, dass wir beide Begriffe synonym verwenden, wie dies im Folgenden auch getan werden wird, und nehmen das als Wahrheit, was der Wirklichkeit entspricht. Ein jeder Mensch lügt. Oft und immer, jeden Tag. Mehrfach. Und interessanterweise nimmt niemand Anstoß daran, dass wir dies tun. Wir lügen den lieben langen Tag Dinge in die Welt, sei es, dass die Sonne aufgehe, obgleich wir genau wissen, dass sie nicht aufgeht, sondern die Erde sich dreht, oder dass der Himmel blau sei, oder dass der Mond abnehme, sei es dass man unheimlich gern Stachelbeer-Bananenkuchen äße, nur um die Gastgeberin nicht zu verärgern, sei es dass man Weihnachtsmänner aus Schokolade kaufe - eine sogar manifestierte Lüge - und dennoch kann man den Sonnenaufgang ebenso sehen, wie der Weihnachtsmann „wirklich“ zum Weihnachtsfest gehört und man den Kuchen wirklich gern gegessen hat, um nicht unhöflich zu wirken.
Die Lüge ist also bereits Element der Gesellschaft, sie gehört dazu. Ist denn Wahrheit überhaupt möglich? Was ist Wahrheit oder Wirklichkeit denn? Was lässt etwas wahr erscheinen und vor allem wann und für wen? Die größte Kritik an der Hermeneutik lag bereits immer an ihrer Gebundenheit an Subjekten und deren Interpretationen, festgemacht an einer bestimmten Sprachsemantik - gilt nicht dies für unser gesamtes Leben im Sinne von Erfahrungen sammeln ebenso ? Viele Fragen, die unter dem Schwerpunktaspekt der Konsequenztheorie im Rahmen dieser Arbeit angerissen werden sollen, um Denkanstöße zu liefern ohne dass auf diese ewigwährenden Fragen eine endgültige Antwort gegeben werden kann.
3
2.0 Wirklichkeit als Wahrheit
Bevor dem Thema der Wirklichkeitskonstruktion in und durch Medien aus verschiedenen Blickwinkeln begegnet werden kann, möchte ich einige Dinge vorab näher erklären, die helfen sollen, den weiteren Gedankengängen zu folgen, und vor allem einige, bereits bekannte Theorien als mögliche Basis für die Konstruktion von Wirklichkeit mit einbringen, die für uns als die Wahrheit gilt.
2.1 Theorien und Hintergründe
2.1.1 Die Konsequenztheorie
Nach Heinz von Foerster 1 ist der Begriff der Wahrheit unabdingbar an Lüge gebunden, er ist ein „Chamäleon der Philosophiegeschichte“ 2 und trennt Menschen in „jene die recht haben und jene […] die im Unrecht sind.“ 3 Wahrheit sei die „Erfindung eines Lügners“ 4 - diese zentrale Aussage habe ich bewusst als Anlass und Titel für diese Arbeit genommen. Wenn es eine Lüge erfordert, um sich von der Wahrheit abzugrenzen, wenn es also ohne eine Lüge gar keine Wahrheit geben kann und die Wahrheit an sich die Lüge erzeugt, dann ergibt sich hier bereits die zentrale Bedeutung eben dieses Gedankens für Pressearbeit - letztlich wissen wir nie, welche Meldung der Tatsache am nächsten kommt, aber die vielen „Lügen“ lassen uns wenigstens eben diese von einander Abgrenzen und auf eine gewisse Art und Weise anhand des gemeinsamen Nenners eine vermeintlich objektive Wahrheit recherchieren. Ich werde allerdings diesen zentralen Punkt nicht permanent innerhalb dieser Arbeit wiederholen, sondern bitte, diesen im Hinterkopf zu behalten. Spricht eine Person von Wahrheit, also von ihrem eigenen Weltbild als einem Correctum universale, so stünde automatisch jeder andere als Lügner dar. Aus dem Wahrheitsanspruch heraus sei jede Form von Disput logische Konsequenz und zudem menschliches Denken eingeengt, so Foerster. In seinem Sinne gibt es eigentlich keine Wahrheit, sondern nur Blickwinkel. Die Wirklichkeit / Wahrheit 5 ist ein bedarfsabhängiges Konstrukt und wird nur durch den interpersonellen Konsens dann auch Wirklichkeit eben der Masse dieser Personen und erzeugt hier gleichsam Disput zwischen denen, die dies als wirklich akzeptieren, und denen, die zweifeln.
1 Vgl. Heinz von Foerster, „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“, Seite 29f
2 ebd.
3 ebd.
4 ebd.
5 Zwischen diesen Begriffen werde ich im Folgenden nicht mehr dezidiert trennen
4
Genau dieser Disput ist es, der nach Popper 6 im Sinne des skeptischen Rationalismus Entwicklung und Forschung, damit ein Fortkommen überhaupt erst möglich macht.
2.1.2 Der skeptische Rationalismus und der Skeptizismus
Nach Karl Popper gilt eine jede Behauptung erst einmal als richtig, solange man sie nicht widerlegen kann 7 ; der Skeptiker, bzw. der Skeptizismus, geht noch ein Stück weiter und spricht dem Menschen die Fähigkeit ab, überhaupt etwas wissen bzw. erkennen zu können. Gemäß Platon, der der „wirklichen Welt“ wie wir sie erfahren skeptisch gegenüberstand, „nimmt der Mensch für wahr, was er wahrnimmt“ 8 und muss damit die Tatsache akzeptieren, nie wirklich erkennen zu können was ist, sondern nur erkennen zu können, was er selbst wahrzunehmen in der Lage ist. Ich möchte den Bereich des Skeptizismus hier nicht weiter vertiefen, nur weiter anmerken, dass die Menschheit sich zwar auf einen Rahmen von Realität geeinigt hat, dieser aber an sich keinen Anspruch auf Existenz haben kann - weshalb der Begriff Wirklichkeit per se ein bereits gefährlicher Begriff ist.
2.1.3 Wahrnehmung
Betrachtet man den Prozess der Wahrnehmung aus psychologischer Sicht, unter Schwerpunktsetzung auf kognitive Aspekte, dann bekommen wir erst ein Bild davon, wie beschränkt unsere Fähigkeit ist, Dinge so wahrzunehmen, wie sie vielleicht sein könnten. Rein visuell sind wir nur in der Lage, einen begrenzten Teil des Lichtspektrums überhaupt zu erfassen. Zudem sehen wir Dinge nicht wirklich, genau genommen „sehen“ wir gar nichts. Wir interpretieren kognitiv die neuronalelektrischen Impulse die unser Hirn aus den Impulsen erhält, welche die Rezeptoren in unseren Augen aus den Reflexionen des, von uns wahrnehmbaren, Lichtspektrums errechnen. Diese, dank zweier Augen stereoskopisch versetzten, Reflexionen stammen wiederum von bestimmten „Dingen“ die nicht 100% lichtdurchlässig sind und in unserer Wahrnehmung nun zu Apfelsinen, Stühlen und dergleichen „errechnet“ werden - ob diese neuronale Verarbeitung und das im Bewusstsein entstandene „Bild“ nun aber der externen Objektbeschaffenheit entspricht oder ob dies gar durch andere Menschen genauso wahrgenommen wird, entzieht sich demnach unserer Kenntnis. Ob das, was ich persönlich als blau sehe, wobei ich den
6 Vgl Popper, Karl, „Logik der Forschung“ - versch. Herausgeber, Erstausgabe 1934.
7 ebd.
8 Vgl. Treml, Pädagogische Ideengeschichte, S57ff
5
Begriff blau für diesen Farbton erlernt habe, auch für mein Gegenüber so aussieht, oder ob nicht vielleicht mein Blau sich ihm optisch wie „mein Grün“ darstellt, er es aber aufgrund seiner Sozialisation eben auch blau nennt, weil der Farbton der so bezeichneten Blaubeeren eben blau ist, wissen wir nicht. 9 Die verzerrte Wahrnehmung von Patienten mit Hemineglect 10 , einer Diagnose die im Bereich von Schlaganfallsymptomen wie auch nach Hemisectomie 11 zur Behandlung von Epilepsien öfter gestellt wurde, führt für diese Personen zu einer gänzlich anderen Realität, die für sie selbst aber real und damit für sie wahr ist.
2.2 Die Ontologie sozialer Tatsachen
Genau zu diesem Themenbereich mit eben diesem Untertitel hat John R. Searle ein Werk mit dem Titel „Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit“ geschrieben. 12 . Mit diesen drei Gedanken im Hinterkopf nähern wir uns nun der „Konstruktion“ der Wirklichkeit. Lassen wir einmal unberücksichtigt, dass eventuell unsere gesamte Existenz nicht existent sei und gehen davon aus, dass wir existieren und dass die Wahrnehmungspotentiale, die die Mehrheit der Menschen in sich vereinigen, an sich richtig seien und die Norm darstellten. Es fällt hier bereits auf, dass vieles einzuschränken ist, wenn wir von Wahrheit oder Wirklichkeit sprechen wollen - wobei der Begriff der Wahrheit ja an sich einen universalen Gültigkeitsanspruch erhebt. Wo beginnt also nun unsere Wirklichkeit? Wir haben klargestellt, dass alles, was wir als Einzelperson wahrnehmen und als real sehen, prinzipiell nicht unbedingt existent sein muss. Aber es gibt doch Tatsachen?! Es gibt doch direkt Beobachtbares?
9 Vgl. Seminarschriften Dr. Mark May „Wahrnehmen und Handeln“ IFCOQ Hamburg
10 Hemineglectpatienten haben eine halbseitige Wahrnehmungsstörung, bewegen beispielsweise bei
der Aufforderung, in die Hände zu klatschen, nur einen Arm, nehmen aber dennoch ihr eigenes
Klatschgeräusch wahr, oder essen auf die Aufforderung, einen Teller leer zu essen, exakt den halben
Teller leer und nehmen diesen dann auch als leer wahr.
11 Bei der Hemisectomie wird der Hirnstamm chirurgisch getrennt, um Epilepsien entgegenzuwirken
12 John R. Searle, „Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit“, 1995
6
Arbeit zitieren:
Sven Hosang, 2005, Die Bedeutung der Konsequenztheorie für die Konstruktion der Wirklichkeit durch Medien , München, GRIN Verlag GmbH
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