Universität Potsdam im Sommersemester 2002 Historisches Institut
Hauptseminar: Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland
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Eingereicht am 10.09.02 von:
Oliver Ruhnke
Magisterstudiengang : Politikwissenschaft, VWL und Neuere Geschichte
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1. Einleitung
2. Das Phänomen des Hooliganismus
2.1. Begriffsentstehung
2.2. Kurze Geschichte der Gewalt im Umwelt von Fußballspielen
2.3. Beschreibung der relevanten Fanszene
2.4. Definition
3. Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus im Rahmen des
Hooliganismus
3.1. Fallbeispiele: Brennpunkt Länderspiele
3.1.1. Zabrze, 4. September 1996, Polen - Deutschland
3.1.2. Lens, WM 98, Deutschland - Jugoslawien
4. Hooligans - Integrierter Bestandteil der rechtsradikalen Szene?
4.1. Rechte Unterwanderung
4.2. Entwicklung des Hoolganismus in der BRD der achtziger Jahre
4.3. Entwicklung des Hooliganismus in der BRD der neunziger Jahre
4.4. Entwicklung in der DDR
5. Hooligans - Die typischen Modernisierungsverlierer ?
5.1. Brüche und Widersprüche innerhalb der Hooliganszene(n)
6. Schlussbemerkungen und Ausblick
Quellen und Literaturverzeichnis
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Fremdenfeindlichkeit und Rassismus bleiben eine Gefahr für die Demokratie und die politische Kultur Deutschlands. 1 Vor allem bei vielen jungen Menschen macht sich nationalistisches, fremdenfeindliches und antisemitisches Denken zunehmend breit. Wenn im Rahmen der SHELL - Jugendstudie 2000 2 im Durchschnitt 62 % der deutschen Jugendlichen sagen, der Anteil der Ausländer sei bei uns zu hoch, dann ist dies eine erschreckend hohe Zahl. Auch wenn sich dahinter noch kein rechtsextremistisches, rassistisches Gedankengut verbergen muss, scheint sie eine latent fremdenfeindliche Grundstimmung in unserer Gesellschaft widerzuspiegeln. 3 Eine Entwicklung, die auch in der Fußballfan- und Hooliganszene zu beobachten ist. In den letzten zwei bis drei Jahren beobachten die Sozialarbeiter der Fußball-Fanprojekte einen zum Teil gravierenden Anstieg von offen geäußertem Rassismus, Antisemitismus und steigender Fremdenfeindlichkeit. 4 Wie in keinem anderen gesellschaftlichen Bereich werden gerade im Umfeld von Fußballgroßereignissenoffensichtlich unter dem Deckmantel der Anonymität der Masse - fremdenfeindliche Parolen skandiert und entsprechende Symbole zur Schau getragen. Die Fanszene scheint geradezu ein Seismograph für rechte, ausländerfeindliche Stimmung in Deutschland zu sein. 5
In den folgenden Ausführungen geht es daher zunächst um eine Beschreibung des Phänomens des Hooliganismus. Dies erfordert zuerst eine begriffliche Einordnung, sowie einen kurzen historischen Überblick über Gewalt im Umfeld von Fußballspielen. Anschließend wird die relevante Fanszene beschrieben und eine Definitionsgrundlage für die weiteren Erörterungen geschaffen.
1 BUTTERWEGGE, C.: Standortnationalismus - eine Herausforderung für die politische
Jugendbildung. In: Deutsche
Jugend, 46. Jg. 1998, H.11, S.: 469-477.
2 Zusammenfassung: www.shell-jugend2000.de
3 Ausführlich: Jugendwerk der Deutschen Shell AG (Hrsg.). FISCHER. u.a.: Jugend 2000. Die 13.
Shell Jugendstudie. S.240ff.
4 KOS (Koordinationsstelle Fanprojekte) (Hrsg.): Anstöße. Ausgewählte Dokumente der KOS -
Schriften Nr. 2-5. Frankfurt 2000.
5 Gehrmann, TH./SCHNEIDER, Th.: Fußballrandale. Hooligans in Deutschland. Essen 1998.
1
Im Hauptteil steht dann die Beleuchtung des Spannungsverhältnisses von
Rechtsradikalismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Hooliganismus im Vordergrund. Zentrum des Erkenntnisinteresses ist hierbei die Frage, ob Hooligans einen integrierten Bestandteil der rechtsradikalen Szene darstellen. Hierzu werden zwei Fallbeispiele vorgestellt, um Auswüchse des Hooliganismus zu beschreiben.
Im folgenden geht es um die größeren Entwicklungslinien und Motivationsstrukturen der achtziger und neunziger Jahre in der Bundesrepublik Deutschland, sowie die Entwicklung der Hooligan-Problematik in der DDR. Besondere Betrachtung erhält dabei die Fragestellung, inwieweit die Hooliganszene durch rechtsextremistische Gruppierungen unterwandert wurde. Im Anschluss wird auf mannigfaltige
Widersprüche innerhalb der Hooliganszene hingewiesen. Schließlich werden die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst und ein Ausblick gewagt.
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Über die Geschichte des Begriffes Hooligan gibt es keine eindeutige Zuordnung. Eine Version sieht darin einen Kunstbegriff aus dem Englischen, sinngemäß mit Straßenrowdy, Halbstarker oder Rabauke übersetzt. Eine andere Variante: Das irische Wort „hooley“ (Sauforgie) wurde zu Hooligan verdreht. Die dritte Möglichkeit: Es soll eine irische Familie namens Hooligan gegeben haben, die prügelnd durch die Straßen zog. Zum ersten Mal tauchte dieser Name vor hundert Jahren in einer englischen Zeitung auf. Und auch damals schon im Zusammenhang mit Alkohol und exzessiver Gewalt auf öffentlichen Plätzen. 6 Das Oxford Advanced Learner’s Dictionary beschreibt den Hooligan, als „disorderly and noisy young person who often behaves in a violent and destructive way; young thug or ruffian.“ 7
6 www.hooligans.de
7 Cowie, A.P.: Oxford Advanced Learner’s Dictionary. Oxford 1989.
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Obwohl es andere Formen des Hooliganismus gibt und der Begriff Hooligan teilweise inflationär für jegliche Form des Rowdytums verwendet wird, ist Hooliganismus im Rahmen des professionellen Fußball, die Erscheinungsform, die vor allem medial die größte Beachtung findet. 8
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Zuschauerausschreitungen werden zumeist als ein völlig neues Phänomen
betrachtet, das sich vor allem seit 1985 nach den Ereignissen um das Europapokalendspiel zwischen Liverpool und Turin in Brüssel, als 39 Fußballfans bei Ausschreitungen ums Leben kamen, zu einem gravierenden sozialen Problem entwickelte. Nun sind uns aber bereits von den Wettkämpfen der Antike Zuschauerausschreitungen überliefert. Die Analysen und Ratschläge des Militärschriftstellers TACITUS in seinem Buch über die Verteidigung befestigter Plätze und über die Sicherheitsmaßnahmen bei den Dionysien in Chios unterscheiden sich nicht grundlegend von gegenwärtigen Einsatzplänen der Sicherheitsverantwortlichen. In Olympia gab es beispielsweise besondere Einheiten, die für die Aufrechterhaltung der äußeren Ordnung bei Sportfesten sorgten. Diese "Stock- und Peitschenträger" genannten Beamten sorgten bei diesen Festen für Ordnung und hatten das ausdrückliche Recht körperlicher Züchtigung. In den Schriften der damaligen Zeit wird empfohlen, bei Fackelläufen, Wettkämpfen und anderen öffentlichen Veranstaltungen auf der Hut zu sein und durch überlegte Postierung von Sicherheitskräften an strategisch wichtigen Punkten jede Möglichkeit zum Aufruhr im Keim zu ersticken.
Um 450 vor Christus sah sich die Heiligtumsverwaltung des Stadions von Delphi genötigt, nachdem wiederholt betrunkene Zuschauer bei Wettkämpfen randalierten, die Mitnahme von Wein in den inneren Bereich des Stadions zu untersagen, wobei
8 Kerr, John H.: Understanding Soccer Hooliganism. Buckingham 1994, S.120.
9 Vgl. Dunning,E., Murphy, P., Williams J. : The Roots Of Football Hooliganism. An Historical and
Socioligical Study. London, New York 1992.
3
Denunzianten die Hälfte des Strafgeldes in Aussicht gestellt wurde, um diese unpopulären Maßnahme zum Erfolg zu verhelfen.
Die jüngsten Alkoholverbote in bundesdeutschen Fußballstadien hatten also bereits berühmte antike Vorbilder. Auch aus dem Mittelalter sind uns gewalttätige Auseinandersetzungen im Umfeld von Sportwettkämpfen überliefert und Ende des 19. Jahrhunderts sorgte man sich in England „um die steigende Zahl unkontrollierter Fans" 10 . Gewalt im Umfeld von Fußballspielen ist somit in der Tat kein neues Problem, bezüglich der Ursachen und Anlässe der Gewalt hat sich jedoch ein wesentlicher Wandel vollzogen 11 .
Waren die Zuschauerausschreitungen in der Antike und im Mittelalter noch weitestgehend im Kontext mit der gesellschaftlich erheblich höheren Gewalttoleranz und Akzeptanz individueller körperlicher Gewalt zu sehen, und die Pöbeleien, der Vandalismus, die Gewalt Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20, Jahrhunderts noch sehr viel stärker im Zusammenhang mit dem eigentlichen Spielgeschehen zu sehen, so hat sich heute die Gewalt der Hooligans weitestgehend vom Zusammenhang mit dem Spielgeschehen gelöst und eine Eigendynamik, Verselbständigung erfahren. 12
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Jede Fanszene eines Vereins kann grundsätzlich in die Verhaltenskategorien
Friedlich - Zuschauer - (A)
Konfliktgefährdet/-bereit - Fans - (B)
10 Ebda.: S.124.
11 SCHULZ, H.J.: Aggressive Handlungen von Fußballfans. Schorndorf 1986.
12 PILZ,G.A.: Aufsuchende, "akzeptierende" Jugend(sozial)arbeit mit gewaltfaszinierten,
gewaltbereiten und "rechten" Jugendlichen. Ergebnisse und Perspektiven aus Forschung und
praktischer Arbeit mit Fußballfans und Hooligans. Hannover 1993.
13 BAHR, G.(RED.): Konzertierte Aktion - Kooperation zur Verhinderung von Gewalt bei Fußball-
Großveranstaltungen. Schriftenreihe der Polizei-Führungsakademie 3/1991.
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Gewalttäter - Hooligans - (C) grob unterteilt werden.
Kategorie A:
Sie stellen den größten Teil der Stadionbesucher. Der Anteil friedlicher Zuschauer schwankt zwischen 90-98 %. Ein Teil der friedlichen Fußballanhänger (Kategorie A) gehört organisierten Fan-Clubs an. Sie identifizieren sich und unterstützen ihren Verein nach außen sichtbar durch Schals, Mützen, Fahnen und tragen auch Westen mit Emblemen, sogenannte Kutten (Kuttenträger).
Kategorie B:
Letztgenannte Kuttenträger stellen auch einen Anteil der „bei Gelegenheit" gewaltgeneigten Fans. Häufig ist in Verbindung mit Alkohol ihre Bereitschaft zu gewalttätigen Aktionen zu erkennen.
Diese Fan-Kategorie umfasst grundsätzlich die gleichen Altersgruppen wie die Kategorie C: 14 bis über 30jährige, mit den 18-30 jährigen als Kernbereich. Eine besondere Rolle scheinen 14-18jährige zu spielen, die sich durch besondere Aktionen und Aggressivität für die Aufnahme in den Kreis der „etablierten Hooligans" qualifizieren wollen.
Kategorie C:
Der harte Kern wird inzwischen auf 3200 Hooligans in der BRD von Expertenseite geschätzt; hinzu kommen allerdings noch beträchtliche Mitläuferscharen, die von Spiel zu Spiel mehr oder weniger regelmäßig erscheinen 14 . Mädchen und Frauen sind grundsätzlich nicht auszumachen. Vom äußeren Erscheinungsbild hat der „durchschnittliche“ Hooligan alle Merkmale der Fankultur abgelegt. Er tritt aus
14 Vgl. MEIER,I.-F. : Hooliganismus in Deutschland. Analyse der Genese des Hooliganismus in
Deutschland. Berlin 2001.
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Arbeit zitieren:
Jan-Oliver Ruhnke, 2002, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus im Rahmen des Hooliganismus - Hooligans, ein integrierter Bestandteil der rechtsradikalen Szene, München, GRIN Verlag GmbH
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