Inhaltsverzeichnis
Einleitung 01
1. Grundzüge der Ekphrasis und der descriptio 01
2. Kontext der Schildfertigung in der Ilias 03
3. Material und Fertigung des Schildes 04
4. Gestalt des Schildes 06
5. Der Schild und seine Motive 07
5.1 Der Himmel 07
5.2 Die Stadt im Frieden 08
5.3 Die Stadt im Krieg 09
5.4 Männer beim Pflügen 11
5.5 Getreideernte 12
5.6 Tanz in den Weinbergen 13
5.7 Hirtenleben 14
5.8 Reigen 15
5.9 Der Okeanusstrom 17
6. Form der Komposition: Ringdichtung 17
7. Zusammenfassung 21
Literaturverzeichnis 24
II
Einleitung
Im Mittelpunkt der folgenden Hausarbeit steht die Beschreibung des Schildes des Achilles, die als klassisches Vorbild der Ekphrasis gilt und dem zahlreiche ähnliche Werke und Nachahmungen folgten. Sie verdient deshalb innerhalb der Ilias eine besondere Beachtung. Kapitel eins enthält eine kurze Einführung in die Ekphrasis und ihre Abgrenzung zur descriptio. In Kapitel zwei wird auf den Kontext der Schildfertigung in der Ilias eingegangen. Die verwendeten Materialien, ihre Rolle in der Schildfertigung und die Fertigung des Schildes werden in Kapitel drei dargestellt. Im vierten Kapitel steht die Gestalt des Schildes im Vordergrund - welche Motive auf dem Schild dargestellt sind, wie sie angeordnet sind, und wie man die Motivwahl in einen zeitgeschichtlichen und inhaltlichen Kontext bringen kann. Diese Überlegungen werden ergänzt durch Kapitel 5, welches das Kernstück der Arbeit darstellt und die Erläuterung der einzelnen Motive enthält. Kapitel sechs geht näher auf die Anordnung der Motive zueinander ein. Im siebten Kapitel wird eine Interpretation der Motivwahl gegeben. Abschließend wird die Einzigartigkeit bestimmter Details des Schildes hervorgehoben und die Frage aufgeworfen, ob Homer den Schild frei erfunden hat, oder ob er sich an Darstellungen seiner Zeit orientiert hat. Es wird auch darauf eingegangen, welchen Nutzen Homer selber in der Schildbeschreibung sah.
1. Grundzüge der Ekphrasis und der descriptio
Mit der Ekphrasis soll eine Gleichung von Sprache und Bildern beschrieben werden. Als literarische Gattung zeugt die Ekphrasis von ihrer Fähigkeit, Bilder zu erzeugen (Boehm 23). Somit gesellt sie sich zu anderen Kunstformen, die verschiedene Sinnesleistungen verbinden wie z.B. Schauspiel, Oper oder Tanz. Zwar basiert der Wetteifer der beiden Kunstformen, Bild und Sprache, auf ihrer Vergleichbarkeit, jedoch folgt die Sprache der Ekphrasis prinzipiell „völlig anderen Regeln als denjenigen der gesprochenen und geschriebenen
1 In: Schadewaldt 352
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Sprache“ (ibid. 30). Ekphrasis will die Sprache selber darstellen und eine Welt, die eigentlich jenseits der Darstellungskraft von Wörtern zu liegen scheint. „Ekphrastischer Ehrgeiz“, so Murray Krieger, „wiese der Sprachkunst die ausgefallene Aufgabe zu, danach zu streben, das nicht mit Worten Darstellbare darzustellen“ (Krieger 44). Der Wunsch, diese Differenz aufzuheben, sei jedoch illusorisch. Deshalb tendiere die Anschaulichkeit sprachlicher Bilder dazu, über diese Differenz hinwegzutäuschen und die Illusion von Identität zu schaffen (ibid. 44/45). Ekphrastische Illusion versucht Raum und Zeit, das Visuelle und das Verbale zu verschmelzen und verbindet somit kaum darstellbare Gegensätze in sich. Sie ist ein „beschreibender Text, der das Mitgeteilte anschaulich vor Augen führt“ (Graf 144). Ihre Aufgabe ist es „völlig und deutlich machen“ (ibid. 143). Insofern ist Anschaulichkeit ihr besonderes Merkmal, das schon in der Antike immer wieder aufgegriffen wird. Begriffe wie „Klarheit“ und „Deutlichkeit“ werden zu Schlüsselwörtern. Marcus Fabius Quintilian, seit 68 Redner in Rom, war der Ansicht, Gefühle könnten im Zuhörer nur wirksam erregt werden, wenn der Redner selbst von ihnen gepackt sei. Folglich spielt also auch der Vortrag eine zentrale Rolle.
Die Fähigkeit, Wortkunstwerke zu schaffen, hat eine lange Tradition. Ebenso alt ist der Streit, welche Kunstform besser überzeugen könne: “Die Augen sind viel schwerer zu überzeugen, verlangen viel mehr Anschaulichkeit als die Ohren, denn die Augen müssen mit dem Geschehenen direkt zusammenkommen, die Ohren aber können auffliegen und die Grenzen der Vernunft sprengen, indem sie Nachbildungen einlassen, die durch Metrik und Lautgestalt verzaubern“ (Dion Chrysostomos). Ein Topos der Ekphrasis bis in die Spätantike bleibt „Wie lebende Menschen“ oder „wie lebendig“. Über die Antike hinaus war das höchste Lob an ein Kunstwerk, dass es „wie ein wirkliches Wesen“ erschien (Simon 127). In der griechischen Kultur wurden Dichtungskunst und Bildkunst schon immer zueinander in Bezug gesetzt. In Antike und Mittelalter wurde das wechselseitige Austauschverhältnis beider Medien betont. Konvergenz von Wort und Bild stellten eine kulturelle Selbstverständlichkeit dar. Vogt-Spira tendiert zur Auffassung, dass sich seit Ende des 18. Jahrhunderts dieses Verständnis jedoch grundlegend geändert habe: In der Neuzeit herrsche ein „Territorialkampf“ zwischen den beiden Repräsentationssystemen (Vogt-Spira 27). Ins Lateinische übersetzt wurde aus Ekphrasis descriptio. Die ins Lateinische übersetzte Form descriptio wurde jedoch auch inhaltlich anders verstanden und entspricht nicht mehr dem Konzept der Ekphrasis. Ekphrasis mit ihrer zentralen Funktion, die Sinne der Hörer zu treffen und die rationale descriptio, die eher eine Beschreibung der Entstehung eines Bildes ist, schließen sich jedoch gegenseitig aus. Die descriptio gewann schnell an Verbreitung und
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Wichtigkeit und überschritt die Bedeutung der Ekphrasis. Descriptio bezeichnete Denis Diderot, französischer Schriftsteller, Philosoph, Literatur- und Kunstkritiker des 18. Jahrhunderts als „Handeln, das eine Linie zieht“. Sie befasst sich nicht mit der sprachlichen Darlegung eines Kunstwerkes, sondern bezieht sich vielmehr auf die vorgängige Erzeugung desselben. Das bedeutet, dass sich das Bild auf eine Handlung zurückführen lässt. Diese nahezu mathematische Eigenschaft unterscheidet die descriptio stark von der Ekphrasis: Während die Ekphrasis im engeren Sinne die Abhängigkeit einer Kunst, beispielsweise einer Dichtung, von einer anderen wie der Malerei oder Bildhauerei bezeichnet (Krieger 43), erschließt die descriptio über die griechische Ekphrasis hinaus auch die Bereiche des exakten Wissens (Boehm 24).
2. Kontext der Schildfertigung in der Ilias
Im 18. Gesang der Ilias kommt die Handlung zu ihrem Höhe- und Wendepunkt: Achilles, der zuvor den Kampf verweigert hatte, wird zum Rächenden. Sein Freund Patroklos ist durch die Hände Hektors ums Leben gekommen und wurde von diesem auch seiner Waffen beraubt. Um den Tod seines Freundes zu rächen, kann Achilles einen Kampf nicht länger verweigern. Seine Mutter, die Meergöttin Thetis, will ihm helfen und bittet den Götterschmied Hephaistos um eine neue Rüstung für ihren Sohn. In der olympischen Schmiede fertigt Hephaistos aus Gold, Silber, Zinn und Erz Achilles´ wunderbare neue Waffen: Schild, Panzer, Helm, Beinschienen und das Schwert. Homers besondere Aufmerksamkeit gilt dem Schild, den er in 130 Hexametern beschreibt und der das Bild des gesamten Kosmos auf sich trägt. Die komplette Ausrüstung fertigt Hephaistos in nur einer Nacht, wobei die 130 Hexameter poetisch der Zeit entsprechen, in der er ihn anfertigt (Simon 124): Der Prozess der Schaffung und die Beschreibung der Bilder auf der Außenfläche des Schildes fallen zusammen. Somit hob Homer das Problem der Gattungsgrenzen zwischen Wort- und Bildkunst auf, denn laut Simon „fallen das Simultane der Bildkunst und das Nacheinander der Wortkunst für den Hörer und den Betrachter in eins zusammen“ (ibid. 124).
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3. Material und Fertigung des Schildes
Die Ekphrasis beginnt mit Gesang 18.468-77, in dem beschrieben wird, wie Hephaistos Achilles´ neuen Schild und seine Ausrüstung schmiedet.
So sprach er und ließ sie dort und ging zu den Blasebälgen, und diese wandte er zum Feuer und hieß sie arbeiten. Und die Blasebälge, zwanzig insgesamt, bliesen in die Schmelztiegel und entsandten einen allfältigen, gut anfachenden Zugwind, dem Geschäftigen bald so, bald wieder so zu dienen, wie Hephaistos es wollte und er das Werk zustande brachte. Und Erz warf er ins Feuer, unzerstörbares, und Zinn und Gold, geschätztes, und Silber. Aber dann stellte er auf den Amboshalter den großen Ambos und ergriff mit der Hand den starken Hammer und mit der anderen ergriff er die Feuerzange (18.468-477) 2 .
Für die Fertigung des Schildes verwendet Hephaistos verschiedene Materialien: Gold, Silber, Erz, Kupfer und Zinn. Möglicherweise verwendet er ebenfalls das Material Kyanos, welches jedoch auch eine Farbe darstellen könnte.
Das zu fertigende Schwert steht im Vordergrund und der Schwerpunkt liegt auf den verwendeten Materialien und dem Prozess der Herstellung an sich. Die Materialien sind Teil der Handlung, eine laut Becker typische Technik in Homers Dichtungen: Objekte gewinnen an Bedeutung durch ihre Geschichte, ihre Wirkung und ihren Nutzen. Das „harte Erz“ reflektiert die Erfahrung des Betrachters und das Wissen um Erz der damaligen Zeit. Die Ekphrasis beschreibt somit nicht nur die physische Erscheinung der Materialien, sondern drückt auch aus, was über die Materialien bekannt ist oder was in der epischen Sprache über sie gesagt wird. Auch wird dem Material durch Attribute, wie am Beispiel von „dem geschätzten Gold und Silber“ eine Wertung beigegeben. Im Prinzip sind alle Figuren auf dem Schild aus verschiedenen Metallen gebildet, doch werden sie an manchen markanten Stellen besonders betont. Ein Beispiel für die Wichtigkeit der Metalle ist die Schaffung eines Weinberges, für die er die Metalle Gold, Silber und Zinn verwendet: Und auf ihn setzte er einen mit Trauben schwer behangenen Weinberg, einen schönen, aus Gold, und schwarz waren auf ihm die Trauben, und bestanden war er mit Pfählen durch und durch, silbernen. Da zog er beiderseits entlang einen Graben aus Blaufluß und rundherum einen Zaun von Zinn. (18.561-565) Ob mit Blaufluß, oder auch Kyanos, das Material oder die Farbe gemeint ist, bleibt laut Fittschen unklar (Fittschen N5). Sofern Blaufluß gemeint ist, weist dies auf ein in der Zeit des Dichters häufig verwendetes Material hin.
2 Übersetzung aus Schadewaldt 1975
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Auch Figuren und einzelne Teile von Figuren werden besonders benannt: Athene und Ares samt ihrer Kleidung sind in Gold gehalten (517-518), so auch der Acker, der dennoch dunkel wirkt (548-549), die Rinder (574) und die Panzerung der Männer (522). Über die Technik, die Hephaistos beim Schmieden anwendet, wird wenig gesagt: meist wird auf ihn nur Bezug genommen mit dem Satzelementen wie „Und auf ihn setzte er“. Laut Fittschen spricht vieles dafür, dass es sich um eine Einlegearbeit handelt: die besagten hervorgehobenen Motive erinnern an mykenische Einlegetechnik (Fittschen N6).
Und er machte zuallererst den Schild, den großen und starken, ihn rings kunstvoll arbeitend, und legte darum einen schimmernden Rand, einen dreifachen, blanken, und daran ein silbernes Tragband. Fünf Schichten hatte der Schild selbst, und auf ihm machte er viele Bildwerke mit kundigem Sinn. (478-482)
Der Fokus richtet sich im Folgenden langsam vom Schmied auf den Schild selbst, der nun vom Objekt zum Subjekt wird. Der die Handlung bezeichnende Ausdruck ist „er machte“. Die Ekphrasis richtet sich noch nicht ausschließlich auf den Schild, sondern nach wie vor auf dessen Fertigung. „Ihn rings kunstvoll arbeitend“ drückt die Bewunderung des Erzählers für Hephaistos´ Arbeit aus und will somit auch den Zuhörer von dessen Geschick überzeugen. Die Formulierung „mit kundigem Sinn“ unterstützt dieses Vorhaben. Bevor also die Ekphrasis den Schild an sich beschreibt, bereitet sie den Leser darauf vor, das Werk zu bewundern, so dass das Bild, das sich der Leser vom Schild machen soll, bekräftigt wird. Dem Beschreibenden kommt dabei die Rolle zu, Bilder in Worte zu fassen, um sie dem Zuhörer nahe zu bringen. Ihm kommt auch die Rolle des Mittlers zu: er kann durch seine Worte beeinflussen und Autorität und Authentizität repräsentieren (Becker 99). Homer hat in seine Bildbeschreibung auch den Künstler selbst immer wieder mit einbezogen und in den Mittelpunkt der Schildbeschreibung gestellt. Der Dichter steht also in einem besonderen Verhältnis zu dem Künstler, der den Schild schuf. Vielerorts vergleicht er sich auch direkt mit ihm: er weist immer wieder darauf hin, dass Hephaistos ein Gott ist (in der Übersetzung von Schadewaldt 1975). Folglich hat er auch eine hohe Meinung von sich selber und seiner Arbeit. Der Künstler wird in der Schildbeschreibung immer wieder in die Ekphrasis eingebunden. Diese enge Verbindung zwischen Kunstwerk und Schaffendem ist laut Simon typisch griechisch (Simon 133). Erstaunlich ist, dass dem Schild und seinen Motiven das zu Homers Zeiten typisch Mythische fehlt.
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Arbeit zitieren:
Anne Bacmeister, 2006, Der Schild des Achilles - Zum klassischen Vorbild der Ekphrasis, München, GRIN Verlag GmbH
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