Wintersemester 1997/98 Freie Universität Berlin
Institut für Ethnologie
Thematischer Grundkurs “Politische
Drosselweg 1-3
Anthropologie”
14195 Berlin
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Inhalt
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2.1 Eine klassische Version 3
2.2 Eine zeitgenössische Version 6
2.3 Ethnonationalismus im 20 Jahrhundert 8
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3.1 Entwicklung der Theorien 11
3.2 Ethnisierung als gesellschaftliches Phänomen 13
3.3 Das Andere und das Eigene 14
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4.1 Zwei Theorien 17
4.2 Die Dialektik gesellschaftlicher und wirtschaftlich-politischer Einflüsse 19
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“Nationen im strengen Sinn des Begriffes sind homogen; zu ihnen gehören Menschen derselben Art, derselben Sprache, derselben Religion, derselben Kultur. Nationalstaaten dagegen sind in aller Regel nicht homogen. Ihr konstitutioneller Kern liegt darin, daß sie die Rechte definieren, die allen Bürgern gemeinsam sind, unbeschadet ihrer sprachlichen, religiösen, kulturellen, sonstigen Eigenart.” (Ralf Dahrendorf, Die Sache mit der Nation, in Michael Jeismann, Henning Ritter (Hg.), Grenzfälle, Über neuen und alten Nationalismus, 1993, Reclam Verlag, Leipzig, S. 108)
Welche Prozesse aber laufen in Gesellschaften oder Staaten ab, in denen Vertreter verschiedener Sprachen, Religionen und Kulturen zusammenleben? Häufig werden eben diese letztgenannten Merkmale als Definitionskriterien für
Ethnizitätszugehörigkeit verwendet. Bei Ralf Dahrendorf scheinen sie der Begriffsklärung von “Nation” zu dienen.
Worin besteht also der Unterschied zwischen Ethnizität und Nationalität bzw. Ethnizitätsbewegung und Nationalismus? Gibt es überhaupt einen? Wie wirken beide aufeinander?
Eines der am meisten untersuchten und doch immer noch unklaren bzw. nicht eindeutig definierten Phänomene nicht nur dieses Jahrhunderts dürfte der Nationalismus sein. In jüngerer Zeit erleben zusätzlich zum Nationalismus auch Ethnizitätsbewegungen und Ethnisierungsstrategien einen vergleichbaren Aufschwung im Alltag wie in der Wissenschaft.
Deshalb werde ich im ersten Kapitel einen Überblick über verschiedene theoretische Ansätze der Nationalismus- und und im zweiten über die Ethnizitätsforschung geben. Am Beispiel der Idee der Vereinigten Staaten von Europa werde ich die Rollen von Ethnizität und Nationalismus in multikulturellen Gesellschaften untersuchen.
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Einer der meistzitierten Aufsätze zum Phänomen “ Nationalismus" ist Ernest Renans Vortrag “ Was ist eine Nation?” an der Sorbonne am 11. März 1882. Er beschäftigt sich hier mit den Anfängen der Gesellschaftsform “ Nation” und versucht, damit verbundene Irrtümer aufzudecken. Zu diesen gehören beispielsweise das Verwechseln von Rasse und Nation sowie die Tatsache, daß ungerechtfertigterweise “ den ethnischen oder besser den sprachlichen Gruppen eine Souveränität nach dem Muster der wirklich existierenden Völker” 1 zugesprochen wird.
“ Das Vergessen - ich möchte fast sagen: der historische Irrtum - spielt bei der Erschaffung einer Nation eine wesentliche Rolle, und daher ist der Fortschritt der historischen Studien oft eine Gefahr für die Nation.” 2 Am Anfang aller politischen Formen ereigneten sich gewaltsame Vorgänge, die aufzudecken für das Bestehen der Nation gefährlich wären. Da aber trotzdem das Wesen jeder Nation darin bestünde, “ daß alle Individuen etwas miteinander gemein haben, auch, daß sie viele Dinge vergessen haben” 3 , muß also jede Nation die eigene Geschichte “ korrigieren” .
Viele der heutigen Nationen seien aus Dynastien entstanden. Fällt aber das dynastische Recht weg, was vor allem durch die Aufklärung, die Rückkehr “ zum Geist der Antike” erreicht wurde, müsse ein neues Recht gelten: das Völkerrecht. 4
Im Folgenden untersucht Renan Kriterien, von denen das Völkerrecht abgeleitet und definiert werden könnte, die heute noch oft zur Definition von Kultur oder Ethnie herangezogen werden. Er beginnt mit dem Prinzip der Rasse, das in der Antike von größter Wichtigkeit war. Bereits im Römischen Reich aber waren die Menschen innerhalb dieser “ Ansammlung von absolut verschiedenen Städten und Provinzen” nicht mehr durch Verwandtschaft, sondern durch Gewalt, später durch gemeinsame Interessen verbunden. Auch “ das Christentum mit seinem uneingeschränkten Universalismus” wirkte der Bedeutung gemeinsamer “ Rassenzugehörigkeit” entgegen.
1 Ernest Renan, Was ist eine Nation?, 1882, in Michael Jeismann, Henning Ritter (Hg.), Grenzfälle, Über neuen und alten Nationalismus, Reclam Verlag Leipzig, 1993, S. 290.
2 Ebd., S. 294.
3 Ebd., S. 295.
4 Ebd., S. 298.
4
Rückblickend aber wird die Individualität der einzelnen Rassen wiederentdeckt, um die Einzigartigkeit der eigenen Nation zu legitimieren. Das Paradoxe daran ist aber, daß es eigentlich keine “ reine Rasse” gibt und deshalb eine ethnographische Begründung für Grenzziehungen Unsinn ist. Ganz unsinnig erscheint eine solche Theorie, wenn man bedenkt, daß sich die Methoden und Systeme der Ethnographie wie jeder anderen Disziplin auch ändern. Letztendlich hieße das aber, daß sich die Grenzen eines Staates nach “ den Fluktuationen der Wissenschaft” richten müßten. 5
Das gleiche gelte für eine Abhängigkeit der Politik von der vergleichenden Sprachwissenschaft. Das Problem bei der Betrachtung der Sprache liege darin, daß sie als Zeichen der Rasse angesehen würde. Renan erklärt dies als falsch mit dem Hinweis darauf, daß z.B. in Preußen, wo nur noch deutsch gesprochen wird, noch vor einigen Jahrhunderten slawisch gesprochen wurde, und, wie er im Abschnitt zuvor ausführte, Deutschland eigentlich “ germanisch, keltisch und slawisch” 6 ist. Außerdem stimme die Einteilung der Sprachfamilien (indo-europäische, semitische oder andere Sprachen), die die Philologie erfunden hat, nicht mit der Einteilung der Anthropologie überein. Für Renan sind Sprachen “ historische Gebilde, die wenig über das Blut derer aussagen, die sie sprechen.” 7
Das nächsten Kriterium ist die Religion, die laut Renan auch “ keine hinreichende Grundlage geben (kann), um darauf eine moderne Nation zu errichten.” 8 Er vergleicht wiederum Antike und Gegenwart. In der Antike sei die Religion gleichzeitig Staatsreligion und Familienkult gewesen. Heute dagegen gäbe es keine “ Masse von Gläubigen mehr, die auf einförmige Weise glaubt.” Religion sei eine “ individuelle Angelegenheit geworden.” 9
Eine andere Erklärung für den Zusammenhalt der Menschen innerhalb einer Nation könnten gemeinsame (z.B. wirtschaftliche) Interessen sein, doch reicht diese für Renan nicht aus, da ihnen die Gefühlsseite der Nationalität fehlt. 10
5 Renan, 1882, S. 298ff.
6 Ebd., S. 300.
7 Ebd., S. 303f.
8 Ebd., S. 305.
9 Ebd., S. 306.
10 Ebd., S. 306.
5
Zur Frage, ob die Geographie die Bindung innerhalb einer Gemeinschaft erklären würde, meint Renan: Sie hätte großen Einfluß auf historische Bewegungen, Wanderungen, Eroberungen, Entdeckungen etc., gehabt. Schriebe man ihr aber grundlegenden Charakter als “ natürliche Grenzen” zu, könnte sie der Legitimation jeglicher Gewalt gegen andere dienen, beispielsweise für “ Grenzkorrekturen” o.ä. Außerdem: “ Eine Nation ist ein geistiges Prinzip, das aus tiefen Verwicklungen der Geschichte resultiert, eine spirituelle Familie, nicht eine von Gestaltungen des Bodens bestimmte Gruppe.” 11
Zusammenfassend stellt er fest, daß die Nation eine Seele sei, die zum einen vom “ gemeinsame(n) Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen” bestimmt wird und zum anderen vom gegenwärtigen Wunsch, zusammenzuleben, “ das Erbe hochzuhalten, welches man ungeteilt empfangen hat.” 12
“ Eine große Ansammlung von Menschen, gesunden Geistes und warmen Herzens, erschafft ein Moralbewußtsein, welches sich eine Nation nennt. In dem Maße, wie dieses Moralbewußtsein seine Kraft beweist durch die Opfer, die der Verzicht des einzelnen zugunsten der Gemeinschaft fordert, ist die Nation legitim, hat sie ein Recht zu existieren.” 13
Außer dem erwähnten Aufsatz war Renan berühmt für sein Hauptwerk “ La Vie de Jésus” von 1863. Unter anderem für dieses Werk wurde er von 1863 bis 1871 seines Lehramtes enthoben. In dem dort von ihm entwickelten Pantheismus verwendete er u.a. Gedanken Hegels, neben Kant einer der bedeutendsten deutschen Vertreter der Aufklärung. So wird auch in dem untersuchten Aufsatz “ Was ist eine Nation?” eindeutig aufklärerischer Einfluß sichtbar, z.B. an Äußerungen über eine allgemeine menschliche Kultur, die lange schon bestand, bevor es einzelne nationale Kulturen (französische, deutsche, italienische etc.) gab oder dem Hinweis, daß es “ jenseits der anthropologischen Merkmale (...) die Vernunft, die Gerechtigkeit, das Wahre und das Schöne (gibt), die für alle dieselben sind.” 14
11 Ebd., S. 307.
12 Renan, 1882, S. 308.
13 Ebd., S. 310.
14 Ebd., S. 302.
Quote paper:
Ilka Borchardt, 1998, Nationalismus und Ethnizität, Theorien und Praxis, Munich, GRIN Publishing GmbH
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