Georg-August-Universität Göttingen, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte
Wintersemester 2005/2006, Semesterzahl: 3, Abgabedatum: 08.03.2006
Proseminar: Kolonialismus und “Gender”
Deutscher Kolonialismus und Missionierung in
Deutsch-Südwestafrka bis 1914
von: Bernhard Wetzstein
Inhalt
1. Einleitung: Deutscher Imperialismus S. 3
2. Die Kolonisierung Südwestafrikas S. 4
3. Die Missionsarbeit in Südwestafrika S. 6
4. Das Zusammenwirken von Mission und Kolonialismus S. 9
5. Fazit: Die Mission als Steigbügelhalter des Kolonialismus? S. 12
Literaturverzeichnis S. 14
1. Einleitung: Deutscher Imperialismus
Das Deutsche Reich ist, nicht zuletzt aufgrund seiner besonderen zentralkontinentalen Lage, als Spätstarter im Rennen um kolonialen Besitz anzusehen. Anders als beispielsweise die großen Seemächte England, Frankreich oder Spanien unternahm das kolonialtechnisch unerfahrene, gerade geeinte Reich erst in der Hochphase des Imperialismus (1880er Jahre bis 1914) den eher überhasteten Versuch, territoriale Besitzungen in Übersee zusammenzuraffen. Nach Klaus J. Bade ist dieses von nationaler Vollendungsvorstellung und sozialökonomischem Krisenmanagement bestimmte Bestreben mehr von Improvisation und Torschußpanik geprägt als von einer weitsichtigen und scharf kalkulierten politischökonomischen Strategie.1
Entziehen konnte sich das Deutsche Reich dem allgemeinen Expansionsstreben der europäischen Staaten nach kolonialem Besitz allerdings kaum, weil ein Bündel verschiedenster Faktoren eine Rolle spielte. Es galt nicht nur, im internationalen Vergleich Prestige und Machtbereich zu mehren. Auch musste man existenziellen sozialpolitischen Problemen begegnen, die aus der gerade vollzogenen Industralisierung entstandenen waren: dem explosionsartiges Wachstum der Bevölkerung und der daraus resultierenden Auswanderungswelle menschlichen „Nationalen Kapitals“. Zudem hatten die regierenden Verantwortlichen das weitere Gedeihen der Wirtschaft im Blick.2 Eine der bedeutsamsten deutschen Koloniegründungen war „Deutsch-Südwestafrika“, das heute das Staatsgebiet von Namibia umfasst.
In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, wie das lediglich drei kurze Jahrzehnte währende, aber durchaus heftige Kolonialabenteuer des Deutschen Reiches von statten ging. Dabei soll zentral der Aspekt der christlichem Missionierung (am Beispiel der Rheinischen Missionsgesellschaft) behandelt werden, die dort schon lange vor den ersten Kolonisten einsetzte und bis zum Ende des deutschen Kolonialreiches eine wichtige Rolle spielte. Ein Zusammenhang zwischen Missionierung und Kolonialwesen ist zu vermuten, „denn imperialistisches Handeln ist häufig mit weltanschaulichem Sendungsbewusstsein verbunden.“3 - wie es etwa auch, in diesem Falle drastisch scheiternd, in Joseph Conrads weltberühmter Erzählung Heart of Darkness (1902) zum Ausdruck kommt. Zur Erörterung der Fragestellung, inwieweit und in welcher Weise Kolonialisierung und Missionierung Südwestafrikas im Zeitraum bis 1914 in Wechselbeziehung zueinander standen und welche bis heute sichtbaren Spuren beide hinterliessen, greife ich primär auf die aktuelle Forschungsliteratur Horst Gründers, Nicole Glockes und Udo Kaulichs zurück.
2. Die Kolonisierung Südwestafrikas
[Abbildung in der Downloaddatei vorhanden]4
Bereits lange vor der offiziellen Inbesitznahme des Gebietes in den Jahren 1884/85 durch (britischem Vorbild folgende) „kaiserliche Schutzbriefe“ hatten deutsche Händler, Entdecker und Missionare in Südwestafrika Fuß gefasst. Mit den Landerwerbungen des Bremer Kaufmanns Adolf Lüderitz, nach welchem noch heute eine Bucht benannt ist, begann 1883 das deutsche Kolonialabenteuer erste Formen anzunehmen. Zwar liess sich zu jenem Zeitpunkt noch keinesfalls von kolonialem Besitz in Südwestafrika sprechen, aber im Laufe des Jahres 1884 erhielt Lüderitz − nach intensivem Dialog mit der Reichsregierung − über die Zwischenstufe des konsularischen Schutzes schließlich am 24. April den ersehnten Reichsschutz für seine Besitzungen offiziell zugesprochen. Als sich zeigte, dass die punktuell auf Inseln und in der Walfischbucht präsenten Engländer die Deutschen gewähren lassen würden, dehnte Lüderitz mittels weiterer Kaufverträge mit den Eingeborenen seine Besitzungen rasch aus. Mit Hilfe von Reichsmarine und kaiserlichen Beamten wurden weite Teile des künfigen Koloniegebietes per „Schutz und Freundschaftsvertrag“ annektiert, unter vertraglicher Aussparung der britischen Walfischbucht.5 Damit kam man zugleich intensiven Bemühungen der britischen Kapkolonie zuvor, die auf eigene Faust Besitzungen in Südwestafrika anstrebte. Binnen weniger Monate enstand auf diese Weise quasi aus dem Nichts der Torso der deutschen Kolonie Südwestafrika, der in den Folgejahrzehnten durch verschiedene Grenzziehungskonflikte mit England und Portugal und weitere Erschließung unzugänglicher Regionen des Nordostens nur noch marginale Änderungen und Erweiterungen erfuhr.
[...]
1 Vgl. Klaus J. Bade, Imperialismus und Kolonialmission, S.2.
2 Vgl. Horst Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien, S.26-30, u.a: „Kolonialagitation als Ventil für den Überdruck an Menschen“, „Kolonialfrage als Export der sozialen Frage“ (Wilhelm Liebknacht).
3 Kurt Panzergrau, Die Bildung und Erziehung der Eingeborenen Südwestafrikas, S.97.
4 Bildquelle: http://www.hyperarts.com/pynchon/v/extra/images/sudwest-map.gif
5 Vgl. Udo Kaulich, Geschichte der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, S.55f.
Quote paper:
Bernhard Wetzstein, 2006, Deutscher Kolonialismus und Missionierung in Deutsch-Südwestafrka bis 1914, Munich, GRIN Publishing GmbH
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