II
Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung. 1
1.1. 1 Uneinheitlichkeit als strukturelles Merkmal.
1.2. Rituelle Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung in Gottfrieds Tristan. 3
1.3. 5 Verwendete Forschungsliteratur.
1.4. 6 Einbeziehung verwandter Fassungen.
2. Ritualtheorien. 7
2.1. 7
Anmerkungen zum Thema Ritual.
2.2. 8
Das Ritual als Mittel, um Unkontrollierbares unter Kontrolle zu bringen.
2.3. 9
van Genneps Stufenmodell des rite de passage und Turners Thesen zum Schwellenreich.
2.4. 10
Zum Initiationsritus.
2.4.1. 10
Der Initiationsritus als Übergangsphänomen.
2.4.2. 12
Initiation im Hochmittelalter.
2.4.3. 13
Initiatorischer Tod, Zerstückelung und Wiedergeburt in der Mythologie.
3. 14
Allgemeine Überlegungen zu Ritual und Spaltung in Gottfrieds Tristan
3.1. 14
Die Präsenz von Ritualen in der Literatur des Mittelalters.
3.2. 14
Tod , Spaltung und „Wiedergeburt“ als textstrukturierende Elemente.
3.3. 15
Entwicklungsweg , Initiations- und Übergangsriten in Gottfrieds Tristan.
3.4.
Spaltung , Zerteilung und Zerstückelung als rituelle Formen in Bastritual und Morold-
17
kampf.
4. Ritual, Spaltung und Zerstückelung im Moroldkampf. 18
4.1. 18
Die Bedeutung des Moroldkampfes im Werk.
4.2. 19
Der Moroldkampf und die „militärische Initiation“
4.2.1. 19
Kennzeichen militärischer Initiationsformen nach Eliade.
4.2.2. 20
Das liminale Setting des Moroldkampfes.
4.2.3. 20
Heilige Hitze und hitzige Wut.
4.2.4.
Magische Hitze und die symbolische Aneignung der Kräfte eines wilden Tieres -
21
die Ebersymbolik.
4.2.5. 22
Der Kampf ganzer Heere als Kennzeichen der militärischen Initiationsform.
4.2.6 23
Sakrale Führung und rechtliche Fixierung.
4.2.7. 25
Fazit zu Elementen der militärischen Initiationsform im Moroldkampf
1
1. Einleitung
1.1. Uneinheitlichkeit als strukturelles Merkmal
Zu Gottfrieds von Strassburg um 1210 entstandenem Versroman-Fragment Tristan, einem der Hauptwerke der mittelalterlichen Hochepik, gestalten sich die Interpretationsansätze inzwischen derart komplex, dass ein Konsensus in der Forschung als unerreichbar gilt. 1 Dies mag kaum ver-wundern, zumal die Widersprüchlichkeit des Werkes und seine gleichzeitige Vielgestaltigkeit als eines seiner Hauptcharakteristika zu bezeichnen sind. 2 So wird Gottfrieds Roman, der gemeinhin als der richtungsweisende Liebesroman 3 des Mittelalters gehandelt wird, unter anderem auch als Künstlerroman interpretiert. Der in ihm geführte Diskurs über Bildung ist für den Handlungsverlauf von Relevanz, 4 und manche Forscher entdecken für das Werk die (auch strukturelle) Bedeutung der Musik. 5 In der Tat ist seine ästhetische Seite ebenso bedeutsam wie die ethisch-moralische. 6
1 Vgl. Schnell, Suche nach Wahrheit, 1992, 3.
2 Gegenüber Versuchen einer Gesamtinterpretation wie z.B. dem Tomaseks wurde bereits gegen Ende der 80er Jahre deutliche Kritik laut. Vgl. ebd., 4 f. und Tomasek, Die Utopie, 1985. Schnell stellt eine „merkwürdige Zwiespältigkeit” fest, die fast alle Schichten des Romans durchzieht. Vgl. ebd., 5. Ingrid Hahn spricht von der „Einsicht in die Mehrdeutigkeit des Seins.“ Hahn, Raum und Landschaft, 1963, 147. Walter Haug macht darauf aufmerksam, dass seine Uneinheitlichkeit sich nicht aufhebt, sondern dass sie sich „gerade zum Prinzip der Ganzheitlichkeit des Werkes erhebt“. Vgl. Haug, Sexueller Sündenfall, 1985, 40. Ähnlich Grubmüller, ir unwarheit warbaeren, 163 und Lanz-Hubmann, „Nein und ja“, 1989, 50. Für Haug sind zugleich „[...] reine Positivität, utopische Ahnung der Seligkeit, absolute Versöhnung und das Negative schlechthin” Charakteristika des „Tristan”- und damit „Schuld, Verbrechen, Tod.” Haug, 1985, 45 f. Die Zwiespältigkeit des Werkes ist ein Aspekt, der auch im Zusammenhang mit literarischen Repräsentationsformen von Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung mit von Bedeutung ist. Vgl. Schnell, 1992,5.
3 Vgl. z.B. Köbele, Mythos und Metapher, 2004, 222.
4 Vgl. Javor Briški, Die Bildung in Gottfrieds Tristan, 1996, 13-25.
5 Vgl. u.a. Gnaedinger, Musik und Minne, 1994, 1-18., Bekker, Journey through the Realm of Eros, 1987, 29. Die Gattungsfrage ist auch im Hinblick auf die heterogene Struktur des Werkes relevant. Vgl. Riemer/ Egert, The Presentation and Function, 1994, 95-106.
6 Vgl. z.B. Tomasek, die Utopie, 1985.
Struktur und Gattung des Tristan mag auch im Hinblick auf die unterschiedlichen Formen der Initiation, die sich in dem Werk spiegeln, eine entscheidende Rolle spielen. De Boor liest den Roman als Minnelegende. Vgl.: de Boor, Die Grundauffassung von Gottfrieds Tristan, 1964, 168. Ralf Simon bestätigt bezüglich des Ursprungs dieser Erzählform die Auffassung, der Tristan sei „im Kern ein Feenmärchen“. Simon, Thematisches Programm, 1990, 355. Das Feenthema ist in der Literatur des Mittelalters häufig mit der Initiations- und Übergangsproblematik verbunden. Zu Übergangsriten und Feenproblematik, vgl. z.B. Wawer, Tabuisierte Liebe, 2000, allgemein zum Feenthema, vgl. z.B. Wolfzettel, Fee und Feenland, 1984, 945-964 und Harf-Lancner, Les fées au moyen age, 1984. In Gottfrieds Tristan zeichnen sich jedoch mehrere Erzählschemata ab: Eine Elternerzählung, eine Jugendgeschichte, eine Feengeschichte, eine gefährliche Brautwerbung, eine Schwankgeschichte, eine Episodenkette von Listen gegen den betrogenen Ehemann (Schwankkette), eine Fluchtgeschichte, eine über die Handlung verteilte Serie von Aventiuren, eine über die Handlung verteilte Serie von Episoden von Tristan als Spielmann sowie Elemente, die sich in diese Schemata nicht einordnen lassen. Vgl. Simon, 1990, 356 u. 365. Die Vielfältigkeit der Erzählschemata macht die Uneinheitlichkeit und Durchbrochenheit des Werkes plausibel.
2
Vor allem die ältere Forschung widmete sich ausgiebig der Auseinandersetzung mit irokeltischen, kymrischen und piktischen Paralleltexten, aber auch mit orientalischen Einflüssen. 7 Gottfrieds mögliche Affinität zu Strömungen wie dem Katharertum 8 und dem Neoplatonismus 9 und ihre Wirkung auf den Roman wird in der Sekundärliteratur ebenso diskutiert wie Bezüge zu antikem Denken 10 und Implikationen aus dem religiösen und geistlichen Diskurs seiner Zeit. 11 Was für einzelne Romangestalten oder Motive gilt, ist häufig auch bezüglich der Gesamtstruktur des Tristan relevant: Verschiedene Folien scheinen quasi übereinander projiziert und liefern eine eigene Form der „Illumination“ 12 bzw. eine spezielle ästhetische Mischfärbung. Sie spiegeln eine Vielzahl von Quellen bzw. im Roman verarbeitete Diskurse, die sich unter der Hand des Dichters zu einer neuen, heterogenen Einheit formieren.
7 Vgl. Schoepperle- Loomis, Tristan und Isolt, 1960, zuerst 1913 Schoepperle- Loomis, Tristan und Isolt, 1960, zuerst 1913. Als keltische Vergleichstexte gelten dabei die sogenannten imrama- und aitheda- Erzählungen. Ranke baut Schoepperles Thesen weiter aus und setzt verschiedene Entwicklungsstufen an, wobei die keltische Fluchterzählung als die älteste angesehen wird. Vgl. Ranke, Tristan und Isold, 1925, neuerdings zu den keltischen Vergleichstexten Kühnel, Derdriu und Noín / Graínne und Diarmaid / Tristan und Isolt, 1987, 394-404, Markale, Die Druiden, 163 und 202, Mc Cann, Tristan: The Celtic Material Re-examined, 1990, 19-28/1995, 3-35 und Mälzer, Die Isolde-Gestalten, 1991.
Zu der Auseinandersetzung mit orientalischen Vergleichstexten, vgl. Walter Haugs Aufsatz „Die Tristansage und das persische Epos ‚Wis und Ramin’ “, 404-423.
8 Vgl. Weber, Die Krise des hochmittelalterlichen Weltbildes, 1953, Betz, Gottfried von Straßburg als Kritiker höfischer Kultur, 1969, 168-173, Bayer, „Vita cum Phoenice complice", 1988, 20-31 sowie Huber‚ ‚Tristan und Isolde’, 1986, 32 zu Katharern und anderen „Ketzern“.
9 Vgl. z.B. Bacher, Isolde und der Magnetstein, 1990, 147-178, DiLeo, The Divine Structure, 45-62 und Hurst, "Circularity signifies simplicity", 1994, 337-346.
10 Vgl. z.B. Nolte, The Classical Allusions, 1992, 144-153 und Ohly, Wirkungen von Dichtung, 26-76.
11 Vgl. hierzu Wachinger, Geistliche Motive und geistliche Denkformen, 2002, 243-255, Lähnemann, Tristan und der Sündenfall, 2002, 221-242, Poag, The Onset of Love, 1988, 285-305 und Wessel, Probleme der Metaphorik, 1984.
12 So präsentiert sich die Isoldefigur als junges adeliges Mädchen, das manchmal aber auch Züge einer ursprünglich neolithischen Sonnengöttin trägt. Vgl. Markale, La femme celte, 1972, 316. Vgl. Gottfried von Strassburg, Tristan, 2002, Bd.2, V. 10885. Die Überblendungen unterschiedlicher Ebenen werden besonders auch in der Interpretation Sneeringers deutlich. Vgl. Sneeringer, Honor, love and Isolde, 2002.
3
1.2. Rituelle Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung in Gottfrieds Tristan
Das Thema Spaltung in seiner chiastischen Verklammerung mit dem Synthesebegriff 13 tritt, und zwar schon im Hinblick auf die Vielgestaltigkeit des verarbeiteten Materials, 14 als ein das Werk entscheidend mitbestimmender Faktor in Erscheinung, der die Kunst der Integration scheinbar unvereinbarer Gegensätze bezüglich Weltbildern, Theorien und Denkweisen erforderte. Als eine derin der Sekundärliteratur noch wenig behandelten - Folien, die zum Verständnis des Werkes beitragen können, treten die unterschiedlichen Formen der Ritualisierung in Gottfrieds Tristan in Erscheinung, wie sie sich im Hinblick auf die Motive von Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung präsentieren. 15 Diese bilden innerhalb des Werkes eine Konstante.
Deutlich erkennbar sind literarisierte Repräsentationsformen von Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung im Bastritual 16 und im Moroldkampf. 17 Die beiden Episoden werden daher hier schwerpunktmäßig behandelt. Darüber hinaus stellen sich Bezüge zu anderen Textstellen, in welchen die Spaltungsmetaphorik von Bedeutung ist, her. Hierzu kontrastiv und ergänzend wird auch die The-
13 Vgl.zur Verklammerung von Spaltung und Synthese im Bastritual die These Krauses, der dort eine binäre Form der Analyse und Synthese angewendet sieht. Vgl. Krause, 1996, 176 ff. und Anm. 530 dieser Arbeit. In dem Paradoxon, dass der symbolisch wieder zusammengesetzte Hirsch eigentlich ein zerteilter bleibt, während die eloquente Performance den Vorgang der Zerteilung flüssig, in sich rund und lebendig gestaltet, zeigt sich eine chiastische Überkreuzung der Begriffe Spaltung und Synthese ebenso wie eine oxymorale Funktion. Vgl. die Interpretation ab Abschnitt 5. dieser Arbeit. Verklammerung und Aufeinander-Bezogensein von Spaltung /Zerstückelung und Synthese wird auch in Bezug auf den Moroldkampf und die damit in Zusammenhang stehende Szene der Heilung der symbolischen Zerstückelungswunde durch die Königin Isolde deutlich. Vgl. hierzu die Interpretation ab S. 38 dieser Arbeit. Immer wieder scheinen sich im Werk die Begriffe von Spaltung und Verschmelzung/Synthese zu überkreuzen und überblenden, etwa bezüglich der Dialektik des Getrennt- und Gespaltenseins Tristans und Isoldes aufgrund ihrer gesellschaftlichen Situation; als Paar, das Ehebruch begeht und das durch gesellschaftliche Faktoren getrennt wird, das aber dennoch durch den Trank untrennbar eins geworden ist. Aufgrund der faktischen Unvereinbarkeit und dennoch Verknüpftheit des Spaltungs- und Synthesebegriffs kommt dieser Verbindung auch oxymorale Bedeutung zu. Vgl. hierzu auch die Untersuchungen zur oxymoralen Struktur im Hinblick auf die Dichotomie von Leben und Tod, dargestellt z.B. bei von Burg, Tristan und seine Mütter, 1990, 79-90, 81. Der Trank vereint das vorher durch Hass Gespaltene: „diu süenaerinne Minne/diu haete ir beider sinne/von hazze gereinet,/mit liebe alsô vereinet,/ daz ietweder dem anderm was/ durchlûter alse ein spiegelglas./si haeten beide ein herze.“ Gottfried von Strassburg, Tristan (3 Bände), 2002, Bd.2, V. 11721- 11727. Isolde ist insofern durch die Trennung von Tristan auch in sich selbst gespalten, als sie ihre Sprache und ihren Geist nun quasi als von sich selbst getrennt wahrnimmt: „Tristandes zunge und mîn sin/diu varnt dort mit ein ander hin.” Ebd., V. 18527 f. Die als unverbrüchlich erfahrene Vereinigung des Paares wurde noch kurz vorher durch einen Ring besiegelt: „ein lîp, ein leben daz sîn wir.” Ebd., V. 18344 und ebd., V. 18355 f.
14 Vielleicht ist es u.a. schon auf diese Gegebenheit zurückzuführen, dass im Zusammenhang mit dem Werk so häufig der Begriff der Überdeterminierung fällt. Vgl. etwa Schulz, „in dem wilden wald., 2003, 515-547, 543.
15 Hinsichtlich der historischen Verortung der Spaltungserfahrung spricht Wenzel von einer Sattel- und Schwellenzeit im Sinne von Kosellek/Luhmann; letzterer geht hierauf in Bezug auf die ‚zentralen Momente der Sinngebung’ ein. Vgl. ebd., 229, Kosellek, Vergangene Zukunft, 1984, 17 ff. und Luhmann, Das Problem der Epochenbildung, 1985, 11 ff. In diesen Zeiträumen kommt es häufig zur Infragestellung überindividueller Ordnungseinheiten. Vgl. auch die Einführung in verschiedene Ritualtheorien ab S. 7 dieser Arbeit.
16 Vgl. Tristan, 2002, Bd.1, V. 2759- 3485.
17 Vgl. ebd., V. 5867- 7230.
4
matik von Synthese und Verschmelzung behandelt, die in der Heilungsepisode nach dem Moroldkampf und in der Minnegrotten-Episode erkennbar ist.
Das vorliegende Thema bearbeite ich ausgehend von aktuellen Forschungsschwerpunkten der Germanistik, jedoch auch unter Einbeziehung eines kulturanthropologischen Ansatzes - wobei v.a. im Hinblick auf die bereits existierende Literatur zum Bastritual ebenfalls Überschneidungen germanistischer und kulturanthropologischer Ansätze zu vermerken sind.
Untersucht werden unter anderem der Faktor Performativität 18 sowie rituelle Fixierungen des Geschlechts, des Status (Stichwort: Indexikalisierung) und rechtlicher Fragen. Hiermit in Zusammenhang steht auch die Frage nach der Art und Weise ritueller Dramatisierung von Konflikten, wie sie im Moroldkampf in Erscheinung treten 19 - im Gegensatz zu rituellen Formen, die primär einen Prozess der Verschleierung oder Beschönigung widerspiegeln. Diese zeigen sich tendenziell eher im Bastritual. Unwägbare, erschreckende, moralisch nicht akzeptable Elemente werden verschleiert, verbrämt und umgedeutet; sie sind häufig mit einem Prozess der Kulturschöpfung in Verbindung zu bringen.
Mythische 20 und sakrale Manifestationsformen von Zerteilung und Zerstückelung werden auch im Zusammenhang mit anthropologischen bzw. mythentheoretischen Modellen verhandelt; doch stellen sie nur eine Art ritueller Formen der Spaltung dar, die sich im Werk wieder finden. 21 Es bestehen Verbindungen zu Motiven wie der Mittlerposition des zerteilten Helden in der mythischen Initiation, des Schamanen im initiatorischen Modell der Zerstückelung und Wiedergeburt, des Opfertieres im Opferritual sowie mit dem „kulinarischen“ Modell der Mittlerposition von Speisen.
18 Als „performativ” sind „Handlungen und Interaktionen [begreifbar, die ...] als Vollzug, Vergegenwärtigung oder Erzeugung charakterisiert werden können.” SFB- Sonderforschungsbereich Kulturen des Performativen, Projekt A2 Emotionalität, (Online-Publikation), http//www.sfb-performativ.de/seiten/a2_vorhaben.htmlsfb-performativ.de/seitena1/a1_vorhaben.html, Stand: 6.2.2005, 1.
Die Begriffe Performanz und Performativität zeichnen sich insgesamt ebenso durch ihre vielgestaltige Verwendbarkeit aus wie durch ihre Mehrdeutigkeit. „Performanz kann sich ebenso auf das ernsthafte Ausführen von Sprechakten, das inszenierende Aufführen von theatralischen und rituellen Handlungen [...] wie auf den [...] ‚Akt des Schreibens’ oder auf die Konstitution von Imaginationen im ‚Akt des Lesens’ beziehen.” Wirth, Performanz zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften, (Online-Publikation), html://www.uni-frankfurt.de/
wirth/texte/WirthPerformanz.htm, Stand: 2005. Praktisch hat sich der Begriff der Performanz „[...] von einem terminus technikus der Sprechakttheorie zu einem umbrella term der Kulturwissenschaften verwandelt.” Ebd.
19 Hierbei spielt die gender- Frage auch eine entscheidende Rolle. Im Wesentlichen wird in dieser Arbeit von der inzwischen bekannten Unterscheidung zwischen Sex als dem „natürlichen” Geschlecht und gender als dem gesellschaftlich determinierten ausgegangen. Judith Butler geht jedoch darüber noch hinaus, indem sie auch das sogenannte „natürliche” Geschlecht in seiner gesellschaftlichen Determiniertheit darstellt. Vgl. Butler, Unbehagen der Geschlechter, 1991, 190 ff.
20 Eine Definition bzw. ein kurzer Überblick über mythostheoretische Ansätze folgt später an passender Stelle. Vgl. Anm. 419.
21 Zu allgemeinen rituellen Charakteristika vgl. S. 7 ff dieser Arbeit.
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1.3. Verwendete Forschungsliteratur
In Bezug auf Initiationsriten beziehe ich mich auf die Theorien Mircea Eliades 22 zum Mysterium der Wiedergeburt; im Hinblick auf die Übergangsproblematik folge ich im Wesentlichen den Ansätzen Viktor Turners 23 und Arnold van Genneps. 24 Allgemein zu Funktionen des Rituals arbeite ich mit Thesen von Roy A. Rappaport. 25 Zu der Problematik der kulturellen Verschleierung und Verbrämung werden die Untersuchungen Jonathan Smiths, 26 Elisabeth Schmids 27 und Margaret Browns/C. Stephen Jaegers 28 mit herangezogen, zu Formen der Dramatisierung die Thesen von Clifford Geertz, 29 zu Sakralität und Opferschema, die Ansätze Ingrid Kastens, 30 zum Eingeschlechtsmodell, die Untersuchungen Thomas Laqueurs. 31 Zur Deutung der Zerstückelungsproblematik im Moroldkampf in Gottfrieds Tristan sind vor allem die Ausführungen von Karina Kellermann 32 für diese Arbeit von Relevanz, zur Problematik ritueller Spaltung die Thesen Hans Jürgen Scheuers 33 .
Zunächst wird ein für das Gesamtverständnis unabdingbarer Begriffsapparat aufgebaut, auf den im Laufe des Werkes immer wieder zurückgegriffen werden kann. Die komplexen Verbindungen zwischen rituellen Merkmalen initiatorischer/liminaler, mythischer und/oder anthropologischer Art erschließen sich erst nach einer längeren Arbeit an den unterschiedlichen und heterogenen Implikationen des Werkes im Hinblick auf die Präsenz unterschiedlicher Formen von ritueller Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung.
22 Vgl. Eliade, Das Mysterium der Wiedergeburt, 1988.
23 Vgl. Turner, Victor: Betwixt and Between, 1967, 93-111.
24 Vgl. van Gennep, Übergangsriten, 1999 (zuerst 1909), 21.
25 Vgl. Rappaport, Ritual und performative Sprache, 1998, 191- 210.
26 Vgl. Smith, Ritual und Realität, ebd., 1998, 213- 249.
27 Vgl. Schmid, Natur und Kultur in der Jagdszene, 2002, 153-166.
28 Vgl. Brown und Jaeger: Pageantry and Court Aesthetic, 1990, 29-44.
29 Vgl. Geertz, „Deep play“, 1998, 99- 117.
30 Vgl. Kasten, Martyrium und Opfer, 2004, 245- 265.
31 Vgl. Laqueur, Auf den Leib geschrieben, 1992.
32 Kellermann, Körper, Kampf und Kunstwerk, 2002, 131-152.
33 Vgl. Scheuer, 1999.
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1.4. Einbeziehung verwandter Fassungen
Für eine Untersuchung dieser Problematik erweist sich die Gottfried’sche Fassung des Tristanstoffes als sehr ergiebig. An einigen wenigen Stellen werden in dieser Arbeit aber auch Vergleichstexte anderer Fassungen mit herangezogen, z.B. die früheren Bearbeitungen des Tristanstoffes durch Eilhard 34 und Berol, 35 der englische Sir Tristrem 36 sowie die Fassung des Thomas von Britannien. 37 Diese gilt zusammen mit Gottfrieds als besonders „höfische Fassung“. 38 Zur ergänzenden Verfügung könnten auch die sogenannte estoire, eine angenommene „höfische” Urfassung oder andere Rekonstruktionen des „Urstoffes” 39 oder die Werke der Vorgänger wie auch der (selbsterklärten) Nachfolger und „Vollender” Gottfrieds, Heinrich von Freiberg 40 und Ulrich von Türheim 41 herangezogen werden, doch würde eine intensivere Einbeziehung dieser Fassungen hier den Rahmen sprengen. Erwähnung finden in Einzelfällen - angesichts der gegebenen Knappheit in begrenzterem Umfang - auch die dem keltischen Bereich entstammenden aitheda - und imrama - Erzählungen, 42 die mit dem das Werk motivisch eng verknüpft sind. Im Folgenden werden zunächst allgemeine Theorien des Rituals, des rite de passage und der Initiation vorgestellt, die denn als Grundlage für die Interpretation des initiatorischen Spaltungs- und Synthesethemas in Gottfrieds Tristan dienen.
34 Vgl. Eilhard von Oberg: Tristrant und Isalde, 1993.
35 Vgl. Berol: Tristan und Isolde, 1962, Bd. 1.
36 Vgl. Kölbing, Eugen (Hrg.): Sir Tristrem, 1882/1985, 108 f.
37 Vgl. z.B. in Bezug auf Details wie das Hinüberrudern auf den See im Moroldkampf, vgl. Gottfried von Straßburg, Tristan, 2002, Bd. 1, 6738 ff, auf Einzelheiten in der Furkie, einem Teil des Bastrituals (vgl. ebd., 2924 ff), für die die saga als Referenzfolie dienen kann. Bezüglich des Jagdszenarios wird die englische Sir Tristrem- Fassung kontrastiv erwähnt. Im Hinblick auf das Auftreten liminaler Motive in der Minnegrotte vergleiche ich Gottfrieds Fassung mit der Eilhards und Berols.
Die Fassung des Thomas ist nur fragmentarisch überliefert, deswegen wird häufig auf die eng verwandte nordische saga zurückgegriffen. Vgl. Tristrams Saga ok Isondar, 1878, Nachdruck 1978 und Thomas, Tristan, 1985; vgl. a. Thomas d’Angleterre, Tristan et Yseut, 1994, mit Ergänzungsband: Thomas d’Angleterre, das Carlisle-Fragment, 1992/5.
38 Sogenannte „höfische” Elemente sind allerdings keine Erfindung von Thomas, wie etwa Peter Stein betont. Vgl. Stein, 2001, 31-34. Kritisch zu der bislang unbefriedigenden Begriffsdefinition des Terminus „höfisch” und „amour courtois” Ingrid Kasten. Vgl. Kasten, Der amour courtois, 1995, 161- 174.
39 Vgl. hierzu ausführlich Schoepperle-Loomis, 1960.
40 Vgl. Heinrich von Freiberg: Tristan, 1877, neu aufgelegt 1966.
41 Vgl. Ulrich von Türheim: Tristan, 1979. Gottfrieds Werk bricht an der Stelle ab, wo Tristan über die Gespaltenheit seiner Gefühle bezüglich Isolde bzw. Isolde Weißhand sinniert. Vgl. Tristan, 2002, Bd.2, V. 19545. Die Nachfolger verfehlen häufig die geistigen Inhalte, die von Gottfried intendiert wurden.
42 Zu deren Nacherzählung und Interpretation, vgl. Schoepperle-Loomis, 1960, 574 .
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2. Ritualtheorien
2.1. Anmerkungen zum Thema Ritual
Ein Ritual setzt sich im Wesentlichen aus symbolischen Handlungen zusammen. Es stellt tiefgreifende gesellschaftliche Prozesse dar, formt sie oder gibt sie wieder. 43
In jeder Kultur spielen Rituale auf die eine oder andere Art eine Rolle. Je nachdem, wo und in welchem Kontext sie in Erscheinung treten, variiert ihre Form und Bedeutung. Es stellt sich u.a. die Frage, welche Teile der Gesellschaft, ob Unter- und Randgruppen, ob Eliten etc. Rituale zu welchem Zweck durchführen, und unter welchem Grad an Exklusivität. 44
Victor Turner spricht in Bezug auf den Ritus oder das Ritual von einem „sozialen Drama”, Clifford Geertz, 45 Stanley Tambiah, 46 Richard Schechner, 47 Roy A. Rappaport 48 verfechten die Idee der „kulturellen Performance”.
Der Charakter des Rituals ist ein prozesshafter. Es unterliegt bestimmten Regeln, die sich durch Variabilität auszeichnen. Der ebenfalls häufig auf das Ritual angewandte Begriff der „Performativität” legt die Betonung zum einen auf den Aufführungscharakter, zum anderen auf die Tatsache, dass Rituale als Ausdruck, Vergegenwärtigung oder Kreierung tiefgreifender gesellschaftlicher Prozesse zu verstehen sind.
Clifford Geertz erforscht rituelle kulturelle Arten der Performance, bei denen verdrängte Konflikte der Hierarchiebildung eine Rolle spielen. 49
Emile Durkheim 50 stellt das Ritual als Mittel zur Gemeinschaftsstiftung dar. Er untersucht diesen Faktor anhand politischer Rituale. Oftmals entsteht im Ritual der Eindruck der Teilnahme an etwas
43 Vgl. Geertz, 1998, 99-117.
44 Im Mittelalter ausgeübte Rituale können nicht mit solchen, die unter heutigen Bedingungen stattfinden, gleichgesetzt werden. Parallelen, die dennoch feststellbar sind, verweisen dennoch nicht auf Kompatibilität. Dies gilt u.a. in Bezug auf den sakralen Aspekt, sowie bezüglich der Frage von Kollektivität und Individualität. Zu einer die historischen Gegebenheiten mit einbeziehenden Betrachtungsweise von Ritualen und ihren literarischen Manifestationsformen im Mittelalter, vgl. z.B. die Anmerkungen Eliades zur Literarisierung des Initiationsrituals im Hochmittelalter. Vgl. Elia-de,1988, 224- 230.
45 Vgl. Geertz, 1998, 99- 117.
46 Vgl. Tambiah, Eine performative Theorie des Rituals, 1998, 227- 249.
47 Vgl. Schechner, Ritual und Theater, 1998, 415- 434.
48 Vgl. Rappaport, 1998, 191- 210.
49 Vgl. ebd.
50 Vgl. Durkheim, The Elementary Forms of the Religious Life, 1965.
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Überindividuellem, Transzendentem als kollektiver Form der Repräsentation. 51 Symbole sind für die Bildung von Gemeinschaft dabei von entscheidender Bedeutung. 52
2.2. Das Ritual als Mittel, um Unkontrollierbares unter Kontrolle zu bringen Als weiterer Aspekt, der für die Interpretation des Moroldkampfes wie des Bastrituals eine Rolle spielt, ist die Funktion des Rituals, das als Mittel eingesetzt wird, um Unkontrollierbares unter Kontrolle zu bringen. Dieser Faktor wird im Laufe der Arbeit immer wieder angesprochen, da er sich nicht als trennbar von anderen hier untersuchten Phänomenen erweist.
Für Jonathan Smith sind „ [...] Rituale Werkzeuge, die der Mensch braucht, um Zufall in Ordnung zu verwan- 53 So besteht im sakralen Bezirk meist eine ritualisierte Form von Ordnung. 54 Sinn und Zweck deln.”
bestimmter Rituale ist es demnach, unkontrollierbare und/oder moralisch nicht vertretbare Fakten, etwa in Bezug auf bestimmte Vorgehensweisen bei einer Jagd, auf diese Weise auszuklammern. Gleichzeitig wird sich der Mensch laut Smith des Unterschiedes zwischen Chaos und Ordnung bewusst. 55
Rituelle Formen dieser Art sind vielfach auch in Gottfrieds Tristan präsent. Bei Völkern mit animistischen Vorstellungen besteht häufig ein ambivalentes Verhältnis zu dem erjagten Tier: „[...] ein antagonistisches Zusammenspiel der Empfindung von Tötungslust, Tötungsschuld und anschließendem Wunsch nach schulddispensierender Katharsis.“ 56
51 Vgl. Rappaport, 1998, 208.
52 Vgl. Kertzer, Ritual, Politik und Macht, ebd., 365- 390.
53 Vgl. Smith, 1998, 217.
54 Diese Form der Ordnung suggeriert etwa das Ritual der sibirischen Jägerkultur von der „perfekten Bärenjagd”, wie sie theoretisch hätte geschehen können, praktisch aber nie stattfinden wird. Vgl. ebd.
55 Vgl. ebd. Zu ähnlichen Thesen kommt der Mythenforscher Hans Blumenberg. Bei ihm ist auch bezüglich der Funktion des Mythos von einer „Depotenzierung der Unheimlichkeit der Welt, des Absolutismus der Wirklichkeit” die Rede, wodurch die funktionale Ähnlichkeit von Mythos und Ritual verdeutlicht wird. Vgl. Friedrich/Quast, Mediävistische Mythosforschung, 2003, XIV zu Blumenberg, Wirklichkeitsbegriff und Wirkungspotenzial, 1971, 11- 66. Der Mythos arbeitet, ähnlich wie viele Rituale, an der „Entängstigung des Menschen vor allen ihm unbegreiflichen Gewalten.“ Blumenberg, Arbeit am Mythos, 1996, 597. Blumenbergs Thesen sind im Anschluss an Horkheimer verstehbar, nach dem im Mythos Aufklärung am Werk sei; die „numinose Unbestimmtheit” werde dabei in „nominale Bestimmtheit” übergeführt. Vgl. Friedrich/Quast, 2004, XIV f.
56 Krause, Die Jagd als Lebensform, 1996, 29. Vgl. zu dieser Form der Katharsis im Mittelalter a. Drewermann, Strukturen des Bösen, 1988, 198- 201 zur psychosozialen Verbindung von Jagd, Töten und Schuldempfinden sowie Wyss, Strukturen der Moral, 1968, 157 ff. und Krause, 1996, 26.
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2.3. van Genneps Stufenmodell des rite de passage und Turners Thesen zum Schwellenreich Es folgt eine Darstellung von Thesen zu Schwellenriten, die sich ebenfalls als für das hier bearbeitete Themas von Relevanz erweisen.
Arnold van Gennep 57 stellt bei den unterschiedlichsten und geographisch sehr weit voneinander entfernten Völkern und Kulturen die Existenz sehr ähnlicher Riten fest, die den Übergang von einem Lebensstadium in ein anderes begleiten; 58 er prägt diesbezüglich den Begriff des rite de passage, d.h., des Übergangsritus. Die Stadien, die den Übergang markieren, folgen meist einem analogen Schema: Nach der Ablösung von der elterlichen Umgebung (symbolisiert durch die Trennungsriten rites de separation) folgt eine Phase der Einsamkeit, in der das Individuum keiner spezifischen Kultur angehört; sie ist als eine Zeit des inneren Uneins- und Gespaltenseins charakterisiert. Zu diesem Zeitpunkt werden Schwellen- und Umwandlungsriten durchgeführt (rites de marge). Haben die Übergangskandidaten diese Phase gemeistert, werden sie auf einer höheren Ebene wieder in die Gesellschaft eingegliedert. Die rites d’agrégation symbolisieren diese Zeit der Wiederangliederung.
Victor Turner liefert im Anschluss an van Gennep eine genauere Ausdifferenzierung von Riten, wie sie innerhalb der Schwellenphase ausgeführt werden. 59 Turners Beobachtungen zufolge werden während dieser Zeit alle normalerweise gültigen gesellschaftlichen Regeln und Normen negiert und/oder parodistisch verkehrt. 60 Üblicherweise ist die soziale Stellung der Neophyten dann nicht festgelegt; sie sind weder hier, noch dort, nicht Fisch, noch Fleisch - sie sind ”betwixt and between”. 61 Meist werden sie von der Gesellschaft ausgeschlossen und/oder von dieser nicht wahrgenommen; auch sind sie häufig vollkommen rechtlos. Sie werden ganz ihres Besitzes und ihrer sozialen Position entkleidet bzw. sie streben dies auch freiwillig an. Unter den Neophyten gibt es gewöhnlich keine Formen der Hierarchie. Übergangskandidaten werden oftmals erst allein „in die Wildnis“ geschickt, bevor sie die Gemeinschaft als vollwertige Mitglieder, meist auf einer höheren Stufe, wieder aufnimmt.
57 Vgl. van Gennep, 1999 (zuerst 1909), 11 ff.
58 Zum Beispiel von der Kindheit zum Erwachsenenstatus, während der Schwangerschaft und bis zur Geburt, etc., vgl. van Gennep, 1999, 13 ff. Die Riten werden in kontagiöse und sympathetische Riten eingeteilt. Initiationsriten sind nach van Gennep eine Untergruppe der Übergangsriten. Vgl. ebd., 70- 114.
59 Vgl. Turner, 1967, ebenso ders., 1989, 94 ff.
60 Vgl. ebd., 97.
61 Vgl. ebd.
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Bestimmte Motive kehren während der Übergangsphasen mit extremer Häufigkeit wieder: das Vor-handensein von Schmutz und Blut, häufig auch Menstruationsblut, Unreinheit, Orientierungslosigkeit, Gespaltenheit, Zerstückeltsein und Einsamkeit. 62
Ein altes Jahr oder eine Jahreszeit wird oft mit einem Übergangsritus begraben, eine neue damit willkommen geheißen. Entsprechend spielt ein zyklisches Denken bei Übergangsriten eine wichtige Rolle; immer wieder treten in diesen auch Elemente rudimentär vorhandener Kulturformen in Erscheinung. In vielen rites de passage ist außerdem die unmittelbare Verbindung von Geburt und Sterben ein Thema, oder aber ein Zustand des Weder-Lebendig-noch-Totseins. 63 Neophyten werden häufig im Ritus symbolisch bei lebendigem Leib begraben.
Andere Kennzeichen von Liminalität sind die Identifikation mit Embryonen, 64 Transvestitismus, die Umkehrung von Geschlechterrollen oder die Aufhebung der Zuweisung der Geschlechter sowie Asexualität oder Bisexualität. 65
Ein liminales Motiv stellt laut Viktor Turner das Phänomen der communitas dar. 66 Es handelt sich hierbei um eine Gemeinschaft, welche die normalerweise herrschenden Normen von Besitz und Hierarchie negiert. Sie ist gekennzeichnet durch die Gleichheit und Besitzlosigkeit aller ihrer Mitglieder.
Im Verlauf der Arbeit soll näher untersucht werden, inwiefern sich Turners und van Genneps Thesen im Zusammenhang mit Initiationsriten auf die Problematik von ritueller Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung in Gottfrieds Tristan als anwendbar erweisen.
2.4. Zum Initiationsritus
2.4.1. Der Initiationsritus als Übergangsphänomen
Der Initiationsritus entspricht in vielerlei Hinsicht den von Arnold van Gennep und Victor Turner konstatierten Kennzeichen von Liminalität.
Auch Initiationsrituale beinhalten, unabhängig von Ort und Zeitraum ihres Entstehens, eine Reihe von immer wiederkehrenden Motiven. Sie stellen eine der anthropologischen Konstanten der Menschheitsgeschichte dar, d.h., sie treten auch bei zeitlich und räumlich voneinander getrennten
62 Vgl. ebd., 96.
63 Vgl. ebd., 94.
64 Siehe die hieran anschließenden Thesen zum Initiationsritus.
65 Vgl. ebd., 98.
66 Vgl. Turner, 1989, 95- 193.
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Völkern in ähnlichen Ausprägungsformen in Erscheinung, und sie sind Träger wichtiger Botschaften im Hinblick auf die menschliche Gemeinschaft. 67
Der Ablösungsritus und häufig auch die Übergangsphase ist bei Initiationsritualen von einem Prozess des initiatorischen Sterbens begleitet. Dieses Sterben ist für den Erhalt der höheren Weihen unabdinglich.
„Der Initiationstod ist für den ‚Anfang’ des geistigen Lebens unerläßlich. Seine Funktion muß im Hinblick auf das ver-standen werden, was er vorbereitet: die Geburt zu einer höheren Seinsweise. Wie wir später sehen werden, wird der Initiationstod häufig durch die Finsternis, die kosmische Nacht, den tellurischen Mutterschoß, die Hütte, den Bauch eines Ungeheuers usw. symbolisiert. All diese Bilder bringen eher die Regression in einen noch ungeformten Zustand, eine latente Beschaffenheit (Ergänzung zum präkosmogonischen ‚Chaos’) zum Ausdruck, als die totale Vernichtung (in dem Sinne, wie beispielsweise ein Mitglied der modernen Gesellschaft den Tod auffasst.” 68 „Jeder rituellen Wiederholung der Kosmogonie geht eine symbolische Regression zum Chaos voraus”. 69
Dies entspricht dem initiatorischen Tod, der bloßen Potentialität des Embryos. Initiatorisches Sterben kann jedoch in vielfältiger Weise in Erscheinung treten - sehr häufig etwa in der symbolischen oder realen Zerstückelung des Körpers, im „Zerteilen” der Person, aber auch in der vorübergehenden Auflösung und Fragmentierung der Persönlichkeit. 70 Sterben ist häufig ein Synonym für einen Zustand des Zerstückelt- und Gespaltenseins.
Der zerstückelte schamanistische Initiand wird in seinen Phantasiereisen manchmal bis auf das Knochengerüst von seinem Fleisch getrennt, bevor er sich wieder als neu zusammengesetzt imaginiert und auf einer höheren Ebene der Weihen weiterlebt. 71 Der Initiand in Pubertätsriten hat schwere Prüfungen und Schmerzen zu erdulden. 72
Als kennzeichnend für das Initiationsritual nennt Eliade die Abfolge von Tod, Auferstehung und Wiedergeburt. 73 Nach der Wiedergeburt ist der Übergangskandidat oft buchstäblich „ein anderer” geworden.
Laut Eliade sind Trennungsriten fast immer auf die rituelle Trennung von der Mutter bezogen. 74 So wird in manchen Gesellschaften die Mutter rituell verstoßen oder misshandelt, in anderen wird sie
67 Vgl. Eliade, 1988, 9 ff.
68 Ebd., 16 f.
69 Ebd., 11; vgl. hierzu auch ebd., 15.
70 Vgl. ebd., 167- 174. Dies ist auch ein allgemeines Kennzeichen von Liminalität.
71 Vgl. ebd., 170 zum sibirischen Schamanismus.
72 Vgl. ebd., 42 ff.
73 Vgl. ebd., 23 ff.
74 Vgl. ebd., 31 ff; dies scheint ein essenzielles Phänomen darzustellen.
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zur Führerin der Initiation. Sie taucht im Bild eines überdimensionalen Fisches oder eines Ungeheuers auf, der/das den Übergangskandidaten verschluckt und später wieder ausspeit, im Zusammenhang mit der Initiationshütte, der Grotte oder Höhle als Verkörperung des Uterus - dem Ort, an dem der Initiand die höheren Weihen seines Volkes oder Stammes erwirbt. Die Konzeption des Mütterlichen ist dabei höchst ambivalent. Die Mutter (oder Mutterfigur) kann als lebensbedrohlich wahrgenommen werden, beispielsweise als Vagina dentata, als tötendes und verschlingendes Wesen, 75 oder aber auch als göttliche Führungsfigur und als Retterin des Initianden, bzw. als das sakrale Ziel der höheren Weihen. Ein Paradox des initiatorischen Phänomens liegt in der Ambivalenz zwischen der Trennung vom mütterlichen Prinzip und seiner Integration. 76
„Zyklisches Denken” geht laut Eliade häufig einher mit einer „mythischen“ Zeit oder einer „Traumzeit”, die der Initiand erlebt. An abgeschiedenen Orten wird ihm durch die Hand von Götter und Göttinnen, Ahnen, Dämonen etc. ein geheimes Wissen enthüllt, das eng mit dem kulturellen Erbe seines Volkes in Zusammenhang steht. Dieses Wissen wird dabei quasi „zurückprojiziert” an den Anfang der Kultur. 77 Eliade spricht auch von einer „Rückkehr zum Ursprung“, und er konstatiert eine Art „Besessenheit vom Anfang”. 78
2.4.2. Initiation im Hochmittelalter
Eliade erwähnt das starke Bedürfnis der Menschen im Hochmittelalter nach der Auseinandersetzung mit Initiationsthemen. Initiatorische Szenarien waren jedoch nur in kleinen, geschlossenen Zirkeln in Kraft. Diesbezüglich findet auch die Geheimgesellschaft der Fedeli d’Amore Erwähnung. 79 Als eine Art „initiatorisches Ziel” dieser Gruppe nennt Eliade die Vermittlung einer geistigen Botschaft durch Literatur; es kann von einem „Literarisierungsprozess“ initiatorischer Motive gesprochen werden. 80
75 Vgl. ebd.
76 Zur Rolle der Mutter in der Initiation, vgl. ebd., 31-34.
77 Vgl. ebd., 12 ff und 82.
78 Vgl. ebd., 16.
79 Die Bewegung der fedeli d’ amore ist im 13. Jahrhundert sowohl in der Provence und in Italien als auch in Frankreich und Belgien belegt. Vgl. ebd., 227. Ihr berühmtester Vertreter war der italienische Dichter Dante Aghlieri. Die fedeli d’ amore bilden eine Art geistiger Geheimmiliz und sind im Sinne von Eliades Klassifizierung von Initiationen der militärischen Initiationsgestaltung zuzuordnen. Vgl. ebd. Ihr Ziel war die Verehrung der ‚einzigen Frau’ sowie die Initiation in das Geheimnis des ‚Mysteriums der Liebe’. Die Frau symbolisiert für sie den transzendentalen Intellekt und die Weisheit. Vgl. ebd., 228. Die fedeli d’ amore bedienen sich einer Geheimsprache, damit die „gente grossa” sie nicht verstehen. Vgl. ebd.
80 Dies nimmt laut Eliade die Betrachtung der Literatur zum Zweck der Vermittlung von Botschaften in der Moderne vorweg. Vgl. ebd.
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Insgesamt sind initiatorische Themen in der mittelalterlichen Literatur sowohl in den Artusromanen als auch im Tristanstoff präsent, also in Werken, die mit der matière de bretagne und der inselkeltischen Sagenwelt in Verbindung stehen. 81
2.4.3. Initiatorischer Tod, Zerstückelung und Wiedergeburt in der Mythologie Auch in der Mythologie erweisen sich Initiationsmotive als häufig präsent, wie u.a. Joseph Campbell deutlich macht. 82 Der Held oder die Heldin 83 im Mythos bewegt sich hier meist von der alltäglichen Sphäre in eine religiöse, um danach mit gestärkten Kräften in die Alltagswelt zurückzukehren. 84 Analog zu van Genneps Schema löst er oder sie sich als erstes, häufig einem Ruf zum Abenteuer folgend, von seiner/ihrer gewohnten Umgebung. Dabei muss sie/er eine oder mehrere magische Schwellen überschreiten, um schließlich Wiedergeburt zu erlangen, wie Campbell am Beispiel des Motivs des Verschlucktwerdens und des Eintritts in den Walfischbauch erläutert. 85 In der eigentlichen Initiationsphase löst der Held/die Heldin erst verschiedene Aufgaben und meistert Verfolgungen und ähnliche schwierige Situationen. 86 Oft begegnet er/sie auch seiner/ihrer eigenen, dunklen Seite, 87 und auch die initiatorische Abfolge von Tötung/Zerstückelung und Wiedergeburt, Heilung oder Defragmentierung tritt häufig in Erscheinung. 88 Weiter unten soll eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Präsenz initiatorisch- mythischer Formen in Gottfrieds Tristan sowie mit Analogien zu Mythen im Zusammenhang mit Zerteilung und Zerstückelung erfolgen.
81 Vgl. ebd., 224- 230. In der Tat ist laut Eliade das Initiationsthema in der höfischen Literatur an verschiedener Stelle präsent. Vgl. ebd., 225 f. Das Motiv der Bewachung zu den Eingängen der Schlösser etwa sieht er als zu den Initiationsmotiven gehörig an; oftmals besteht ein Bezug zum Übergang ins Jenseits und zum ‚gefährlichen Abstieg in die Unterwelt’; das Thema Herrschaft ist dabei eng mit dem Initiationsritual verbunden.
82 Vgl. Campbell, The hero with a thousand faces, 1993, 97 ff. und 172 ff.
83 Man denke nur etwa an den sumerischen Mythos um die Göttin Inanna (vgl. ebd., 105- 108) oder an die altgriechische Psyche. Vgl. ebd., 97-98.
84 Vgl. ebd., 49 ff.
85 Vgl. Eliade, 1988, 72- 75 und Campbell, 1993, 77 ff, 90- 95, 207 f und 247- 248. Dieses Motiv ist mit dem mütterlich-uteralen Bereich assoziiert.
86 Vgl. ebd., 97 ff.
87 Vgl. ebd., 106 ff. Ebenso wie Eliade stellt auch Campbell fest, dass für Initiationen die Begegnung mit einer Mutterfigur, in mythologischen Zusammenhängen häufig eine Göttin oder Fee, nahezu unabdinglich ist. Vgl. ebd., 109 ff. und Eliade, 1988, 31-35. Ihr kommt die Funktion der Gebärerin ebenso zu wie die der Töterin und Vernichterin, sie ist Inthronisatiorin oder Absetzerin des Königs, wie beispielsweise manche irischen Erzählungen und Sagen etwa um den König von Tara zeigen. Vgl. Campbell, 1993, 116 f. Dahinter verbirgt sich ein mythisch verkleidetes Initiationsritual. Campbell erwähnt diesbezüglich Mythen aus den verschiedensten Ländern vom keltischen Irland über Ägypten, dem Mittelmeerraum u.a. bis hin nach Indien.
88 Zum Zerstückelungsthema, vgl. ebd., 281- 288.
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3. Allgemeine Überlegungen zu Ritual und Spaltung in Gottfrieds Tristan
Im Folgenden werden die Voraussetzungen für die literarische Präsenz von Ritualen, speziell von Initiationsritualen, in Gottfrieds Tristan anhand Forschungsmeinungen diskutiert. Dabei spielt speziell die initiatorische und mythologische Abfolge von (symbolischem) Sterben/Zerstückelt-Werden und Wiedergeburt, oft im Zusammenhang mit einem Lernprozess, eine Rolle.
3.1. Die Präsenz von Ritualen in der Literatur des Mittelalters
Hans Jürgen Scheuer ist der Auffassung, dass im Rahmen der gegenwärtig stattfindenden Anthropologisierung der mediävistischen Literaturwissenschaft die Verbindung von Ritual und Text in der Literaturwissenschaft zu Recht besondere Aufmerksamkeit auf sich zieht. 89 Er stellt sich die Frage nach der Repräsentation des Rituals im literarischen Medium, nach dessen Allegorizität und nach den eingreifenden Diskursen und Denkmodellen. 90 Auch für Gottfrieds Tristan konstatiert er das Vorhandensein von Ritualen.
„Die rituellen Handlungen [können] lesbar gemacht werden als kompositorisch miteinander kommunizierende Denkorte, 91 topoi bzw. loci einer dem Tristan Gottfrieds eigenen Logik der Imagination und Repräsentation.“
In Rahmen dieser Arbeit soll untersucht werden, inwiefern Rituale, in denen rituelle Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung 92 in Erscheinung tritt, in Gottfrieds Tristan textstrukturierend und kom-positorisch miteinander kommunizierend wirksam sind.
3.2. Tod, Spaltung und „Wiedergeburt“ als textstrukturierende Elemente Als in Gottfrieds Tristan häufig in Erscheinung tretende Formen der Negation und Doppelung nennt Horst Wenzel Tod 93 und Wiedergeburt. Er erkennt in dem Tötungs - und dem Wiedergeburtsthema sogar ein Gliederungsprinzip des Textes. 94 Ob dieses Schema, wie es nahe läge, initiatorisch
89 Scheuer, 1999, 406.
90 Vgl. ebd, 407. 91 Ebd., 410 f.
92 Auch Scheuer untersucht im Hinblick auf rituelle Elemente vor allem Riten um Spaltung und Zerteilung. Vgl. ebd.
93 Tötung geht dabei in Bezug auf initiatorische Elmente, wie noch gezeigt werden soll, häufig mit dem Spaltungsthema einher.
94 Vgl. Wenzel, 1988, 231 f. Der Wiedergeburtsbegriff tritt bei Eliade häufig im Zusammenhang mit initiatorischen Motiven in Erscheinung. Bei Wenzel hingegen bezeichnet er, weiter gefasst, den Beginn eines neuen Abschnitts nach einem symbolischen Prozess des Sterbens und Wiedergeboren-Werdens, etwa des sozialen Todes und der sozialen Wiedergeburt (vgl. ebd., 232); Wenzel sieht die Verbindung von Tod und Wiedergeburt als Strukturmerkmal, als typologisches Schema und als Denkfigur an (vgl. ebd., 234), er begreift sie jedoch auch im Zusammenhang mit einer
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ausdeutbar ist, sollen weitere Untersuchungen zeigen. Wenzel sieht diesbezüglich eine Gesetzmäßigkeit wirksam, nach der auf den Einschnitt der Todesnähe immer die Neukonstitution der Person erfolgt. 95 „Die Negation ermöglicht die Doppelung der handlungstragenden Figur, ihren Neuaufbau als veränderten 96 Die Annäherung an den Tod wird dabei zur Möglichkeit einer Steigerung der personalen Typus.”
Möglichkeiten. Wie auch bei Initiationen üblich, wird das Individualbewusstsein 97 laut Wenzel „durchdrungen“; es erhält zeitlose Gültigkeit. 98 Die strukturell häufig ähnliche Abfolge von (symbolischer) Tötung und/oder Zerstückelung 99 und Wiedergeburt findet sich auch in initiatorischen Situationen wieder.
3.3. Entwicklungsweg, Initiations- und Übergangsriten in Gottfrieds Tristan Die Tatsache, dass das Minnethema in über der Hälfte des Romans nicht explizit in Erscheinung tritt, wird in der Sekundärliteratur manchmal als erklärungsbedürftig oder gar als formale Schwäche gedeutet. 100
Begreift man aber den Roman mit Brigitte Hébert als einen roman iniciatique, 101 so erklärt sich die Länge der Passagen, in denen das Minnethema auf der Handlungsebene noch nicht in Erscheinung tritt. 102 Sie haben vorwiegend die Funktion, den Entwicklungsweg des Helden darzustellen.
antiken Tradition, die er nicht näher erläutert (vgl. ebd, 232), sowie mit der Konzeption von Christus als Novus Adam, der den Tod überwunden hat. Vgl. ebd., 233.
95 Vgl. ebd., 231, z.B. zu Hartmann von Aue: Der arme Heinrich, 2003. 96 Vgl. Wenzel, 1988, 232.
97 Vgl. ebd., 233. Die Formulierung Wenzels scheint nicht glücklich gewählt, da der heutige Individualitätsbegriff nicht einfach auf mittelalterliche Verhältnisse übertragen werden kann.
98 Wenzel verweist auf die Tradition des novus Adam als Präfiguration Christi; auch die Heiligenviten folgen, aufbauend auf der Wiedergeburt Jesu, häufig diesem Prinzip. Vgl. ebd.
99 Der Zusammenhang von Tod und Zerstückelung wird im Laufe dieser Arbeit deutlich, v.a. bezüglich der Interpretation des Moroldkampfes.
100 Vgl. hierzu z.B. Batts, Gottfried von Strassburg, 1971. Die vielen Versuche, den ersten Teil des Tristan als Präfiguration des zweiten zu deuten, weisen möglicherweise auf eine Unterbewertung der ausgedehnten, auf der Handlungsebene „minnelosen“ Passagen des ersten Teils nach der Elterngeschichte hin (ab Tristan, 2002, Bd.1, V 1791 bis ebd., Bd.2, V.11682). Vgl. z.B. die ausgedehnte Diskussion darüber, ob die Minne schon vor dem Trank vorhanden war. Diese wird am besten zusammengefasst bei Schweikle, Zum Minnetrank in Gottfrieds ‚Tristan', 1991, 135-148. Da in dem Roman fortwährend Passagen miteinander kommunizieren, sind Versuche, Abschnitte des ersten Teiles schon im Hinblick auf die kommende Minneproblematik auszudeuten, zwar zweifellos sinnvoll und notwendig; jedoch sollten die einzelnen Episoden des Werkes auch unabhängig von ihrem intratextuellen Bezug und im Hinblick auf die Minneproblematik interpretierenswert sein.
101 Hébert sieht den Roman als « un roman initiatique dont le lecteur accompagne le héros de la naissance á la mort (mort virtuelle il est vrai, mais inévitable et annoncé), au travers d’experiénces successives. » Hébert, Passages et passion, 1999, 29.
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In Gottfrieds Tristan lassen sich auch verschiedene Grundmotive des initiatorischen Übergangs ausmachen, die sich häufig wiederholen und die im Verlauf der Arbeit immer wieder angesprochen werden. Als initiatorische Grundelemente treten dabei in Erscheinung:
• Die Schilderung der Grottensymbolik in ihrer Assoziation mit dem Geburtsraum als initiatorischem Ort. Sie steht in engem Zusammenhang mit der Minneproblematik und mit einem sakral-geistigen Lernprozess.
• Motive speziell der schamanistischen bzw. der militärischen Initiation, u.a. im Zusammenhang mit Kennzeichen wie Überhitzung und Zerstückelung, der emblematischen Identifikation mit einem wilden Tier, sakraler Führerschaft dem Einzelkampf, der gleichzeitig ein Kampf ganzer Heere ist, der Mittlerschaft etc.
• Wichtige Schritte von Tristans initiatorischem „Entwicklungsweg“ stehen im Zusammenhang mit seiner Bildung. 103 Dadurch rücken auch ästhetisch-künstlerische Gesichtspunkte in den Vordergrund.
Sie sieht die Überquerungen des Meeres als den Initiationsroman strukturierende Elemente im narrativen Plan. Diese Reisen besitzen auch Auswirkungen auf die Semantik der Personenkonstellationen. Hébert betont die Verbindung von passages und passion. Jede Konstellation und jede beendete Aventiure hat hierbei scheinbar Einfluss auf die jeweils nächste Episode. Vgl. ebd.
Tristan unternimmt im Verlauf der Erzählung insgesamt neun bedeutende textstrukturierende initiatorische Reisen über das Meer:
1. Vor seiner Geburt
2. In seiner Jugend, als er von den norwegischen Kaufleuten entführt wird
3. Nach seiner Schwertleite, um die durch Morgan konfiszierten Länder wieder zu gewinnen
4. Nach seinem Sieg, um nach dem Morgankampf an den Hof Markes zurückzukehren
5. Um nach dem Moroldkampf in Irland Heilung zu suchen
6. Um nach Cornwall zurückzukehren
7. Um für Marke um die Hand Isoldes anzuhalten
8. Um Isolde Marke zuzuführen
9. Um nach der Entdeckung des Ehebruchs auf den Kontinent zurückzukehren Dazu kommen noch drei kürzere Reisen. Vgl. ebd., 29 f.
All diese Reisen entsprechen verschiedenen Ereignissen und Aventiuren in Tristans Leben. Wenzel sieht die Metaphorik der Seefahrten als mit Grenzüberschreitung verbunden an. Er erkennt in ihnen einen symbolischen Verweis auf Tristans unsichere Position. Vgl. Wenzel, 1988, 243. Was er aus den Seefahrten rettet, geht ihm am Land wieder verloren.
Auch Ingrid Hahn sieht das Meer in Gottfrieds Tristan stets als Übergangszone gezeichnet. Vgl. Hahn, 1963, 23. 102 Der Begriff „Entwicklung” ist hier jedoch keineswegs im neuzeitlich individualistischen Sinne zu begreifen, sondern es ist vielmehr im Vergleich zu einer neuzeitlichen Konzeptionen von Individuation von einer Alterität des mittelalterlichen Entwicklungsweges auszugehen. Zum Prozess der Identitätsbildung in Gottfrieds Tristan, vgl. auch Gottzmann, Identitätsproblematik, 1989, 129-146. sowie Haug, Erzählen als Suche nach personaler Identität, 1996, 177-187.
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• Motive, die auf die Existenz einer Geheimgesellschaft hindeuten, wie beispielsweise die „Losung“ der „edelen herzen”, an die sich der Dichter wendet. Allgemeiner zeigt sich auch die Einweihung vormals Unwissender in ein besonderes Wissen oder Können, wie es beispielsweise im Bastritual geschieht.
Als liminale und/oder initiatorische Motive treten in Erscheinung:
- Zerstückelung, Zerteilung und Spaltung (liminal-initiatorisch)
- Ortlosigkeit und Verwirrung (liminal)
- Das ambivalente Verhältnis von Leben und Tod (liminal-initiatorisch)
- Das Motiv der Überfahrten über das Wasser (genauer untersucht von Hébert; 104 liminal-initiatorisch)
- Abgeschiedenheit, Einsamkeit, der Zustand des Sich- außerhalb- der- Gesellschaft- Befindens (liminal und initiatorisch-liminal)
- Liminale und liminal-initiatorische Motive wie das Blutmotiv, eitrige Wunden, schlechter Geruch, das Wilde und Ungezügelte (z.B. im Zusammenhang mit der Ebersymbolik), eine Art heiliger, den Kämpfer adelnder Glut, Erhitzung etc.
Liminale Motive korrespondieren häufig mit initiatorischen, wobei das Motiv von Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung eine große Rolle spielt. Die Differenz zwischen Initiations-und Übergangsproblematik besteht v.a. darin, dass erstere einen Teilbereich der letzteren bildet. Initiationsrituale weisen nahezu immer Merkmale von Übergangsritualen auf, was umgekehrt jedoch nicht der Fall ist.
3.4. Spaltung, Zerteilung und Zerstückelung als rituelle Formen in Bastritual und Moroldkampf
Zwei sich stark unterscheidende Formen von Spaltungs- und Zerstückelungsmotiven in Gottfrieds Tristan werden im folgenden vor allem anhand von zwei Textpassagen dargestellt:
1. Anhand des Moroldkampfes, in welchem Elemente einer militärischen Initiation mit einer Art Rechtsritual verwoben sind
103 Vgl. Javor Briški,1996, 13-25. Sie sieht in Tristans Bildung ein die Handlung vorantreibendes Element. So öffnen Tristans erlernte Fähigkeiten und Kenntnisse ihm wiederholt Türen.
104 Hébert, 1999, 29 ff. Auf dieses Thema kann jedoch nicht mit Ausführlichkeit eingegangen werden.
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2. Anhand des Bastrituals als einem vielschichtigen und anspielungsreichen Zerteilungsritual künstlerisch-ästhetischer Couleur
4. Ritual, Spaltung und Zerstückelung im Moroldkampf 4.1. Die Bedeutung des Moroldkampfes im Werk
Zunächst ist vorauszuschicken, dass die im Moroldkampf in Erscheinung tretenden Formen der Spaltung und Zerstückelung für das Gesamtwerk keineswegs repräsentativ zu nennen sind. In quellengeschichtlicher Hinsicht hebt sich die Morold-Episode von dem Gesamtwerk ab - seit Meyer wird die piktische „Werbung um Emer” als Ursprung angenommen, also eine andere Quelle als die meisten Passagen im Text. 105 Bekker sieht im Moroldkampf groteske Elemente wirksam und verweist auf die mangelnde Konsequenz, mit der der Erzähler die sich entwickelnde Ritterschaft Tristans verfolgt. 106
Im Moroldkampf 107 ficht Tristan gegen Morold, den Bruder der Königin Isolde von Irland, für Cornwall eine rechtliche Entscheidung aus. Gegenstand der Streitigkeiten sind Zinsforderungen Irlands an Cornwall, die Tristan im Gegensatz zu Marke nicht mehr zu dulden bereit ist. 108 Zwar kommt dem Moroldkampf die Bedeutung eines Rechtskampfes zu. 109 Er steht jedoch auch im Zusammenhang mit einer Reihe kämpferischer Bewährungsproben wie dem Drachen - und dem Urgankampf. 110
In diesen Kapiteln sollen performative, d.h., vergegenwärtigende und rechtlich fixierende Elemente des rituellen Kampfgeschehens ebenso fokussiert werden wie die unterschiedlichen Funktionen der Moroldepisode als ritualisierter Form eines Ritterkampfes. Zuerst soll geklärt werden, inwiefern das Moment der Zerstückelung hier im Zusammenhang mit - mehr oder weniger rudimentär vorhandenen - Elementen des militärisch-initiatorischen Bewährungskampfes steht.
105 Vgl. Meyer, The Wooing of Emer, 1888, 68-75; 150-155; 231- 235; 289- 307.
106 Vgl. Bekker, Gottfried von Straßburg's Tristan, 1987, 107.
107 Vgl. Tristan, 2002, Bd.1, V. 5867- 7263.
108 Vgl. ebd., Bd.1, V. 6456-72; zu rechtlichen Fragen in Gottfrieds Tristan, vgl. Combridge, Das Recht im‚ Tristan’, 1964, 51 und Piquet, L’originalité de Gottfried de Strasbourg, 1905.
109 Vgl. Kellermann, 2002, 131. Der Moroldkampf kennt ein klares Ziel: Die Nicht-Anerkennung von Irlands unbe-
rechtigten Zinsforderungen durch Cornwall.
Peter A. Winn zeigt, wie eng religiöse Ritualisierung mit Rechtsdenken verknüpft sein kann. Vgl. Winn, Rechtsrituale, 1998, 455.
110 Der Kampf gegen Morgan allerdings erfolgte hinterrücks und ist dementsprechend nicht als echter Bewährungs- kampf zu werten.
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4.2. Der Moroldkampf und die „militärische Initiation“
4.2.1. Kennzeichen militärischer Initiationsformen nach Eliade
Als Kennzeichen der militärischen Initiationsform nach Eliade sei als erstes das Ertragenkönnen körperlicher Schmerzen und die Mutprobe erwähnt. 111 Typisch ist auch die magische Verwandlung in ein berserkerhaftes, wildes Raubtier. Initianden eignen sich dessen Magie in der Kriegerprüfung des Einzelkampfes an. 112 Gleichzeitig verkörpern die Kämpfer häufig eine Kriegerkaste, oder auch ganze Heere. 113
Ein wütender und rasender Berserker, „von seiner eigenen wilden und glühenden Kraft besessen" 114 , d.h., ein Eingeweihter der Kriegskunst, wurde man nur aufgrund einer magisch-religiösen Erfahrung. Der Initiand „erhitzte’ sich in höchstem Maße, fortgerissen von einer geheimnisvollen, unmenschlichen und unwiderstehli- 115 chen Kraft [...] eine Art dämonischer Raserei, die den Gegner mit Schrecken erfüllte und ihn schließlich lähmte." Die magisch-religiöse Kraft wird meist als ‚brennend’ dargestellt und entsprechend durch Metaphern für Hitze, Brand, einem sehr heißen Zustand wiedergegeben. 116 Diese Form der sakralen Überhitzung ist im Übrigen auch als ein Kennzeichen der schamanistischen Initiation zu werten, mit der sich eine Anzahl von Motiven der militärischen Initiationsform decken. So schlucken Schamanen häufig glühende Kohlen oder gehen barfuss durch Feuer. 117 Auf die Erhitzung in der militärischen Initiation folgt oftmals eine Art „Zähmung” und „Abkühlung“ des Mannes 118 durch Frauen bzw. weibliche Führerfiguren - eine nachträgliche Form der Kontrolle und Abstufung der berserkerhaften initiatorischen Kräfte. 119
111 Eliade, 1988, 42 ff.
112 Die Königssöhne Sigmund und Sinfjötli in der Völsungsaga werden beispielsweise in Wölfe verwandelt. „Wolf" war auch der Beiname der indogermanischen militärischen Bruderschaften. Als Mutprobe wird Sinfjötli von seiner Mutter zusammen mit dem Hemd von der Mutter die Haut abgerissen. Nur alle zehn Tage können sie ihre Felle ablegen. Vgl. ebd., 157 f.
113 Vgl. ebd., 156.
114 Vgl. ebd.
115 Vgl. ebd., 161. So braucht der junge irische Held Cuchulainn drei Zuber Wasser sowie die Nacktheit einer Schar Frauen, um sich abzukühlen.
116 Vgl. ebd., 1988, 163.
117 Vgl. ebd. u. 165.
118 In der Tat kennt die Geschichte auch Beispiele, in welchen die heilige initiatorische Raserei den Frauen zugeordnet ist, wie etwa bei den Mänaden oder bei den Bacchantinnen. Vgl. Eliade, 1988, 148 ff. Im Fall von Gotfrieds Tristan jedoch scheint, wie gezeigt werden soll, der militärische Initiationstyp mit einer epochenspezifischen gender- Konzeption von Männlichkeit identifiziert.
119 Vgl. ebd., 162.
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4.2.2. Das liminale Setting des Moroldkampfes
Morolds Hinüberrudern auf die Insel 120 deutet auf seinen Eintritt in den liminalen und/oder initiatorischen Bereich. 121 Liminalität verrät auch die Auflage, die Kämpfer solange allein und unter sich bleiben zu lassen, bis der Kampf entschieden ist. 122
4.2.3. Heilige Hitze und hitzige Wut
Hitzige Wut als typisches Kennzeichen der militärischen Initiationsform zeigt sich im Moroldkampf schon in der Art, mit der sich die beiden Gegner begegnen. 123 Morold „[...]kam her gerüeret, als den der btiuvel vüeret.” 124 Nicht anders verhält sich Tristan:
In einer Art dämonischer Raserei fliegen die beiden Kontrahenten aufeinander zu; bei ihrem Auf-einandertreffen splittern die Lanzen zersplittern und zerbersten die Schilder. 126 Hitzige Wut geht einher mit der Entschlossenheit, den Tod zu bringen oder zu empfangen. 127 Wie im Verlauf des Kampfes deutlich wird, steht dies im Zusammenhang mit der Zerstückelung des Gegners. Eine Art „sakraler Führung“ durch Gott (und das Recht) im Moroldkampf ist hier ebenso ein Thema wie in Situationen der militärischen Initiation. Daher könnte die Hitze des Kampfes auch mit der sakralen Hitze des Einswerdens mit den Göttern in der initiatorischen Situation korrespondieren. 128
120 Vgl. Tristan, 2002, Bd. 1, 6738 ff. In der Saga fehlt dieses wichtige Detail, während es im Sir Tristrem Erwähnung findet. Vgl. Stellenkommentar Tristan, 2002, Bd. 3, zu V. 6792.
121 Vgl. Hébert zu der initiatorischen Bedeutung der Überquerung von Gewässern, 1999, 29 f. Vgl. a. Tristan, 2002, Bd. 1,V. 6727. Einsamkeit und Abgeschiedenheit gilt als ein Merkmal der liminalen und initiatorischen Situation. Vgl. Turner, 1967, 96.
122 Einsamkeit und Abgeschiedenheit gelten als liminale Kriterien. Vgl. S. 9 f dieser Arbeit.
123 Vgl. auch die Interpretation der Eberproblematik, in der das Thema Erhitzung besonders zur Sprache kommt!
124 Vgl. ebd., V. 6851 f.
125 Ebd., V. 6856- 6858 „sîn“, ebd., Vers 6856, bezieht sich auf Morold.
126 Ebd., V. 6859 f. Zum Begriff „performativ”, vgl. Anm. 18 dieser Arbeit.
127 Allerdings zeigt sich hierin keine echte Form der Hitze, was darauf hinweist, dass dieses Element der militärischen Initiationsform, so es hier wirklich präsent ist, eher symbolisch angedeutet wird.
128 Vgl. Abschnitt 4.2.6. dieser Arbeit.
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4.2.4. Magische Hitze und die symbolische Aneignung der Kräfte eines wilden Tieres - die Ebersymbolik
Das Eberemblem auf Tristans Schild wird in der Sekundärliteratur verschieden interpretiert. Der Stellenkommentar betont in Bezug auf ebd., V. 6614 ff., Bd. 3, 130 die Bedeutung des Ebersignums als heroischem Symbol für Unerschrockenheit und Kampfzorn, wie es in der frühhöfischen Dichtung in Erscheinung tritt. 129
Für sich betrachtet wäre dieses Signum einfach als Element der Heraldik anzusehen. Doch im Zusammenhang mit anderen im Moroldkampf erkennbaren Elementen der militärischen Initiations-form legt die Vermutung nahe, dass es einen Hinweis auf eine ursprüngliche Identifikation des Kämpfers mit dem Eber als wildem Tier darstellt, wie sie auch in militärischen Initiationen stattfindet. 130
Auf Tristans Schild ist der Eber tief schwarz abgebildet: „von swarzem zobel alsam ein kol” 131 und „vil nâch ze koln verbrant”. 132 Glühende Kohlen im Zusammenhang mit einem ekstatischen Zustand sind ein Bild für initiatorische Überhitzung. 133 Die Metapher der schwarzen, ausgebrannten Kohle deutet möglicherweise auf dieses Motiv in einem anderen „Aggregatszustand“ hin. 134
129 Germanische Krieger trugen ebenfalls oft Helme in Eberform; der Eber war der germanischen Liebesgöttin Freya und ihrem Bruder Freyr zugeordnet. Vgl. Biedermann: Eber. Artikel in: Knaurs Lexikon der Symbole, 1989, 106-107, 106. Bei den Kelten galt der Eber als heiliges Tier; auch dort dienten Ebergestalten als Helmschmuck, und Eberfleisch wurde den Toten als Wegzehrung mitgegeben. Vgl. ebd., 107. In der christlichen Ikonographie steht er manchmal für Christus; meist gilt er jedoch als Symbol für die teuflischen Mächte. Vgl. ebd., 106. Im Tristan kommt ihm jedoch nur gegenüber Marke und seinem Hof eine teilweise destruktive Konnotation zu.
130 Auch die Abbildung eines Tieres auf der Kriegskleidung stellt, ebenso wie die symbolische Form der Aneignung „wilder“ Kräfte, eine Art von Symbolik dar. Vielleicht aber zeigt die Tatsache, dass hier ein heraldisches Symbol vorliegt, eine gewisse Erstarrung des initiatorischen Themas, bzw., seine Übertragung auf eine nunmehr primär visuell wirksame, indirekte, durch die Form der Kleidung und Ausrüstung stark determinierte Ebene. Zudem folgt bald darauf eine Beschreibung der Ästhetik von Tristans Kleidung und Ausrüstung, die sich sehr detailliert gestaltet und die sehr viel Raum einnimmt. Vgl. Tristan, 2002, Bd.1, V. 6618 ff und die Interpretation der Ästhetik in Abschnitt 4.3.4. dieser Arbeit.
131 Ebd., V. 6616.
132 Ebd., V. 9034. Vgl. Tristan, 2002, Bd.2, V. 17568 f.
133 Vgl. die Interpretation von Eliade (1988, 163 ff.) sowie die Bemerkungen Markales zu schamanistischen Elementen in der keltischen Mythologie, speziell zu magischer Überhitzung, und zu dem Bild glühender Kohlen und anderer Hitze- und Glutmotive. Vgl. Markale, 1989, 163 und 201 ff.. Mc Donald sieht im Bild der Kohle die kreativen Intentionen Gottfrieds bezeugt. Vgl. Mc Donald, The Boar Emblem, 1994, 161. Laut Eliade ist das Motiv der glühenden Kohle ebenfalls häufig als Ausdruck der kreativen und spirituellen Kräfte zu werten, die in der Initiation frei werden können. Vgl. Eliade, 1988, 164.
Als Marke Isolde in der Grotte beobachtet, wird ihr Mund ebenfalls mit glühenden Kohlen verglichen. Vgl. Tristan, 2002, Bd.2, V. 17568 f. Markale stellt hier eine Analogie zu dem Motiv der initiatorischen Erhitzung im magischen Einswerden mit den Göttern fest. Vgl. Markale, Die Druiden, 1989, 201 ff.
134 Auch hier zeigt sich also wenn, dann eine „indirekte“ Erscheinungsform des archaisch- initiatorischen Themas. Ebenso wie der Eber steht auch das Kohlemotiv sowohl für den erotischen als auch für den kämpferischen Bereich.
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Das Moment der rasenden Kampfeswut, mit der sich die Gegner aufeinander zubewegen, 135 korrespondiert vor allem mit den wilden, ungezügelten Eigenschaften des Ebers in Marjodos Traum. Auch der Stellenkommentar betont die enge Verbindung der Textpassagen, in denen die Ebersymbolik in Erscheinung tritt. „Zwischen Wappentier und der Traumerscheinung besteht [...] ein offenkundiger Ver- 136 weisbezug".
In der Szene von Marjodos Traum ist der Eber eindeutig mit Tristan identifiziert. 137 Das wilde Tier - oder Tristan - dringt im Traum des Höflings den Bereich Markes ein. Es ist mit Blut, Schmutz und Sexualität assoziiert, was ebenfalls auf Liminalität und wahrscheinlich auch auf initiatorische Elemente verweist. ”Tristan’s blood is designed to summon up the boar’s foam.” 138 Aus der Sicht des Hofes steht Tristan für die zerstörerischen, also für die gesellschaftsfeindlichen Kräfte, 139 die mit liminalen bzw. mit liminal- initiatorischen korrespondieren.
4.2.5. Der Kampf ganzer Heere als Kennzeichen der militärischen Initiationsform
Im Text wird explizit erwähnt, dass neben Tristan und Morold auch andere Kräfte aktiv mit am Kampfgeschehen teilhaben:
Die „Helfer“ Tristans wiegen zusammen mit ihm selbst die Kampfeskraft von vier Männern auf, die Morold alleine aufbringt; insgesamt bestimmt also die Stärke von acht Männern das Geschehen. 141
135 Beschrieben im letzten Abschnitt dieser Arbeit
136 Tristan, 2002, Bd. 3, Stellenkommentar zu V. 4942; zur Ebersymbolik, vgl. a. Wessel, 1984., 238 ff. und zum Eberschild ebd., 246 ff.
137 Vgl. ebd. und Tristan, 2002, Bd.1 V. 6614 und Bd. 2 V. 13512 ff. Der Eber „der ûz dem walde lief, vreislîch unde vreissam.13514 f. Er schäumt, wetzt die Hauer, greift alles an, was die Ordnung des Hofes repräsentiert; vor allem bringt er das Bett des Königs durcheinander und besudelt es mit Geifer, nachdem er vorher, grenzüberschreitend, in dessen Kammer eingedrungen ist. (Vgl. ebd., V. 1316 ff., bes. 13528 ff.) Im alptraumhaften Chaos, das er anrichtet, und in der Verbindung mit dem Naturmotiv (Aus -dem -Wald -Kommen) ist ein liminales Motiv wirksam, das mit initiatorischen Elementen im Werk zu korrespondieren scheint.
138 McDonald, 1991, 161/162, zu Tristan, 2002, Bd.2, V. 13512- 13536. Die Stelle ist auch im Zusammenhang mit Sexualität deutbar.
139 Vgl. a. Wessel, 1984, 238-245.
140 Tristan, 2002, Bd.1, V. 6883- 6888.
141 Vgl. ebd., V. 6879 f.
23
Aufgrund der virtuellen Beteiligung mehrerer Personen wird der Kampf als Kampf „von zwein rotten”, 142 Truppen 143 oder Heeren 144 bezeichnet. Es liegt hier also ein Gefecht Mann gegen Mann im Sinne einer Einzelprüfung vor, der gleichzeitig aber auch als ein Kampf zweier „Heere“ oder „Truppen“ von Männern gedeutet wird. Dies scheint weitgehend dem zu entsprechen, was Eliade als ein Kennzeichen der militärischen Initiationsform nennt. 145
4.2.6. Sakrale Führung und rechtliche Fixierung
Zunächst wird noch die Abwesenheit von Gott und dem personifizierten Recht in Tristans „sakralem Heer” beklagt: „ ‚got unde reht, wâ sint sî nuo/ Tristandes strîtgesellen?’ ” 146
Tristan kämpft anfangs nur an der Seite der Allegorie seiner „Entschlossenheit“. Ohne die spirituelle Führung Gottes und des Rechts wäre er zum Scheitern verurteilt; seinen Sieg verdankt er ausschließlich den eingreifenden Mächten. 147
Ein wichtiges Kennzeichen der militärischen Initiation ist das Ausfechten eines Kampfes unter sakraler Führung. 148 Im Moroldkampf wird diese Gott zugesprochen, dem das Recht untrennbar zur Seite steht; Gott und das Recht gemeinsam übernehmen hier faktisch die Rolle der spirituellen Leitung. 149 Der Kampf findet in ihrem Namen statt: „wir suln ez allez gote ergeben.” 150
142 Ebd., V. 6873. 143 Ebd., 7003. 144 Ebd., 7061.
145 Vgl. Eliade, 1988, 154 ff. In Anbetracht der Tatsache, dass Tristans Helfer so gewichtige Gestalten darstellen wie Gott und das Recht, scheint auch die rotte von vier Personen ein ganzes Heer mit aufzuwiegen.
146 Tristan, 2002, Bd.1, V. 6980-82, vgl. a. ebd. V. 6983-95.
147 Bekker betont, dass erst die Verwundung Tristans Gott und das Recht in Aktion versetzt. Vgl. Bekker, 1987, 115.
148 Schon Nauen, auf Stökle aufbauend, stellt ein religiöses Ethos fest, das in der Szene auch im Hinblick auf das Rechtsritual ausstrahle. Vgl. Nauen, Die Bedeutung von Religion, 1947, 51 f., Combridge, 1964, 50, Anm. 14. und Stökle, Die theologischen Ausdrücke, 1915, 69- 75, 82 f. Nur in Gottfrieds Fassung beruft sich Tristan auf eine Vertragsklausel, nach welcher die Alternative zwischen freiwilliger Ablieferung des Zinses oder Zweikampf ausgehandelt wurden. Vgl. Nauen, 1964, 51 f.
149 Wie später gezeigt werden soll, ist es von Bedeutung, dass der Gott, der für Kampf, Töten und Zerstückelung steht, als sakrale Gestalt männlich codiert ist.
Der Moroldkampf wird in der Sekundärliteratur häufig als Kampf zwischen dem miles dei Tristan und dem miles diaboli, Morold bezeichnet. Vgl. Ferrante, The conflict of Love and Honor, 1973, 29 f und 91ff; Jackson, Anatomy of Love, 1971, 150 und Bekker, 1987, 112. In der Tat scheint diese Konstellation angelegt. Eine Ungereimtheit ergibt sich jedoch aus der Tatsache, dass der Teufel als Führer Morolds zitiert wird. Vgl. Tristan, 2002, Bd.1, V. 6851 f. Tristans Verhalten aber zeichnet sich durch dieselbe dämonische Kampflust und Raserei aus, die an o.g. Stelle dem Teufel zugeordnet wird. Bekker interpretiert Tristans Gebaren wohl auch zurecht als "[…] the same mixture of reli-
Arbeit zitieren:
Eva Köppl, 2006, Rituale der Spaltung, der Zerteilung und der Zerstückelung in Gottfrieds von Strassburg "Tristan", München, GRIN Verlag GmbH
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