Der Gute und das Böse
Vom Scheitern Gottes an den Übeln der Welt Ein Essay von Katrin Naujokat
An der Frage, wie Gott, wenn er denn allmächtig, allwissend und vor allem allgütig ist, das Übel dieser Welt zulassen kann, scheiden sich die Geister. Während die einen recht schnell darauf verfallen, ihm die Existenz abzusprechen, versuchen die anderen, ihn auf jede erdenkliche Weise zu verteidigen und so ihr eigenes Weltbild aufrecht zu erhalten. Dabei greifen sie auch zu Argumentationen, mit denen man nicht nur den bekannten guten Gott, sondern ebenso sein genaues Gegenteil stützen kann. Wenden wir uns zunächst einmal dem Ausgangsproblem zu und leihen uns die Worte Epikurs, um es treffend darzulegen: „Ist Gott willens, aber nicht fähig, Übel zu verhindern? Dann ist er nicht allmächtig. Ist er fähig, aber nicht willens, Übel zu verhindern? Dann ist er nicht allgütig. Ist er jedoch sowohl fähig als auch willens, Übel zu verhindern? Dann dürfte es in der Welt kein Übel geben!“
Ein schwerwiegendes Problem, fürwahr. Natürlich ließe es sich ganz einfach lösen, indem man auf eine der beiden All-Eigenschaften verzichtete - aber ist ein Gott, der nicht allmächtig ist, noch ein Gott? Zumal in einer monotheistischen Religion? Und ist ein nicht allgütiger Gott noch der des Christentums? Schließlich baut gerade das Neue Testament auf der Vorstellung der Güte und Liebe Gottes auf. Also muss vor allem dem Christen daran gelegen sein, auch das Attribut „allgütig“ auf jeden Fall zu erhalten.
Wie aber will er das tun? Nun, entweder er modifiziert die Ausgangsbehauptungen - dies kann man als Umgehungsversuch verstehen -, oder er schafft es, die Eigenschaften doch noch kompatibel zu machen mittels Brückenthesen. Übliche Brückenannahmen sind die Berufung auf die geordnete Welt, das schöne Universum, die Bildung einer Moral oder die Freiheit des Menschen.
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Die „geordnete Welt“ meint dabei, dass eine Welt, die durch Naturgesetze bestimmt wird, einer chaotisch funktionierenden vorzuziehen ist, auch dann, wenn durch diese Ordnung Leid entsteht. Das „schöne Universum“ verweist auf den Gesamtzusammenhang, in dem der einzelne Mensch, aber auch diese Erde steht, und betrachtet diesen als ein riesiges Kunstwerk, das aus Kontrastgründen auch Leid benötigt, um die Schönheit und das Gute umso heller strahlen zu lassen. Ein prominenter Vertreter dieser Theorie ist Leibniz mit seiner „besten aller möglichen Welten“, in der wir leben. Die Berufung auf die Bildung einer menschlichen Moral, zu der das Leid die unumgängliche Voraussetzung bildet, bezieht sich darauf, dass erst aus Leiden wertvolle Tugenden wie beispielsweise Mitleid entstehen können. Ohne diese Tugenden aber wäre die Welt weniger gut. Die letzte Brückenannahme schließlich setzt quasi den Joker und bringt die menschliche Willensfreiheit ins Spiel. Zwar seien die Leiden der Welt wahre Übel, die Gott so nicht gewollt habe, aber durch die Willensfreiheit des Menschen habe dieser die - nicht gottgefälligen - Übel zu verantworten. Leid erscheint hier als der dunkle Schatten des unendlich kostbaren Gutes Freiheit.
Lassen wir diese Thesen einfach so stehen. Was im Hinterkopf behalten werden sollte, ist, dass zu einer wirksamen Rechtfertigung Gottes keine andere Alternative zum Erreichen dieser positiven Güter existieren darf, dass also Gott Naturgesetze, Ästhetik, Moral und Freiheit nur so und kein bisschen anders (im Sinne von „besser“) schaffen konnte. Zudem muss das dadurch erreichte Gut das Ausmaß der Leiden bei weitem übertreffen, um „ökonomisch“ gerechtfertigt zu sein!
So weit, so unbefriedigend. Betrachtet man nun die Umgehungsversuche und damit die Modifikationen der Ausgangsannahmen, sind auch hier vier verschiedene Ansätze zu finden. Fangen wir ganz am Ende an: im Jenseits. Dies nämlich, so die These, entschädigt uns für alle hier auf Erden durchlittenen Übel, ja, sie werden sogar überkompensiert, da unser Aufenthalt im Jenseits - das zum Gelingen der Argumentation natürlich nur das Paradies sein kann - ewig währt. Endliche Leiden werden also mit unendlicher Glückseligkeit aufgewogen. So bitter uns die Leiden im Hier und Jetzt erscheinen, so milde werden wir über sie lächeln, wenn wir aus dem
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Jenseits unser ewiges Leben überblicken und den irdischen Teil davon als ein Nichts erkennen.
Eine schöne Hoffnung. Doch worauf gründen wir sie? Kann sie berechtigt sein?
„Nehmen wir an, Sie bekommen eine Kiste Orangen und beim Öffnen stellen Sie fest, dass die ganze oberste Lage Orangen verdorben ist. Sie würden daraus nicht schließen: ‚Die unteren müssen dafür gut sein, damit es sich ausgleicht.‘“ Mit diesem Vergleich illustriert Bertrand Russell, wie fern diese Hoffnung dem steht, was wir sonst als eine legitime Erwartung ansehen. Zurück ins Diesseits. Ist nicht gerade Leid das, was uns mit Gott verbindet? Leidet Gott nicht mit jedem einzelnen seiner Geschöpfe? Erfährt er nicht jedes Leid der Welt „am eigenen Leib“ durch seine Kinder? Ja, es gibt eine Menge Leid, aber wir sind nicht alleine damit - und geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid. Schließlich macht das göttliche Mit-Leiden ihn auch richtig sympathisch-menschlich, oder? Und darüber hinaus: Gott hat sogar seinen eigenen Sohn geschickt, um ihn die Leiden der Welt tragen zu lassen und die Menschheit zu erlösen. Wie könnte es ein größeres Leid geben? Aber die Vereinigung von Gott und Menschen im Leid erklärt noch lange nicht, warum dieses unverzichtbar sein soll. Ein allmächtiger Gott, der selbst unendlich leidet? Nicht sehr vertrauenerweckend. Eher masochistisch. Und wo Maso, da ist auch Sado nicht weit… wie ja das Leiden all der Unschuldigen zeigt.
Um es an dieser Stelle noch einmal klarzustellen: Es geht hier nicht bloß um Leid in Form von Liebeskummer oder gelegentlichen Zahnschmerzen. Es geht noch nicht einmal primär um das lange, quälende Leiden eines Krebs-oder AIDS-Kranken. Es geht um AIDS und Krebs an sich, um das Elend in den Slums dieser Welt, es geht um Auschwitz und Hiroshima. Wie, verdammt noch mal, konnte ein guter Gott dies alles nicht nur zulassen, sondern sogar erschaffen?
Die letzten beiden Umgehungsversuche haben eine verblüffende Antwort darauf: Leid gibt es gar nicht!
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Arbeit zitieren:
Katrin Naujokat, 2003, Der Gute und das Böse: Vom Scheitern Gottes an den Übeln der Welt, München, GRIN Verlag GmbH
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