Inhaltsangabe
I. Erste Worte
II. Warum der Verlust des Lebenspartners ein kritisches Lebensereignis ist III. Die Betrachtung der eigenen Todesnähe sowie des Todes des Partners als Entwicklungsaufgaben des Alters IV. Wiederheirat im Alter V. Trauerliteratur. Konzepte und Analogien VI. Trauer und Trauerarbeit nach Sigmund Freud VII. Trauer und Trauerarbeit bei Verena Kast
a. Die Einstellung zum Leben und zu sich selbst als Einflussfaktoren auf den Trauerprozess b. Die vier Phasen der Trauer VIII. Wege der Trauer nach Vamik D. Volkan a. Die zwei Phasen der Trauer b. Verluste als „brutale Geschenke“
c. Die Differenzierung in unkomplizierte Trauer und komplizierte Trauer d. Prädispositionen für eine „komplizierte Trauer“ e. Die „Therapie zur Wiederbelebung des steckengebliebenen Trauerprozesses“
IX. Schlussbetrachtung X. Literaturverzeichnis XI. Anhang für empirisches Datenmaterial
1
I. Erste Worte
Bei der Auseinandersetzung mit Tod, Trauer und Trauerarbeit befindet man sich in einem weiträumigen Themenkomplex. Bei dieser A rbeit steht im Vordergrund der Verlust des Lebenspartners als ein kritisches Lebensereignis, wobei insbesondere die Bedeutsamkeit von eigenem und anderem Sterben im Alter aufgezeigt werden soll. Skizziert wird mit Datenmaterial ein Bild der Gestorbenen u nd den mit Tod und Trauer Betroffenen der Bevölkerung in Deutschland. Wie Hinterbliebene den Verlust durch den Tod erleben, wie der Umgang mit Tod und Trauer geschieht, welche Komplikationen bei der Trauerarbeit vorkommen können und wie sie ausgeräumt werden können, ist ebenfalls Schwerpunkt dieser Arbeit.
II. Warum der Verlust des Lebenspartners ein kritisches
Lebensereignis ist
„Als kritische Lebensereignisse werden solche Ereignisse im Lebensverlauf von Menschen verstanden, die zentrale Veränderungen hervorrufen und psychosoziale Anpassungs- und Bewältigungsleistungen erforderlich machen.“ 1
Der Tod eines Lebenspartners aus dem Blickwinkel dieser Definition betrachtet, kann folgendes Ergebnis erbringen.
Ein solcher Tod impliziert eine Veränderung der Gefühlswelt als Resultat des Verlustes einer geschätzten Person und eine Veränderung der Lebensstruktur und Lebensplanung als Resultat der Herausreißung des Lebenspartners aus Struktur und Planung. Erfordernis dieser veränderten Bedingungen ist die N euorganisation sowohl der Gefühlswelt als auch der Struktur und Planung des Lebens.
Aus diesem Erfordernis resultieren Anforderungen an die hinterbliebene Person. Durch Trauerarbeit einen emotionalen Ablösungsprozess von der verstorbenen Person zu leisten, bedeutet einen Prozess der Neuorganisation der Gefühlswelt. Neue Bedingungen, die „Anpassungs- und Bewältigungsleistungen erforderlich machen“, sind eventuell veränderte alltägliche Anforderungen der Umwelt wegen des Wegfalls der Rolle des Partners und damit einhergehender Aufgabenzuweisungen, Anforderungen wie zum
1 Backes, Gertrud, M./Clemens, Wolfgang: Lebensphase Alter. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Alternsforschung. Einheim/München 1998. S. 162.
2
Beispiel die alleinige Versorgung der Kinder, Reinigung der Räumlichkeiten, Einkäufe, Schreiben der Einkommensteuererklärung und sonstige bürokratische Erfordernisse. Des weiteren implizieren neue Bedingungen ein eventuell veränderte Tagesablauf wegen des Wegfalls der Tagesgestaltung mit dem Beziehungspartner, eventuell veränderte finanzielle Mittel, ein eventuell erforderlicher Neueinstieg in eine Erwerbstätigkeit, eine eventuell
veränderte räumliche Umgebung durch einen Umzug, eventuell veränderte soziale Kontakte oder ein Mangel an sozialen Kontakten durch Rückzug von Freunden oder den Wegfall der Bekannten des verstorbenen Lebenspartners.
Ein Bedarf an die Entwicklungsfähigkeit des Hinterbliebenen in Form von Arrangement an neue Lebensbedingungen und Neugestaltung der Lebensbasis mit Einbezug dieser neuen Bedingungen ist damit als eine Notwendigkeit zu konstatieren. Somit kann man das kritische Lebensereignis auch als eine „Herausforderung an die Entwicklungsfähigkeit von psychischen Kompetenzen“ 2 , begreifen.
Mit dem Tod des ehelichen Lebenspartners/der Lebenspartnerin wird der Hinterbliebene/die Hinterbliebene zum Witwer/zur Witwe. Die Witwerschaft/Witwenschaft ist die „durch d en Tod einer verheirateten Person geschaffener neuer sozialer Status des überlebenden Ehepartners, der mit bestimmten Verhaltenserwartungen und Rollen verbunden ist.“ 3 Die Versetzung in einen neuen sozialen Status impliziert eine Konfrontation mit neuen gesellschaftlichen Anforderungen. So gilt beispielsweise die Trauer um den ehelich
Verstorbenen als eine gesellschaftliche Norm. Die Witwerschaft/Witwenschaft als einen sozialen Status innezuhaben, impliziert also aufgrund damit verbundener
Verhaltenserwartungen wie zum Beispiel der Trauer und das Zeigen der Trauer bei Anpassung an gesellschaftliche Normen gewisse Einschränkungen. Eine schnelle Heirat nach dem Tod der verstorbenen Ehehälfte einzugehen oder aber intime Bekanntschaften mit dem anderen Geschlecht zu schließen, kann beispielsweise als problematisch erachtet werden, da man dieses Verhalten als Abkehr von Trauer interpretieren kann.
2 Ebd. S. 162.
3 http://www.univie.ac.at/voelkerkunde/cometh/glossar/heirat/h.htm
3
III. Die Betrachtung der eigenen Todesnähe sowie des Todes des
Partners als Entwicklungsaufgaben des Alters
Margret M. Baltes und Elke Skrotzki stellen als eine „Entwicklungsaufgabe des Alters“ die „Akzeptanz des Todes, der menschlichen Endlichkeit- der eigenen wie des Lebenspartners“ 4 , fest.
Als diesbezügliches Pro-Argument dient den Autoren die höhere Sterbequote im Alter. Somit seien Tod und Sterben alter Menschen als ‚altersnormative Ereignisse’ zu betrachten. Hier sei ein ‚Gegensatz zu anderen kritischen Lebensereignissen’ auszumachen, da Tod und Sterben im Alter vorhersagbar seien, und man sich daher darauf vorbereiten könne. Diese Vorbereitung und Verarbeitung sei mitbestimmt durch ‚Personen-, Umwelt- und Situationsmerkmale’ und daher individuell unterschiedlich und geschehe auf einer
möglicherweise die Bewältigung dieser Entwicklungsaufgabe erleichternden Grundlage von ‚sozialen Modellen’, da viele Gleichaltrige ebenfalls mit dem Tod konfrontiert würden. 5 Das ‚Modell der selektiven Optimierung mit Kompensation’ von Baltes und Baltes präsentieren die Autorinnen als ein ‚Metamodell’ für ein Gelingen der Anpassung an neue Umstände im Alter. ‚Selektion’ meint wegen verringerter Energiereserven die Verringerung des
Tätigkeitsbereichs sowie gesetzter Ziele.
‚Kompensation’ meint wegen wegfallender Fähigkeiten oder Fertigkeiten das Ausweichen auf Alternativen zur Erreichung desselben Ziels.
‚Optimierung’ meint den mittels Selektion und Kompensation Erhalt eines hohen Standards und möglicherweise die Maximalisierung von Ressourcen, Fähigkeiten und Fertigkeiten. 6 Mit Bezug auf die Verwitwung bedeutet eine Optimierung des Lebens im Alter durch ‚Selektion’ beispielsweise, „Ziele und Bereiche, die eng mit dem Verstorbenen verknüpft sind, aufzugeben, und neue Ziele zu suchen“. Optimierung durch ‚Kompensation’ meint beispielsweise „Verantwortung zu deligieren (proxy control), um weiterhin bestimmte Ziele
4 Baltes, M. Margret/ Skrotzki, Elke: Tod im Alter: Eigene Endlichkeit und Partnerverlust. In: Oerter, Rolf/ Montada, Leo (Hg.): Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. München/Weinheim 1995. S. 1138.
5 Ebd. S. 1138 - S. 1139.
6 Vgl. S. 1145 - S. 1146.
4
zu erreichen (z.B. sich vom Enkel zur Kirche fahren lassen, anstatt vom [verstorbenen] Ehemann).“ 7
Die Autorinnen fassen Ergebnisse empirischer Untersuchungen in Bezug auf Alter und Witwenschaft zusammen. Aus diesen Ergebnissen ableitbar sei zum einen bei
Generationenvergleich das höhere Alter als eine Funktion des Schutzes vor einen negativen Verlauf einer Witwenschaft, wobei die diesbezüglichen Ursachen wie möglicherweise die antizipatorische Trauer, das Vorhandensein sozialer Modelle, sowie geringe Veränderungen der Lebenswelt durch den Tod des Partners, empirisch nicht eindeutig geklärt worden seien. Zum anderen sei bei Geschlechtervergleich eine stärkere Betroffenheit von älteren Männern bei Verlust der Partnerin, sich offenbarend durch Erkrankung, Suizid und Verlust der sozialen Bezüge, sowie im Kontrast dazu optimierende Anpassungen älterer verwitweter Frauen an die neuen Lebensumstände, auszumachen. 8 Die hohe Bedeutung des Sterbens im Alter s oll im folgenden durch empirisches Datenmaterial noch einmal untermauert werden. Die hohe Relevanz dieser Thematik für die Bevölkerung in Deutschland äußert sich schon durch ihre Altersstruktur. Allein 1994 sind 20, 7 % als Anteil der Gesamtbevölkerung 60 Jahre und älter. 9 Herauskristallisiert werden soll durch die Zahlen von Gestorbenen der
Bevölkerung Deutschlands ein grobes Bild über die Betrauerten sowie die Betroffenen von Trauer um einen Lebenspartner. Dies geschieht durch eine Aufbereitung von Zahlen des 1996, dem Statistischen Jahrbuch 1998 10 statistischen Bundesamtes aus dem Jahr
entstammend. Die Zahlen der Gestorbenen 1996 11 als charakteristisch für die vergangenen und darauf folgenden Jahre 12 , geben bei Vergleich von Alterszonen, Geschlecht sowie
Verheirateten- und Verwitwetenstatus Aufschluss über diesbezügliche Unterschiede.
7 Ebd. S. 1146.
8 Vgl. ebd. S. 1143 - S. 1144.
9 Vgl. Herden, Rose-Elisabeth/Münz, Rainer: Bevölkerung. In: Schäfers, Bernhard/Zapf, Wolfgang (Hg.): Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands. Bonn 1998. S. 83.
10 Vgl. Statistisches Bundesamt (Hg.): Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden 1998. S. 76.
11 Anmerkung als Hilfe zur Einschätzung der Gestorbenenzahlen: Ende 1997 hat Deutschland eine Bevölkerungsgröße von 82, 1 Millionen bei 42, 065 Millionen weiblichen Personen. Vgl. Statistisches Bundesamt (Hg.): Datenreport 1999. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland. Bonn 2000. S. 25.
12 Vgl. zur Analogiefeststellung die Anlagen: Statistisches Jahrbuch 1995, 1997, 1998, 1999, 2000 für Deutschland. Gestorbene nach Altersgruppen und Familienstand sowie Sterbeziffern Anno 1993,
1995,1996,
1997 und 1998.
5
Gestorbene 1996 nach Altersstand und Geschlecht.
Folgende Auffälligkeiten sind der Tabelle zu entnehmen.
• Die Mehrheit der Gestorbenen sind mit 53, 8 % als Anteil der Gesamtgestorbenen Frauen.
• Die Mehrheit der weiblichen sowie männlichen Gestorbenen findet sich mit 69, 6% als Anteil der Gesamtgestorbenen in der Alterszone von 70 bis 90 <.
• Mit einer Differenz von 247 262 unterliegt der männliche Anteil Gestorbener von 50 bis 70 dem weiblichen Anteil Gestorbener von 70 bis 90 <.
• Mit einer Differenz von 155 932 unterliegt der männliche Anteil Gestorbener von 70 bis 90 < dem weiblichen Anteil Gestorbener von 70 bis 90 <.
Verheiratet Gestorbene 1996 nach Altersstand und Geschlecht.
Folgende Auffälligkeiten sind der Tabelle zu entnehmen.
• Die als Anteil der Gesamtgestorbenen 40, 2% verheiratet Gestorbenen werden mit 21, 7 % in der Mehrheit von Personen der Alterszone von 70 bis 90 < gespeist, des weiteren mit 28, 8 % vom männlichen Geschlecht allgemein und speziell in der Alterszone von 70 bis 90 < mit 15, 9 %.
6
Quote paper:
Isabel Ebber, 2001, Zum Verlust eines Lebenspartners, Munich, GRIN Publishing GmbH
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