Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis a
1. Einleitung 1
2. Nichtregierungsorganisationen 2
2.1. Ursprünge der NGOs - Zwei Entwicklungsstränge 3
2.2. Handlungsfelder 4
2.3. Räumliche Dimension 4
2.4. Nord-Süd Verhältnis. 5
2.5. Erscheinungsformen von NGOs. 6
2.5.1. NGOs als Experten 6
2.5.2. NGOs als Lobbyisten 7
2.5.3. NGOs als Moralisten 7
2.5.4. NGOs als Glokalisten 8
2.6. Was also sind NGOs? 8
3. Glokalisierung. 10
3.1. Kulturelle Globalisierung 10
3.2. Glokalisierung 12
4. Öffentlichkeit 16
4.1. Ausbildung einer transnationalen Medienöffentlichkeit 16
4.2. Herstellung einer transnationalen Öffentlichkeit. 18
4.2.1. Vorbemerkungen 18
4.2.2. Faktoren zur Erreichung einer transnationalen Öffentlichkeit 19
5. Fallstudie 21
5.1. Vorbemerkungen 22
5.2. Die Situation um den Bau der OCP Pipeline in Ecuador 22
5.3. Der Konflikt um OCP. 23
5.3.1. In Ecuador 23
5.3.2. Der Weltweite Protest. 24
5.4. Mindo 25
5.4.1. Auswirkungen der OCP auf Mindo 25
5.4.2. Der Protest in Mindo - Gründung der Acción por la Vida 26
5.5. Die Einflussebenen auf ApV 30
5.5.1. Acción por la Vida als NGO 30
5.5.2. Acción por la Vida und Glokalisierung. 32
5.5.3. Acción por la Vida und Öffentlichkeit 35
6. Fazit 38
Abkürzungsverzeichnis. i
Literaturhinweise ii
Anhang. viii
a
1. Einleitung
Am 12.02.2000 unterschrieb die Regierung Ecuadors einen Vertrag mit dem Konsortium OCP (Oleoducto de Crudos Pesados, Pipeline für Schweröl) in dem der Bau einer Ölpipeline von den Ölfeldern des ecuadorianischen Amazonasgebietes bis zu den Verladestationen an der Pazifikküste im Nordwesten des Landes geregelt wurde. Schon vor der Unterzeichnung des Vertrages entbrannte ein starker Protest insbesondere gegen den geplanten Routenverlauf. Dieser Protest sorgte sehr schnell für globales Aufsehen, da eine Vielzahl internationaler Akteure sowohl am Betrieb und Bau der Pipeline, als auch am Protest beteiligt waren. Ein Brennpunkt der Proteste war das kleine Dorf Mindo, ca. zwei Busstunden nordwestlich der Hauptstadt Quito in einem Tal am Fuße des Vulkanes Pinchincha gelegen, welches direkt von dem Pipelinebau betroffen werden sollte. Im Laufe des Protestes gründeten die Einwohner Mindos eine
Organisation, um die Aktionen vor Ort zu koordinieren - die Acción por la Vida (Aktion für das Leben, ApV).
Im Rahmen dieser Arbeit werde ich den Protest der Einwohner Mindos gegen den Bau der Pipeline durch ein Naturschutzgebiet nachzeichnen. Dabei werde ich anhand einer Fallstudie der Frage nachgehen, inwieweit globale Prozesse und Entwicklungen einen Einfluss auf den lokalen Protest in einem Entwicklungsland zeitigten. Um einen möglichst umfassenden Eindruck der Situation rund um den Bau der OCP-Ölpipeline zu schildern, werde ich zunächst die für die Beschreibung notwendigen Hintergründe theoretisch beleuchten. Dabei erscheinen mir die Faktoren Nichtregierungsorganisationen (Non Governmental Organisations, NGOs), Glokalisierung und Öffentlichkeit aus folgenden Gründen zur Erläuterung geeignet: Im Laufe des Protestes gründeten die Einwohner des Dorfes Mindo eine NGO. Diese stand sehr bald in Kontakt mit anderen, international tätigen NGOs. Der Umstand des Handelns im NGO-Umfeld bewirkt einige Besonderheiten in der Analyse, welche ich zunächst theoretisch anführen werde, um danach anhand des konkreten Beispiels ApV näher darauf einzugehen. Mit dem Begriff Glokalisierung werden spezifische Eigenschaften des Globalisierungsprozesses angesprochen. Grundlage des Phänomens der Glokalisierung ist die Behauptung einer kulturellen Globalisierung, die sich neben ökonomischer und politischer Globalisierung vollzieht. Im zweiten Teil dieser Arbeit werde ich den Begriff der Glokalisierung zunächst im Umfeld kultureller Globalisierung verorten, um danach auf die wichtigsten Inhalte dieses von Robertson (1992) entwickelten Konzeptes einzugehen. Im praktischen Teil werde ich dann aufzeigen, auf
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welche Art Glokalisierung konkret am Beispiel Mindos festgestellt werden kann. Schließlich werde ich auf die Rolle und die Funktion der Öffentlichkeit, im speziellen der transnationalen Medienöffentlichkeit eingehen. Die Öffentlichkeit hat insbesondere im Umfeld von NGOs eine besondere Bedeutung, da Organisationen aus diesem Umfeld ihre Aktionen in erster Linie durch Legitimation der Öffentlichkeit rechtfertigen. Nur wenn die Öffentlichkeit eine Aktion etc. unterstützt, können NGOs Druck auf Akteure ausüben. Gleichzeitig stellt die Herausbildung einer transnationalen Medienöffentlichkeit eine Entwicklung im Rahmen des Glokalisierungsprozesses dar. Ich werde zunächst recht allgemein auf die gesellschaftliche Funktion der Öffentlichkeit eingehen, um danach die Ausbildung einer transnationalen Medienöffentlichkeit nachzuzeichnen. Danach werde ich aufzeigen, welche Faktoren eine Reaktion des Publikums (= der Öffentlichkeit) auf ein Ereignis befördern bzw. verhindern, da dies für Akteure, die von der Unterstützung der Öffentlichkeit abhängig sind, von großem Interesse ist. Im vierten Teil werde ich dann zunächst die Situation rund um den Bau der OCP Pipeline schildern. Dabei werde ich auf die verschiedenen Protestebenen eingehen. Danach werde ich die Entstehung der Acción por la Vida nachzeichnen. Schließlich werde ich die oben benannten Faktoren auf den Fall Mindo übertragen. Dabei werde ich mich auf die Proteste der ApV in Ecuador und deren Darstellung in Deutschland beziehen.
2. Nichtregierungsorganisationen
In diesem Abschnitt geht es darum, den Akteur meiner Fallstudie einzuordnen. Dazu werde ich einen Überblick über einen Typ von Organisationen geben, der mit dem Begriff Nichtregierungsorganisation bezeichnet wird.
NGOs sind mittlerweile zum Thema einer eigenen Forschungsrichtung geworden. Das Ziel meiner Ausführungen ist es nicht, die Ergebnisse dieser Forschungsrichtung im Detail wiederzugeben, da dies über das Ziel dieser Arbeit hinausgehen würde. Ich werde vielmehr darstellen, welche verschiedenen NGO-Formen es gibt, welche Unterschiede sie aufzeigen, aber auch welche Gemeinsamkeiten sie besitzen. Diese vergleichende Darstellung erfolgt anhand der Sphären: Ursprünge, Handlungsfelder, räumliche Dimension, geographische Verortung und Handlungsformen. Am Ende des Kapitels werde ich Gemeinsamkeiten herausstellen. Damit werde ich die Voraussetzungen einer Einordnung der Acción por la Vida im letzten Teil meiner Arbeit schaffen.
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2.1. Ursprünge der NGOs - Zwei Entwicklungsstränge
NGOs sind auf den verschiedensten Ebenen des gesellschaftlichen und politischen Lebens aktiv. Dabei ist das Handlungsumfeld einer NGO ein erstes Unterscheidungsmerkmal. Die Unterschiede in diesem Bereich gründen unter anderem auf zwei unterschiedlichen Entwicklungslinien heutiger NGOs.
Ein bedeutender Strang der NGO-Tätigkeiten entwickelte sich im Umfeld der Vereinten Nationen (VN). (vgl. Heins, 2002, S.73) Im Artikel 71 der Charta der Vereinten Nationen wurde bereits sehr früh die Konsultation von NGOs zu bestimmten Themen in Rahmen des Wirtschafts- und Sozialausschusses (Economic and Social Council, ECOSOC) ermöglicht. Dabei wurde ein sehr allgemeines NGO-Konzept angewandt, welches sämtliche nicht-staatlichen Gruppen umfasste. 1 Innerhalb dieses institutionellen Rahmens 2 entwickelten sich NGOs, die einen gewissen Einfluss auf Entscheidungen innerhalb des VN-Systems gewinnen konnten. Spätestens mit der Gründung eines neuen NGO Typs - für den beispielsweise Amnesty International (1961) und der World Wildlife Fund (WWF, 1961) stehen - setzte dann ein NGO Boom ein, der die Anzahl sowohl VN-akkreditierter NGOs als auch die Anzahl der NGOs, die nicht direkt mit den VN in Verbindung stehen, nahezu explodieren ließ. (vgl. Roth, Teil 2, Absatz 2f)
Neben diesem Entwicklungsstrang internationaler NGOs im Umfeld globaler Politiknetzwerke führten gesellschaftliche Veränderungen zu einem weiteren Schub in der Entstehung von NGOs. So kam es - insbesondere in den "westlichen" Staaten - in den Siebziger/Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu einer „partizipatorischen Revolution“ (vgl. Leggewie, 2003, S. 93; Heins, 2002, S.43) in deren Folge „vermittelt über Wertewandel und höheres Bildungsniveau [..] das Bedürfnis [wuchs], die Angelegenheiten des eigenen Lebens «in die eigenen Hände zu nehmen» und sich dazu «unkonventionell», das heißt: außerhalb der üblichen Institutionen (Parteien, Parlamente, Interessengruppen) zu betätigen, nämlich in Bürgerinitiativen, Selbsthilfegruppen und Demonstrationen.“ (Leggewie, 2003, S. 93f, Hervorhebungen im Original) Es kam also zu einer Auseinander-Entwicklung innerhalb der Gesellschaft von aktiver politischer Teilnahme und intellektuell-emotionaler Anteilnahme. (vgl. Heins, 2002, S.43) Dabei
1 Also auch Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften etc.
2 Welcher im Laufe der Zeit verschiedenen Veränderungen unterworfen war. (vgl. Teil 2.3).
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fühlten sich die Menschen vermehrt auch von Ereignissen betroffen, welche nicht im direkten Umfeld vonstatten gingen, und waren häufig „[…] von einer (durch globale Kommunikationsräume inspirierte[n]) Fernstensolidarität motiviert.“ (Leggewie, 2003, S.94f) Diese - für traditionelle gesellschaftliche Organisationen (Parteien etc.) problematische -Entwicklung konnten sich viele NGOs zunutze machen, da deren Hauptklientel im Gegensatz zu traditionalen Gruppen nicht aus Mitgliedern bestand. Vielmehr lag (und liegt) ihre primäre Aufgabe darin, Beziehungsketten zwischen den Opfern einer Entwicklung und einem „geistesverwandten Publikum von Nichtmitgliedern“ herzustellen. (Heins, 2002, S.43)
2.2. Handlungsfelder
Gemeinsam ist allen NGOs, also sowohl jenen, die in das VN-Umfeld integriert sind, als auch jenen, die sich in anderen gesellschaftlichen Sphären bewegen, dass ihnen generell eine Position zwischen Staat und Markt, also zwischen politischen und ökonomischen Akteuren nachgesagt wird. (vgl. Kohout/Mayer-Tasch, 2002, S.16) Ihnen wird dabei zugesprochen, dass sie verdrängte oder neue Themen auf die politische Tagesordnung bringen. (vgl. Klein, 2002, S.3) NGOs agieren dabei häufig in Form eines „advokatorischen Stellvertreterhandeln[s]“ (Leggewie, 2003, S.93), indem sie von Staat und Markt vernachlässigte Themenbereiche und Interessen vertreten. Dies führte dazu, dass NGOs insbesondere in jenen Feldern aktiv sind, welche von Staat und Markt nur unzureichend beachtet werden. Heute kann man ein so genanntes „goldene[s] Sechseck der NGO-Tätigkeit“ (Leggewie, 2003, S.96) benennen, welches die Handlungsfelder: Globale Entwicklung, Umweltschutz, Menschenrechte, Gleichstellung der Geschlechter, Soziale Gerechtigkeit und Demokratie umfasst. (vgl. ebda)
2.3. Räumliche Dimension
Ein weiterer Unterscheidungsaspekt verschiedener NGOs ist die Frage der räumlichen Dimension ihrer Strukturen und Aktivitäten.
Das allgemein verbreitete Verständnis von NGOs beinhaltet den Aspekt einer globalen Ausrichtung dieser, sowohl hinsichtlich ihrer Handlungsfelder als auch ihrer organisatorischen Strukturen. Dieser „Hauptstrom“ des NGO Verständnisses (vgl. Roth, Teil 1b, Absatz 2) zielt in erster Linie auf die im VN-Umfeld angesiedelten NGOs ab. So hatten bis zum Jahre 1996 nur solche NGOs Zugang zum ECOSOC, die explizit inter- bzw. transnational organisiert waren (vgl. ebda), wobei „jede internationale Organisation, die nicht durch ein zwischenstaatliches Abkommen zustande kommt, [..] als nichtstaatliche Organisation im Sinne dieser Vereinba-
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rungen betrachtet werden [soll].“ (ECOSOC Resolution 288 (x) vom 27.02.1950, zitiert nach: Union of International Associations, Teil 3, Para1) Der Begriff „international“ wurde dabei nicht weiter erläutert. Im Jahre 1950 und 1953 billigte der ECOSOC jedoch Kriterien für internationale Organisationen, die von der "Union of International Associations" aufgestellt wurden, um seinerzeit das "Yearbook of International Organizations" herauszubringen. (vgl. Union of International Associations) Die in diesem Buch angelegten Kriterien stellen auch heute noch die Grundlage des weit verbreiteten NGO-Verständnisses dar. Grundlegend für die Anerkennung einer NGO als "international" ist dabei deren Ausrichtung auf mindestens drei oder mehr Länder, wobei diese Ausrichtung anhand der Ziele, der Mitglieder, der Finanzen, der Aktivitäten usw. überprüft wird. (vgl. ebda)
Neben diesem breiten Verständnis unterscheidet man nationale, bzw. lokale NGOs. Hierbei handelt es sich häufig um Gruppen, deren Tätigkeitsbereich auf ein bestimmtes geographisches Gebiet begrenzt ist. Diese Gruppen entstehen häufig aus einem konkreten Anlass vor Ort. In diesem Bereich des Lokalen, kommt es häufig zu Überschneidungen zwischen der Bildung von NGOs und sozialen Bewegungen. Der entscheidende Aspekt ist jedoch, dass sich mittlerweile auch „[…] ausschließlich lokal operierende Gruppen über die globale Dimension und den «glokalen» Kontext ihres Tuns im klaren sind.“ (Leggewie, 2003, S. 95, Hervorhebungen im Original) Ebenso ist es möglich, dass sich lokale NGOs global ausbreiten, und damit zu internationalen NGOs werden. Eine besondere Bedeutung kommt den lokalen NGOs im Nord-Süd Verhältnis der NGOs untereinander zu.
2.4. Nord-Süd Verhältnis
Insbesondere NGOs aus den südlichen Ländern werden häufig mit dem Begriff "Graswurzelorganisation" bezeichnet. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass es sich bei diesen häufig um kleinere, lokale Gruppen handelt. Meist werden die südlichen NGOs dabei als Umsetzungsgehilfen großer Nord-NGOs vor Ort beschrieben, die einen im Vergleich zu Nord-NGOs, größeren Einfluss auf lokale Entwicklungen zeitigen können. Dadurch gewinnen südliche NGOs ihre Legitimation, die von großen NGOs des Nordens initiierten Projekte etc. auf lokaler Ebene umzusetzen. Sie werden als Folge eines Demokratisierungsprozesses in den südlichen Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens angesehen, welche zu einem so genannten „Empowerment“ der lokalen Bevölkerungen beitragen. (vgl. Heins, 2002, S.152) Empowerment bezeichnet dabei die Verbesserung der Selbstorganisation und
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Kommunikationsfähigkeit systematisch benachteiligter Gruppen.
In diesem Verständnis südlicher NGOs spiegeln sich die verschiedensten globalen Machtverhältnisse wider, was in manchen Fällen zu Abwehrverhalten Betroffener in Entwicklungsländern führt. Auch spiegeln sich weltpolitische und weltökonomische Machtverhältnisse im Verhältnis der NGOs unterschiedlicher Hemisphären wider. (vgl. Heins, 2002, S.91; Klein, 2002, S.4) Eine Ursache für diese Asymmetrie der NGOs untereinander bildet die „[…] ungleich bessere Ressourcenausstattung der NGOs des Nordens gegenüber denen des Südens (Geld, Macht, qualifiziertes Personal) […].“ (Klein, 2002, S.4) Die Teilnahme an Veranstaltungen und Verhandlungen der VN sind beispielsweise nur durch die Aufbringung enormer finanzieller Ressourcen dauerhaft möglich, weshalb Süd-NGOs in diesem Umfeld nur selten anzutreffen sind. Diese Ungleichverteilung ökonomischer Ressourcen kann als Grundlage und strukturierendes Element der Dominanz nördlicher NGOs im Verhältnis Nord-Süd angesehen werden (vgl. Walk/Brunnengräber, 2000, S.142), die sich „[…] auch auf die Auswahl und Deutung der Themen von NGOs [bezieht]: So betonen NGOs des Nordens beispielsweise die zivilen und politischen Menschenrechte, während NGOs des Südens die Bedeutung sozialer Menschenrechte hervorheben.“ (Klein, 2002, S.4)
All diesen Problemen und Restriktionen zum Trotz, glaube ich, dass sich die Rolle und das Selbstverständnis vieler Süd-NGOs gewandelt hat, und wohl auch noch im Wandel begriffen ist. Darauf werde ich am Beispiel der Acción por la Vida im vierten Teil dieser Arbeit eingehen.
2.5. Erscheinungsformen von NGOs
Auch in der Form ihres Auftretens lassen sich NGOs voneinander abgrenzen. Sie können dabei sowohl als pragmatischer Unterstützer als auch in offener Konfrontation beispielsweise zu den politischen Akteuren in internationalen oder lokalen Gremien in Erscheinung treten.
2.5.1. NGOs als Experten
Viele Themenbereiche internationaler Politik sind mit dem Fortschreiten der Informations- und Wissensgesellschaft immer umfangreicher und vielfältiger geworden. Dadurch wurde es den politischen Entscheidungsträgern nahezu unmöglich, selbständig für eine vollständige Informationsbasis zu sorgen. Diese Informationslücke haben die verschiedensten, auf unterschiedlichste Gebiete spezialisierten NGOs mit eigenen Expertisen, Forschungsarbeiten etc. zu schließen gesucht. Häufig stellen Experten-NGOs Gegenexpertisen aus ökologischer- oder menschenrechtlicher Perspektive gegen verbreitete ökonomielastige Ansichten zur Verfügung.
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Das Ziel dieser Vorgehensweise liegt in der Regel in der Beeinflussung staatlicher und nichtstaatlicher Entscheidungen (vgl. Leggewie, 2003, S.98). Entscheidend für die fachliche- und damit auch die politische Anerkennung der Experten-NGOs ist die Frage, inwieweit diese in der Lage sind, wissenschaftliche Standards gegen "nackte" Interessenpolitik hochzuhalten. (vgl. Roth, Teil 4, Absatz 3, Para2) Eine Instrumentalisierung vermeintlich wissenschaftlicher Ergebnisse führt nahezu unweigerlich zu einem Bedeutungsverlust einer Experten-NGO.
2.5.2. NGOs als Lobbyisten
Auch die Rolle der NGOs als Lobbyisten mit Einflussnahme auf politische Entscheidungsträger, ist in erster Linie im Umfeld der internationalen Politik anzutreffen. Eine solche Einflussnahme kann formell erfolgen, etwa durch Beiträge oder Positionspapiere von NGOs auf Konferenzen. Sie kann aber auch - und das in häufig effektiverem Maße - informell, also durch persönliche Kontakte von NGO-Vertretern mit Entscheidungsträgern außerhalb der offiziellen Politikarenen erfolgen. (vgl. ebda) Auch und gerade hier sind es große Nord-NGOs, die über ausreichende Ressourcen für eine erfolgreiche Lobbyarbeit verfügen.
Der Unterschied von NGOs zu traditionellen Lobbygruppen liegt darin, dass sie „[…] keine Interessengruppen im herkömmlichen Sinne darstellen, weil sie in erster Linie Allgemeininteressen wahrnehmen, […].“ (Kohout/Mayer-Tasch, 2002, S.18) Sie übernehmen dabei häufig die Rolle eines Advokaten, eines Repräsentanten nicht-artikulierter, unterrepräsentierter Interessen und Gruppen. (vgl. Leggewie, 2003, S.98)
2.5.3. NGOs als Moralisten
Dieses „advokatorische Stellvertreterhandeln“ (Leggewie, 2003, S.93) ist auch solchen NGOs eigen, die man mit dem Bergriff Moralisten am besten beschreiben kann. (vgl. Kohout/Mayer-Tasch, 2002, S.19f) Solche Gruppen sehen sich häufig als "ökologisches Weltgewissen", weshalb auch Regelverletzungen und ziviler Ungehorsam als erlaubte Aktionsmittel gelten. Eine beispielhafte Organisation dieses Typs stellt Greenpeace dar.
Den entscheidenden Erfolgsfaktor dieser Gruppen stellt die (möglichst weltweite) mediale Vermittlung der eigenen Aktionen dar, ohne die diese erfolglos blieben. Um eine mediale Vermittlung erreichen zu können, werden symbolische Aktionen und Bilder zur entscheidenden Handlungsform dieser Gruppen. Ziel ist es, öffentlichen Druck auf "gebranntmarkte Sünden" zu erzeugen, und dadurch politischen Druck zu provozieren. Als idealtypisches Beispiel für diese Form des Vorgehens einer NGO wird häufig die Greenpeace Kampagne gegen die Versenkung
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der Ölbohrinsel "Brent Spar" durch das britische Unternehmen Shell im Jahre 1995 genannt.
2.5.4. NGOs als Glokalisten
Da gerade in den großen Themenfeldern der NGOs anfallende Probleme und Thematiken oftmals von globaler Bedeutung sind, aber mit lokalen Ursachen und Auswirkungen auftreten, müssen NGOs diese Ebenen miteinander verbinden können. Beispiele für diese Problematik gibt es zu genüge, an dieser Stelle sei beispielhaft auf die Frage der Abholzung tropischer Regenwälder hingewiesen. Diese stellt aus globaler Sicht eine Bedrohung künftiger Generationen dar, bildet aber auf lokaler Ebene möglicherweise die einzige Einkommensquelle der örtlichen Bevölkerung. Das Spannungsfeld zwischen global und lokal bildet einen Hauptpfeiler dieser Arbeit, und ich werde darauf anhand der Fallstudie im letzten Teil näher eingehen. Des Weiteren agieren NGOs in Form investigativer Aufklärer, die zensierte oder unterbliebene Informationen verbreiten. Sie können aber auch als Wächter, die staatliche oder nicht-staatliche Verfehlungen anprangern und skandalisieren, oder aber als Wettbewerber, die nicht- oder unvollkommen vorhandene Dienstleistungen anbieten, auftreten. (vgl. Leggewie, S.98)
2.6. Was also sind NGOs?
Trotz der bislang aufgezeigten Vielfalt innerhalb der NGO-Welt halte ich es für legitim, von einer Gruppe der NGOs zu reden. Grundlage dieser Behauptung ist die Tatsache, dass es trotz aller Unterschiede durchaus einige Merkmale gibt, die den meisten dieser Organisationen zugeschrieben werden können.
So zeitigen nahezu alle NGO-Mitglieder eine grundsätzlich humanitäre Einstellung, d.h. sie sind durch weitgehend humanitäre Wertgrundlagen bestimmt. (vgl. Leggewie, 2003, S.94) NGOs verfolgen meist altruistische Zielsetzungen und sind durch die Freiwilligkeit der Teilnahme ihrer Mitglieder gekennzeichnet. (vgl. ebda)
Des Weiteren ist eine grundsätzliche Eigenschaft aller bislang genannten Organisationen deren Abhängigkeit von Spenden oder Mitgliedsbeiträgen zur Finanzierung ihrer Arbeit. (vgl. Leggewie, 2003, S.94) Zwar werden insbesondere westliche NGOs heute auch zu einem durchaus beträchtlichen Teil durch staatliche Finanzen unterstützt, 3 nichtsdestotrotz sind und bleiben Spenden eine Grundlage des Handelns dieser Organisationen. (vgl. Eberlei, 2002, S.25) Dieser
3 Eine kritisch beäugte Tatsache, kann dadurch doch eine ungewollte Abhängigkeit einer NGO u.U. befördert werden. (vgl. Heins, 2002, S.72f)
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Punkt bekommt im Nord-Süd Verhältnis einen speziellen Charakter. Süd-NGOs sind nicht oder nur begrenzt in der Lage, Spendengelder in den eigenen Gesellschaften zu akquirieren, weshalb sie insbesondere in finanzieller Hinsicht von Nord-NGOs abhängig sind. In den letzten Jahren ist darüber hinaus eine Tendenz hin zur Professionalisierung und Kommerzialisierung zu erkennen. (vgl. Leggewie, 2003, S.94) Die Professionalisierung der NGOs ergibt sich unter Anderem aus deren Funktion als Experten, ist aber darüber hinaus auch der generellen Entwicklung hin zur Wissens- und Informationsgesellschaft geschuldet. Bloße Kampagnen reichen zur Mobilisierung und Beeinflussung der Menschen und Entscheidungsträger nicht mehr aus, (quasi) wissenschaftliche Legitimation ist fast schon zum Standard geworden. Auch die Kommerzialisierung ist gesellschaftlichen Tendenzen geschuldet. So erfordert die Medienentwicklung eine publikumsgerechte Darstellung des eigenen Ziels. Selbst lokale Gruppen müssen sich Professionalisieren und Kommerzialisieren, um Gehör zu finden. Ebenso charakteristisch für viele NGOs ist deren "Globalisierung". Die von NGOs bearbeiteten Themen bergen in sich bereits einen globalen Kern; Umweltschutz, Menschenrechte etc. sind Bereiche, die nicht an nationalstaatlichen Grenzen halt machen. Dadurch wurde bereits früh die internationale Zusammenarbeit der verschiedensten Gruppen - zunächst innerhalb des jeweils gleichen Themenfeldes - gefördert. Die Interkonnektivität der verschiedenen Themenbereiche führte darüber hinaus auch zu sachübergreifender Zusammenarbeit, „[…] deren gemeinsames Dach [..] die Forderung nach «nachhaltiger Entwicklung» [ist]. (Leggewie, 2003, S.96, Hervorhebung im Original) Kommunikationstechnische Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten trugen ebenso ihren Teil zur Globalisierung der NGOs bei (vgl. Heins, 2002, S.63), wobei das Internet einen besonderen Stellenwert einnimmt, dient es doch vielen NGOs als effektives Instrument zur weltweiten Vernetzung untereinander. (vgl. Heins, 2002, S.140ff) 4 Insbesondere Gruppen, denen der Zugang zu den Massenmedien (TV, Printmedien etc.) aus welchem Grund auch immer nicht möglich ist, kann das Internet als Instrument zur Herstellung von Öffentlichkeit dienen.
Schließlich bestehen Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen Organisationen in zwei ganz entscheidenden Punkten: Zunächst einmal besteht eine besondere Leistung der NGOs „[…] in der Herstellung mittel- und langfristiger Solidarität, insbesondere von «Fernstenliebe», einer
4 Zur Bedeutung des Internets vgl. ebda.
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Torsten Fritz, 2005, Globalisierung lokal? Beeinflussen globale Prozesse lokale Handlungszusammenhänge auch in Gesellschaften in so genannten Entwicklungsländern? Eine Untersuchung anhand einer Fallstudie des Protestes gegen einen Pipelinebau in dem Dorf Mindo, Ecuador, München, GRIN Verlag GmbH
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