Inhaltsverzeichnis
1. Einführung. 3
2. Ökologische Ansätze und ihre Grenzen 4
2.1. Datenerhebungen der ökologischen Analysen. 4
2.2. Theorieentwicklung auf der Basis ökologischer Analysen. 5
2.2.1. Der Desorganisationsansatz von SHAW und MCKAY 5
2.2.2. Der defensible space Ansatz von NEWMANN. 9
2.2.3. Die broken window Theorie von WILSON und KELLING. 12
3. Zusammenfassung der Grenzen und Möglichkeiten ökologischer Theorien 16
4. Anwendbarkeit von ökologischen Kriminalitätstheorien. - Entwicklung von
Präventionsstrategien. 18
4.1. Präventive Stadtplanung nach dem defensible space Ansatz 18
4.2. Zero Tolerance Strategie 19
5. Votum. 24
6. Literaturverzeichnis. 27
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1. Einführung
Aus den aktuellen Entwicklungen der sicherheitspolitischen Kriminalitätsprävention geht hervor, dass sich die kriminologische Forschung zunehmend wieder mit dem Einfluss der Wohnumwelt auf die Kriminalitätsentwicklung beschäftigt. Im Hinblick auf die Eindämmung der Jugendkriminalität wird der Stadtplanung dabei eine präventive Rolle zugeschrieben.
Die vorliegende Arbeit befasst sich aus diesem Anlass mit ökologischen Ansätzen, die zur Erklärung von erhöhtem Kriminalitätsaufkommen in bestimmten Stadtteilen und -vierteln herangezogen werden können, sowie mit Präventionsstrategien, die als Reaktion auf solche Ansätze entwickelt wurden.
Überprüft werden soll die These, dass die Struktur des Raumes als Begründung für abweichendes Verhalten (Delinquenz) bei Jugendlichen nicht ausreichend ist. Dabei soll analysiert werden, welche Reichweite die ökologischen Ansätze für die Erklärung der (Jugend-) Kriminalität haben und wie erfolgreich demnach Präventionsstrategien (wie z.B. die „Zero- Tolerance“ Strategie)sein können, die sich ausschließlich auf die Erkenntnisse der ökologischen Kriminalitätstheorien stützen.
Dafür sollen ökologische Kriminalitätstheorien wie der Desorganisationsansatz von SHAW und MCKAY, die broken window Theorie von WILSON und KELLING und der defensible space Ansatz von NEWMANN zunächst vorgestellt werden. Dies impliziert eine Betrachtung der ihnen vorangegangenen Untersuchungen und der Daten auf denen ihre Annahmen beruhen, sowie ihrer Grenzen. Neben ihren Begrenzungen sollen ihre durchaus anwendbaren Erkenntnisse und Anstöße für die Kriminalitätsprävention Beachtung finden. Diskutiert wird darüber hinaus eine mögliche Erweiterung dieser Ansätze. Im Anschluss daran sollen zwei Präventionsstrategien vorgestellt werden, die exemplarisch für die aus den ökologischen Ansätzen hervorgegangenen Präventionsmaßnahmen stehen. Abschließend erfolgt die Auswertung der Möglichkeiten und eventuellen Ergänzungen dieser Konzepte.
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2. Ökologische Ansätze und ihre Grenzen
2.1. Datenerhebungen der ökologischen Analysen
Die Annahme, dass räumliche Strukturen die sozialen Verhaltensweisen der Menschen beeinflussen, wurde durch Untersuchungen begründet. Zu klären ist, was ökologische Ansätze untersuchen und woher sie ihre Daten beziehen.
Die Ermittlung von Daten erfolgt über ökologische Analysen. Diese beschreiben die geographische Verteilung abweichenden Verhaltens in Gebieten, oder sie versuchen zu erklären, warum sich abweichendes Verhalten in bestimmter Weise auf die Gebiete verteilt (KAISER: 226). Es lassen sich einerseits deskriptive andererseits erklärende ökologische Analysen unterscheiden. Ist der ökologische Aspekt der Untersuchungen deskriptiv, so hat er keine direkte Auswirkung auf das Verhalten der agierenden Menschen. Die ökologischen Daten charakterisieren demnach nur den typischen Aufenthaltsort einer kriminalitätsgeneigten sozialen Gruppe, sind aber nicht selbst die Ursache für die höhere Kriminalitätsneigung dieser Person (HERMANN: 98). Die erklärenden ökologischen Analysen hingegen unterstellen einen direkten Einfluss der Raumstruktur auf das menschliche Verhalten. Dieser soziologische Ansatz, der auf der Erhebung von geographischen (ökologischen) Daten basiert, wird in der Kriminologie auch als Kriminalgeographie oder Kriminalökologie bezeichnet. Er stellt bis heute keine eigene Theorie dar (KAISER: 226). Kriminalgeographie befasst sich mit den Zusammenhängen zwischen Wohnumwelt und Kriminalität. Sie ist einerseits eine Art Kriminalitätsverteilungslehre, da diesbezüglich Karten erstellt werden, in denen die Kriminalitätsdichte der unterschiedlichen Stadtteile verzeichnet wird. Andererseits wird sie auch zur Ursachenforschung herangezogen, wenn die Stadtteile mit hoher Kriminalitätsrate auf strukturelle Schwächen hin untersucht werden. Je nach Schwerpunkt unterscheidet man daher zwischen kriminalistischer und kriminologischer Kriminalgeographie. Die Kriminalistik ist an der Art und Anzahl der örtlich und zeitlich anfallenden Kriminalität in einen spezifischen Raum interessiert, während die Kriminologie die für abweichendes Verhalten ursächlichen Faktoren innerhalb dieses Raumes untersucht (SCHWIND 2005: 300). Die innerstädtische Delinquenzverteilung wird aus unterschiedlichen Perspektiven analysiert. Zum einen kann die Verteilung der Täterwohnsitze mit den sozialen Bedingungen der Stadtviertel in Beziehung gesetzt werden, um Faktoren einer erhöhten Delinquenzneigung der Bewohner zu klären.
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Zum anderen werden die Verteilungen der Tatorte mit verschiedenen Faktoren korreliert, um die sozialräumlichen, geographischen und physischen Eigenschaften der Stadtviertel zu identifizieren, die zu einer besonderen Belastung mit delinquenten Handlungen führen (O-BERWITTLER: 124).
Alle folgenden theoretischen Ansätze haben gemein, dass sie sich mit ihren Annahmen auf ökologische Daten, d.h. Daten über Stadtbezirke oder andere Gebietseinheiten stützen. Die Besonderheit dieser Daten ist, dass sie sich auf Regionen, Gemeinden, Städte und Stadtviertel beziehen, also auf den gesellschaftlichen Kontext, in dem Kriminalität auftritt, und nicht auf die Person des Täters (KAISER: 227).
2.2. Theorieentwicklung auf der Basis ökologischer Analysen
Im Folgenden soll gezeigt werden, welche Erkenntnisse aus den erhobenen ökologischen Daten gezogen und wie diese interpretiert wurden. Dabei soll zunächst betrachtet werden, wie sich die Situation der Städte laut den gemachten Untersuchungen darstellt. Diese Situationsanalyse ist die Grundlage, auf der theoretische Überlegungen gemacht wurden. Es ist daher festzustellen, wie die gewonnenen Erkenntnisse erklärt werden und wo Grenzen dieser Erklärungsansätze liegen. Die Theorien sind chronologisch angeordnet.
2.2.1. Der Desorganisationsansatz von SHAW und MCKAY
Die ersten groß angelegten kriminalgeographischen Untersuchungen gehen auf die Chicago School 1 insbesondere auf SHAW und MCKAY
zurück. Der Desorganisationsansatz bildet den Ursprung der ökologischen Ansätze. Es ist daher sinnvoll sich zu Beginn damit zu beschäftigen, wie dieser erste ökologische Ansatz entstanden ist und was er zu erklären versucht.
Im Jahre 1929 wurde in Chicago festgestellt, dass sich Delinquenz und Kriminalität auf solche Stadtteile konzentrierten, die von baulichem Verfall, weit verbreiteter Armut, hohem Ausländeranteil und einer Vermischung von Wohngebieten mit Industrie- und Gewerbegebieten gekennzeichnet waren.
1 Chicago School: von A.W. Small (1854-1926), W.I. Thomas (1863-1947), R.E. Park (1864-1944) und E.W.
Burgess (1886-1966) begründete Theorieschule, die in den 1920er und 30er Jahren aus der Soziologie-Fakultät der Universität Chicago hervorging. Als ihre Hauptleistung gilt die fruchtbare Verbindung von sozio- Theoriebildung und systematischer empirischer Sozialforschung (STIMMER:120)
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Charakteristisch für diese Gebiete war ebenfalls eine hohe Mobilität der Bewohner. Das heißt, Familien verließen die Gegend, sobald sie konnten (HERMANN: 96). Außerdem wurde festgestellt, dass die Raten abweichenden Verhaltens in einem Gebiet umso höher waren, je näher es zum Stadtzentrum lag (KAISER: 228). Insbesondere im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts fanden die sozial schwachen Bewohner Chicagos nur in den heruntergekommenen Stadtteilen des Zentrums eine Bleibe (HERMANN: 97). SHAW und MC-KAY orientierten sich an der Theorie von BURGESS, der davon ausging, dass das Stadtwachstum von konzentrischen Zonen gekennzeichnet ist (KAISER: 228) und gliederten die Stadt in folgende Zonen:
• Zentraler Geschäftsbereich.
• Übergangszone rund um den zentralen Bereich, die von innen her verändert wird.
• Arbeiterviertel, die von Personen bewohnt werden, die sich aus der Übergangszone wegen deren Niedergangserscheinungen abgesetzt haben.
• Wohnviertel der gehobenen sozialen Schichten mit gut ausgestatteten Mietsbzw. Einfamilienhäusern.
• Pendlergebiete am Rande oder in der Nähe der Stadt.
Innerhalb dieser Zonen nahmen die Kriminalitätszahlen ab, und zwar umgekehrt proportional zur Entfernung vom Stadtzentrum, was als Zonentheorie beschrieben wird (SCHWIND 2005: 131).
Aufgrund ihrer Untersuchungsergebnisse gingen SHAW und MCKAY von der Existenz so genannter „delinquency areas“ aus. Dies seien baulich heruntergekommene Stadtteile, die sozial negativ auffällig seien (SCHWIND 2001: 25). In ihnen verortete SHAW die höchste Anzahl der Wohnsitze seiner jugendlichen Probanden - Jugendliche, die von der Polizei oder den Gerichten als Schulschwänzer oder Rechtsbrecher registriert worden waren (SCHWIND 2005: 129). Er versuchte zu erklären, warum die Delinquenzrate gerade in diesen Gebieten überdurchschnittlich stark anstieg. Der Desorganisationsansatz geht von der These aus, dass sich kriminelle Systeme nach Maßgabe der sozialen Strukturen und Situationen organisieren und integrieren (KAISER: 275). Das heißt, die äußeren Rahmenbedingungen für kriminelle Strukturen wurden als ökologisch vorgegeben angesehen.
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Es wurde angenommen, dass der Raum selbst Kriminalität hervorbringen würde. Dies wurde damit begründet, dass sich Kriminalitätsbelastungsziffern auch dann nicht änderten, wenn sich die ethnische Zusammensetzung der Bewohner veränderte (SCHWIND 2005: 130).
Der Ansatz versucht „natural areas“ der Delinquenz auszumachen, also Gebiete, in denen sich soziale Systeme mit eigener Ordnung etablieren, die als Resultat der Anpassungs- und Überlebensleistung (innerhalb eines Raumes) von Menschen interpretiert wurden (KAI-SER: 275). SHAW ging davon aus, dass sich diese „natural areas“ weitgehend mit den „delinquency areas“ deckten. Er definierte diese als Gebiete, die im Verlauf des natürlichen Städtewachstums (vgl. Zonentheorie) entstanden seien und die sich von ihrer Umgebung durch besondere geographische, soziale und kulturelle Spezifica abgrenzten (SCHWIND 2005: 130). Es wurde darüber hinaus angenommen, dass diese Gebiete Kriminelle anzögen, da Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Einkommen in diese abgedrängt würden. Die erhöhte Delinquenz wurde mit dem Zerfall der sozialen Strukturen erklärt, der die Auflösung der gesellschaftlichen Bindung und schließlich die Abnahme des Widerstandes gegen kriminelles Verhalten zur Folge habe (SCHWIND 2005: 130-131). SHAW und MCKAY zielten bei der Erklärung der Jugendkriminalität auf die kollektiven Eigenschaften der Stadtviertel, nicht auf die individuellen Eigenschaften der jugendlichen Bewohner ab (OBERWITTLER 2001: 136). Demnach gibt es Gebiete die bestimmte strukturelle Merkmale aufweisen, die sich dann wieder in der sozialen Struktur der Bevölkerung niederschlagen (soziale Desorganisation).Näher betrachtet, wird daher deutlich, dass es nicht der Raum an sich ist, der Kriminalität produziert. Es sind vielmehr die sozialen Bedingungen bzw. Benachteiligungen, die sich auf diesen Raum konzentrieren. Als soziale Desorganisation wird das Vorherrschen krimineller Werte gegenüber konventionellen Werten in diesen Gebieten bezeichnet. Dies wird durch einen sozialstrukturell bedingten, besseren Zugang zu illegitimen Mitteln und durch die Übertragung der kriminellen Werte auf die „peer-group“ erklärt 2 (HERMANN: 97). Dort herrscht eine höhere Gefahr der so genannten kriminellen Ansteckung, d.h. Delinquenz setzt sich unter gleichaltrigen Jugendlichen durch. Diese These ist zentral für die Subkultur- und Lerntheorien, die später als eigenständige Kriminalitätstheorien neben dem Desorganisationsansatz stehen. SHAW vermutete die Existenz von beständigen Faktoren, die Jugendliche immer wieder zu kriminellen Handlungen verleiten (SCHWIND 2005: 130).
2 Die Übertragung von delinquenten Orientierungen innerhalb der peer-group im Stadtvietel wird später zent- Aspekt der Subkulturtheorie (OBERWITTLER 2001:129).
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Arbeit zitieren:
Sandra Schmechel, 2006, Raumstruktur und Kriminalität - Eine Analyse ausgewählter ökologischer Kriminalitätstheorien und Präventionsmaßnahmen, München, GRIN Verlag GmbH
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