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Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 1
II. Zum Persönlichkeitsprofil des Egmont 2
II.1. „Hoch Dem großen Egmont hoch “
Egmont als Volksheld zwischen Schein und Sein 2
II.2. Egmont der Politiker 4
II.2.1. Die politischen Vorstellungswelt Egmonts 5
II.2.2. „er schadet uns und nützt sich nicht“ zum politischen Handeln Egmonts 8
II.3. „Nein, Klärchen, das bin ich nicht “ Egmont als Privatmann? 11
III. Egmont und Goethes Vorstellung vom „Dämonischen“ 13
IV. Zusammenfassung 15
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I. Einleitung
„Hier ist keine hervorstechende Begebenheit, keine vorwaltende Leidenschaft, keine Verwickelung, kein dramatischer P lan, nic hts von dem allem; - eine bloße Aneinanderreihung mehrerer einzelner Handlungen und Gemälde, d ie beinahe durch nichts als den Charakter zusammengehalten werden, der an allem Anteil nimmt, und auf den sich alle beziehen. Die Einheit des Stückes liegt also weder in den Situationen noch in irgend einer Leidenschaft, sondern s ie liegt in dem Menschen." 1
Diese kritischen Worte Schillers (1759-1805) zielen ins Zentrum jenes klassischen 2 Dramas, dessen Titel bezeichnenderweise mit dem seines Protagonisten identisch ist: „Egmont“. Von Goethe (1749-1832) bereits 1757 begonnen, jedoch erst 1787, nach zwölfjähriger Arbeit während seiner Italienreise beendet, entführt das auf historischen Tatsachen basierende Stück den Leser in die Stadt Brüssel gegen Mitte des 16. Jahr-hunderts. Ebenso wie der restliche Teil der gegenüber der Reformation ursprünglich durchaus aufgeschlossenen Niederlande ist die Stadt von den Spaniern besetzt. Eine kleine Gruppe von Adeligen um den Grafen Egmont von Gaure (1522-1568) leistet allerdings Widerstand gegen die katholische Fremdherrschaft der Spanier. Die historische Figur des Egmont verliert dabei, ebenso wie die von Goethe erschaffene, letztlich ihr Leben.
Wie Schiller bereits bemerkte, ist die Figur des Egmont gleichsam verbindendes Element des durchweg in Prosa gehaltenen Stückes, wie Quelle eines dramatischen Konfliktes, an welchem der Titelheld letztlich selbst zugrunde geht. Weiterhin wird dem Drama und damit auch dessen Protagonisten Egmont häufig eine besondere Mehrdimensionalität bescheinigt, weshalb der Gehalt des Stückes, wie Goethe selbst meinte, sich „nicht auf einmal herauslesen läßt" 3 . Grund genug also, dem Charakter Egmonts besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Hierfür sollen in Folgenden Egmonts Persönlichkeitszüge, die Goethe anhand von Urteilen aus Egmonts Umgebung sowie durch Äußerungen und Handlungen des Protagonisten selbst deutlich macht, untersucht werden. Auch wenn sich die unterschiedlichen Persönlichkeitsdimensionen an einigen Textstellen überschneiden, werde ich versuchen, den Volkshelden Egmont (II.1.), den Politiker Egmont (II.2.) sowie Egmont in seiner Rolle als Privatperson (II.3.) getrennt voneinander zu analysieren. In einem letz-
1 AusFriedrich Schillers anonymer Rezens ion des "Egmont", veröffentlicht in der "Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung" von September 1788, abgedruckt in: Wagener, H. (Hg.): Erläuterungen und Dokumente. Johann Wolfgang von Goethe. Egmont, Stuttgart 1985, S. 76-78, S. 77.
2 Obwohl das Stück auch Elemente des Sturm und Drang aufweist, zählt die moderne Forschung den „Egmont“ doch zur Weimarer Klassik, vgl. dazu u.a. Borchmeyer, D.: Weimarer Klassik. Portrait einer Epoche, Weinheim 1994.
3 Äußerung Goethes auf seiner Italienischen Reise am 3. November 1787, abgedruckt in: Goethe, J.W.: Johann Wolfgang von Goethe. Werke, Ko mmentare und Register. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, Bd. 4: Dramen II, hg. v. E. Trunz, 12., neubearb. U. erw. Aufl., München 1981, S. 618f., S. 618 (im Fol- genden wird diese Ausgabe abgekürzt durch HA, Bd. 4).
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ten Schritt sollen die dabei zu Tage getretenen Besonderheiten im Persönlichkeitsprofil des Egmont mit Hilfe der Goetheschen Vorstellung vom „Dämonischen“ geklärt werden (III.). Abschließende Aufgabe bleibt es dann die Ergebnisse in der Gesamtschau zusammenzufassen (IV.).
II. Zum Persönlichkeitsprofil des Egmont
II.1. „Hoch! Dem großen Egmont hoch!“ 4 - Egmont als Volksheld zwischen Schein und Sein
Gleich zu Beginn des ersten Aufzuges wird Egmont dem Leser aus der Sicht des Volkes vorgestellt. Anlässlich eines Armbrustschießens, das der Soldat Buyck gewinnt, kommt das Gespräch auf dessen Herren, den Grafen Egmont. Dieser sei ein vorzüglicher Lehrmeister, der mit „der Büchse trifft (…), wie keiner in der Welt“ 5 . Überhaupt, so Soest, sei „alle Welt dem Grafen Egmont so hold“ 6 , dass er von allen auf Händen getragen werde. Den Grund dafür liefert der Krämer - gleichsam als Kontrastbild zu Phillip II., der kein Herz für das Volk habe und die Niederländer nicht liebe - sofort: Egmont sei ein Herrscher, dem man seine Güte ansehe, dem „die Fröhlichkeit, das freie Leben, die gute Meinung aus den Augen sieht“ 7 . Egmont, so scheint es, wird vom Volk als besonderer, überaus charismatischer Mensch wahrgenommen, als gütiger Herrscher, der seinen Untertanen sehr nahe steht. Dieser Eindruck verstärkt sich, als Rysum und Buyck von ihren Erlebnissen in den Schlachten von St. Quintin und Gravelingen berichten. Besonders in letzterer habe Egmont auch als Feldherr ritterliche Größe bewiesen, denn waghalsig und in vorderster Linie kämpfend habe er sich ohne zu Zögern in das feindliche Feuer begeben, so dass ihm sogar sein „Pferd unter dem Leibe niedergeschossen“ 8 wurde. Doch was hier vom Volk als Beweis für Egmonts Größe und seine Fähigkeiten als Feldherr gesehen wird, stellt sich bei genauerer Betrachtung als allzu leichtsinnig heraus, denn nicht Egmont hat die zunächst unentschiedene 9 Schlacht gewonnen, sondern die Engländer, die mit ihren Schiffen „unter dem Admiral Malin von ungefähr von Dünkirchen her vorbeifuhren“ 10 . So war es eigentlich das Schicksal, welches Egmont begünstigte und die Schlacht bei Gravelingen entschied. Das Volk freilich stört dieser
4 HA, Bd. 4, S. 374, Z. 1.
5 Ebd., S. 371, Z. 23f.
6 Ebd., S. 372, Z. 34.
7 Ebd., Z. 35ff.
8 Ebd., S. 373, Z. 18.
9 Vgl. ebd., Z. 19: „(...) und wir stritten lange hinüber herüber (...)“.
10 Ebd., Z. 24f.
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Widerspruch nicht im Geringsten, es nimmt einzig den großen, ritterlich-tapferen Egmont war, dem allein es den Frieden zu verdanken habe. 11 So zeigt sich in dieser Szene, jenseits der eindimensionalen Egmont-Perzeption des Volkes, eine Doppelbödigkeit der Figur des Egmont, ein Widerspruch zwischen Schein und Sein in seinem Charakter, den bereits Schiller bemerkte: „In diesem Trauerspiel (…) wird ein Charakter (…) in nichts als sein Verdienst eingehüllt (…) In der Geschichte ist Egmont kein großer Charakter, er ist es auch in dem Trauerspiel nicht.“ 12 Dennoch lässt sich aus den Äußerungen der Bürger unschwer rekonstruieren, dass Egmont für sie ein Volksheld ist - obgleich der Graf diesen Status nicht eigenen, großartigen Leistungen, sondern vielmehr einer Art Nimbus zu verdanken hat. Und nicht nur aus den direkten Äußerungen der Bürger geht Egmont als Volksheld hervor, auch der politisch-kluge Machiavell bemerkt im Gespräch mit der Regentin Egmonts Beliebtheit: „Die Augen des Volkes sind alle nach ihm (d.h. nach dem Grafen Egmont, M.S.) gerichtet, und die Herzen hängen an ihm.“ 13 Noch aufschlussreicher dagegen ist Klärchens Reaktion auf die volkstümliche Egmont-Perzeption, denn sie amüsiert sich über die allgemeine Überhöhung des Grafen anlässlich eines Bildes der Schlacht von Gravelingen. Klärchen, der Egmont auch als Privatperson vertraut ist, erkennt sofort die Diskrepanz zwischen dem Bild des im kollektiven Bewusstsein des Volkes verankerten Helden und der Realperson, daher verwundert es nicht, wenn sie dabei kaum mehr an sich halten kann und ihr sonderbar zu Mute wird. 14 Damit wird erstmals durch eine Figur aus Egmonts direkter Umgebung, dessen widersprüchlicher, von einem glanzvollen Schein eingehüllter, Charakter angedeutet. Eine Kostprobe seiner Massenwirksamkeit serviert schließlich der Auftritt des Grafen am Anfang des zweiten Aufzugs: Mitten im politischen Meinungsstreit zwischen den Bürgern, der zum offenen Handgemenge eskaliert ist, erscheint Egmont und vermag mit wenigen Worten den Tumult aufzulösen. Dabei entsteht der Eindruck, als wüßte Egmont bereits durch seine bloße Anwesenheit das Volk derartig zu beeindrucken, dass es wie von selbst die Auseinandersetzungen einstellt. 15 Pointiert bringt es Jetter auf den Punkt: „Man folgt ihm gerne.“ 16 Unzweifelhaft besitzt Egmont nicht nur die „potestas“ des Regionalfürsten, sondern vor allem die „auctoritas“ des Volkshelden. Das Volk hört auf ihn, er ist Idol der Bürger und Volksführer, ein Mensch, der in der Lage
11 Vgl. ebd., Z. 38f.
12 Aus Friedrich Schillers anonymer Rezension des "Egmont", veröffentlicht in der "Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung" von September 1788, abgedruckt in: Wagener, H. (Hg.): a.a.O., S. 77f.
13 HA, Bd. 4, S. 381, Z. 16f.
14 Vgl. ebd., S. 387, Z. 6-17.
15 Vgl. ebd., S. 393, Z. 32 - S. 394, Z. 11.
16 Ebd., S. 395, Z. 12f.
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ist, die Massen - ohne rhetorische Kunstgriffe - einzig durch seine charismatische Erscheinung zu bewegen.
Vor diesem Hintergrund muss nun auch gefragt werden, warum Egmont von dem selben Volk, das ihn vormals in die Sphäre des Göttlichen 17 rückte, nicht aus den Fängen Albas befreit wird, als er seine letzen Stunden im Gefängnis fristet und Klärchen erfolglos versucht die desinteressierten Bürger für eine Befreiungsaktion zu gewinnen. 18 Die Antwort darauf liegt im Wesen seines Gegenspielers begründet: Es ist Alba, der mit seiner Ankunft in der Stadt die Verbindung zwischen Egmont und seinem Volk zerstört. Etwas Geheimnisvolles, Unbändiges geht von ihm aus. So ist Alba ein außergewöhnlicher Heerführer und versteht es, die Massen zu lenken 19 , er besitzt Soldaten „in denen der Teufel sitzt“ 20 und scheint sogar Einfluss auf die Naturgewalten zu haben. 21 Nicht verwunderlich also, wenn bei seiner Ankunft in den Provinzen sofort Ruhe einkehrt und die Bürger sich seinem Regiment fügen, wie von Gomez und Silva berichtet wird. 22 Spätestens in der Auseinandersetzung mit diesem mächtigen Gegenspieler tritt die politische Dimension der Egmontschen Persönlichkeit hervor. Sie soll im Folgenden Thema sein.
II.2. Egmont der Politiker
Nachdem in der Literaturwissenschaft lange Zeit der politische Gehalt der Egmont-Figur wie des Dramas gänzlich bezweifelt wurde 23 , hat die jüngere Forschung dies überzeugend widerlegt. Wichtige Beiträge hierfür lieferten vor allem die Arbeiten von Michelsen 24 , Borchmeyer 25 und Reiss 26 . Wo werden nun die politischen Vorstellungen des Protagonisten konkret sichtbar und wie wirkt sich diese auf sein Handeln als Politiker aus?
17 Vgl. u.a. ebd., S. 394, Z. 3f., wo Egmont vom Zimmermeister als „Engel des Himmels“ bezeichnet.
18 Vgl. ebd., S. 334, Z. 31-S. 436, Z. 35.
19 Vgl. ebd., S. 421, Z. 20-27.
20 Ebd., S. 416, Z. 30f.
21 Vgl. die Bemerkungen Jetters, bei dem „der Himmel mit einem schwarzen Flor überzogen“ (ebd., Z.
14) ist, seitdem sich Alba in der Stadt aufhält; die selbe Sprache sprechen Vansen, der plötzlich spürt, wie ein Gewitter aufsteigt (vgl. ebd., S. 417, Z. 32f.) und Ferdinand, der ebenfalls ein Gewitter über der Stadt leuchten sieht, vor dem s ich alle Lebewesen in S icherheit bringen (vgl. ebd., S. 424, Z. 5-8).
22 Vgl. ebd., S. 421, Z. 20-34.
23 Vgl. u.a. Böckmann, P.: Egmont, in: v. Wiese, B. (Hg.): Das Deutsche Drama. Vom Barock bis zur Gegenwart, Bd. 1: Vom Barock bis zur Romantik, Düsseldorf 1975, S. 148-169, S. 155, wo behauptet wird : „Es lassen sich dem Drama kaum bestimmte Staatsauffassungen und Gesellschafts lehren entnehmen; nur das eine entscheidende Motiv der Freiheit hebt sich heraus.“
24 Vgl. Michelsen, P.: Egmonts Freiheit, in: Euphorion 65 (1971), S. 274-295.
25 Vgl. Borchmeyer: a.a.O.
26 Vgl. Reiss, H. : Goethe, Möser and t he Auf klärung: The Holy Roman Empire in Götz von Ber lic hingen and Egmont, in: Deutsche Virteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 60 (1986), S.
609-644.
Quote paper:
Michael Schadow, 2006, Zum Persönlichkeitsprofil des Egmont, Munich, GRIN Publishing GmbH
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