I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
E I N L E I T U N G
2 NA
1. Nihilismus Versuch einer Analyse 5
1.1 Das Licht der Vernunft Der Schatten des Nihilismus 5
1.1.1 Vom ersten Anfang der Metaphysik 6
1.2 Metaphysik als Rache am Sein 11
1.3 Nihilismus als Entwertung der obersten Werte 13
2. Ansätze zur Überwindung des Nihilismus 17
Das asketische Ideal 17
2.1 NA
Eine neue Moral 21
2.2 NA
Die ewige Wiederkehr des Gleichen 23
2.3 NA
Vom Tode Gottes zu einem neuen religiösen Bewusstsein 26
2.4 NA
2.5 Amor fati das dionysische Jasagen zum Leben 29
S C H L U S S B E T R A C H T U N G U N D A U S B L I C K 33
L I T E R A T U R V E R Z E I C H N I S 37
1 NA
E I N L E I T U N G
„Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus. (...) Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. Unsre ganze europäische Cultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: wie ein Strom der an´s Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen.“ 1
Inzwischen haben Weltkriege und Schreckensherrschaften die Prophezeiung Nietzsches wahrgemacht. Aber die Augen und Ohren sind vielleicht noch nicht genug gespitzt und die Bedeutung des von Nietzsche verkündeten Nihilismus ist noch nicht tief genug in unser Bewusstsein eingedrungen oder wird vielmehr herausgehalten. Nietzsche hatte noch keine Erfahrung mit dem Nationalsozialismus oder dem stalinistischen Totalitarismus, auch nicht mit der Möglichkeit der nuklearen Selbstvernichtung der Menschheit durch die Atombombe oder den destruktiven Konsequenzen einer globalisierten Marktwirtschaft. Insofern wird es interessant sein zu erfahren, welche Antwort jemand auf die Krise unseres Zeitalters gibt, der von all dem noch nichts wusste und den Nihilismus doch schon heraufdämmern sah.
Die Reaktionen, die sich in unserem Kulturraum auf die gegenwärtigen Krisen hin zeitigen, richten sich vornehmlich mit den Mitteln der Vernunft auf ein Außen, auf eine Verbesserung der Um- und Mitwelt. So gilt es bspw. die zweifellos bedrohlichen Atomkraftwerke abzuschaffen, die Gentechnik streng zu kontrollieren und in der dritten Welt die Pille zu verteilen, um der Überbevölkerung entgegenzuwirken; für die Beseitigung des Übels in der Welt gilt es als unhinterfragbares Programm die Demokratie global zu verbreiten und wenn das politische System, möglicherweise der Weltstaat, diese politischen und technologischen Ideen realisiert, so die Hoffnung, wird sich das größtmögliche Wohl für die Mehrzahl der Menschen verwirklicht haben.
Nietzsche hingegen hat eine andere Antwort auf die Frage nach dem mieslichen Grundgefühl unserer Zeit gegeben. Ein zentraler Satz seines Philosophierens lautet: „Gott ist tot. Wir haben ihn getötet.“ Die Folge daraus ist die Sinnlosigkeit, der Nihilismus. Für Nietzsche ist es also das geschichtliche Ereignis des Nihilismus, durch das sich uns der Ekel vor dem Leben aufdrängt. Dieser Pfahl im Fleische, diese Gefahr der Gefahren, dass nichts 1 Nietzsche: Der Wille zur Macht. Nr. 2, 3
2
mehr einen Sinn hat, treibt uns in tiefe Auseinandersetzungen mit den Fragen nach dem Sein oder vielmehr Nicht-Sein. Von diesem Geschehnis sagt Nietzsche, dass hiermit eine völlig neue Geschichte beginnt. Und all dies ist nur zu verstehen unter der Prämisse, dass Gott tot ist. Nietzsche hat sich drangemacht zu denken, was zu denken ist, wenn Gott tot ist, nachdem er von uns Menschen getötet wurde und er machte sich damit zum Wegbereiter der Postmoderne. Im Vollzug dieser Arbeit geht es darum ein verstehendes Annähern an das zu erreichen, was sich für Nietzsche mit dem „Tod Gottes“ begeben hat, zu welcher Existenz wir nun, seiner Auffassung gemäß, genötigt sind. Denn jetzt, so schreibt er in der fröhlichen Wissenschaft, bewegt sich der Mensch fort von allen Sonnen, stürzt fortwährend rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten. Es gibt kein oben und kein unten mehr, alle irren durch ein unendliches Nichts. Und Nietzsche fragt: „Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?“ 2 Der fortgesetzte Prozess der Modernisierung in den säkularisierten Gesellschaften der westlichen Welt scheint dies zu bestätigen. Bei ihren individuellen Gliedern verbreiteten sich zunehmend Gefühle der Entfremdung und der Unsicherheit, wohl nicht zuletzt bedingt durch den Zerfall der Integrationskraft traditioneller metaphysisch verankerter Strukturen. Es zeitigt sich die Auflösung unserer Gesellschaft in viele bindungslose Einzelne. Die mühsam erkämpfte Freiheit, auf je eigene Art glücklich zu werden, erweist sich als Last. Und vielleicht ist es eine Überforderung, das individuell gestaltbare Leben in „transzendentaler Obdachlosigkeit“ zu bestehen, losgelöst von traditionellen Bindungen und Bräuchen, die hinfällig geworden bzw. nur noch für eine im schwinden begriffene Minderheit bedeutsam zu sein scheinen. Die erlangte Freiheit verlangt einen hohen Preis. Persönliche Identität ist zum Problem geworden. Der Inhalt des Lebens, für den sich ein Ich von sich aus entscheiden vermag, kann schon allein aus diesem Grunde als unverbindlich und kraftlos erscheinen, weil er nämlich eine Sache willkürlicher Entscheidung ist. Das Ende der Metaphysik bekommt, wenn wir diese Dimension sehen, eine geschichtsrevolutionäre Bedeutung.
Entlang der Deutungen Nietzsches wollen wir uns auf den Weg machen, die wirkmächtigen Zuflüsterungen der abendländischen Philosophiegeschichte näher zu betrachten, die unser Vorverständnis und Denken ganz eigentlich bedingen. Wir wollen eintreten in jenen Dialog, der die fraglose Selbstverständlichkeit der abendländischen Metaphysik aufbricht und hinterfragt. Auf diesem Wege wollen wir einige grundlegende Gedanken Friedrich Nietzsches, wie: „die ewige Wiederkehr des Gleichen“, „der Tod Gottes“, „der Übermensch“, „der Wille zur Macht“ und „Amor fati“ eingehender betrachten,
2
Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft. KSA 3. 481.
3
um so einem Verständnis seiner Nihilismus-Auffassung näher zu kommen. Es wird indes deutlich werden, dass sich im Denken Nietzsches neben der Verkündigung vom Tode Gottes und dem daraus hervorgehenden Nihilismus auch Ansätze zur Überwindung des Nihilismus finden, die es, im Anblick dieser „Ehrfurcht gebietenden Katastrophe“, fortzuschreiben gilt. Eine Aufgabe des abendländischen Denkens wird es schließlich sein, Lebenslehren zu finden, welche die Heraufkunft einer neuen Kultur begünstigen, oder mit Nietzsche gesprochen, nach dem Zerbrechen der alten Tafeln neue Tafeln zu beschreiben. Auf der Suche nach Möglichkeiten zur Überwindung des Nihilismus deutet Nietzsche selbst nach Indien, namentlich zur Lehre des Buddhismus. „Derselbe Entwicklungsgang in Indien, in vollkommner Unabhängigkeit, und deshalb Etwas beweisend; dasselbe Ideal zum gleichen Schlusse zwingend; der entscheidende Punkt fünf Jahrhunderte vor der europäischen Zeitrechnung erreicht, mit Buddha (...).“ 3
Im Folgenden wird es darum gehen eine Analyse des Nihilismus zu versuchen. Diese Analyse orientiert sich v. a. an den Texten Friedrich Nietzsches, bezieht aber auch Gedanken Martin Heideggers und Anmerkungen zur buddhistischen Philosophie 4 mit ein. Die
Besinnung auf den Buddhismus jedoch nicht, um in der Fremde zu bleiben, sondern um in ihr das Eigene besser erkennen zu lernen. Ein Aspekt der das Denken von Nietzsche und Heidegger (und der Postmoderne) auszeichnet ist zum einen die Betonung des Endes der Metaphysik und zum andern die Kombination dieser Analyse mit der Forderung nach einem irgendwie neu geartetem Denken, dem Vollzug einer radikalen Zäsur. Hier mag von der buddhistischen Philosophie eine inspirierende Kraft ausgehen, auf die im Rahmen dieser Auseinandersetzung jedoch nur angespielt werden kann. Die Leitfragen, an denen sich die vorliegende Arbeit orientiert und indessen mögliche Antworten andeutet, lassen sich folgendermaßen formulieren: Was verbirgt sich hinter dem Topos vom Tode Gottes? Welche Möglichkeiten bleiben, um die nihilistische Gleich-Gültigkeit zu überwinden? Gibt es für das zukünftige Europa die Hoffnung für eine nach-post-moderne Kultivierung der Seele? Die vorliegende Arbeit gliedert sich unterdessen in zwei Hauptteile. Der erste Hauptteil enthält den Versuch einer Analyse des Nihilismus. Im zweiten Hauptteil werden Ansätze zur Überwindung des Nihilismus skizziert.
3 Nietzsche: KSA 5. Zur Genealogie der Moral. 409f.
4 Die Auseinandersetzung findet mit dem Theravada-Buddhismus statt. Diese Herausforderung ist für jüdisch- christlich Gläubige die zweifellos problematischere, da der Theravada-Buddhismus durchaus als atheistisch bezeichnet werden kann. In der Begegnung mit dem Mahayana-Buddhismus oder dem Hinduismus finden sich deutlichere Anknüpfungspunkte, indes die Vorstellungen von Götterwelten, von Schöpfer- und Erlösergottheiten gegenwärtig sind. Wer sich einer solchen Herausforderung stellt, muss den Geist einer inhaltlichen Toleranz kultivieren, einen Geist, der die echte Absolutheit des Glaubens nicht zugleich als Ausschließlichkeit deutet.
4
1. Nihilismus – Versuch einer Analyse
1.1 Das Licht der Vernunft – Der Schatten des Nihilismus
„Der Nihilismus steht vor der Tür: Woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste?“ 5 Für Nietzsche deuten die Zeichen und Spuren dieses kommenden Geschicks allesamt darauf hin, dass die Ankunft des „unheimlichsten aller Gäste“ mit der Geschichte der abendländischen Metaphysik in Zusammenhang steht und folglich mit der okzidentalen Vernunftgeschichte. Eine Denkgeschichte, die sich im Glanz der europäischen Aufklärung auf glorreiche Weise vollendet hat und ihren weltumspannenden Siegeszug seither ununterbrochen fortsetzt. Ein Siegeszug, indem sich alles unter die unbedingte Herrschaft und Anerkennung der Vernunft zu beugen hat.
Diesem Siegeszug der Vernunft setzt Nietzsche in seinem Aufsatz Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne eine Geschichte entgegen, die die Hybris des Denkens höhnisch zur Entlarvung bringt, indem er die misliche Lage von denkenden Wesen angesichts des unendlichen und kontingenten Weltraums wie folgt beschreibt: „In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Thiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmüthigste und verlogenste Minute der ‚Weltgeschichte‘: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Athemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Thiere mußten sterben. – So könnte Jemand eine Fabel erfinden und würde doch nicht genügend illustriert haben, wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der Natur auswirkt; es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war; wenn es wieder mit ihm vorbei ist, wird sich nichts begeben haben." 6 An anderer Stelle kommentiert Nietzsche den raschen Tod der klugen Tiere mit deutlichen Worten: "Es war auch an der Zeit: denn ob sie schon viel erkannt zu haben, sich brüsteten, waren sie doch zuletzt, zu großer Verdrossenheit, dahinter gekommen, daß sie alles falsch erkannt hatten. Sie starben und fluchten im Sterben der Wahrheit. Das war die Art dieser verzweifelten Thiere, die das Erkennen erfunden hatten." 7 Es ist dies ein ernüchterndes Fazit, das sich einer Geschichte entgegenstellt, die vor mehr als 2000 Jahren ihren Anfang nahm in der Metaphysik des Platon und Aristoteles, eine Geschichte, die für Nietzsche zugleich die Geburtsstunde und historische Entfaltung des 5 Nietzsche: Der Wille zur Macht. Nr. 1, 12; KSA 12. Nachlass. 125 6 KSA 1. Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne. 875 7 KSA 1. Ueber das Pathos der Wahrheit. 760
5
Europäischen Nihilismus markiert. Denn für Nietzsche ist es ist die metaphysische Sehnsucht nach einer reinen, wahren, intelligiblen Welt, die für ihn zwangsläufig mit einer sukzessiven Degradierung der Sinnlichkeit, der Leiblichkeit, der Diesseitigkeit einhergeht. Dieser dualistische theologie- und philosophiegeschichtliche Prozess der sukzessiven Entwertung des In-der-Welt-seins zu Gunsten eines über-sinnlichen idealen, wahren, intelligiblen Jenseits ist für Nietzsche ganz eigentlich die Bedingung für die Heraufkunft jenes Schattens, den er Nihilismus nennt. Nihilismus korrespondiert für Nietzsche demnach untrennbar mit der Geschichte der Metaphysik. Nihilismus ist der Schatten, den er mit dem Untergang der Metaphysik heraufkommen sieht: „Was ich erzähle ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden, denn die Nothwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an.“ 8 Die europäische Geistesgeschichte von Platon über das Christentum wird also von Nietzsche als eine Geschichte gelesen, in der sich die Logik des Nihilismus sukzessive entfaltet, bis sie dann im 19. Jahrhundert erkennbar und im 20. und
21. Jahrhundert dominierend hervortritt.
Neben den Geschichtsdeutungen Nietzsches soll ein kurzer Exkurs zu einigen grundlegenden Überlegungen Martin Heideggers dazu beitragen, die Entstehungsbedingungen für die geschichtliche Entfaltung des Nihilismus anschaulicher zu machen.
1.1.1 Vom „ersten Anfang“ der Metaphysik
Heidegger nennt den philosophischen Aufbruch bei den Griechen den ersten Anfang 9 . In diesem Anfang wird zwar das Sein unter den Namen Natur (MXVL9) und Unverborgenheit / Wahrheit ( DOK-HLD) 10 erfahren, es wird aber, gemäß Heidegger, diese Erfahrung nicht denkerisch bewältigt. Das Verhältnis der Unverborgenheit (Wahrheit) zur Verborgenheit (Seyn – als infinite Potenz) gehört hier konstitutiv zusammen und bleibt denkerisch unbestimmt. Daher wird auch, so Heidegger, das Verhältnis der Wahrheit (im Sinne der Un- verborgenheit) zur Natur, die aus dem Verborgenen ins Dasein hervorkommt, nicht eigens bedacht. Das Walten der Natur, das wir in Hinsicht auf die Unverborgenheit als die ereignende Ent-bergung der Verborgenheit in die Unverborgenheit unseres In-der-Welt-seins bestimmen können, bleibt im vorsokratischen Dasein dunkel. Die Vorsokratiker haben 8 Nietzsche: Der Wille zur Macht. Nr. 2, 9 9 Vgl. Böhler: 1996. 23ff.
10 Begriffe und Namen aus dem Alt-Griechischen werden folgend nur in der deutschen Übersetzung wiedergegeben.
6
demnach die Un-verborgenheit (Wahrheit) nicht als Wesensgrund der Natur denken müssen. Und dieses Ungedachte ist es, was Heidegger auf seinen Denkweg brachte, der sich aus einem ständigen Dialog mit dem griechischen Anfang der Philosophie und dem daraus folgenden metaphysischen Denken her ergab. 11 Unverborgenes ist also immer schon ein
Hervorgebrachtes. Dieses schöpferische Walten der Natur ist daher ursprünglicher als das von ihr hervorgebrachte Anwesende, weil es die Wahrheit des Ursprungs selbst ist, dem die Dinge ihre Her-kunft wie Zu-kunft verdanken. Somit ist für Heidegger die Verborgenheit konstitutiv für die Unverborgenheit und folglich ein Grundzug der „Sachen“ selbst. In Anspielung auf Nietzsche sagt Heidegger schließlich: „Das Wesen der Wahrheit ist die Un-wahrheit“ 12 .
Dieser Sachverhalt wird jedoch, gemäß Nietzsche und Heidegger, im Fortgang der abendländischen Denkgeschichte durch den Beginn der Metaphysik bei Platon und Aristoteles immer mehr verschüttet. Darum kann Heidegger behaupten, dass es den vorsokratischen Natur-Philosophen in gewisser Weise noch um das Seyn selbst in seiner sich entziehenden Wahrheit ging, während sich mit Platon und Aristoteles die Grundfrage nach der Wahrheit des Seyns in die Leitfrage nach dem Sein von Seiendem verwandelt. In dem Moment, in dem die Wahrheit des Seyns jedoch zu etwas Seiendem wird, verschwindet das Nichtsein aus dem Blickfeld des Denkens. Das Seyn wird nun selbst zum höchsten Seienden, unter dem die Metaphysik Gott versteht. Gott, im Sinne des höchsten Seienden, wird schließlich im Mittelalter zum alles begründenden Grund des Seienden erklärt.
Die folgenreiche Identifizierung von Seyn und Gott in der Scholastik treibt die von Aristoteles initiierte abendländische Ontotheologie letztendlich ihrer Vollendung zu. Die ontotheologische Verfassung der Metaphysik, in der sich die Verdinglichungstendenz unseres Daseins verabsolutiert hat (durch die Verstandesphilosophie), zwingt den abendländischen Menschen schließlich dazu, alles Seiende auf der Grundlage einer Subjekt-Objekt-Spaltung sowie als Ursache und Wirkung, also kausal zu verstehen. Damit gerät aber die von Heidegger wiederentdeckte Eigentümlichkeit des Seins (Natur/Wahrheit) als Unverborgenheit und des Seyns als Verbergung und unbestimmte Möglichkeit des Seienden, die den ontischen Charakter des Seins geradezu aufbricht, immer mehr in Vergessenheit 13
Wir werden demzufolge nicht fehl gehen zu sagen, Kernpunkt der Heideggerschen Philosophie ist die ontologische Differenz, die jenen Umstand bezeichnet, dass in der bisherigen Geschichte der Metaphysik die Frage nach der Wahrheit des Seyns vergessen wurde, da das Seyn fälschlicherweise zu einem Seienden transformiert wurde (als
12 Heidegger: Vom Wesen der Wahrheit, 175. In: Wegmarken. 1978. Zit. n. Böhler: 1996. 26 13 Vgl. Böhler: 1996. 28ff.
7
Quote paper:
Klaus Itta, 2006, Nihilismus - Eine okzidentale Krankheit? Zur Genealogie des metaphysisch-christlichen Denkens und Anmerkungen zur buddhistischen Philosophie, Munich, GRIN Publishing GmbH
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