Inhaltsverzeichnis
1. Einführung 3
2. Antinoos Herkunft 4
3. Das Treffen mit Hadrian und der Weg zum
Kaiserliebling 7
4. Antinoos Anziehungskraft 11
5. Die Natur der Beziehung 15
6. Resümee 20
7. Quellen- und Literaturverzeichnis 21
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1. Einführung und Fragestellung
„[H]e honoured Antinoos,…, by building a city ... and naming it after him; and he also set up statues or rather sacred images of him, practically all over the world.“ 1 Was der gegen Ende des 2. Jahrhundert. n. Chr. wirkende Historiker Cassius Dio hier beschreibt, war bis dato einzigartig gewesen. Hadrian baute Antinoos zu Ehren nicht nur eine Stadt mit seinem Namen sondern erhob ihn sogar zum neuen Gott 2 , dem er unzählige Kultbilder und Kult- traditionen einrichtete. Ehrungen dieser Größenordnung, für eine Person, die weder Mitglied der kaiserlichen Familie noch ein verdienter Beamter gewesen war, hatte es vorher nicht gegeben.
Es waren die „Nachwehen“ der bis heute als Mysterium um Liebe und Tod geltenden Be.- ziehung zwischen dem römischen Kaiser Hadrian und einem Jüngling namens Antinoos. Weinerlich „wie ein Weib“ soll Hadrian gewesen sein, nachdem sein Antinoos unter mys- teriösen Umständen 130 n. Chr. im Nil ertrunken war. 3 Selbst für seine, einige Jahre später verstorbene Schwester soll er bei weitem nicht so viel Anteilnahme gezeigt haben. 4 Diese unsägliche Trauer Hadrians war für viele äußerst anstößig. Noch über 200 Jahre nach An- tinoos Tod, wurden diesbezüglich kritische und auch spöttische Texte verfasst. 5 Unweigerlich drängt sich die Frage auf, welches Faszinosum von Antinoos ausging, dass den Kaiser zu solch gottgleichen Ehren bewegte. Welche Beziehung hatte er zu dem Mann, für den er posthum eine Stadt errichten ließ. 6 Diesen beiden Fragen auf den Grund zu gehen, soll für die folgende Arbeit maßgebend sein. Wichtig dabei soll die Suche nach Herkunft, Bildung und Wesen Antinoos sein, da sie Rückschlüsse auf seine Rolle in der Beziehung ge- ben könnten. Hatte er vielleicht Einfluss auf politische Entscheidungen Hadrians und gab es Auswirkungen auf die Ehe mit Sabina? Basierte die Beziehung nur auf erotischer Anzieh- ung oder war es tiefbindende Liebe? Lässt sie sich mit der idealisierten Knabenliebe der Griechen vergleichen, die seit der klassischen Zeit mit einem festen Regelwerk und einer Kulturtradition ausgestattet war? Welches Echo auf die Beziehung ist aus den Quellen er- sichtlich und welche Rückschlüsse ergeben sich daraus auf die Akzeptanz dieser Liebe am Hof und im Volk?
Um die Fragen zu klären, stehen verhältnismäßig wenig Quellen zur Verfügung. Hinweise zu Antinoos selbst können meist nur späteren oder christlichen Schriften entnommen wer-
1 Cass. Dio LXIX 11, 3; 4
2 SHA Hadr. 14, 7 3 SHA Hadr. 14, 5 4 Cass. Dio LXIX 11, 4 5 Iul. Caes. 311 6 Paus. VIII, 9, 7
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den, wobei diese aufgrund anderer Moralvorstellungen meist polemisierend und daher nur mit Vorsicht zu genießen sind. Die archäologischen Zeugnisse für Antinoos sind wiederum äußerst zahlreich. Über 100 Statuen und 140 Münztypen sind erhalten, die allerdings zu ei- nem Großteil den idealisierten Gott, nicht den Menschen Antinoos darstellen. Sie sollen da- her nur bei bestimmten Aspekten zu Rate gezogen werden.
Die Quellenlage zum Verhältnis an sich ist ebenfalls äußerst dürftig. In der Forschung ent- wickelten sich daher, abhängig von jeweiligem Zeitgeist und Moralvorstellung, unterschied- liche Theorien.
2. Antinoos´ Herkunft und Bildung
Von Cassius Dio ist überliefert, dass Antinoos aus Bithynion stammte. 7 Die Stadt gehörte zu dem im Norden des heutigen Kleinasien gelegenem Bithynien, das im Jahr 74 v. Chr. durch Nikomedes IV. testamentarisch an die Römer übergeben wurde. Cn. Pompeius vereinigte es später mit dem pontischen Küstengebiet zur Provinz Bithynia et Pontus. Bithynion selbst wurde in der Kaiserzeit auch Claudiopolis genannt.
Das Geburtsjahr des Antinoos ist nicht überliefert. Man kann nur anhand seiner zahlrei- chen, posthum geschaffenen Skulpturen darauf schließen, dass er noch ein recht junger Mann gewesen sein muss. Meist ist bei diesen Darstellungen zwar, wie anfangs schon er- wähnt, der vergöttlichte Antinoos gemeint, was mit einer Idealisierung seiner äußeren Ge- stalt einhergeht, doch müssen sie auf einen Porträttypus nach Vorbild des lebenden Antino- os zurückgegangen sein. Bildwerke, die den lebenden Antinoos wiedergeben, finden sich kaum. Einzig auf einem der hadrianischen Rundmedaillons am Konstantinsbogen in Rom könnte der lebende Antinoos dargestellt sein. Diese sogenannten Tondi sind vermutlich noch zu Lebzeiten Hadrians begonnen worden und zeigen verschiedene Etappen der Jagd; im Mittelpunkt dabei stets der Kaiser. Da die Jagdszenen laut Meinung einiger Forscher Bezug auf historische Ereignisse nehmen 8 , könnte der junge Mann auf dem sogenannten Eberjagdtondo, der aufgrund seiner Porträtzüge als Antinoos identifiziert wurde, den le- benden Antinoos darstellen. 9 Eindeutig ist auch hier ein junger Mann zu sehen. Die glatten und bartlosen Gesichtszüge lassen ihn kaum älter als 20 Jahre sein. Dazu passt, dass Antino- os in einigen Quellen als ephebe bezeichnet wird, 10 einem Jüngling zwischen 18 und 20
7 Cass. Dio LXIX 11, 2
8 H. Meyer, Antinoos: Die archäologischen Denkmäler unter Einbeziehung des numismatischen und epigraphischen Materials sowie der literarischen Nachrichten (München 1991), S. 220 f.
9 H. Meyer, Antinoos, Tafel 132, 1 10 Aur. Vict. 14,7 ; IG II/ III 2,2 Nr. 2065, listet einen Priester des Αντινοου εϕηβου auf.
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Jahren. Würde man nun circa 18 bis 20 Jahre vom Jahr seines Todes zurückrechnen, ergäbe sich für seine Geburt die Zeit zwischen 110 und 112 n. Chr.
Über das genaue Datum von Antinoos Geburt gibt eine Inschrift aus dem südlich von Rom gelegenen Lanuvium Auskunft. 11 Sie wurde von dem örtlichen Kultverein des Antinoos 136 n. Chr. aufgesetzt und listet seinen Geburtstag als Festtag auf. Es handelt sich um den 27. November. Die Glaubwürdigkeit dieser Angabe ist allerdings noch umstritten, denn es könnte hier nicht der wirkliche Geburtstag, sondern der des Gottes Antinoos gemeint sein. 12 Der November als Geburtsmonat wurde aber auch aus den Auflistungen eines, etwa 100 Jahre später entstandenen Festivalkalenders aus Oxyrhynchus 13 in Ägypten erschlossen. 14 Über Antinoos´ Familie ist nahezu gar nichts bekannt. Als einer der frühesten Autoren, die über ihn schrieben, äußerte sich der gegen Ende des 2. Jahrhundert. n. Chr. wirkende His- toriker Justinus abfällig über die Herkunft des jungen Mannes. 15 Kurze Zeit später be- schreibt Lukian eine Szene, in der Zeus darüber erbost ist, dass Momos, der die Überschwemmung des Olymp mit Menschen und Halbgöttern beklagt, den Ganymed, der vor allem in polemisierenden Schriften gern mit Antinoos gleichgesetzt wurde 16 , wegen seiner Herkunft gering schätzt. 17 In Anbetracht des Kontextes könnte aber hier auch die „menschliche“ Abstammung Ganymeds gemeint sein. Schließlich war er immerhin ein Königssohn gewesen.
Der soziale Stand der Familie lässt sich nach diesen Angaben schwer erschließen. Eine re- nommierte claudiopolische Familie, die inschriftlich oder quellentextlich bekannt ist, schie- nen sie zumindest nicht gewesen zu sein. Möglicherweise waren es mittelständige Bauern oder Kleinunternehmer.
Auszuschließen ist der Sklavenstand der Familie. Ein Verhältnis zwischen dem Kaiser und einem Mitglied der untersten gesellschaftlichen Schicht wäre ein Skandal gewesen. Ledig- lich als Lustknabe des Imperators wäre Antinoos soziale Stellung weniger von Bedeutung gewesen. Doch war der junge Bithynier sicher mehr als nur das, wie später ausführlicher er- läutert werden soll. Vermerkt sei hier nur Hadrians Wertschätzung für Antinoos besondere Klugheit, die auf dem Pincio- Obelisken in Rom inschriftlich verewigt wurde. Der Stein, der vorher auf der Spina des von Elagabal errichteten Circus Varianus aufgestellt war, befand sich laut dem eingravierten Hieroglyphentext ursprünglich in Ägypten; vermutlich in Anti-
11 R. Lambert, Beloved and God (New York 1992), S. 19
12 R. Lambert, Beloved and God, S. 19; S. 245, Note 3 13 P. Oxy. Nr. 2553 ; R. Lambert, Beloved and God, S. 245, Note 4 14 R. Lambert, Beloved and God, S. 19 15 Iust. Apol. prima pro Christ. XXIX 16 Clem. Alex. Protrep. 4, 49,1 17 Lukian, Judg. of the godd. 1, 16-18
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noopolis, wo Antinoos laut Epiphanius von Salamis bestattet worden war. 18 Er gilt als mo- numentales Denkmal für den Liebling des Kaisers und dient gleichzeitig als in Stein gehau- ene Bestätigung für dessen Apotheose. 19 Hadrian ließ Antinoos, aber auch sich selbst, im Gegenüber zu verschiedenen ägyptischen Gottheiten darstellen. Mit eigens verfassten Lob- preisungen auf den Jüngling unterschrieb er die Darstellungen; darunter auch die Erwäh- nung dessen „klugen Herzen[s]“. 20 Der Kaiser schätzte Antinoos also unter anderem auch für seinen Intellekt. Es ist daher anzunehmen, dass er bereits in Bithynion wie jeder freie Bürger eine Schule besucht hatte, die ihn bildete und seinen Verstand schärfte. Wie später noch zu sehen sein wird, kam er höchstwahrscheinlich erst im Alter von 11-13 Jahren in Rom an. Eine solide schulische Grundbildung wird er zu diesem Zeitpunkt sicher schon besessen haben. Als Sohn einer Sklavenfamilie hätte ihm dieses Basis völlig gefehlt. Gegen den Sklavenstatus der Familie spricht weiterhin die posthume Apotheose des Jüng- lings durch Hadrian. Nur der Kaiser und die Mitglieder seiner Familie wurden als würdig genug betrachtet, in den Olymp aufzusteigen. Zudem wäre es für jeden freien Bürger eine Demütigung gewesen, einen Sklaven über sich stellen und anbeten zu müssen. Ein Skandal diesen Ausmaßes hätte in den Schriften vieler antiker Autoren Niederschlag finden müssen, doch lassen sich Aussagen in diese Richtung nirgendwo nachlesen. Eine Quelle allerdings, in der Antinoos als Sklave bezeichnet wird, gibt es schon. Sie stammt von dem Christen He- gesippos, der nur 25 Jahre nach Antinoos´ Tod in Rom weilte. Das originale Schriftstück ist nicht erhalten, doch gibt der Historiker Eusebius um 310 n. Chr. die entsprechende Passage wieder. Darin polemisiert der Autor gegen den Brauch der Heiden, Menschen zu vergöttern und spielt dabei auf Antinoos an, den er als „δουλοζ“ bezeichnet. 21 Da dies die einzige, vergleichsweise zeitnahe Nachricht ist, die den jungen Bithynier als Unfreien charakteri- siert, ist ihre Glaubwürdigkeit stark gemindert. Ohnehin wird in der christlichen Literatur das Verhältnis als sexuell abartig angesehen, so dass bei Hegesippos auch gut der „Lust- sklave“ Antinoos gemeint sein kann.
18 Epiphan. Ancor. 106; 9 Holl
19 H. Meyer, Antinoos, S. 177
20 H. Meyer, Antinoos, S. 176
21 Euseb. HE IV 8, 2
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Quote paper:
Corina Winkler, 2003, Hadrian und Antinoos, Munich, GRIN Publishing GmbH
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