GLIEDERUNG
A. EINLEITUNG 1
B. DIE GLOBALE AUSBREITUNG DER DEMOKRATIE. 4
I. MESSTHEORETISCHE GRUNDLAGEN 4
1. Das Problem: Demokratie bellt nicht 4
2. Die Konsequenz: Indikatoren als Korrelate 6
3. Die Güte der Messung 8
3.1 Validität als Maßstab. 8
3.2 Beurteilungsrelevante Leitfragen 9
4. Die Polyarchietheorie als Bezugspunkt 11
4.1 Demokratie als Grenzwert. 11
4.2 Regimespektrum und Kategorisierungsschwellen. 13
II. DEMOKRATIEINDIZES 16
1. Der Demokratisierungsindex nach Vanhanen 17
1.1 Messaufbau 17
a) Demokratiebegriff. 17
b) Operationalisierung. 18
c) Indexbildung 20
d) Kategorisierungsschwelle 22
1.2 Datenanalyse 24
a) Auswertungsverfahren 24
b) Messergebnis 25
1.3 Bewertung 28
a) Empirische Kritik. 28
α) Verzerrungen durch zeitvariable Bewertungen 28
β) Ergebnisanpassung durch Konzeptmodifikation 30
b) Rein konzeptionelle Kritik. 32
2. Der Polity-Index nach Jaggers und Gurr 34
2.1 Messaufbau 35
a) Demokratiebegriff. 35
b) Operationalisierung. 36
c) Indexbildung 39
d) Kategorisierungsschwelle 41
2.2 Datenanalyse 42
a) Auswertungsverfahren 42
b) Messergebnis 43
II
2.3 Bewertung 45
a) Empirische Kritik. 45
b) Rein konzeptionelle Kritik. 47
α) Messung durch subjektiven Entscheid. 47
β) Erhöhung der Reliabilität durch Seriosität. 49
γ) Beeinträchtigungen der Validität 51
III. KRITISCHE WÜRDIGUNG 54
1. Das Ausmaß weltweiter Demokratisierung 54
2. Die Bedeutung valider Demokratiemessung. 56
3. Die empirische Immunität der Demokratiemessung - eine Metareflexion 58
C. DIE BEGÜNSTIGUNGSFAKTOREN DER DEMOKRATIE 61
I. EINIGE ALLGEMEINE VORÜBERLEGUNGEN 62
1. Die Sprungstelle 62
2. Der systematische Gleichlauf zweier Größen. 62
2.1 Messwerte 63
2.2 Konstrukte 64
3. Die Demokratie als abhängige Variable 65
3.1 Grundprinzip der Regressionsanalyse 65
3.2 Hypothese und Kausalität. 67
3.3 Anpassungsgüte. 68
3.4 Signifikanztests 69
II. ÖKONOMISCHER WOHLSTAND 70
1. Der quantifizierte Zusammenhang. 70
1.1 Ausgangshypothese 70
1.2 Hypothesenprüfung 71
1.3 Modifikationen 74
a) Einschränkung des Wirkzusammenhangs 74
b) N-kurvenförmiger Zusammenhang. 75
c) Wohlstandsindikator 77
d) Zeitverzögerte Wirkung. 79
2. Der qualitative Zusammenhang. 80
2.1 Modernisierungstheorie. 80
2.2 Plausibilitätsüberlegungen. 81
a) Wirkrichtung. 82
b) Wirkzusammenhang 83
3. Der gegenwärtige Forschungsstand. 84
III. WEITERE BEGÜNSTIGUNGSFAKTOREN 85
1. Die Dispersion gesellschaftlicher Machtressourcen 85
1.1 Hypothese. 85
1.2 Hypothesenprüfung 86
1.3 Bewertung 87
III
2. Die Religion. 88
2.1 Hypothese. 88
2.2 Hypothesenprüfung 89
2.3 Bewertung 90
3. Ein Forschungsabriss 91
IV. KRITISCHE WÜRDIGUNG 92
D. SCHLUSSFOLGERUNGEN. 94
I. DEMOKRATIE ALS GLOBALKONZEPT STAATLICHER ORGANISATION. 94
II. AUSSAGEKRAFT DER EMPIRISCH-ANALYTISCHEN DEMOKRATIETHEORIE. 96
IV
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
Anm. Anmerkung App. Appendix AUTOC Autokratie-Index nach Jaggers/Gurr BIP Bruttoinlandsprodukt BSP Bruttosozialprodukt C Wettbewerbsindikator nach Vanhanen dB Dezibel DEMOC Demokratie-Index nach Jaggers/Gurr eaD empirisch-analytische Demokratietheorie FHI Freedom House Index Fn. Fußnote HDI Human Development Index ID Index of Democratization nach Vanhanen IMF International Monetary Fund IPD Index politischer Demokratie nach Bollen IPR Index of Power Resources nach Vanhanen i.V.m. in Verbindung mit Jh. Jahrhundert P Partizipationsindikator nach Vanhanen
PARCOMP Indikator „Wettbewerbsgrad politischer Teilhabe“ nach Jaggers/Gurr PARREG Indikator „Regulierung politischer Teilhabe“ nach Jaggers/Gurr PQLI Physical Quality of Life Index Tab. Tabelle UN United Nations UNDP United Nations Development Programme US United States (of America) XRCOMP Indikator „Wettbewerb um Regierungsämter“ nach Jaggers/Gurr XRCONST Indikator „Schranken exekutiver Entscheidungsgewalt“ nach Jaggers/Gurr XROPEN Indikator „Zugänglichkeit von Regierungsämtern“ nach Jaggers/Gurr
V
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
ABB. 1: ALLGEMEINE BESTANDTEILE EINER MESSUNG
ABB. 2: ALLGEMEINES OPERATIONALISIERUNGSSCHEMA
ABB. 3: KATEGORISIERUNGSSCHWELLEN BEI DAHL
ABB. 4: OPERATIONALISIERUNG NACH VANHANEN.
ABB. 5: ENTWICKLUNG DER ANZAHL DEMOKRATISCHER STAATEN NACH VANHANEN.
ABB. 6: ENTWICKLUNG DES ANTEILS DEMOKRATISCHER STAATEN NACH VANHANEN.
ABB. 7: OPERATIONALISIERUNG NACH JAGGERS UND GURR
ABB. 8: ENTWICKLUNG DER ANZAHL DEMOKRATISCHER STAATEN (JAGGERS/GURR)
ABB. 9: ENTWICKLUNG DES ANTEILS DEMOKRATISCHER STAATEN (JAGGERS/GURR)
ABB. 10: ENTWICKLUNG DES ANTEILS DEMOKRATISCHER STAATEN (JAGGERS/GURR)
ABB. 11: STREUDIAGRAMM MIT REGRESSIONSGERADE UND RESIDUUM.
ABB. 12: ZERLEGUNG DER GESAMTABWEICHUNGEN
ABB. 13: N-KURVENFÖRMIGER ZUSAMMENHANG NACH LIPSET, SEONG UND TORRES.
ABB. 14: MODERNISIERUNGSTHEORETISCHER WIRKZUSAMMENHANG
TABELLENVERZEICHNIS
TAB. 1: DEMOKRATIEWELTRANGLISTE 2002 NACH VANHANEN.
TAB. 2: TEILERGEBNISSE DER REGRESSIONSANALYSE VON LIPSET, SEONG UND TORRES.
TAB. 3: TRENNGÜTE DER IPR-WERTE FÜR DAS JAHR 1993.
VI
Dieser Satz des berühmten britischen Politikers und Rechtsgelehrten Sir James Bryce entstammt dem Jahre 1921 und eröffnet auch heute noch den Zugang zu einem der vielleicht spannendsten Fragenkomplexe innerhalb der Politischen Wissenschaften: 2
(B) Besteht tatsächlich ein weltweiter Trend zur Demokratisierung politischer Systeme?
(C) Lassen sich Begünstigungsfaktoren des beobachteten Verlaufs benen-
(D) Und sind diese derart universell, dass Demokratie zumindest potentiell
Oder entstand obiges Urteil letztlich nur vorschnell unter dem Eindruck einer demokratischen Entwicklung, deren Ende bereits ein Jahr danach durch Mussolinis Marsch auf Rom eingeleitet werden sollte? Zeugt deshalb die über 50 Jahre später geäußerte Ansicht des renommierten Soziologen und ehemaligen brasilianischen Staatspräsidenten Fernando Henrique Cardoso von einer tieferen geschichtlichen Erkenntnis? Dieser gelangte infolge umfangreicher Forschungsarbeiten zu der
1 Bryce (1921), S. 24.
2 Die Aufzählungszeichen entsprechen den Teilen der vorliegenden Arbeit, welche sich mit dem je-
weiligen Fragenkomplex auseinandersetzen.
3 Es sei bereits an dieser frühen Stelle der Arbeit darauf hingewiesen, dass die Nichtexistenz eines
Begünstigungsfaktors im Umkehrschluss ein Hemmnis für die Demokratisierung eines Landes dar-
stellt. Die Diskussion über Begünstigungsfaktoren der Demokratisierung ist also immer auch eine
über deren Hinderungsgründe.
1
gerade entgegengesetzten Einschätzung hinsichtlich der Robustheit globaler Demokratieausbreitung: „(…) democracy has been more an exotic plant than the expected result of a long-term trend.” 4
Nun mag man die Unternehmung, sich diesen fundamentalen Fragen zu stellen durchaus wagemutig, möglicherweise übermütig nennen. Die alternative Nichtbeachtung selbiger wird dadurch jedoch nicht schmeichelhafter. In diesem Sinne will sich die vorliegende Arbeit dieser Herausforderung annehmen, wobei ihr als Rüstzeug die empirisch-analytische Demokratietheorie (eaD) dienen soll, deren Heranziehung zumindest bezüglich der ersten Ausgangsfrage alternativlos erscheint.
Jedenfalls ist nicht ersichtlich, wie eine zufrieden stellende Überprüfung des im einleitenden Zitat behaupteten Trends zur Demokratisierung ohne Konzentration auf das erfahrungswissenschaftlich bestimmbare, positive Wissen, dessen Erfassung und Auswertung ja gerade das Ziel empirisch-analytischer Demokratieforschung darstellt, 5 überhaupt geleistet werden kann. Zumal ein Trend die „Grundrichtung einer Entwicklung“ 6 bezeichnet und sich somit kraft Natur der Sache eines theoretischen, insbesondere eines rein normativen Bewertungsinstrumentariums entzieht. So, wie die Untersuchung globaler Erderwärmung oder die Feststellung weltwirtschaftlichen Wachstums geeigneter Messverfahren bedürfen, ist für die gewählte Aufgabenstellung ein Instrumentarium zur Quantifizierung der weltweiten Ausbreitung von Demokratie unverzichtbar. Aus diesem Grunde werden im anschließenden Teil B der vorliegenden Arbeit unterschiedliche Konzepte zur Messung von Demokratie dargestellt und bezüglich ihrer Aussagekraft geprüft, sodass eine abschließende Entscheidung bezüglich der obigen Meinungsverschiedenheit getroffen werden kann.
Im darauf folgenden Teil C gilt es dann, die Begünstigungsfaktoren der beobachteten Entwicklung zu diskutieren. Diese Vorgehensweise darf allerdings nicht als vorweggenommener Beleg für die Existenz eines Demokratisierungstrends missver-standen werden, da die Annahme einer derart gerichteten Kausalbeziehung zwischen den Teilen B und C unzulässig ist. Zwar ließe ein Trend zur Demokratie deren globale Kompatibilität vermuten, tatsächlich belegen kann er sie jedoch nicht, denn die bloße Diagnose eines Trends enthält keinerlei Informationen über seine Voraus-
4 Cardoso(1979), S. 33.
5 Vgl. Naßmacher (2002), S. 502.
6 Duden (1996), S. 750.
2
setzungen. So lassen sich bspw. aus der Messung der bereits angesprochenen Erderwärmung keine ihre Entwicklung beeinflussenden Faktoren extrahieren.
Analog besitzen auch die Ergebnisse aus Teil B keinerlei Wert für die in Teil C zu bearbeitende Frage nach den Begünstigungsfaktoren der Demokratie - die dort diskutierten Messverfahren hingegen schon. Erst sie ermöglichen eine empirische Überprüfung der unterstellten Wirkzusammenhänge und bilden damit die Grundlage aller Studien der eaD zu dieser Thematik. Dass auch in Teil C der Arbeit einzig auf Arbeiten der eaD zurückgegriffen wird, obwohl fast jede normative Demokratiethe-orie Bedingungs- oder Begünstigungsfaktoren der Demokratie diskutiert, 7 ist auf die angestrebte Erkenntnis möglichst allgemeiner Zusammenhänge zurückzuführen, welche sich zwar zufällig in Plausibilitätsüberlegungen und Einzelfallbetrachtungen offenbaren mögen, dann aber nicht als solche zu identifizieren sind.
In Teil D soll auf Grundlage der in Teil C gewonnen Einsichten abschließend die potentielle Geeignetheit der Demokratie als Globalkonzept staatlicher Organisation beurteilt und kurz auf die Denkbarkeit eines allgemeinen Gesetzes politischer Entwicklung eingegangen werden, wobei auch die erkenntnistheoretischen Grenzen der eaD abgesteckt werden müssen.
7 Vgl. Schmidt (2000a), S. 438.
3
Bevor im Folgenden verschiedene Konzepte zur Messung von Demokratie dargestellt werden, erscheint es ratsam, vorab die ihrer Beurteilung dienlichen Begriffe und Kriterien herauszuarbeiten und auf allgemeine Grundproblematiken hinzuweisen.
1. Das Problem: Demokratie bellt nicht
Gemäß einer allgemein anerkannten Definition bedeutet Messung im weitesten Sinn die Zuordnung von Zahlen zu Objekten oder Ereignissen nach bestimmten Regeln. 8 Die Möglichkeit des Messens erfordert demzufolge ein quantifizierendes System und zu erfassende Objekte oder Ereignisse, welche allerdings nicht direkt, sondern mittelbar anhand der Ausprägungen ihrer Eigenschaften gemessen werden. 9 Üblicherweise wird die jeweilige Eigenschaft als Variable, ihre Ausprägung als der zu ihr gehörige Wert bezeichnet. Die folgende Abb. 1 verdeutlicht diese für das Verständnis von Messverfahren wichtige Dreiteilung noch einmal graphisch:
Abb. 1: Allgemeine Bestandteile einer Messung
8 Vgl. Stevens (1959), S. 19.
9 Vgl. Heidenreich (1993), S. 342.
4
Wendet man obige Struktur (in Anerkennung eines erstmalig positiven Nutzens dieser Lebensform) exemplarisch auf das Objekt „Nachbarshund“ an, so erscheinen bspw. die Variablen „Geschlecht“ (V 1 ), „Rasse“ (V 2 ) oder „Lautstärke“ (V 3 ) zur Messung desselbigen denkbar, wobei die Auswahl der Variablen prinzipiell stets hinsichtlich des Ziels der jeweiligen Messung erfolgt. 10 In Abhängigkeit von den anzunehmenden Werten (ω i ) lassen sich Variablen darüber hinaus in diskrete und kontinuierliche Variablen unterteilen. Erstere zeichnen sich dadurch aus, dass sie nur bestimmte, zwischen Sprungstellen isolierte Werte annehmen können, 11 wobei man diskrete Variablen mit nur zwei möglichen Ausprägungen (z.B. das Geschlecht) als dichotom, solche mit n möglichen Werten (wie etwa die Rasse) als polytom bezeichnet. 12 Zweitere können hingegen in einem bestimmten Bereich von ω 31 bis ω 3m jeden beliebigen Wert annehmen (wie z.B. die Lautstärke); ihre zugrunde liegende Dimension beschreibt ein Kontinuum frei von Sprungstellen (hier von 0 (im Falle eines stummen Hundes) bis ca. 120dB). 13
Sollten diese Einteilungen am Beispiel des Nachbarhundes auch noch so unkompliziert erscheinen, der Versuch ihrer analogen Anwendung auf die eigentliche Aufgabenstellung gestaltet sich weitaus schwieriger. So wirft bereits die erste Stufe der Kategorisierung, genauer die Identifikation des Untersuchungsobjektes Fragen auf: Ist nun der Staat an sich, sein Regierungssystem oder die Demokratie Gegenstand der Messung? Angesichts der gewählten Formulierung mag man spontan dazu neigen, den Staat als Objekt, das Regierungssystem als Variable und die Demokratie als dazugehörigen Wert zu klassifizieren. Diese reflexartige Ordnung resultiert jedoch mehr aus der Wahl der Begriffe als aus einer logischen Notwendigkeit, ließe sich die Demokratie doch ebenso gut als Objekt, und z.B. die Wahrung der Menschenrechte als Variable, die Demonstrationsfreiheit als deren Wert festlegen. Entscheidend für die jeweilige Einteilung ist nämlich einzig die Wahl der Perspektive bzw. des Abstraktionsniveaus, was sich auch am Beispiel des Nachbarhundes zeigt. Ließe sich dieser vormalige Untersuchungsgegenstand je nach emotionaler Einge-bundenheit doch gleichermaßen als Ausprägung der Variable „Familienmitglieder“ oder „Haustiere“ erfassen.
10 Vgl. Schaich et al. (1993), S. 2.
11 Vgl. Benninghaus (1994), S. 14.
12 Vgl. Diekmann (2002), S. 102.
13 Vgl. Benninghaus (1994), S. 13.
5
Eine Variable ist demzufolge ein bloßer Oberbegriff, welcher perspektivisch ein bestimmtes Wirklichkeitsmerkmal erfasst. 14 Aufgrund dieser Relativität der Kategorien erscheint für die vorliegend vorzunehmende Perspektivenwahl das Kriterium der Zweckmäßigkeit plausibel. Unter Berücksichtigung der Aufgabenstellung und der nachfolgenden Messverfahren soll deshalb fortan der Demokratiegehalt von Regierungssystemen als Gegenstand der Messung gelten, was wiederum direkt einen neuen Problemkreis eröffnet: Denn im Gegensatz zu Nachbarhunden hört man Demokratie nicht bellen. Demokratie ist physisch dimensionslos und infolgedessen allenfalls mittelbar messbar. Rein intuitiv erscheint dieser Befund äußerst trivial, ja geradezu unbedeutend angesichts obiger Definition von Messung, wonach sowieso niemals das Objekt an sich gemessen wird (s. S. 3), und des nahe liegenden Gedankens an vermeintliche Variablen der Demokratie, welche sich sehr wohl physisch manifestieren können wie etwa Demonstrationen oder Wahlverfahren.
2. Die Konsequenz: Indikatoren als Korrelate
Bei genauerer Betrachtung ermöglicht diese vermeintlich triviale Erkenntnis jedoch eine für das Verständnis von Demokratiemessung ungemein wichtige Einsicht, welche der vorangegangene Gedankengang aufgrund einer unzulässigen Kohärenzannahme gänzlich übersieht: Die Demokratie ist ein rein theoretisches Konzept. Denkbare Variablen wie z.B. die Wahrung der Menschenrechte oder die Souveränität des Volkes können deshalb streng logisch auch nur theoretisch und somit nicht messbar sein. Man bezeichnet solche rein theoretischen Variablen auch als Konstrukte. 15 Sie markieren allgemein die Bruchstelle zwischen Theorie und empirischer Realität. Wie aber lässt sich ein theoretisches Konzept angesichts dieser Bruchstelle dann überhaupt messen?
Die untenstehende Abb. 2 verdeutlicht den hierfür notwendigen Prozess. Zunächst müssen die Konstrukte (V 1 bis V 3 ) des theoretischen Konzeptes, hier der Demokratie bestimmt werden. Anschließend sind diese aufgrund der Unmöglichkeit ihrer direkten Messung auf beobachtbare Dimensionen oder manifeste Variablen (υ 1 bis υ 3 ) zurückzuführen. Die Werte dieser manifesten Variablen dienen dann als Indikatoren
14 Vgl. Patzelt (1986), S. 145.
15 Vgl. Diekmann (2002), S. 200.
6
(I 1 bis I 6 ) für die Werte der Konstrukte, 16 wobei Konstrukt und Indikator nicht identisch sind. 17 Während die Konstrukte also aufgrund rein theoretischer Erfordernisse ausgewählt werden, erfolgt die Auswahl der Indikatoren unter dem praktischen Gesichtspunkt, die Variable einer empirischen Untersuchung zu erschließen. 18
Abb. 2: Allgemeines Operationalisierungsschema
Die Messung eines theoretischen Konzeptes macht somit den Rückgriff auf Surrogate in Form von Indikatoren unausweichlich, welche mutmaßliche Korrelate der ursprünglich interessierenden Variablen darstellen. Doch wie geistreich diese auch sein mögen, sie können niemals einen vollständigen Ersatz für die eigentlich zu messenden Variablen und deren Ausprägungen darstellen. 19 Bestimmte man bspw. die Souveränität des Volkes als Konstrukt der Demokratie, das allgemeine Wahlrecht als abgeleitete Dimension und den Bevölkerungsanteil der Wahlberechtigten als Indikator derselbigen, so bestünde die Gefahr der Fehleinstufung eines demokratischen Landes mit einem extrem hohen Anteil von Menschen im nicht wahlfähigen Alter an der Gesamtbevölkerung. „Da jeder Indikator sein Ziel verfehlen kann, stützt man sich tunlichst auf mehrere Indikatoren (…)“, 20 deren gewichtete Zusammenfassung als Maßzahl man als Index bezeichnet. 21
16 Vgl. Patzelt (1986), S. 147.
17 Vgl. Kromrey (1986), S. 64.
18 Vgl. Lauth (2004), S. 233 f.
19 Vgl. Laatz (1993), S. 52.
20 Benninghaus (1994), S. 16.
21 Vgl. Knepel (1993), S. 630.
7
3. Die Güte der Messung
Den vorstehend geschilderten und in Abb. 2 veranschaulichten Prozess der Übersetzung von theoretischen Konzepten in Forschungsoperationen bezeichnet man auch als Operationalisierung. 22 Die Güte seiner Durchführung ist entscheidend für die Qualität der gesamten Untersuchung. 23 Die an ihn zu stellenden Anforderungen bilden deshalb zugleich allgemeine Gütekriterien der Messung.
3.1 Validität als Maßstab
Ein erstes Kriterium ergibt sich bereits unmittelbar aus dem Ablauf der Operationalisierung. Es betrifft die Gültigkeit, die sog. Validität des Verfahrens, welche sich auf die Frage bezieht, ob auch tatsächlich gemessen wird, was gemessen werden soll. 24 Ihre Überprüfung bedarf bei vorliegender Aufgabenstellung aufgrund der Bruchstelle zwischen theoretischer Konzeption und empirischer Messung besonderer Sorgfalt. Wenn Indikatoren ihr Ziel grundsätzlich verfehlen können, ihre Verwendung für die Messung von Demokratie aber sachnotwendig ist, dann ist der Konstruktion dieser Instrumente besondere Beachtung zu schenken, will man angestrebte Ergebnisse nicht schon von vorneherein jeglicher Aussagekraft berauben. Die grundlegende Frage lautet also: Messen die nachfolgend dargestellten Demokratieindizes tatsächlich, was sie messen sollen, bzw. was sie zu messen vorgeben? Mit Blick auf Abb. 2 ergeben sich hieraus drei programmatische Teilfragen:
(1) Ermöglichen die gewählten Konstrukte (V 1 bis V 3 ) eine verlässliche Erfassung demokratischer Regierungssysteme?
(2) Erfolgt eine sinnige Ableitung der sie beschreibenden Dimensionen (υ 1 bis υ 3 )? (3) Und spiegeln die einen Index konstituierenden Indikatorenwerte (I 1 bis I 6 ) diese Derivate umfassend wider?
Die Beurteilung der Validität des jeweiligen Verfahrens ist jedoch mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, „(…) weil sie die Kenntnis eines externen gültigen Kriteriums voraussetzt. Da wiederum die Gültigkeit anderer Kriterien ebenfalls
22 Vgl. Kromrey (1986), S. 84.
23 Vgl. Opp (1993), S. 57.
24 Vgl. Friedrichs (1983), S. 100.
8
problematisch ist, bedeutet das fast immer Bewertung zweier oder mehrerer unsicherer Kriterien gegeneinander.“ 25 Wer beurteilen will, ob ein Verfahren zur Messung von Demokratie gültig ist, ob es also Regierungssysteme „richtig“ einordnet, der müsste zur Feststellung von Fehlklassifikationen ein objektiv gültiges Messinstrument besitzen, dessen bloße Existenz aber die Suche nach anderen Verfahren zum sinnlosen Zeitvertreib degradierte. Die Konstruktion eines solch wahrhaft dominierenden Instrumentes erscheint für theoretische Konzepte allerdings ausgeschlossen, da die Überwindung der Bruchstelle zwischen Theorie und Empirie stets die Bemühung menschlichen Geistes erfordert, und damit zwangsläufig unvollkommen und streitbar bleibt. Die Validität der nachfolgenden Messverfahren kann aus diesem Grunde nur approximativ bestimmt werden.
Ziel ist es demnach, offensichtliche Widersprüchlichkeiten der Messung auf logischer, nur der argumentativen Diskussion zugänglicher, sowie auf empirischer, faktisch belegbarer Ebene aufzudecken, 26 wobei letzteren aufgrund ihrer starken argumentativen Durchschlagskraft besondere Bedeutung zugemessen werden muss. Identifiziert bspw. ein Messinstrument die Volksrepublik Nordkorea eindeutig als Demokratie, so scheinen Zweifel an der Gültigkeit dieses Verfahrens angebracht. Hingegen lässt sich über die Tauglichkeit einzelner Bestandteile der Messung vortrefflich streiten, solange diese insgesamt keine empirisch widerlegbaren Ergebnisse liefert.
Der bewusste Verzicht einer weitergehenden, allgemein üblichen Differenzierung des Kriteriums der Validität in Inhalts-, Kriteriums- und Konstruktvalidität 27 ist der Übersichtlichkeit und steten Problemorientierung der vorliegenden Einführung in die Grundlagen der Messtheorie geschuldet. Nicht nur verspräche ihre Ausführung keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn, sie erforderte zudem konsequenterweise eine letztlich fruchtlose Diskussion bezüglich ihrer generellen Sinnhaftigkeit. 28
3.2 Beurteilungsrelevante Leitfragen
Neben der Validität werden zudem die Kriterien der Objektivität und Reliabilität eines Messverfahrens als ausschlaggebend für dessen Qualität angesehen. Während
25 Laatz (1993), S. 75.
26 Vgl. Laatz (1993), S. 75 f.
27 Vgl. Heidenreich (1993), S. 356.
28 Vgl. Lauth (2004), S. 232.
9
erstere die Unabhängigkeit der Ergebnisse vom jeweiligen Anwender des Messinstrumentes anzeigt, gilt zweitere als Maß für die Reproduzierbarkeit von Messergebnissen. 29
Da jedoch reproduzierbare Messergebnisse ihrem Wesen nach immer auch unabhängig von der durchführenden Person der Messung sind, stellt Objektivität streng genommen kein eigenständiges Gütekriterium, sondern vielmehr einen Teilaspekt der Reliabilität dar. 30 Und auch die Reliabilität selbst erweist sich bei genauer Betrachtung als hierarchisch nachrangiges Kriterium. Denn eine Messung kann nur Gültigkeit besitzen, wenn sie auch zuverlässig ist. Die Reliabilität ist eine logisch notwendige Bedingung der Validität. 31 Für die Beziehung der drei Gütekriterien gilt somit folgender Satz: Eine valide Messung ist immer auch reliabel, 32 und damit automatisch objektiv.
Die Validität stellt aus diesem Grund das fundamentale Gütekriterium und eigentliche Ziel jeder Konstruktion von Messinstrumenten dar. 33 Sie ist der Maßstab, den es an die folgenden Konzeptionen zur Messung von Demokratie zu legen gilt. Ist sie nicht gegeben, so ist eine weitergehende Untersuchung ob einer möglicherweise vorhandenen Reliabilität oder Objektivität bedeutungslos. Wenn ein Instrument zur Messung von Demokratie nicht tatsächlich demokratische Regierungssysteme zu erfassen vermag, so ist dessen etwaige Fähigkeit zur reliablen Kategorisierung des Wirtschaftssystems im vorliegenden Kontext nicht von Belang. Fußend auf dieser Einsicht lassen sich die zuvor allgemein formulierten Fragestellungen (s. S. 7) zu einem Katalog themenspezifischer Leitfragen bündeln, welche für die Evaluierung der nachfolgend dargestellten Konzepte zur Messung von Demokratie ausschlaggebend sind: 34
(1) Welches Demokratieverständnis liegt den unterschiedlichen Konzeptionen zugrunde? Wird es ausreichend erläutert, wie präzise ist es, und wie viele Dimensionen weist es auf? (2) Wie erfolgt die Operationalisierung? Welche Indikatoren werden hierzu verwendet? Wie valide hinsichtlich einzelner Indikatoren und der gesamten Konstrukte ist die Messanlage? Wie erfolgt die Indexbildung?
29 Vgl. Diekmann (2002), S. 216 f.
30 Vgl. Laatz (1993), S. 59.
31 Vgl. Kromrey (1986), S. 127.
32 Vgl. Friedrichs (1983), S. 102.
33 Vgl. Diekmann (2002), S. 227.
34 Vgl. Lauth (2004), S. 237.
10
(3) Als wie aussagekräftig ist der empirische Befund hinsichtlich der Unterscheidung von autokratischen und demokratischen Regimen einzuschätzen?
4. Die Polyarchietheorie als Bezugspunkt
Bevor nun aber die einzelnen Demokratieindizes beurteilt und hinsichtlich eines weltweiten Demokratisierungstrends untersucht werden, soll das Kapitel über die allgemeinen messtheoretischen Grundlagen mit einer Darstellung jener Theorie beschlossen werden, welche wohl unzweifelhaft den Ausgangspunkt in der Entwicklung von Demokratiemessverfahren markiert 35 - der Polyarchietheorie von Robert Dahl.
Dieses 1971 veröffentlichte Werk war nicht nur „(…) bahnbrechend“ 36 im Sinne eines innovativen, die Arbeiten Dritter stimulierenden Reizes, sondern übte darüber hinaus auch in seiner konkreten Ausgestaltung beträchtlichen materiellen Einfluss auf die ihm nachfolgenden Arbeiten aus; 37 wenn es auch nur bei zwei Untersuchungen von internationalen Regierungssystemen direkt angewendet wird. 38 Da es sich bei beiden Messungen um sog. Querschnittsanalysen handelt, welche sich lediglich auf einen Zeitpunkt bzw. eine kurze Zeitspanne beziehen, 39 und die Art der Messung zudem leicht divergiert, 40 lässt sich auf Grundlage dieser Studien keine Aussage über die Existenz eines weltweiten Demokratisierungstrends ableiten. Hierzu erscheinen lediglich einheitliche Längsschnittanalysen (1) brauchbar, welche sich über einen längeren Zeitraum erstrecken (2) und keinen geographischen Fokus besitzen, die bestehenden Nationalstaaten also in möglichst großer Zahl untersuchen (3).
4.1 Demokratie als Grenzwert
Trotzdem erscheint eine kurze Darstellung der Polyarchietheorie nicht nur angesichts ihres unbestreitbaren Einflusses auf die Demokratiemessung angebracht,
35 Vgl. Berg-Schlosser (2000), S. 298.
36 Lauth (2004), S. 237.
37 Vgl. Foweraker/Krznaric (2000), S. 774.
38 Vgl. Dahl (1971), App. A, S. 231-234, sowie Coppedge/Reinicke (1993), App. B, S. 59-66.
39 Vgl. Diekmann (2002), S. 267.
40 Vgl. Coppedge/Reinicke (1993), S. 49.
11
vielmehr gestattet sie auch die exemplarische Ausarbeitung einiger nachfolgend wichtiger, bislang jedoch unberücksichtigter Aspekte. So wurde bspw. eine Diskussion über die eigentliche Bedeutsamkeit der Demokratiemessung gänzlich ausgespart und die Anfertigung der vorliegenden Arbeit einzig auf dem vom Autor empfundenen Reiz der Aufgabe begründet. Dieses Vorgehen ist jedoch keinesfalls einem Mangel objektiver Argumente, sondern vielmehr der Auffassung geschuldet, dass ein solcher Diskurs fruchtbarer gestaltet werden kann, wenn die tatsächliche Leistungsfähigkeit der gegenwärtigen Demokratiemessung ausgelotet ist. Auch wenn eine ausführliche Abhandlung aus diesem Grunde erst weiter unten erfolgt, sei aufgrund der gleich im ersten Satz vorgegebenen Zielsetzung der Polyarchietheorie bereits an dieser Stelle eine kurze Anmerkung gestattet. Die eigentliche Intention dieses Werkes besteht entgegen zahlreicher Rezeptionen 41 nicht vorrangig in der Entwicklung eines Verfahrens zur Messung von Demokratie. Dahl geht es nämlich vielmehr um die Ergründung jener Faktoren, welche die Transformation eines Staates in eine Demokratie begünstigen oder erschweren. 42 Die Einordnung von Regierungssystemen ist in diesem Kontext also bloß notwendiges Mittel zum Zweck. Dahl sucht nicht auch Antworten auf die Funktionsvoraussetzungen von Demokratien, 43 sondern ausschließlich. In diesem Sinne lässt sich als ein erster objektiver Beleg für die Bedeutung von Demokratiemessverfahren deren Förderlichkeit für die Entwicklung darauf aufbauender Forschungszweige wie etwa der empirischen Transformationsforschung anführen. Obwohl also Dahl nur angesichts seines eigentlichen Forschungsvorhabens gewissermaßen zur Konstruktion eines Demokratiemessverfahrens genötigt war, setzte er den Maßstab für alle Folgestudien auf diesem Gebiet. Vor allem der von ihm geprägte Demokratiebegriff wurde für die Konzeption nachfolgender Forschungsdesigns wegweisend. 44
Dahl assumes „… that a key characteristic of a democracy is the continuing responsiveness of the government to the preferences of its citizens, considered as political equals.” 45 Desweiteren geht er davon aus, dass eine Regierung über einen längeren Zeitraum nur dann tatsächlich empfänglich für die Bedürfnisse ihrer Bürger sein kann, wenn diese die Möglichkeit besitzen, ihre jeweiligen Präferenzen ungestört zu
41 Vgl. z.B. Schmidt (2000a), S. 397 oder Lauth (2004), S. 238.
42 Vgl. Dahl (1971), S. 1.
43 Vgl. Schmidt (2000a), S. 397.
44 Vgl. Munck/Verkuilen (2002), S. 9.
45 Dahl (1971), S. 1.
12
formulieren und durch individuelle oder kollektive Handlungen zu artikulieren. Außerdem müsse dafür Sorge getragen werden, dass die so geäußerten Bedürfnisse gleichberechtigt in die Regierungsarbeit eingehen und insbesondere keine Diskriminierung aufgrund des Inhalts oder der Herkunft selbiger erfolgt. 46 Die Existenz dieser drei notwendigen Voraussetzungen der Demokratie kann laut Dahl jedoch nur vermittels mindestens acht staatlicher Garantien gewährleistet werden, die da lauten: (1) Freedom to form and join organizations, (2) Freedom of expression, (3) Right to vote, (4) Eligibility for public office, (5) Right of political leaders to compete for support and for votes, (6) Alternative sources of information, (7) Free and fair elections, (8) Institutions for making government policies depend on votes and other expressions of preference. 47
Da jedoch nach Dahls Ansicht keine menschliche Organisation von der Größe eines Nationalstaates jemals all diese Bedingungen erfüllt hat und sie wahrscheinlich auch niemals erfüllen kann, erachtet er eine begriffliche Differenzierung als notwendig. Demnach sollen jene Staaten, welche dem oben beschriebenen Idealzustand genügend nahe kommen, nicht als Demokratien, sondern als Polyarchien bezeichnet werden. 48 Demokratie bezeichnet nach Dahls Definition einzig einen nie zu erreichenden Grenzwert. 49 Der Polyarchie-Terminologie kommt damit eine kritischaufklärerische Funktion zu - sie soll signalisieren, dass auch die verfassungsrechtlichen Demokratien in Nordamerika und Westeuropa nicht identisch mit dem Ideal einer vollständigen Demokratie sind. 50
4.2 Regimespektrum und Kategorisierungsschwellen
Während Dahl in seinem früheren Werk „Vorstufen zur Demokratietheorie“ 51 die institutionellen Garantien noch als „… die oberen Grenzwerte von acht gleitenden Skalen …“ 52 verstanden wissen will, deren konkrete Messung, wie er erst im An-
46 Vgl.Dahl (1971), S. 2.
47 Vgl. Dahl (1971), S. 2 f.
48 Vgl. Dahl (1976), S. 67-69.
49 Vgl. Dahl (1976), S. 60.
50 Schmidt (2000a), S. 393.
51 Um jegliche Verwirrung zu vermeiden, sei kurz angemerkt, dass die Jahreszahl 1976 die Erschei-
nung der deutschen Übersetzung markiert. Das Original entstammt dem Jahre 1956.
52 Dahl (1976), S. 70.
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hang bemerkt, allerdings stellenweise „… gewaltige Probleme aufwerfen würde“ 53 , formuliert er in der Polyarchietheorie den folgenden Ratschlag:
Dass im Zuge dieser Reduktion des Demokratiebegriffs zugleich inkonsistente Maßnahmen vollzogen werden, bspw. ignoriert Dahl die vierte institutionelle Garantie unkommentiert, mag zwar durch die notwendige Anpassung der Theorie an das verfügbare Datenmaterial erklärt werden, 55 entschuldigt ist dieses Vorgehen dadurch keineswegs. Glücklicherweise kann darüber jedoch hinweggesehen werden, da der direkten Anwendung des Polyarchiekonzeptes aus oben genannten Gründen (s. S. 9) vorliegend sowieso keine Beachtung widerfährt. Verfolgt man also dessen ungeachtet die oben nahe gelegte Lesart weiter, gelangt man zu einem abstrakteren, jedoch für die nachfolgenden Messverfahren bedeutsameren Demokratiebegriff: „Suppose, then, that we think of democratization as made up of at least two dimensions: public contestation and the right to participate.“ 56 Erinnert man sich zurück an Abb. 2 (s. S. 5), so bedeutet diese Definition nichts anderes als die Festlegung der Dimensionen politischen Wettbewerbs und politischer Teilhabe als Konstrukte des theoretischen Demokratiekonzeptes, deren Beziehung untereinander durch untenstehende Abb. 3 verdeutlicht wird.
Demnach lässt sich ein Staat erst als Polyarchie klassifizieren, wenn ein gewisser politischer Wettbewerb (≥ δ * ) existiert und die politische Teilhabe seiner Bürger ausreichend groß (≥ ε * ) ist. Unter politischem Wettbewerb versteht Dahl hierbei das Ausmaß erlaubter Opposition und unter Partizipation die Möglichkeit an ihrer Teilhabe, 57 wobei vor allem das Konstrukt des politischen Wettbewerbs auch ohne expliziten Hinweis eindeutig auf Schumpeter zurückzuführen ist, der die Demokratie auf rein prozessualer Ebene als diejenige Ordnung der Institutionen definierte,
53 Dahl (1976), S. 79, Anhang B.
54 Dahl (1971), S. 3 f.
55 Vgl. Lauth (2004), S. 239.
56 Dahl (1971), S. 5.
57 Vgl. Dahl (1971), S. 4.
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„(...) bei welcher einzelne die Entscheidungsbefugnis vermittels eines Konkurrenzkampfes um die Stimmen des Volkes erwerben.“ 58
Abb. 3: Kategorisierungsschwellen bei Dahl
Politischer
Wettbewerb
Aufgrund welcher Indikatoren diese beiden Konstrukte nun quantifiziert werden, bleibe an dieser Stelle aus bereits genannten Gründen unberücksichtigt. Ein anderer, angesichts Abb. 3 offensichtlicher Problempunkt kann jedoch nicht ebenso unerwähnt bleiben, zumal er sämtliche Verfahren zur Messung von Demokratie betrifft.
Gemeint ist die Bestimmung von δ * und ε * oder allgemeiner die Festlegung der Ka-tegorisierungsschwellen, deren Notwendigkeit unmittelbar aus der allen Messverfahren impliziten Annahme eines Kontinuums von totalitären hin zu demokratischen Regimen, dem sog. Regimekontinuum resultiert, 59 wobei dieser Begriff fortan angesichts der Existenz zweier das Kontinuum begrenzender Pole durch den präziseren des Regimespektrums ersetzt werden soll. Die Frage, ob die Annahme eines solchen Regimespektrums vernünftig ist, 60 kann im Rahmen der quantitativen Demokratie-forschung allerdings überhaupt nicht gestellt werden, denn jede Messung bedeutet eine Zuordnung von Zahlen zu Objekten nach bestimmten Regeln. 61 Weil Zahlen
58 Schumpeter (1993), S. 428.
59 Vgl. Lauth (2004), S. 11.
60 Vgl. Dahl (1971), S. 235.
61 Vgl. Stevens (1959), S. 19.
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aber immer ein bestimmtes Kontinuum aufspannen, ist nicht ersichtlich wie eine Messung von Demokratie ohne die Annahme eines Regimespektrums erfolgen kann.
Auch der Versuch, diesem Problem durch die Definition vermeintlich diskreter Regierungstypologien zu entgehen, kann hierüber nicht hinwegtäuschen, 62 setzt er doch auf der völlig falschen Ebene an. Denn die eigentliche Wurzel des Problems bilden die verwendeten Indikatoren. Sind diese (wie bei allen gesichteten Messverfahren) zumindest polytom, so muss zwangsläufig auf irgendeiner Mess- oder Aggregationsebene eine Entscheidung über die Bedeutung des jeweiligen Wertes, d.h. über die Einordnung des Regierungssystems getroffen werden. Um hierbei Inkonsistenzen zum Wohle der Reliabilität der Messung auszuschließen, bedarf es der Festlegung von Schwellenwerten, welche die Gleichstellung zweier politischer Systeme mit identischen Messwerten sicherstellen. Die Frage, ob die Bestimmung dieser Kategorisierungsschwellen wiederum selbst völlig willkürlich erfolgt und durch nichts zu rechtfertigen ist, 63 sei an dieser Stelle als weiterer Diskussionspunkt für die nun folgende Bewertung verschiedener Messkonzepte registriert.
II. DEMOKRATIEINDIZES
Die Ausgangslage für die Auswahl verschiedener Demokratiemessverfahren erscheint auf den ersten Blick nicht gerade ermutigend: „In fact nearly all researchers who have attempted to measure democracy have used different indicators. The situation is confusing.” 64 In Anbetracht einer wahrhaften Datenflut von gegenwärtig ca. 45, 65 wissenschaftlich ernst zu nehmenden Studien zur Demokratiemessung erweist sich die Anwendung der drei oben formulierten Auswahlkriterien (s. S. 9), welche bereits die Nichtbeachtung der Dahl’schen Messung bewirkten, als besonders hilfreich.
So erfüllen lediglich zwei Messungen die Grundvoraussetzungen einer Längsschnittanalyse über einen längeren Zeitraum mit umfangreicher Erfassung von Nati- 62 Vgl.Gasiorowski (1995), S. 885.
63 Vgl. Gasiorowski (1995), S. 885.
64 Vanhanen (1997), S. 31.
65 Vgl. Foweraker/Krznaric (2000), S. 762-764. Die Übersicht findet sich auch in App. A.
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onalstaaten: der Demokratisierungsindex von Vanhanen und der Polity-Index nach Jaggers und Gurr. Dass in diesem Zusammenhang gelegentlich auch die Eignung des Freedom House Index (FHI) für globale Veränderungsanalysen behauptet wird, 66 ist einzig durch dessen häufige Verwendung zu erklären. Der zugehörige Datensatz reicht jedenfalls nur bis ins Jahr 1972 zurück und ist damit im Vergleich zu den beiden anderen, 200 Jahre umfassenden Langzeitstudien zur Erzielung aussagekräftiger Resultate unbrauchbar. Inwiefern sich letztere auch tatsächlich aus den beiden Monumentalmessungen extrahieren lassen, wird der nun folgende Teil der Arbeit zeigen.
1. Der Demokratisierungsindex nach Vanhanen
Als erstes soll der Index of Democratization (ID) von Tatu Vanhanen diskutiert werden. Der Finne zählt selbst nach Meinung seiner Kritiker zu einem der bedeutendsten Forscher auf dem Gebiet der quantitativen Demokratiemessung in Anbetracht der beachtlichen Rezeption seiner Arbeiten. 67 Allerdings ist die exponierte Stellung seines Messverfahrens als Ouvertüre dieses zweiten Kapitels nicht auf diesen akademischen Einfluss zurückzuführen. Auch die Tatsache, dass die Anfänge des von Vanhanen entwickelten Messverfahrens bis in die späten 60er Jahre des letzten Jahrhunderts zurückreichen und der ID somit der ältere der beiden Indizes ist, 68 war für diese Auswahl allenfalls von nachrangiger Bedeutung. Ausschlaggebend war vielmehr der Anreiz zu inhaltlicher Geschlossenheit; ausgelöst durch Vanhanens expliziten Bezug auf die Polyarchietheorie von Robert Dahl.
1.1 Messaufbau
a) Demokratiebegriff
66 Vgl. Lauth/Pickel/Welzel (2000), S. 10.
67 Vgl. Traine (2000), S. 207.
68 Vgl. Vanhanen (2000), S. 186.
69 Vanhanen (2000), S. 188.
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Vanhanens Demokratieverständnis fußt demnach unmittelbar auf den Überlegungen Dahls. For Vanhanen ”Democracy is a political system in which different groups are legally entitled to compete for power and in which institutional power holders are elected by the people and are responsible to the people.” 70 Anders als Dahl, welcher die Demokratie nur im Zuge eines seinem Forschungsziel dienenden Pragmatismus auf diese beiden Dimensionen reduziert wissen will, 71 meint Vanhanen jedoch, scheinbar ungeachtet des eigenen Eingeständnisses ob der Unvollkommenheit beider Konstrukte an späterer Stelle des Werkes, 72 die Demokratie auf diese Weise weitestgehend zu erfassen: ”My basic argument is that they [the two dimensions (Anm. d. Verf.)] represent the most crucial aspects of democracy and that, therefore, their combination may constitute the most realistic measure of democratization.“ 73 Nun mag diese, vorsichtig als selbstbewusst zu bezeichnende Verwendung des Superlativs angesichts obiger Einsicht in die Unmöglichkeit der Konstruktion eines dominierendenen Verfahrens zur Messung theoretischer Konzepte (s. S. 7) wohl berechtigte Zweifel wecken, doch sollen solche erst in einer abschließenden Kritik Ausdruck finden. In diesem weitestgehend deskriptiven Abschnitt lautet deshalb die an vorstehende Demokratiedefinition anschließende Frage, wie die Operationalisierung der beiden Konstrukte erfolgt.
b) Operationalisierung
Zum besseren Verständnis lässt sich die geschilderte Operationalisierung mittels einer abgewandelten Form von Abb. 2 (s. S. 5) wie folgt veranschaulichen:
70 Vanhanen (1990), S. 11.
71 Vgl. Dahl (1971), S. 4.
72 Vgl. Vanhanen (1997), S. 157 f.
73 Vanhanen (2000), S. 188.
74 Vanhanen (1997), S. 34.
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Abb. 4: Operationalisierung nach Vanhanen
Um ein besseres Gefühl für diese beiden Indikatorenwerte zu erlangen, erscheint eine exemplarische Berechnung für Deutschland auf Basis der Ergebnisse der letzten Bundestagswahl hilfreich. 75 Für den Wettbewerbsindikator (C) ergibt sich dabei zunächst ein Wert von 64.8, für den Partizipationsindikator (P) von 58.235. So einfach die Kalkulation der Indikatorenwerte auch der vorstehenden Einschätzung entsprechend ist, ein von Vanhanen selbst angemerkter Aspekt sollte an dieser Stelle keinesfalls übersehen werden: Entgegen dem äußeren Anschein setzt diese objektive Berechnung zwangsläufig ein Werturteil voraus und unterliegt damit dem subjektiven Einfluss des Messenden, da im Falle verschiedenartiger Wahlen eine Entscheidung über deren jeweilige Gewichtung getroffen werden muss. 76
Vanhanen unterscheidet hierbei zwischen politischen Systemen mit parlamentarischer oder exekutiver Dominanz, für deren Messung einzig die jeweiligen Präsidentschafts- oder Parlamentswahlen ausschlaggebend sind, und solchen des relativen Gewaltenausgleichs, welche auf Basis beider Wahlergebnisse quantifiziert werden, wobei nur im Ausnahmefall eine Ungleichgewichtung erfolgen soll. 77 Ein derartiges Vorgehen ist zwar notwendig, sofern man sich wie vorliegend für die Integration von Wahlergebnissen in die Messung entscheidet, und durchaus plausibel, aber deshalb nicht unbedenklich, da es als zusätzlicher Quell möglicher Inkonsistenzen potentiell die Validität der Messung bedroht. Vor allem, wenn in Systemen der relativen Machtbalance die Bewertung der einen Wahl die der anderen konterkariert. In diesem Zusammenhang ist in der später erfolgenden empirischen Kritik auch die
75 Die genaue Kalkulation findet sich in App. B.
76 Vgl. Vanhanen (1997), S. 34.
77 Vgl. Vanhanen (2000), S. 190.
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Arbeit zitieren:
Florian Jung, 2007, Die globale Ausbreitung der Demokratie und ihre Begünstigungsfaktoren - Eine Bewertung anhand der empirisch-analytischen Demokratietheorie, München, GRIN Verlag GmbH
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