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Inhaltsverzeichnis
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1. Einleitung
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2. Interpretation von Prometheus und Ganymed
2.1 Prometheus 2
2.1.1 Entstehung und Mythos 2
2.1.2 Interpretation 4
2.1.3 Die Autonomie-Erklärung auf der politischen und persönlichen Ebene 9
2.2 Ganymed 10
2.2.1 Entstehung und Struktur 10
2.2.2 Interpretation 11
2.2.3 Der Mythos und Goethes Lebensgefühl 14
3. Resümee und Vergleich der Hymnen als Zeugnisse des Sturm und Drang 15
3.1 Die Gottesvorstellung und der Genie-Gedanke 15
3.2 Prometheus und Ganymed als Sturm und Drang-Lyrik
unter dem Aspekt von Form und Sprache 16
3.3 Resümee 17
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4. Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
Goethes Hymnen „Prometheus“ und „Ganymed“ gelten als programmatische Höhepunkte der Selbstermächtigung des Subjekts, der Selbstvergöttlichung des Genies im Sturm und Drang, das sich von veralteten Autoritäten lossagt, ein neues Selbstbewusstsein, neues Lebensgefühl, eine lebensbejahende Menschheit fordert. Diese beiden Gedichte, die auf den ersten Blick als die vollkommenen Gegensätze von Gottesverachtung und Hingabe an Gott erscheinen, stehen jedoch nicht nur durch die Form der Hymne in einer Beziehung zueinander. Zwischen der aggressiv ausgerufenen Selbstbestimmung des Prometheus und dessen Forderung nach Trennung von Göttlichem und Menschlichem und Ganymeds leidenschaftlicher Anbetung und Hingabe an die alles durchwirkende göttliche All-Natur gibt es einen Zusammenhang, den Goethe selbst durch seine Anordnung der Gedichte in den Werkausgaben betont. Im achten Buch von „Dichtung und Wahrheit“ 1 beschreibt er den Zusammenhang als ein komplementäres Verhältnis der Pulse Verselbsten und Entselbstigung. Deshalb werden die Hymnen in der Forschung häufig als Goethes Gestaltung der komplementären Seiten seines damaligen Weltbildes gelesen.
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis der beiden Hymnen zueinander und versucht dabei nicht nur an Goethes Interpretationsvorgabe hängen zu bleiben. Als Erstes werden die Gedichte mit „Prometheus“ beginnend interpretiert und im Anschluss daran wird im letzten, vergleichenden Teil auf das Verhältnis von „Prometheus“ zu „Ganymed“, besonders auf den unterschiedlichen Gottesbegriff, eingegangen. In diesem abschließenden Teil versuche ich auch auf die zu Beginn gestellte Behauptung, dass die beiden Hymnen Höhepunkte der Sturm und Drang-Periode darstellen, zu untermauern. Dazu werden die herausragenden Merkmale der Dichtung der Geniezeit, die in den Hymnen verwirklicht sind, herausgegriffen und erläutert.
2. Interpretation von „Prometheus“ und „Ganymed“
2.1.1 Entstehung und Mythos
Goethes Prometheus-Hymne entstand zwischen Herbst 1773 und Herbst 1774, eine genauere Fixierung des Zeitpunktes ist jedoch laut Forschung nicht möglich. Der Zusammenhang von der Hymne und dem gleichnamigen Dramenfragment ist ähnlich oft diskutiert worden wie die
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Datierung der Hymne. Anzunehmen ist, dass das zweiaktige Fragment im Sommer oder Herbst 1773 verfasst und die Hymne aus diesem herausgearbeitet wurde. 2 Goethe hat das Gedicht ursprünglich nicht zur Publikation bestimmt, da er nur wenige Abschriften für seine Vertrauten Johann Heinrich Merck, Friedrich Heinrich Jacobi und Charlotte von Stein anfertigte. Einer breiten Öffentlichkeit wurde „Prometheus“ erstmals durch Jacobis unberechtigten Abdruck in seiner „Abhandlung über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Mendelssohn“ 3 bekannt, wo er das Gedicht als atheistisches Skandalon präsentierte. Obwohl er die Hymne anonym publizierte, war der Verfasser leicht zu erraten, denn das Gedicht „Das Göttliche“ ging der Hymne, mit Angabe des Verfassers voraus. Auf diese Weise, erinnert sich Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ rückblickend, diente das Gedicht zum „Zündkraut einer Explosion“ 4 , weil Lessing die Hymne spinozistisch deutete und Jacobi daraufhin die Lehre des Spinoza kritisch behandelte. Dadurch wurde der Spinozismus-Streit entfacht, der jedoch selbst kaum etwas zum Verständnis der Hymne beitrug. 5 Nach dieser eigenartigen Veröffentlichung nahm Goethe sie in die „Zweite Sammlung“ seiner „Vermischte[n] Gedichte“ auf, die im achten Band der „Schriften“ 1789 erschienen. Für diesen Druck überarbeitete Goethe sein Gedicht. Diesem Eingriff fiel das Kompositum „Knabenmorgen Blütenträume“ (50f) zum Opfer, wovon nur der zweite Teil übernommen wurde. Die meisten Editionen greifen, um das Gedicht in der Sprache seiner Entstehungszeit zu präsentieren, auf die Merck-Handschrift 6 oder auf die „Erste Weimarer Gedichtsammlung“ 7 zurück, deren Fassungen des Gedichts sich jedoch in der Strophengliederung nicht unbedeutend unterscheiden. In der Weimarer Gedichtsammlung umfasst die erste Strophe die Verse 1-12, in der Merck-Handschrift werden die Verse 8-12 als eigene Strophe gesetzt, wodurch die metonymische Bewegung von „Erde“(6), „Hütte“(8), „Herd“(10) und „Glut“(11) unterbrochen wird. 8 Im Folgenden wird die Fassung der Ersten Weimarer Gedichtsammlung nach dem Abdruck in der Frankfurter Ausgabe zitiert. Die Figur des Prometheus ist schon dem griechischen Mythos nach als Empörer der Götter bekannt. Er betrog Zeus bei einer Opfergabe, stahl das Feuer im Olymp, als Zeus es den Menschen vorenthielt und brachte es auf die Erde. Für diese Tat wurde Prometheus, der Sohn
1 Vgl. FA 1, 14, S 385.
2 Vgl. Mülder-Bach: Prometheus, S. 107. Reinhardt. Prometheus und die Folgen, S. 146, bes. Anm. 53. 3 In: Jacobi, Friedrich Heinrich: Werke. S. 1-253.
4 FA1, 14, S. 697.
5 Vgl. Mülder-Bach, S. 107f. Schmidt: Die Geschichte des Genie-Gedankens, S. 263. Mehr zum Spinozismus- Streit in: Bollacher, Martin: Der junge Goethe und Spinoza.
6 Die Fassung der Merck-Handschrift wurde in der Münchener Ausgabe abgedruckt. (MA,1, S. 229-231). 7 Diese Fassung wurde in der Hamburger Ausgabe und in der Frankfurter Ausgabe abgedruckt, die zusätzlich auch die Version Goethes Überarbeitung für die „Schriften“ enthalten. (FA1, 1,S. 203-204 u. S. 329-330). 8 Vgl. Mülder-Bach, S. 108.
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des Titanen Iapetos, grausam bestraft. Er wurde an einen Felsen geschmiedet, wo ihm ein Adler täglich, die in der Nacht nachwachsende Leber, aushackte. Die in Goethes Hymne auffälligste Verarbeitung des Mythos ist das Bild des Menschenschöpfers Prometheus, der aus Wasser und Erde Menschen formt. Goethe schnitt sich dieses „alte Titanengewand“ 9 nach seiner Vorstellung zurecht. In der Hymne wurden nur die Kernbestände des Mythos aufgegriffen, was Goethe störte ließ er weg. Die mythologisch identifizierbaren Elemente der Hymne hat er zum Teil sehr verändert, damit sie seiner Vorstellung vom unabhängig schaffenden Genie entsprechen. So ist das Bild des Menschen formenden Prometheus keine reine Nacherzählung der Mythologie, sondern in die Rhetorik der promethischen Selbstbehauptung verwebt. 10 Goethes Prometheus hat die „Glut“(11) seines Herdes und Herzens den Göttern nicht gestohlen, sie ist sein Stolz und Eigentum, das ihm Zeus neidet. Anstelle des Opferbetrugs wird von „Opfersteuern“(16) gesprochen. Die Bestrafung durch Zeus scheint zunächst gar nicht im Gedicht erwähnt zu werden, jedoch erinnert der 43. Vers mit „zum Manne geschmiedet“ an das Bild des am Kaukasus angeschmiedeten Prometheus. Goethe knetete sich selbst den mythologischen Stoff in seine Form, wie Prometheus die Erde nach seinem Bilde. Die so von Goethe zurechtgeschneiderte mythologische Figur nimmt neue Bedeutungen an, indem er christliche und zeitgenössisch-literarische, gesellschaftliche und persönliche Momente in seine Hymne einwebte. 11
2.1.2 Interpretation
Herausfordernd, verspottend, selbstbewusst und triumphierend rebelliert in Goethes Hymne das lyrische Ich in der Rolle des Menschenschöpfers Prometheus gegen den Herrschergott Zeus. Hier geht es jedoch nicht um die Wiederbelebung der Antike, denn die Prometheusfigur dient dem Genie des Sturm und Drang als Sprachrohr, das, stolz auf die eigene Leistung, bisherige Autoritäten von sich weist. Die Lossagung von Zeus meint Lossagung von Autoritäten schlechthin und zwar auf allen Gebieten, auf religiösem, politischem, persönlichem und sogar auf poetischem.
Die Lossagung von Autorität, die Prometheus ausspricht, vollzieht sich unausgesprochen in der Form der Hymne als poetische Autonomie-Erklärung. Die Form der traditionellen Hymne, die die Struktur der Anrufung der Gottheit bewahrt, wird in ihrer Intention verkehrt: Anbetung und Bitte werden zu Blasphemie und Gleichgültigkeit. Die freien Rhythmen
9 FA1, 14, S. 697.
10 Vgl. Reinhardt, S.149.
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verweigern sich mit ungleichen Versen und Strophen und Wortschöpfungen wie „Knabenmorgen Blütenträume“(50f) den verbindlichen Metren der Tradition, den Normen der Poetik. Goethe formt seine Rhythmen nicht nach dem abgestaubten väterlich- traditionellen, sondern nach „seinem Bilde“. Den Regeln der Grammatik zum Trotz und wider den Sprachgebrauch „glüht das Herz Rettungsdank“(Vgl. V. 34-36) und malt so die Stärke individuellen Gefühls. Alle poetischen Zwänge sind aufgehoben, das geballte genialisch- schöpferische Gefühl kann sich frei entfalten.
Das ganze Gedicht ist eine Anrede an Zeus, die übersichtlich gegliedert ist: In den ersten beiden Strophen spricht sich eine sehr aggressive und verspottende Verachtung gegenüber Zeus und den Göttern überhaupt aus. In der dritten und vierten Strophe erinnert sich der Sprechende an seine Kindheit, in der er in der Illusion von hilfsbereiten, barmherzigen Göttern lebte. Die aus der Entlarvung des kindlichen Glaubens als Illusion resultierenden Folgen werden in den folgenden beiden Strophen dargestellt. Die siebte Strophe kehrt zur Gegenwart zurück, beschreibt die letzte Konsequenz der Autonomie-Erklärung des Sprechenden und gibt einen Ausblick auf die Zukunft.
Sobald man die einzelnen Strophen näher betrachtet, stößt man auf Schwierigkeiten. Was hat es mit der Unzerstörbarkeit der Hütte und Zeus Neid auf die Glut in der ersten Strophe auf sich? Wer ist der Sprecher und wer der Angesprochene in der Hymne? Wieso scheint es zwei unterschiedliche Menschheiten zu geben, wenn man die zweite und letzte Strophe betrachtet? Das lyrische Ich wendet sich an jemanden, dessen Existenz es leugnet. Wie kann dieser Konflikt gelöst werden. Im Folgenden werden die einzelnen Strophen intensiver betrachtet, um auf die Fragen eine Antwort finden zu können. Die Interpretation wird sich zunächst mit der Lossagung von der religiösen Autorität befassen, und im Anschluss daran auf die vorhin genannten Gebiete eingehen.
Das Gedicht beginnt mit einer laut gerufenen Aufforderung an Zeus. In blasphemischer Umkehrung der Hymne fordert Prometheus Zeus auf hinter „Wolkendunst“(2), ins Jenseits, das als nichtiges Abseits verstanden werden kann, zu verschwinden. Zwischen dem Reich des Zeus und Prometheus Welt wird ein strikter Trennungsstrich gezogen. Schon das schriftliche Bild der Strophe lässt eine Zäsur zwischen dem fünften und sechsten Vers erkennen. 12 Das, was Zeus Reich ausmacht wird sichtbar von den Versen eins und fünf eingegrenzt und von Prometheus Welt abgehoben, die im schriftlichen Bild anhand der fast gleich langen Verse (6-
11 Vgl. Conradi: J. W. v. Goethe. Prometheus, S. 219f. Mülder-Bach, S. 110f. Pietzcker: Goethes Prometheus Ode S. 59-61.
12 Diese Trennung und Gegenüberstellung der beiden Bereiche wird aus der Fassung der Merck-Handschrift (MA, 1, S.229-231) nicht mehr ersichtlich, denn hier werden die Verse 8-12 als eigene Strophe gesetzt, wodurch das zusammengehörende Bild von „Erde, Hütte, Herd und Glut“ (6, 8, 10, 11) unterbrochen wird.
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Heike Esser, 2004, 'Prometheus' und 'Ganymed' als Höhepunkte des Sturm und Drang - ein Vergleich, Munich, GRIN Publishing GmbH
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