Inhaltsverzeichnis:
I. Einleitung. 3
II. Funktionale Beziehungsmöglichkeiten von "Metageschichte" und "erster
Geschichte " nach Gerard Genette 4
III. Die Rip van Winkle Episode als Metageschichte 6
IV. Funktionen der Metaerzählung 9
a) für den Erzählenden 9
b) für den Verteidiger. 10
c) für den Leser 11
V. Für den Leser erkennbare Gemeinsamkeiten der Metageschichte "Rip van Winkles"
mit der Situation Stillers 13
a) Zum ersten Abschnitt: 13
b) Zweiter Abschnitt: 14
c) Dritter Abschnitt: 14
VI. Schluß 16
VII. Literatur 18
2
I. Einleitung
Gegenstand dieser Hausarbeit ist die Untersuchung der Funktion der Rip van Winkle Geschichte in Max Frischs Roman Stiller. Die Untersuchung soll anhand literaturtheoretischer Überlegungen Gerard Genettes 1 vorgenommen werden. Hierbei lässt sich die Frage stellen, inwieweit eine erzähltheoretische Herangehensweise dem literarischen Text - als Kunstwerk verstanden - überhaupt gerecht werden kann. Zur Zerstörung der ästhetischen Erfahrung durch den Interpreten bemerkt Horst Steinmetz: „Im Grunde versucht jeder Rezipient, weil er den Text `verstehen´ will, ihn zu depoetisieren, ihn derjenigen Phänomene zu berauben, die ihn als literarischen Text auszeichnen und die zu Anfang den Reiz der Lektüre ausmachen. 2 “ Darüber hinaus liegt jeder wissenschaftlichen Methode, aber auch schon jeder Fragestellung liegt darüber hinaus bereits eine gewisse Auswahl und damit eine Wertung zugrunde, keine Methode ist die richtige, wahre oder gar objektive. Im vorliegenden Fall liegen zum Beispiel bei der Frage nach der Funktion dieser Geschichte gewisse Vorannahmen zugrunde. Sei es die Vorannahme, es müsse sich ein rational nachweisbarer Sinn für das Einfügen der Geschichte auffinden lassen oder die Annahme, diese Erzählung müsse im Zusammenhang mit den zentralen Themen des Romans stehen. Dem Nachspüren solcher Fragen haftet stets ein starkes intuitives, wissenschaftlich letztlich nicht ausweisbares Moment an. Um die daraus resultierende Relativität jeder Deutung muss man wissen, da sie sich nie ganz überwinden lässt. Trotzdem hat diese Fragestellung ihre Legitimität, zumal die Frage nachdem „Warum“ des Erzählens dieser Geschichte im Roman selbst vom Zuhörenden und somit quasi stellvertretend für den Leser gestellt wird. Auch das Hinzuziehen einer Erzähltheorie scheint für die Bearbeitung der Frage hilfreich, da eine kritische Auseinandersetzung mit bereits Vorhandenem eine gute Basis für eine Untersuchung bildet. 3 Dabei wird zu prüfen sein, ob die Rip van Winkle Geschichte einem der von Genette vorgeschlagenen drei Typen von funktionaler
1 Gerard Genette: Die Erzählung
2 Horst Steinmetz, S. 30
3 Siegfried J. Schmidt bestimmt empirisches Forschen auch in der Literaturwissenschaft als
„theoriegeleitete operationalisierte Produktion von Erfahrungswissen (=Fakten, Tat-Sachen), das kommunikativ
anschlussfähig ist und dessen Interpretation als Fremdreferenz auf signifikante Zeit nicht widersprochen wird,
weil es intersubjektiven Überprüfungen standhält“. [S. J. Schmidt: Interpretation - eine Geschichte ohne Ende,
S.41 In: Interpretation 2000: Positionen und Kontroversen]
3
Beziehung zwischen Metaerzählung und erster Erzählung zuzuordnen ist. Konkret auf den Roman Stiller bezogen wird es um die Frage gehen, warum White/Stiller dieses Märchen erzählt, in welchem funktionalen Verhältnis das Märchen zum Roman steht und damit verbunden um die Frage, inwieweit schon anhand dieses Märchens Bezüge in Richtung der zentralen Themen möglich sind. Hierbei wird der erste Schritt die Vorstellung und Erläuterung der drei von Genette unterschiedenen möglichen funktionalen Beziehungen zwischen Metageschichte und Roman sein. In einem zweiten Schritt folgt die Applikation dieser theoretischen Überlegungen auf den konkreten Fall des Märchens Rip van Winkles, wobei sich eine Unterscheidung der Perspektive des Erzählers (White), des Zuhörers (Verteidiger) und des Lesers als notwendig erweisen wird. In einem letzten Schritt werden die für den Leser erkennbaren Gemeinsamkeiten der Metageschichte Rip van Winkles mit der Situation Stillers herausgestellt.
II. Funktionale Beziehungsmöglichkeiten von "Metageschichte" und
"erster Geschichte" nach Gerard Genette
Genette unterscheidet drei Möglichkeiten der funktionalen Verbindung von Metaerzählungen mit der ersten Erzählung. Der erste Typ wird durch ein unmittelbares Kausalverhältnis bestimmt, wobei "alle diese Erzählungen, ob explizit oder nicht, auf eine Frage vom Typ "Welche Ereignisse haben die gegenwärtige Situation herbeigeführt?" antworten." 4 Der zweite Typ von Metageschichten steht in einer rein thematischen Beziehung zur ersten Geschichte, innerhalb der Genette zwischen einer Beziehung der Ähnlichkeit und einer Kontrastbeziehung unterscheidet. Der dritte Typ schließlich weist keinerlei explizite Beziehung zwischen beiden Erzählungen auf und erfüllt damit lediglich eine Funktion des Herauszögerns und / oder der Zerstreuung. Obwohl die Grenze zwischen einer rein kausalen Beziehung und einer thematischen Beziehung hinsichtlich des Inhalts oft fließend ist, läßt sich dennoch auf formaler Ebene ein Unterscheidungskriterium auffinden.
4 Gerard Genette: Die Erzählung, S.166
4
Im Fall der kausalen Beziehung wird nach einer Ursache gefragt, die dem Erzählen der Geschichte zeitlich vorausgeht, d.h. man befindet sich auf der Ebene der Zeitlichkeit. Davon unterscheiden läßt sich die von Genette innerhalb der thematischen Beziehung vorgenommene Trennung von Ähnlichkeits- und Kontrastbeziehung insofern, als die Kontrastbeziehung auf der Ebene der Räumlichkeit gesehen werden kann, es sich hier
also um eine Gleichzeitigkeit handelt. Betrachtet man hingegen die Ähnlichkeitsbeziehung, überschneiden sich der erste und zweite Beziehungstyp, da die Beziehung der Kausalität eben auch auf thematischer Ebene liegen kann.
5
Arbeit zitieren:
Agnes Uken, 2002, Die Funktion der "Rip van Winkle" Episode in Max Frischs Roman "Stiller" aus erzähltheoretischer Sicht mit Gèrard Genette, München, GRIN Verlag GmbH
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