Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Das russische Bildungssystem 3
2.1 Die Entwicklung des Bildungssystems 4
2.2 Entwicklungen in der Sonderpädagogik 5
2.2.1 Die sowjetische Sonderpädagogik - Defektologie 5
2.2.2 Sonderpädagogik heute - Korrekturpädagogik 7
3. Aktuelle Situation von Kindern mit Behinderungen in russischen Heimen 9
3.1 Die Situation der Eltern von Kindern mit Behinderungen 9
3.2 Werdegang eines behinderten Kindes 9
3.3 Pädagogische Einrichtungen für Kinder mit Behinderungen 10
4. Zum Menschenbild in Russland 11
5. Politische und soziale Situation 13
6. Schlussbetrachtung 14
Literaturverzeichnis 16
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1. Einleitung
„Es wird in Russland immer wieder die historische Erscheinung zitiert, dass man geistig behinderte Menschen als ´Narren Gottes` bezeichnet hat, deren Geist schon bei Gott ist, die also sozusagen eine besonders gute Stellung hatten und die man geehrt hat.“ (Interview Margarete von der Borch 09.02.2001, in: Wenkel 2001, S.33)
Die Realität scheint allerdings ganz anders auszusehen. Berichte über Menschen mit Behinderungen in Russland sprechen von Isolation und Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Behinderte gelten als ´lernunfähig` und werden ohne menschliche Zuwendung, oftmals sediert, ohne Kleidung und Spielzeug in Gitterbetten verwahrt. Durch die Deprivation lernen die meisten weder laufen noch sprechen und sterben bereits im Kindesalter.
Warum gibt es diese Widersprüche zwischen der Einstellung zu Behinderung in der russischen Bevölkerung und den Lebensbedingungen behinderter Menschen? Warum gibt es einen tiefen Graben zwischen Bildungstheorie und -praxis in der russischen Sonderpädagogik? Ich möchte versuchen, anhand der Entwicklungen im Bildungssystem und speziell in der Sonderpädagogik, eines Einblickes in die praktische Umsetzung, des Menschenbildes in Russland sowie der aktuellen politischen und sozialen Situation, die Hintergründe aufzuführen, welche helfen können, die Ambivalenz zwischen guten theoretischen Ansätzen in der heutigen Korrekturpädagogik und der problematischen Umsetzung dieser in der Praxis zu begreifen.
2. Das russische Bildungssystem
Die pädagogischen Vorstellungen und Konzepte der sowjetischen Ära haben bis heute starken Einfluss auf das russische Bildungssystem und stehen in einem direkten Zusammenhang mit den Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen. Um die heutige Situation behinderter Menschen in Russland zu verstehen, ist es notwendig, einen Blick auf die geschichtliche Entwicklung des Bildungssystems und die der Sonderpädagogik zu werfen.
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2.1 Die Entwicklung des Bildungssystems
Die Anfänge des russischen Bildungssystems gehen bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts zurück, als Zar Peter der Große hochqualifizierte Fachkräfte für den Staatsdienst und die Wirtschaft ausbilden ließ. Dabei wurden in Anlehnung an westliche Modelle das Universitäts- und Hochschulsystem sowie das ständisch gegliederte Sekundarschulwesen flächendeckend ausgebaut (vgl. Hoppe 2000, S.51). Jedoch fehlte „ein solides Fundament in Gestalt eines voll entfalteten Volks- und Grundschulwesens mit allgemeiner Schulpflicht“ (Kuebert 1996 zitiert nach Hoppe 2000, S.51). Die Folge davon war ein starkes Bildungsgefälle zugunsten der Kinder der oberen Schichten, vor allem der des Adels, des gehobenen Bürgertums, der höheren Beamtenschaft und der Offiziere.
Die Oktoberrevolution 1917 leitete auch für das Bildungssystem tiefgreifende Veränderungen ein. Bildung war im Sinne der kommunistischen
Parteiideologie ein Instrument zum Klassenkampf und der revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft. Die Einheitsschule wurde ausgebaut, die ständischen Bildungsprivilegien aufgehoben und es erfolgte eine Trennung von Kirche und Schule. Die Erziehungsideen von Marx und die von Tolstoi geprägte Richtung der ´freien Erziehung` bestimmten zunächst die Pädagogik. Sie orientierte sich an der Selbstbestimmung, Selbstfähigkeit und der Spontanität des Kindes unter Anerkennung der kindlichen Rechte. Mit der Erziehung zum ´neuen Menschen` sollte eine Synthese von Individual- und Gemeinschaftserziehung begründet werden (vgl. Hoppe 2000, S.51).
Der Aufstieg Stalins in den 30iger Jahren brachte den Übergang zu Systemstrukturen, die sich mehr als 50 Jahre behaupten sollten. Die Lehrpläne, Lehrbücher und Unterrichtsmethoden waren zentral vorgegeben, streng kontrolliert und politischideologisch standardisiert. Weitere Merkmale waren lehrerzentrierter Unterricht und Fixierung auf sowjetpatriotische Inhalte und Rituale. Diesen negativen Auswirkungen standen jedoch auch positiv zu bewertende gegenüber, wie z.B. der Ausbau des Schulnetzes, die Einführung einer vierjährigen allgemeinen Schulpflicht (1930), die Beseitigung des Analphabetentums und die Schaffung eines Unterrichtssystems, das
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allen Bevölkerungsschichten Bildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten gewährte (ebd. S. 52).
Die Bildungsreformen in der zweiten Hälfte der 50iger Jahre unter Chruschtschow stellten die polytechnische Bildung in den Mittelpunkt der Pädagogik, wobei Unterrichtsinhalte, die auf die Arbeitswelt bezogen waren und eine Verbindung von Praxis und Theorie, sowie von Bildung und Produktion angestrebt wurden (vgl. Hoppe 2000, S.52).
Eine grundlegende Umgestaltung des Bildungssystems konnte erst nach dem Amtsantritt Gorbatschows 1985 beginnen. Im Zuge der Perestroika wurde das Bildungssystem vom Wirtschaftssystem losgelöst und Schlagworte wie ´Humanisierung`, ´Demokratisierung`, ´Entideologisierung`, ´Autonomie` und ´Individualisierung` beherrschten die Diskussionen im Bildungswesen.
Dieser hohe Anspruch führt bis heute zu großen Widersprüchen zwischen Bildungspraxis und -theorie, da es durch die anhaltende Wirtschaftskrise im Land an Unterrichtsmitteln, Räumen und Lehrpersonal mangelt. Die Bildungspolitik reduziert sich auf die Bewältigung von Alltagsproblemen vorwiegend finanzieller Art und den Kampf ums Überleben der Bildungseinrichtungen (ebd. S.52).
2.2 Entwicklungen in der Sonderpädagogik
Welche Auswirkungen die Bildungspolitik der Sowjetunion auf die Pädagogik für Menschen mit Behinderungen hatte, soll im Folgenden beschrieben werden.
2.2.1 Die sowjetische Sonderpädagogik - Defektologie
Im Zuge des Aufbaus des Sozialismus wurden 1918/19 die in Privatinitiative entstandenen und auf Wohltätigkeit beruhenden Einrichtungen der Sonderpädagogik des Zarenreiches in das staatliche System der allgemeinen Volksbildung integriert (vgl. Möller 1998, S.9). 1930 sollte mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht ein einheitlicher Bildungsstandard, der für alle Kinder verbindlich war, geschaffen werden. Dies hatte zur Folge, dass Kinder mit schweren Behinderungen aus dem staatlichen Bildungssystem ausgeschlossen wurden, da sie sich den Standards für normal entwickelte Kinder nicht anpassen konnten. Sie wurden als ´bildungsunfähig` erklärt und in Einrichtungen abgeschoben, die nicht dem Bildungsministerium, sondern dem
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Arbeit zitieren:
Sylvia Neumann, 2004, Narren Gottes - Die Situation von Kindern mit Behinderung in Russland, München, GRIN Verlag GmbH
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