2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 3
2 „Der Hochwald“ 4
3 Farben im „Hochwald“ 5
3.1 Kapitel „Waldburg“ 5
3.1.1 Farbverteilung. 5
3.1.2 Funktion und Bedeutung der Farben. 8
3.2 Farben in den anderen Kapiteln. 15
3.2.1 Schwarz, Weiß, Rot 15
3.2.2 Blau. 16
4 Begriffe im „Hochwald“ 18
4.1 Bilder, Gemälde und Spiegel. 18
4.2 Augen, Blicken und Sehen 19
5 Schluss 20
Literaturverzeichnis 21
3
1 Einleitung
Le goût des couleurs caractérise une manière d’habiter le monde et l’intérêt de la réflexion sur les couleurs ne fait pas de doute pour ceux qui savent que la véritable profondeur se cache à la surface des choses et que la complexité peut rés ider dans l’évidence et l’ immédiateté. Il y a un bonheur et une sagesse des couleurs.
(Le Rider, Couleurs et mots, 1) 1
Farben gehören zu der Oberfläche der Dinge, sie sind Teil des Offensichtlichen, wie es Le Rider in der Einleitung zu seinem Werk „Les couleurs et les mots“ schreibt. Zum Verständnis eines literarischen Textes beizutragen, der sich einem genauen Lesen vor allem über seine Tiefenstruktur erschließt, scheinen Farben also kaum dienlich - oberflächlich gesehen. Doch auch ‚hinter‘ Farben sind Dinge verborgen, über die Oberflächlichkeit kann man in die Tiefe vorstoßen: Es ist die große Symbolkraft der Farben, die wohl in jeder Kultur eine wichtige Rolle spielt und also auch in der Literatur eine bedeutende Stellung einnehmen kann. Dabei ist Autoren freigestellt, ob sie sie nach der überlieferten Symbolik verwenden oder ihnen (teilweise) eine neue Bedeutungsebene zuweisen oder gar mehrere, möglicherweise gegenläufige Bedeutungen mit ihnen verbinden.
Die Erzählung „Der Hochwald“ des österreichischen Malers und Autors Adalbert Stifter weist in einer ganz besonderen Fülle Farben auf, die die unmittelbare Erzählsituation, die Figuren, ihre gegenseitige Konstellation oder die Handlung zu charakterisieren vermögen oder zukunftsweisend verwandt sind, indem sie auf Geschehnisse im späteren Verlauf der Erzählung hindeuten. Dabei begegnen dem Leser unterschiedliche Farbengruppen, die einander gegenüberstehen, und auch aus dieser Spannung heraus die Erzählung lebendig werden lassen. Die Farben, die der Mensch mit seinem Gesichtssinn wahrnimmt, bilden eine enge Verbindung mit Stifters Malerei; so treten auch Begriffe, die mit dem Sehen und der Malkunst in Verbindung stehen, vermehrt in Stifters „Hochwald“ auf.
Zunächst beginnt die Arbeit mit einer Untersuchung der Farben in der die Untersu-chungsgrundlage bildenden Erzählung und ihrer Bedeutung für ihre Interpretation. Dabei ist u.a. Ehrkes Dissertation wichtig.
1 Der Farbengeschmack ist kennzeichnend für eine Art, in der Welt zu leben, und das Nachdenken über die Far-
ben stellt für d iejenigen keinen Zweifel dar, d ie wissen, dass die wahrhafte Tiefe s ich an der Oberfläche der
Dinge verbirgt und dass die Vielschichtigkeit in der Offensichtlic hkeit und der Unmittelbarkeit liegen kann. In
den Farben liegen Glück und Weisheit. (Übersetzung J.O.)
4
Im Hinblick auf den Rahmen dieser Arbeit beschränke ich mich in der detaillierten Untersuchung im Wesentlichen auf das erste Kapitel und auf die darin auftretenden Figuren, nicht ohne festzustellen, ob sich die so gewonnenen Erkenntnisse auf den Rest der Erzählung übertragen lassen. Sodann werden kurz die Leitbegriffe vorgestellt und auf ihre Funktion in der Erzählung untersucht.
2 „Der Hochwald“
Die Erzählung „Der Hochwald“ erschien in zwei Fassungen. Die so genannte Journalfassung wurde vor 1840 konzipiert, im August 1841 fertiggestellt und in demselben Jahr in der Anthologie „Iris. Taschenbuch für das Jahr 1842“, von Johann Graf Mailáth herausgegeben und veröffentlicht. Die zweite, so genannte Buchfassung, wurde kaum verändert im Jahre 1844 im zweiten Band der „Studien“ abgedruckt. Die Erzählung handelt von Johanna und Clarissa von Wittinghausen, die im Dreißigjährigen Krieg von ihrem Vater in ein Waldhaus gebracht werden, wo sie vor den Kriegswirren beschützt sein sollen, während der Vater selbst mit seinem jüngeren Sohn auf ihre Burg zurückkehren. Im Wald werden die Schwestern von Gregor, einem alten, treuen Diener, beschützt. Überraschend tritt der Schwede Ronald, ehemaliger Geliebter Clarissas, auf; die beiden verlieben sich wieder ineinander, und Ronald, der vermutlich ein unehelicher Sohn Gustav Adolfs von Schweden ist, verspricht, mit seinem Einfluss Wittinghausen vor der Zerstörung durch die Schweden zu retten. Die Waldbewohner hören aber lange nichts mehr von Wittinghausen, bis sie dorthin zurückkehren und schließlich erfahren, dass die Burg, nachdem Ronald durch ein Missverständnis von den Belagerten getötet worden war, erstürmt wurde und Vater wie Bruder erschlagen wurden.
5
3 Farben im „Hochwald“
3.1 Kapitel „Waldburg“
3.1.1 Farbverteilung
Die erste Farbe, die in der Erzählung vorkommt, ist „Waldesblau“ 2 :
Dort, wie oft die Nadeln bei Kristallb ildungen, schoß ein Gewimmel mächtiger Joche und Rücken ge-geneinander, und schob einen derben Gebirgsstock empor, der nun von drei Landen weithin sein Waldesblau zeigt, und ihnen allerseits wogiges Hügelland und strömende Bäche absendet. (38-313)
Die Zusammensetzung ‚Waldesblau‘ lässt schon erkennen, dass Stifter in seiner Erzählung viele Farbabwandlungen und -schattierungen gebraucht, die die Bedeutung einer Szenerie nuancieren können. Ehrke hat in ihrer umfänglichen Dissertation zu der „Funktion der Farben in Adalbert Stifters ‚Studien‘“ dargestellt, wie verschiedene Blau- oder Grüntöne, die von ihr so genannten „Schicksalsfarben“ 3 , die Farben der Gruppe Schwarz-Weiß-Rot 4 , zu nuancieren vermögen. Eine statistische Erfassung der Farbadjektive und -substantive in der Einleitung zum Hochwald 5 gibt Aufschluss über die Funktion dieser Textpassage: Die Farbe Schwarz tritt insgesamt elfmal auf 6 , Weiß siebenmal 7 , Rot zweimal 8 , Blau 15mal 9 , Grün sechsmal 10 , Grau viermal 11 , Braun einmal 12 , Gold dreimal 13 , Silber viermal 14 , Gelb einmal. 15 Diese hier einmal ausführliche Aufschlüsselung der Farbverteilung demonstriert, dass alle für die Erzählung relevanten Farben in der Einleitung vorkommen. So werden hier der Schauplatz und die beiden Hauptfiguren Johanna und Clarissa und auch die ‚oberflächlichen‘ Farben vorgestellt.
2 Stifter, Hochwald, 3. (Stellen aus dem Hochwald sind stets mit ‚SeiteZeile‘ belegt, ein Sigel entfällt aus prakti-
schen Gründen).
3 Z. B. Ehrke, Farben, 353.
4 Es ist auffällig, dass diese Farben gleichzeitig die des Norddeutschen Bundes waren; diese Parallele ist aber
zweifellos rein zufällig, da die Farben des Norddeutschen Bundes erst 1867 festgelegt wurden und vorher nicht
in dieser Komb ination bestanden.
5 D. s. 33-1115; diese Textstelle wird als Einleitung bezeichnet, weil hier im Präsens erzählt wird und die Be-
schreibung der Waldwanderung zum Schauplatz, zur erzählten Zeit und den Figuren Johanna und Clarissa hinlei-
tet. Die Erzählung bedient sich im folgenden des Präteritums, so dass ein temporaler Bruch entsteht, der die
Einleitung vom Hauptteil unterscheidet.
6 Und zwar in 428f., 55f., 56f., 519, 535f., 67, 629f., 88f., 108f., 1021f., 1025-27.
7 In 434, 436-51, 525f., 731, 915f., 1018f., 1034f.
8 In 51f., 83f.
9 In 312, 47, 411, 536-61, 625, 78, 720f., 811f., 827, 832f., 95f., 97, 98f., 913, 932f.
10 In 518f., 530f., 633-34, 728f., 811f., 825.
11 In 43, 516-18, 534, 728.
12 In 435.
13 In 51f., 721f., 86f.
14 In 628, 72, 96, 115.
15 Als ‚blond‘ in 107f.
6
In dem folgenden Kreisdiagramm ist die Farbverteilung gut erkennbar:
Diagramm 1: Farbverteilung 33 - 1115
Die Opposition der Farben Schwarz und Blau, die im Vergleich mit den anderen auftretenden Farben vom Anteil her relativ gleichmäßig verteilt sind und am häufigsten auftauchen, ist auffällig. Die nächsthäufigen Farben sind Grün und Weiß, deren Verteilung ebenfalls relativ gleich ist. Schwarz und Weiß zusammengerechnet ergeben 33 %, Grün und Blau zusammen ergeben 39 % aller vorhandenen Farben. Schwarz und Weiß gehören zu den Ehrkeschen Schicksalsfarben, Blau und Grün zu den Gegenfarben 16 , zu deren Gruppe auch die übrigen in dem Diagramm enthaltenden Farben außer Schwarz-Weiß-Rot zählen. Durch die Untersuchung der in dieser Arbeit definierten Einleitung wird deutlich, dass neben der Vorstellung von Ort, Zeit und Figuren die so wichtigen und die Handlung charakterisierenden und vorwegnehmenden Farbattribute alle vorkommen und so auch ‚malerisch‘ die Gesamtheit der in der Erzählung vorkommenden Farben vorgestellt wird. Der Charakter der Farbvorstellung ist in Abgrenzung zu den folgenden Textstellen besonders gut zu erkennen: Die Dichte der Farbattribute der Einleitung, die im Durchschnitt (1) 6,41 Attribute pro Seite
beträgt 17 , nimmt im Folgenden ab. Bis zum Eintreten Heinrichs von Wittinghausen, d. h. auf sechs Seiten und 25 Zeilen (6,7 Seiten), beträgt die Dichte der Farben durchschnittlich bei zehn Belegstellen 18 gerundet
(2) 1,5 A. p. S.
Bis zum Ende des ersten Kapitels (8,8 Seiten) ist die Dichte mit elf Belegstellen 19 ähnlich
(3) 1,25 A. p. S.
16 Zu den Gegenfarben vgl. z. B. Ehrke, Farben, 168.
17 Der Rechnung zu Grunde gelegt wurden d ie vo lle Anzahl der Rec lamseiten 3-10, also acht, zuzüglich einem
15 ) für die ersten 15 Zeilen der elften Seite, durch die die Anzahl der Stellen mit Anteil von gerundeten 0,42 ( 36
Farbattributen (54) d ivid iert wurde. Die Dichteeinheit ‚Attrib ute pro Seite‘ wird mit ‚A. p. S.‘ abgekürzt.
18 1121, 1122, 1211f. (3fach), 1220, 1226, 1513, 1520, 1632f.
19 1712, 1713, 1826, 1829, 1913, 216f., 208, 249, 2412, 2431, 2521.
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Jens Olschewski, 2005, Der malerische 'Hochwald' - Farben und Begriffe einer Stiftererzählung, München, GRIN Verlag GmbH
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