Gliederung
1. Begriffsgeschichte. 3
2. Bewusstseinsgeschichte - Jean Francois Lyotard: „Das
postmoderne Wissen“ 7
2.1. Das narrative Wissen 8
2.2. Das soziale Band 9
2.3. Die Pragmatik des wissenschaftlichen Wissens 10
2.4. Das offene System. 13
3. Welsch Interpretation: Der postmoderne Pluralismus 14
4. Zusammenfassung. 17
Literaturverzeichnis 18
2
1. Begriffsgeschichte
Zunächst soll die Entwicklung des Begriffes „Postmoderne“ nachskizziert werden, so wie sie von Wolfgang Welsch beschrieben wird.
Der Ausdruck „Postmoderne“ hatte in seiner Entstehungszeit ein uneinheitliches Profil und wurde überwiegend sporadisch gebraucht. So bezeichnete der englische Maler John Watkins Chapman schon im Jahr 1870 seine Kunst als „postmodern“, um sie als noch fortschrittlicher als die des französischen Impressionismus zu erklären. Damit beabsichtigte er nicht, sich von dieser Stilrichtung abzugrenzen, sondern sie in seinem Sinne weiterzuentwickeln.
Auch in der Philosophie trat der Begriff „postmodern“ schon früh auf. Im Jahre 1917 schreibt der Philosoph Rudolf Pannwitz in seinem Werk „Die Krisis der europäischen Kultur“ 1 von einem „postmodernen Menschen“ 2 , der die als düster beschriebene Moderne wieder in eine neue kulturelle Hochzeit führt. Die Literaturwissenschaft benutzt den Ausdruck „postmodern“ zum ersten Mal 1934, bezieht ihn allerdings nur auf eine kurze Zwischenphase in einem sehr spezifischen Bereich, nämlich der spanischen und spano-amerikanischen Dichtung. Der spanischer Literaturwissenschaftler Frederico de Oniz versteht unter „Postmoderne“ eine um 1905 beginnende Korrekturphase nach der ersten Moderne (ab 1896). Sie wird 1914 jedoch von einer zweiten, gesteigerten Moderne abgelöst. Der englische Historiker Arnold Toynbee bezeichnet in seinem Hauptwerk „A Study of History“ 3 die Phase der europäischen Kultur ab 1875, die vom Übergang der Politik von nationalistischem Denken zu globaler Interaktion geprägt ist, „postmodern“. Wie Wolfgang Welsch feststellt, besteht zwischen all diesen Verwendungen des Ausdrucks „postmodern“ weder ein kausaler noch ein inhaltlicher Zusammenhang. Der Anwendungsbereich variiert erheblich, die zeitliche Einordnung schwankt und die Bewertung ist sogar teilweise gegensätzlich.
1 Welsch, Wolfgang: Unsere postmoderne Moderne (2005), S.12
2 Ebd.
3 Ebd., S.13
3
In den fünfziger Jahren wird der Begriff von nordamerikanischen Literaturwissenschaftlern aufgegriffen und wandelt sich allmählich zu einem Ausdruck von allgemeiner Bedeutung. 1959 übernehmen die Kritiker Irving Howe und Harry Levin den Begriff von Toynbee, um ihn auf die gegenwärtige Phase der Literatur anzuwenden. Im Gegensatz zur Moderne mit ihren großen Werken und originellen Schriftstellern sei diese Phase durch Erschlaffung gekennzeichnet. Es gebe keine Innovationen mehr, die Werke dieser Zeit hätten keine Durchsetzungskraft. Mitte der Sechziger kommt es zu einer positiven Neubewertung der zeitgenössischen Literatur durch Leslie Fiedler und Susanne Sontag. Die beiden Kritiker nehmen die spezifischen Qualitäten der neuen Literatur wahr und erkennen sie als Bereicherung an. Das Hauptmerkmal „postmoderner“ Literatur ist es, dass sie sowohl Eliteals auch Massenkultur durch verschiedene Stile und semantische Doppelkodierung verbindet.
Zehn Jahre später, 1969, endet die Debatte um die Einschätzung und Bewertung der postmodernen Literatur. Es hat sich eine Definition durchgesetzt, die neben der Literatur auch andere ästhetische Bereiche einschließt: „Postmodernes“ liege in allen Werken vor, in denen mehrere Sprachen, Modelle oder Verfahrensweisen gleichzeitig angewandt werden. Es muss das Kriterium der Interferenz, der gegenseitigen Beeinflussung, erfüllt sein.
Die Architektur bemächtigt sich des Begriffes ab 1975. In diesem Jahr überträgt ihn der amerikanische Architekt Charles Jencks, zeitgleich mit Robert Stern, auf eine neue Art der Architektur, die dem abstrakten Baustil der Moderne bewusst entgegenwirkt. Die moderne Architektur folgte einem universalen, „Internationalen Stil“ 4 und entsprach dem Kriterium der Funktionalität. Ihre ausdruckslose Bauweise wurde von der Mehrheit der Gesellschaft jedoch als unbefriedigend empfunden. Um den verschiedenen Erwartungen und Geschmäcker der Gesellschaft gerecht zu werden, musste es der Architektur gelingen, unterschiedliche Benutzerschichten gleichzeitig anzusprechen. Die postmoderne Architektur kombiniert aus diesem Grund mehrere Stile miteinander, wendet also verschiedene „Architektursprachen“ 5 an. Wie die postmoderne Literatur ist die postmoderne Architektur mehrfach kodiert. Sie zeichnet sich durch ihre bildnerische, symbolhafte Gestaltung, einer gegenständliche ästhetische Fiktion aus. Das bereits von Leslie Fiedler hervorgehobene Merkmal der „Fiktion“ 6 findet sich also sowohl im Bereich Literatur als auch der Architektur.
4 Ebd., S.20
5 Ebd.
6 Ebd., S.20
4
In der Malerei gibt es zwar auch eine „postmoderne“ Strömung. Sie grenzt sich jedoch weniger von der modernen Malerei ab, da das Spektrum dieser bereits sehr breit war und verschiedene Stile beinhaltete. Im Jahr 1980 bildete sich jedoch die so genannte „Trans-Avantgarde“ 7 heraus, deren Bezeichnung vom Kunsthistoriker Achille Bonito Olivio geprägt wurde. Diese Gruppe von Künstlern verurteilte den starken Gesellschafsbezug des ästhetischen Modernismus, der eine vereinheitlichende, Konsens-stiftende Funktion erfüllte. Die Trans-Avantgarde hält sich nicht an Maßstäbe, sie betont Differenzen und Widersprüche und betreibt auf diese Weise Gesellschaftskritik. Der radikale Individualismus, den diese Künstlergruppe vertritt, führt zu einem Pluralismus verschiedener Ansätze. Die daraus resultierende Kunst wird „postmodern“ genannt. Sie verbindet heterogene Ansätze in einem Werk und lässt sie sich gegenseitig beeinflussen - wie die postmoderne Literatur und postmoderne Architektur.
Die Soziologie spricht zunächst ebenfalls von der „Postmoderne“. Der amerikanische Soziologe Amitai Etzioni schreibt 1968, dass sich die Moderne durch den technologischen Wandel zur „Postmoderne“ transformiert. Diese postmoderne Gesellschaft lasse sich jedoch nicht von der Technokratie beherrschen, sondern könne sich autonom, dynamisch und plural bestimmen. Im Folgenden wird in der Soziologie anstatt des Begriffs „postmodern“ nur noch der Ausdruck „postindustriell[ ]“ 8 verwendet, den David Riesman bereits 1958 einführte. Er wird von Alain Touraine, einem französischen Soziologen, im Jahr 1969 aufgegriffen und setzt sich 1973 mit den Werken des Amerikaners Daniel Bell endgültig durch.
Wie Etzioni geht auch Bell von einem technologischen Wandel aus. Dieser werde jedoch durch „intellektuelle Technologien“ 9 vollzogen. In der bestehenden Gesellschaft sei ab diesem Zeitpunkt das theoretische Wissen vorrangig, die Wissenschaft untrennbar mit der Technologie verbunden und die soziale Entwicklung werde von den „intellektuellen Technologien“ gesteuert. Die natürliche Ordnung der Gesellschaft ist somit durch eine technische Ordnung ersetzt worden - Es herrscht die Technokratie.
7 Ebd., S.23
8 Ebd.,S.26
9 Ebd.,S.27
5
Arbeit zitieren:
Juliana Hartwig, 2006, Postmoderne und Bewusstseinsgeschichte, München, GRIN Verlag GmbH
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