Inhalt:
I. Montessori (Kinderhaus und Grundschule) I.1. Maria Montessori (1870-1952) I.2. Das Kind als Baumeister seiner selbst I.3. Grundsätze der Erziehung I.4. Die vorbereitete Umgebung I.5. Die Freiarbeit mit dem Montessori-Material I.6. Lernziele
II. Waldorf II.1. Rudolf Steiner (1861-1925) II.2. Anthroposophie als Grundlage der Waldorfpädagogik II.3. Grundzüge der Waldorfschule II.4. Widersprüche II.5. Was macht die Waldorfschule für Eltern so attraktiv?
Literatur
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MONTESSORI (Kinderhaus und Grundschule)
I.1. Maria Montessori (1870-1952) Maria Montessori, geboren 1870 in der Nähe von Ancona, absolvierte zunächst eine vierjährige technische Ausbildung sowie ein Studium der Mathematik und Naturwissenschaften, bevor sie 1892 – als erste Frau in Italien! – zum Medizinstudium zugelassen wurde. Nach ihrer Promotion begann sie ihre ärztliche Praxis mit der Betreuung einer Gruppe behinderter Kinder. Diese Arbeit erweckte ihr pädagogisches Interesse, und sie begann mit der Entwicklung von didaktischem Übungsmaterial, das sie bald für den Gebrauch bei normalen Kindern ausbaute. Zahlreiche Vorträge und die Verbreitung ihrer Schriften machten ihr pädagogisches System als „Montessori-Erziehung“ in vielen Ländern auch außerhalb Europas bekannt.
1907 eröffnete Montessori ihr erstes Kinderhaus, die „Casa dei Bambini“, in einem römischen Arbeiterviertel. Aufgrund ihrer außergewöhnlichen erzieherischen Erfolge wurde die „Casa“ zur Attraktion, und weitere Kinderhäuser wurden nach diesem Modell in Rom und Mailand eingerichtet, später auch im Ausland, in England, Australien, USA, wo sie zunächst privat von sozial engagierten Angehörigen der Mittel- und Oberschicht gefördert wurden. Mussolini unterstützte die Gedanken Montessoris in Italien und setzte sich für die Einführung ihres Systems an Schulen ein. Im nationalsozialistischen Deutschland wurde die Bewegung verboten und ihre Bücher verbrannt. Nach dem 2. Weltkrieg lebte das Interesse an den Montessori-Ideen wieder auf, weitere Schriften wurden veröffentlicht und übersetzt, Montessori stellte ihr System weltweit auf pädagogischen Kongressen vor, r ichtete Ausbildungskurse für Lehrer ein. Bis heute setzt sich die 1929 gegründete Association Montessori Internationale für die Fortführung ihres Werkes im Dienste der Kindheit ein. 1
I.2. Das Kind als Baumeister seiner selbst Ein wesentliches Merkmal der Montessori-Ideen ist ihr anthropologischer Ansatz, d.h. sie bauen auf die natürlichen Eigenschaften des Kindes, die durch Beobachtung erschlossen werden können. Kinder haben einen natürlichen Lerntrieb, der sich in sog. „sensiblen Phasen“ äußert. Montessori vergleicht die sensiblen Phasen bei Kindern mit Entwicklungsphasen bei Pflanzen und Tieren, die in bestimmten Lebensabschnitten für bestimmte Reize besonders
1 Vgl. Esser, S. 13 ff. sowie Hellmich, S. 33 ff.
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empfänglich sind. Auf diese Weise werden die verschiedenen Sinne und Fertigkeiten wie Sprechen, Laufen, Rechnen, Lesen usw. nacheinander und mit gesonderter Intensität ausgebildet. Daraus leitet Montessori auch für die Erziehung ab, daß das Kind sich jeweils auf nur ein Lernziel konzentrieren sollte.
Die sensiblen Phasen entsprechen einem inneren Entwicklungsplan, den die Natur aufstellt und der den Eltern und Lehrern zunächst verborgen bleibt. Daher hat es keinen Sinn, wenn Eltern beispielsweise versuchen, die Entwicklung ihrer Kinder zu beschleunigen oder anderweitig auf sie einzuwirken, denn „das Kind hält sich genau an das von der Natur vorgegebene Programm“. 2 Es wird erst dann sitzen oder richtig artikulieren können, wenn es seinem inneren Bauplan gemäß dazu bereit ist. 3 Bis zum 6. Lebensjahr sind die elementaren Verhaltensweisen und Voraussetzungen für das weitere Lernen fixiert. Wenn Kindern in den entsprechenden sensiblen Phasen nicht die nötigen Impulse gegeben werden oder Störungen auftreten, kommt es zu Defiziten, die später kaum noch auszugleichen sind. 4 Dauer und Reihenfolge der einzelnen Entwicklungsphasen sind individuell verschieden. Deshalb sind die Gruppen bzw. Klassen in Montessori-Kinderhäusern sowie - schulen altersgemischt, so wie es auch die natürliche soziale Umgebung des Kindes außerhalb der Schule ist. Auf diese Weise wird der in der Regelschule oft auftretende Konkurrenzkampf zugunsten eines natürlichen, stärker an den jeweiligen Bedürfnissen orientierten sozialen Verhaltens Jüngeren und Älteren bzw. Schwächeren und Stärkeren gegenüber vermieden. 5 Eine weitere Eigenschaft, die Kinder von Natur aus mitbringen, ist das Bedürfnis nach Ordnung. So wie sich das Kind innerhalb der sozialen Struktur versucht einzuordnen und abzugrenzen, so braucht es auch für die es umgebenden Dinge und die verschiedenen Tätigkeiten einen Orientierungsrahmen, der ihm Sicherheit gibt – nur so kann es lernen, Menschen, Dinge oder Situationen einzuschätzen. Kinder, die aus einem zerrütteten Elternhaus stammen, oft umziehen müssen oder einfach in einem sie überforderndem Überfluß an Spielzeug aufwachsen, wirken oft nervös, unsicher, unentschieden. 6 Kinder arbeiten nicht zielgerichtet. In den verschiedenen sensiblen Phasen werden sie jeweils in einem bestimmten Bereich ihrer körperlichen oder geistigen Entwicklung aktiv. In 2 Montessori, zit. bei Haberl, S. 13
3 vgl. Esser, S. 37 4 vgl. Haberl, S. 13 5 vgl. Esser, S. 132 ff.
6 vgl. Diess., S. 35 ff.
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der Phase des Sprechens geht es um die Entwicklung der Mundmuskulatur, in der Phase des Laufens um die Motorik der Beine usw. Diese Bündelung der Energie auf einen einzigen Schwerpunkt bleibt als Merkmal des kindlichen Lernprozesses auch noch in der Schule erhalten, wenn es ans Schreiben, Lesen, Rechnen geht. Dabei verfolgt das Kind mit seiner Aktivität kein bestimmtes Ziel, sondern die Motivation liegt in der Tätigkeit selbst. Man muß das Kind also nicht zwingen, wozu es in der entsprechenden sensiblen Phase von allein getrieben wird. 7 Die kindliche Entwicklung zielt von Anbeginn auf Selbständigkeit. „Hilf mir, es selbst zu tun!“ – diesen Ausspruch eines Kindes hat Montessori zu einer Leitmaxime für ihre Erziehung und die Herangehensweise an Kinder überhaupt gemacht. 8 Das Kind will sich von seinen Eltern emanzipieren, und die Unterstützung dieses Prozesses ist die Voraussetzung für die Persönlichkeitsfindung des Kindes.
I.3. Grundsätze der Erziehung Aus den oben beschriebenen natürlichen Gegebenheiten leiten sich für Montessori einige erzieherische Grundsätze ab, die ihre Pädagogik von der Regelschule unterscheiden. Als erstes hat sich die Erziehung dem jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes anzupassen und nicht umgekehrt, d.h. es gibt keine Norm, wie sie das normale Schulsystem kennt, in Form von Alterseinstufungen oder Lehrplänen. Die Kinder lernen zwar alles das, was auch in der Regelschule angeboten wird, bestimmen den Rhythmus und die Reihenfolge ihres Lernens aber selbst. Nach Montessori interessiert sich jedes Kind irgendwann aus eigenem Abtrieb für alle schulischen Disziplinen, schon allein aus der Motivation heraus, etwas zu lernen zu wollen, was andere bereits können. Das schließt ein, daß man die Interessen, bzw. die natürlichen Bedürfnisse des Kindes nicht vorweggreifen soll, sondern dem inneren Entwicklungsplan freien Lauf lassen in einer „Vorbereiteten Umgebung“, die dem Kind entsprechende Impulse gibt, seinen Bedürfnissen zu folgen. Um diesen Forderungen gerecht werden zu können, müssen Eltern und Lehrer lernen, auf die E ntwicklung des Kindes zu vertrauen und das Kind von Anbeginn als eigenständige Persönlichkeit achten.
7 vgl. Diess., S. 34
8 vgl. Diess., S. 39
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Anna Purath, 1999, Alternative Schulsysteme: Montessori und Waldorf, Munich, GRIN Publishing GmbH
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