Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Philosophie
Hauptseminar „Der philosophische Freiheitsbegriff“
"Gesichter der Freiheit" - Notizen zum Verständnis des Freiheitsbegriffs
Kai Lehmann
Existiert die Freiheit des Menschen oder sind wir vielleicht gar nicht frei? Diese Frage ist eine der ältesten, seit Menschen angefangen haben, über sich selbst nachzudenken. Eine abschließende Antwort ist trotz mannigfaltiger Versuche durch die Jahrhunderte hinweg noch nicht gefunden worden. Das hat viele Gründe, aber in jedem Fall auch etwas mit dem jeweiligen Verständnis von Freiheit zu tun. Die Freiheit, zu tun oder zu lassen, was immer man will, ist beispielsweise etwas völlig anderes als die Freiheit einer demokratischen Wahl oder die Freiheit, welche in dem Kinderlied „Die Gedanken sind frei“ gemeint ist. Es ist also notwendig, zur Klärung der obenstehenden Frage sich zuvor darüber zu verständigen, von welcher Freiheit wir sagen wollen, dass sie für den Menschen existiert oder eben nicht. Eine solche Verständigung kann viele Diskussionen über eine mögliche Antwort, wie sie derzeit u.a. von den Neurowissenschaften wieder aufgenommen wurden, vereinfachen. Der Frage nach der Existenz einer menschlichen Freiheit geht also die Frage voraus, was wir unter menschlicher Freiheit verstehen. Ich möchte versuchen, im Folgenden einige mögliche Antworten und Probleme vorzustellen. Diese Sondierung in den vielschichtig geführten Auseinandersetzungen soll dazu beitragen, eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage zu finden. Gleichwohl sei bereits an dieser Stelle eingeräumt, dass auch die hier angesprochenen Möglichkeiten und Auffassungen keine abschließenden Charakter tragen können, sondern vielmehr als fruchtbare Anregungen für einen eigenen Standpunkt zu verstehen sind.
Das Libet-Experiment innerhalb der Neurobiologie hat gezeigt, dass menschliche Entscheidungsfreiheit nicht mit der Untersuchung von Gehirnaktivitäten bei einer einzelnen konkreten Entscheidung nachzuweisen ist. Aus diesem Resultat haben nun einzelne Gehirnforscher gefolgert, es gäbe keine Freiheit menschlicher Entscheidungen. Ich habe bereits an anderer Stelle versucht zu zeigen, dass diese Folgerung nicht zwingend ist, weil durch die spezielle methodische Perspektive ein Freiheitsbegriff zugrunde gelegt wurde, welcher bereits durch seine Annahmen die Nichtexistenz impliziert. Zwei dieser Annahmen sollen verdeutlichen, warum mit den Ergebnissen der neuronalen Experimente noch nicht die Freiheit des Menschen widerlegt ist. Setzt man erstens, wie in der Auffassung Gerhardt Roths, die unbewussten Gehirnvorgänge mit Unfreiheit gleich, dann resultiert aus der Tatsache, dass die meisten unserer Handlungen unbewusst und gleichsam automatisch gesteuert werden, in der Tat die Überzeugung einer Unfreiheit menschlicher Entscheidungen. Gegen diese Setzung spricht sowohl die Komplexität menschlicher Entscheidungen (welche oft das Ergebnis langen bewussten Nachdenkens darstellt) als auch die fragwürdige Motivation einer völligen Gleichsetzung von Unbewusstheit mit Unfreiheit. Es mag sein, dass unser Unterbewusstsein nach Freud unsere Entscheidungen determiniert. Doch sicherlich ist unser Denken zwar in seiner Aktualität weitgehend unbewusst (weshalb wir für unsere bewusste Denktätigkeit den Begriff des Nachdenkens gebrauchen), doch nicht per se deswegen unfrei im Sinne des Freudschen Unterbewusstseins. Hier ist eine Gleichsetzung zwischen Unbewusstheit und Unterbewusstsein irreführend.
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Kai Lehmann, 2004, "Gesichter der Freiheit" - Notizen zum Verständnis des Freiheitsbegriffs, Munich, GRIN Publishing GmbH
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