Unsichtbares Theater - Pfitzners Rundfunkbearbeitung seiner Oper
′Der arme Heinrich′
von: Peter P. Pachl
„Ach! Wie graut mir vor allem Kostüm- und Schminkewesen! Wenn ich daran denke, dass diese Gestalten wie Kundry nun sollen gemummt werden, fallen mir gleich die ekelhaften Künstlerfeste ein, und nachdem ich das unsichtbare Orchester geschaffen, möchte ich auch das unsichtbare Theater erfinden!“
So Hans Pfitzners Leitstern Richard Wagner am 23.11.1878 zu Cosima.1 Wagner nämlich hatte die Absicht, Kundry im zweiten Aufzug des Parsifal „wie eine Tizianische Venus nackt da liegen“2 zu lassen, fand sich aber notgedrungen mit einem von Joukowski vorgeschlagenen Kostüm ab.
Zwei Dinge scheinen an dieser Haltung Richard Wagners im Hinblick auf den nachgeborenen Hans Pfitzner bemerkenswert: Auch Agnes im „Armen Heinrich“ soll im dritten Akt nackt auf dem Tisch des Arztes liegen, und auch nach ihrer wundersamen Rettung erzählt keine Regiebemerkung davon, dass ihr etwa ein Gewand umgelegt würde oder dass sie selbst ihre Blöße mit einem Laken bedecken würde. Gewichtiger noch als die Parallelität zu jener, offenbar auch von Pfitzner selbst nie so, wie vom Dichter erdacht, realisierten Szene, erscheint jedoch Wagners Hypothese eines unsichtbaren Theaters. Denn bis heute berichten Opernbesucher, die mit Pfitzners Forderung nach „Werktreue“ konform gehen und sich über die Innovationen von Regisseuren entrüsten, sie hätten bei der Aufführung einfach die Augen geschlossen und sich nur auf die Musik konzentriert. Auch der Wagner- und Pfitzner-Dirigent Wolfgang Sawallisch gab – vermutlich aus einer ähnlichen Grundhaltung – noch als Münchner Operndirektor konzertanten Aufführungen den Vorzug vor szenischen Realisierungen.3 Das unsichtbare Theater, das Wagner ahnend vorweggenommen hat, bildeten jedoch nicht die konzertanten Aufführungen, – denn die gab es zu Wagners Zeit durchaus schon und diese liefen der Idee seines Gesamtkunstwerks zuwider –, sondern die Erfindung der kompletten Tonaufzeichnung von Musikdramen.
Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erreichten Tonträger theatrale Dimension, mit Räumlichkeit und theatraler Geräuschkulisse – etwa in Georg Soltis Schallplatteneinspielung des „Ring des Nibelungen“. Experimentiert wurde mit dem Medium des unsichtbaren Theaters in den eigenen vier Wänden jedoch bereits seit der Jahrhundertwende, und ab dem zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts im Medium Rundfunk. Der Rundfunk aber hatte gegenüber der Schallplatte für den Rezipienten den Vorteil, die Darbietung pausenlos – ohne das lästige Umwenden und Wechseln der Schellackplatten – genießen zu können. Eine weitere Parallelität d i e s e s unsichtbaren Theaters mit dem sichtbaren bedeutete die Tatsache der Unmittelbarkeit und Unwiederholbarkeit, denn Aufzeichnungen auf Tonband und damit die Wiederholbarkeit von Passagen, deren Umfang über die Aufnahme- und Spieldauer einer Wachsmatritze hinausgingen, gab es erst ab den späten Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts.
1. Der arme Heinrich als Höroper
Hans Pfitzner war dem Medium Rundfunk gegenüber äußerst aufgeschlossen. Am 8.2.1926 dirigierte er im Berliner Vox-Haus, im Rahmen der „Stunde der Lebenden“ – heute würde man sagen „Musica Viva“ – sein Musikdrama Der arme Heinrich. Seit der ersten Rundfunkübertragung eines Live-Konzerts, der Funkstunde am 29.10.1923, der dann die Gründung des Funk-Orchesters für die Berliner Funkstunde AG gefolgt war, waren gerade erst gut zwei Jahre vergangen. Den Stamm des Orchesters bildeten Mitglieder der „Großen Volksoper“, des heutigen Theaters des Westens. Die Live-Opernsendungen der Zwanzigerjahre wurden noch nicht aufgezeichnet. Erhalten hat sich jedoch ein Foto jenes denkwürdigen Opernabends der Funkpremiere des „Armen Heinrich“, mit einem Mikrofon an der Seite des dirigierenden Komponisten. Am Abend vor der Live-Übertragung hatte Hans Pfitzner im Rundfunk eine Einführung zu seiner Oper gehalten, und dabei die Tiefen seines Werkes ebenso erklärt, wie die „Besonderheiten der Senderaum-Atmosphäre“4. Als Tonträger überdauert hat erst die dreizehn Jahre später, am 16. Februar 1939, erfolgte Interpretation des Blütenwunders aus Die Rose vom Liebesgarten unter Hans Pfitzners musikalischer Leitung. Die Funkfassung des „Armen Heinrich“ wurde beim Berliner Sender als „Sternstunde“5 gefeiert, in der einschlägigen Pfitzner-Literatur hingegen blieb sie unbeachtet.
[...]
1 Cosima Wagner, Die Tagebücher, Band II 1878–1883, München und Zürich 1977, S. 181.
2 Vgl. Wagner, Die Tagebücher, S. 675 (4.1.1881).
3 Im persönlichen Gespräch mit dem Verfasser.
4 Steffen Georgi, Komponisten dirigieren eigene Werke. Beiheft zur gleichnamigen CD, Deutschland-Radio, S. 9 in: 75 Jahre RSB, 1998.
5 Georgi, Komponisten dirigieren eigene Werke, S. 11
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Prof. Dr. Peter P. Pachl, 2006, Unsichtbares Theater - Pfitzners Rundfunkbearbeitung seiner Oper 'Der arme Heinrich', Munich, GRIN Publishing GmbH
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