häufig mit den Leistungen seines Zeitgenossen Max Reinhardt verglichen, dem größten Regisseur des 20. Jahrhunderts.
Nach dem ersten Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise und Inflation bewältigte Siegfried Wagner im Sommer 1924, die Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele nach zehnjähriger Unterbrechung ohne staatliche Subventionen.
Neben seiner Arbeit als international gastierender Dirigent, Regisseur und Vortragsredner schuf Siegfried Wagner ein Oeuvre von achtzehn Bühnenwerken, drei sinfonischen Dichtungen, einer Symphonie und einer Reihe von Liedern. Als Komponist überrundete er, zumindest in der Anzahl und zeitweise auch an Aufführungszahlen, das väterliche Oeuvre: er dichtete und komponierte 18 Opern, deren größter Teil zu seinen Lebzeiten mit wechselndem Erfolg gespielt wurde. Der Zeitzeuge einer spannenden Epoche gesellschaftlicher, kultureller und politischer Umwälzungen verarbeitete seine Erfahrungen und Erlebnisse in seinen achtzehn Opern, die gigantischen Tagebüchern gleichkommen.
In diesen Bühnenwerken erweist sich der Künstler als ein pazifistischer Kosmopolit und somit als ein Dissident gegenüber dem von Bayreuth und seiner eigenen Familie ausgerufenen, nationalistischen Kulturkampf. Die Themen seiner Opern klagen die Gewalt gegenüber Fremden und Außenseitern an. Weder inhaltlich noch thematisch entsprachen sie dem, was sich ein Publikum vom Wagner-Sohn erwartete, und so hatte Siegfried zwar nicht mit dem Drachen, aber als schaffender Künstler doch gleich auf zwei Fronten zu kämpfen: gegen die Wagnerianer, die ihren „Meister“ besser zu verstehen glaubten als dessen Sprössling, und gegen die erbitterten Wagnergegner, die in Wagner junior stets nur Wagner den Jüngeren erblickten. So erfüllte sich für Siegfried Wagner eine Prognose seines Vaters, kurz nach seiner Geburt, am 6. Juni 1869 in Tribschen am Vierwaldstättersee, „Er wird schwer an solchem Namen zu tragen haben“.
Siegfried Wagner zeigte eine Vorliebe für Künstlerpersönlichkeiten, die nicht den deutschnationalen Richtlinien Bayreuths, vertreten etwa durch Cosimas selbsterwählten Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain, entsprachen. Und so zeigen seine Bühnenwerke mit ihren jugendstilhaften Titeln geistige Verwandtschaft zu Oscar Wilde, Stefan George, Gerhart Hauptmann und sogar Bertolt Brecht.
Die historisch angesiedelten Handlungen behandeln psychische und manische Phänomene, sie integrieren Themen wie Astrologie, Chiromantie und Hypnose. In der Zeichnung seiner dramatis personae verzichtet er auf jegliche Schwarzweißmalerei, will im Betrachter und
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Hörer Mitgefühl wecken mit Außenseitern, gewinnt aber selbst den Schuften noch menschlich nachvollziehbare Züge ab.
Die spätromantisch verwurzelten Partituren integrieren impressionistische Einflüsse und Geräuschkunst, Verismo, Aleatorik und sogar Zwölftontechnik. Formal und in ihren Topoi sind sie Meyerbeers Grand Opéra verwandter als dem Musikdrama Richard Wagners. Nach dem Tod des Komponisten unterband Winifred Wagner zusehends Aufführungen der Werke Siegfried Wagners und vernichtete leider auch zwei nur in Particell vollendete Opern. Von Siegfried Wagners 18 Opern blieben drei in Partitur unausgeführt. Die letzte Uraufführung der zum Teil erst in den letzten zwanzig Jahren erstmals aufgeführten Werke erfolgte erst im Oktober 2003.
Schlüssel zur Zeitgeschichte
„Es bedarf schon der Geduld, bis man wenigstens eine kleine Anzahl der Vorurteile beseitigt hat, die gegen den Sohn eines großen Mannes feststehen. Ich weiß nicht, wie sich das in anderen Ländern verhält; in Deutschland besteht jedenfalls ein Dogma, dass solche in Sohn mindestens ein halber Esel, wenn nicht gar ein kompletter Idiot sein muss. Kommt nun einer, auf den dieses Dogma nicht ganz passt, entsteht Verwirrung.“ So Siegfried Wagner in den im Vorfeld seiner Amerika-Tournee im Jahre 1923 veröffentlichten „Erinnerungen“. Die soeben erschienene Neuausgabe stellt Herausgeber Bernd Zegowitz in die Reihe der „autobiographischen Zeugnisse der Eltern (Richard und Cosima), der Kinder (Friedelind und Wolfgang), der Enkelkinder (Gottfried und Nike) Siegfrieds“, womit der Herausgeber „die Familiengeschichte der Wagners aus erster Hand lückenlos dokumentiert“ sieht. (Siegfried Wagner: Erinnerungen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Bernd Zegowitz. Peter Lang, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt/Main 2005. ISBN 3-631-53848-0, 127 S., € 16,80) In seinen „Erinnerungen“ finden die Opern Siegfried Wagners kaum Erwähnung, - wohl da sie selbst seine entscheidenden Memoiren darstellen. Der Herausgeber der Neuausgabe der „Erinnerungen“ lässt sich, wie schon so mancher vor ihm, verleiten, damit ihre Bedeutung zu verkennen, sich durch deren seltsame Titel zu Trugschlüssen verleiten zu lassen (sie etwa als „volkstümlich-humoristische Opern“ zu klassifizieren) oder alte Wertungen zu übernehmen, die beinahe sämtlich aus einer Positionierung für oder gegen Richarde Wagner erfolgten. Nur wenige Geister, wie etwa Arnold Schönberg, verfügten über jenen Weitblick, mit dem Schönberg konstatierte, dass „Siegfried Wagner ein tieferer und originellerer Künstler ist, als viele, die heute sehr berühmt sind“.
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Aber die sonst nicht gerade immer einige Familie Wagners glaubte gut daran zu tun, die Werke des Liszt-Enkels und Wagner-Sohnes nach dem Tode des Komponisten im Jahre 1930 teils ganz verschwinden, teils in jener Schublade verwahrt zu lassen, in die der Komponist sie einmal selbst mit den Worten gesteckt hatte:
"Ich lege eine Partitur nach der anderen in das Schubfach. Wenn ich einmal tot bin, wird man sie hervorholen."
Gleich nach dem Tod des Komponisten wurde von der Witwe die Gründung eines geplanten Siegfried Wagner-Vereins verboten, wurden - wo immer es möglich war - Aufführungen seiner Bühnenwerke verhindert. Allerdings gab es zahlreiche Freunde und Schüler Siegfried Wagners unter den Dirigenten, Regisseuren und Bühnenbildnern, die es sich nicht nehmen ließen, die - insbesondere von der Doktrin der bald einsetzenden Nazi-Diktatur ob ihrer liberalen und antimilitaristische Haltung verpönten - Werke zur Aufführung zu bringen. Im Dritten Reich, wo Siegfried Wagners Opernstoffe auf besondere Schwierigkeiten stießen, unternahm der Maler und Bühnenbildner Franz Stassen den aus heutiger Sicht unrühmlichen Versuch, dem Komponisten Akzeptanz zu verschaffen, indem er seinem Intimfreund eine anfängliche Begeisterung für Hitlers Bewegung attestierte. Im Lichte unserer Geschichte hat Stassen Siegfried Wagner damit einen Bärendienst erwiesen, denn diese Behauptung änderte nichts an der Meinung der NS-Machthaber über Siegfried Wagner, aber die opportunistische Behauptung wurde von späteren Generationen gern herangezogen um Siegfried Wagner pauschalierend der frühen Nazigemeinde zuzuordnen, - wie es etwa auch Brigitte Hamann in ihrer Biographie Winifred Wagners praktiziert, wo sie den - laut Goebbels „schlappen“ -Siegfried Wagner zum Antisemiten und frühen Nazi stempelt.
Korrekt führt Hamann an, dass Winifred ihre Briefe zunächst mit „Frau Siegfried Wagner“ unterzeichnete, „aber bald ungeniert auf ‚Siegfried Wagner’“ überging, „was im Autographenhandel noch heute für Verwirrung sorgt.“. Andererseits zitiert Hamann doch gern solche Briefe Winifred Wagners als Aussagen Siegfried Wagners und deutet sie - trotz klarer gegenteiliger Berichte von Friedelind Wagner - als „das Echo ihres Ehemannes“. Natürlich gab es, wie auch in meiner Siegfried Wagner-Biographie zu lesen, antisemitische Äußerungen des national erzogenen, aber kosmopolitisch empfindenden Wagner-Sohnes; insbesondere in seinen frühen Familienbriefen passte er sich nur allzu deutlich dem offiziellen Sprachgebrauch der Familie an. Der ob seiner Homosexualität immer wieder - sogar in seiner eigenen Familie, insbesondere durch seinen Schwager Houston Stewart Chamberlainheftigen Repressalien ausgesetzte Wagner-Sohn sah sich bisweilen auch in späteren Jahren
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Prof. Dr. Peter P. Pachl, 2005, Siegfried Wagner zum 75. Todestag - eine Bestandsaufnahme, Munich, GRIN Publishing GmbH
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