1
Gliederung
1. Inhaltsangabe S 2
2. Entstehung des Films, historische Hintergründe und S 3
grundsätzliche Überlegungen zur Authentizität
3. Zusammenarbeit Eisenstein - Prokofjew S 4
4. Vertikalmontage - Montage S 6
5. Prokofjews Arbeit S 9
5.1. Bewegung innerhalb des Bildes und der Tonhöhenverlauf S 9
5.2. Micky-Mousing S 10
5.3. Leitmotiv-Technik / Stimmungsmusik S 10
5.4. Assoziationsmusik der Epoche, des Kulturkreises und des Status S 11
5.5. Bildhelligkeitsverlauf und der Tonhöhenverlauf S 11
5.6. Kontrapunktische Aspekte S 12
5.7. Einsatz von Stille als musikalisches Mittel S 13
5.8. Musik vermittelt Inhalte, die über das Bild hinausgehen S 14
5.9. Musik ohne Bildäquivalent S 14
5.10. Bildkomposition und Notenbild S 15
5.11. Aufbau und Struktur einer musikalischen Sequenz S 15
5.12. Aufnahmetechniken S 16
6. Schlußwort S 17
7. Anhang S 18
8. Bibliographie S 21
2
1. Inhaltsangabe
In dem Film Alexander Newski verarbeitet Sergej Eisenstein ein historisches Ereignis des
13. Jahrhunderts im noch nicht geeinten Rußland: die Schlacht auf dem Peipussee. Rußland leidet unter dem Joch der mongolisch-tatarischen Horden des Dschingis-Khan, als von Westen her die Deutschritter das russische Land besetzen und unterwerfen. Die Bojaren wenden sich an den Fürsten Alexander Newski mit der Bitte um Hilfe. Newski übernimmt das Kommando der Armee, die aus Rittern und Bauern besteht. Die entscheidende Schlacht findet auf dem Peipussee statt. Die Deutschritter greifen in ihrer gewohnten Form des "Keilers" an, die als unbesiegbar gilt. Alexander zentriert seine Hauptmacht auf den Flanken, das absichtlich schwach gehaltene Zentrum läßt sich angreifen und weicht zurück, die Deutschritter an sich bindend und nach sich ziehend. Die Nachhut der Bauern greift im Rücken an. Die Deutschritter, völlig umzingelt und vernichtend geschlagen, müssen fliehen, aber das Eis bricht - wie erwartet - unter ihren schweren Rüstungen zusammen, so daß alle, die nicht in der Schlacht gefallen sind, ertrinken. Der Film endet mit dem Einzug der ruhmreichen Armee in Pskow.
Nebenhandlungen: Buslais und Gawrilo, zwei Kampfgefährten von Alexander, bemühen sich beide um Olga, welche sich zwischen ihnen entscheiden soll. Sie jedoch entscheidet, daß sie denjenigen heiraten wird, der sich als der tapferste im Kampf erweist. Im Kampfgeschehen trifft Buslais auf Wasilisa, deren Vater bei der Besetzung von Pskow von den Deutschrittern ermordet worden war. Bei den Siegesfeiern versprechen Buslais und Wasilisa einander, ebenso Gawrilo und Olga.
Mit den Figuren Buslais und Gawrilo wollte Eisenstein "zwei der für den russischen Menschen und Kämpfer so typischen Eigenschaften" 1 verdeutlichen. "Das Draufgängertum
Buslais [...] und die Lebensweisheit Gawrilos [...] stehen links und rechts von Alexander, der beide Züge in sich vereinigt." 2 erläutert Eisenstein in einem Aufsatz. Mit dem Waffenschmied
Ignat fügte Eisenstein noch einen patriotischen "Zivilist" hinzu, nicht nur um die Aussage zu unterstreichen, sondern auch, damit sich der russische Zuschauer mit ihm identifizieren kann. Ignat gibt für den Kampf alles her was er besitzt, selbst "sein letztes Hemd". Daher ist sein eigenes Kettenhemd zu kurz, was ihm dann auch zum Verhängnis wird.
1 Sergej Eisenstein: "Alexander Newski" in Ausgewählte Aufsätze (Berlin: 1960), S.505-519, hier S.516.
2 Eisenstein, "Alexander Newski", S.516.
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2. Entstehung des Films, historische Hintergründe und grundsätzliche Überlegungen zur Authentizität
Alexander Newski entstand 1938, als die Bedrohung durch das Streben der deutschen Faschisten nach "Lebensraum" im Osten sich gewaltig zuspitzte. Hitler hatte bereits Österreich besetzt, war ins Sudetenland einmarschiert und forderte die freie Stadt Danzig und einen Kor-ridor nach Ostpreußen. Eisenstein, der nach der Kritik der "Prawda" über die Beschin-Wiese sich auf ein "unverdächtiges, patriotisch-historisches Sujet zurück[zog]" 3 , und im Auftrag der Partei um den russischen Helden Alexander Newski ein Epos schuf, war selbst irritiert über die Parallelität der politischen Situation Europas Ende der Dreißiger und dem historischen Hintergrund des Films im 13. Jahrhunderts. Die Aktualität forderte eine schnellstmögliche Fertigstellung des Filmes. Als sich dann jedoch die Arbeit verzögerte, mußte Eisenstein entscheiden, ob er für die Aufnahmen des Filmes, die in Winterlandschaft spielen (60% des Filmes), bis zum Januar des nächsten Jahres wartet oder aber eine künstliche Schneelandschaft inszeniert. Eisenstein sah hier von einer realgetreuen Umsetzung zugunsten der Aussage ab. "Die Stiltreue unserer früheren Arbeiten hatte der politischen Aktualität des Themas Platz gemacht." schreibt Eisenstein über sein Werk Alexander Newski 4 . Insgesamt verzichtete Eisenstein bewußt auf Authentizität: Kostüme werden so geschaffen, wie ein Mensch des 20. Jahrhunderts sie sich vorstellt, nicht wie sie tatsächlich waren; ebenso wird authentische Musik des 13. Jahrhunderts nicht verwendet, was sich z.B. bei einer Messe der Deutschritter angeboten, aber wahrscheinlich sehr befremdlich gewirkt hätte; 5 auf die Ausdrucksweise des 13. Jahrhunderts wird ebenso verzichtet wie auf einen Übersetzer zwischen den Deutschrittern und den Russen, denn Eisenstein lag vor allem an der Verständlichkeit seines Werkes und nicht an der Authentizität.
"Alle 'formalistischen' Versuchungen hatten ihren Reiz verloren.[...] Und in den Vor-dergrund trat eine Empfindung, ein Gefühl, alles zu verallgemeinern, ein in erster Linie zeitgemäßes Werk zu schaffen: An den Chroniken und den anderen alten Berichten verblüfften immer wieder die Parallelen zur heutigen Zeit." 6
3 Hans-Christian Schmidt: "Exkurs: Von russischen und englischen Fürsten", in Musik aktuell, Analysen, Beispiele, Kommentare: "Filmmusik", Band 4 (Kassel: 1982), S.63-70, hier S.63.
4 Eisenstein, "Alexander Newski", S.517.
5 s. hierzu auch: Prokofjew, "Die Musik zu 'Alexander Newski'", in Dokumente, Briefe, Erinnerungen, hg. von S.J. Schlifstein (Moskau: 1961), deutsch von F. Loesch, (Leipzig: 1965), S.212f, hier S.212.
6 Eisenstein, "Alexander Newski", S.512.
4
Alexander Newski war Eisensteins erster Tonfilm, und er hatte den künstlerischen
Anspruch, eine "organische Verschmelzung von Musik und Bild und eine strenge innere
Übereinstimmung zwischen den optischen und den musikalischen Bildern zu erreichen" 7 .
Mittlerweile war Deutschland in Polen einmarschiert, und das Filmteam hätte "vor Wut die
Wände hoch laufen mögen, weil der Film, den wir dem Aggressor wie eine Granate in die
räuberische Fratze schleudern wollten, noch nicht fertig war." 8 Unter einem derartigen
Zeitdruck schien ein solch hoher Anspruch nicht zu verwirklichen zu sein. Aber dann kam der
"'Magier und Zauberer' Sergej Prokofjew zur Hilfe" 9 , und alle Erwartungen Eisensteins
wurden sogar noch übertroffen.
3. Zusammenarbeit Eisenstein - Prokofjew
Die Zusammenarbeit von Prokofjew und Eisenstein ist geprägt von gegenseitigem Respekt
für das künstlerische Können des anderen. Prokofjew begründet sein großes Interesse an der
Arbeit mit Eisenstein damit, daß "Eisenstein sich nicht nur als blendender Regisseur, sondern
auch als Mann von feinem Musikverständnis erwies" 10 . Am anschaulichsten ist es, sich
anzusehen, wie sie selbst die Arbeit darstellen. So schreibt Prokofjew:
"Es ergab sich für Eisenstein und mich die folgende Art zu arbeiten: Ich sah mir ein Stück vom Film zusammen mit Eisenstein an, und er äußerte gleichzeitig, wie er sich die Musik dazu dachte. Die Wünsche waren oft sehr bildhaft. Zum Beispiel: 'Hier müßte es so klingen, als ob einer Mutter das Kind aus den Armen gerissen wird'; oder an andrer Stelle: 'Mach mir etwas wie den Pfropfen auf die Flasche.' Nach Hause gekommen, komponiere ich die Musik auf Grund der genauen Sekundenmarkierungen. Das Komponierte spiele ich andeutungsweise für die Übertragung auf den Filmstreifen. Wenn es sich um Chöre handelt, spiele ich nicht nur, sondern singe auch, was Eisenstein großen Spaß macht, da das Singen nicht meine Stärke ist. Wenn die Vorgänge auf der Leinwand gut mit der Musik zusammenkommen und keine Änderungen notwendig sind, schreite ich zur Instrumentierung dieses Ausschnittes und beginne mit der Niederschrift." 11
Eisenstein war tief beeindruckt von Prokofjews Umsetzung des Gesehenen und mit wel-
chem feinfühligem Zeitgefühl diese stets geschah. Und dies betrifft nicht nur die Zeiteintei-
lung, mit welcher er den Rhythmus, den Aufbau und andere Komponenten des Bildes in ein
7 Eisenstein, "Alexander Newski", S.519.
8 Eisenstein, "Alexander Newski", S.518.
9 Eisenstein, "Alexander Newski", S.519.
10 Sergej Prokofjew: "Die Musik zu 'Alexander Newski'", S.213.
11 Prokofjew: "Die Zusammenarbeit mit Eisenstein", in Dokumente, Briefe, Erinnerungen, S.232f, hier S.233.
5
musikalisches Klangbild umsetzte, sondern auch, daß die einer Szene entsprechende
Komposition über Nacht entstand und am nächsten Tag vorlag. 12 Dabei scheint das präzise
Zeitempfinden Prokofjews der entscheidende Schlüssel zu seiner Arbeit zu sein:
"Prokofjew arbeitet wie eine Uhr. [...] Prokojews genaue Zeiteinteilung ist keine Pedanterie. Sie ist eine Funktion seiner Genauigkeit im Schaffen. Der absoluten Genauigkeit der musikalischen Vorstellung. Der absolut genauen Übertragung dieser Vorstellung in mathematisch präzise Ausdrucksmittel, die er am stählernen Zügel hält." 13
Die Gemeinsamkeit der beiden Künstler liegt vor allem in der sehr stark strukturierten
Form. Dabei kam Prokofjews Arbeit sicherlich entgegen, daß allein schon jede einzelne Film-
einstellung Eisensteins auch für sich genommen immer ein harmonisches Ganzes bildet.
Natürlich fügt die Abfolge der Bilder dem Aufbau, den Farben, der Stimmung und der
Intention des Bildes die überaus wichtige Bewegung hinzu, aus welcher Prokofjew das
Tempo und den Rhythmus der begleitenden Musik ableitete. Aufschlußreich ist in diesem
Zusammenhang eine Beobachtung Eisensteins:
"Der Film läuft über den Bildschirm. Als ob Morsezeichen empfangen würden, zucken seine [Prokofjews] Finger, bewegen sich beharrlich und heben sich deutlich auf der Arm-lehne ab. Schlägt er Takt? Nein! Keineswegs nur den Takt. Mit dem Klopfen der Finger verfolgt er das strukturelle Gesetz, nach welchem in der Montage des Bildes die Längen und die Tempi der einzelnen Abschnitte miteinander und alle zusammengenommen mit den Handlungen und der Intonation der Schauspieler in Übereinstimmung gebracht werden. " 14
Signifikant erscheint mir auch insbesondere die charakterisierende Art der Verständigung
zwischen Eisenstein und Prokofjew, wenn die verbalen Ausdrucksmittel nicht ausreichten. So
ließ Eisenstein bei einer Gelegenheit zur Veranschaulichung Instrumente bauen, zu denen er
sich das musikalische Äquivalent erbat, filmte sie ohne Ton, führte Prokofjew das Ergebnis
vor, woraufhin Prokofjew ihn verstand und das gewünschte Musikbild schuf. 15
12 Siehe: Eisenstein: "Bemerkungen über Prokofjew", in Dokumente, Briefe, Erinnerungen, S.455-463, hier
S.455.
13 Eisenstein: "Bemerkungen über Prokofjew", S.455.
14 Eisenstein: "Bemerkungen über Prokofjew", S.459-460. Siehe hierzu auch Fußnote 23.
15 Sergej Eisenstein: The Film Sense (London: 1948). S.158.
Quote paper:
Eva Maria Mauter, 1997, Sergej Prokofjews Filmmusik zu Sergej Eisensteins Alexander Newski, Munich, GRIN Publishing GmbH
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