LUDWIG-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT MÜNCHEN
Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft
Seminar: Die politische Philosophie von Platon und Nietzsche
Wintersemester 2004/05, Abgabetermin: 23. Juni 2005
Wahrheit und ihre Konsequenz bei Platon und Nietzsche
von: Helmut Wagner
-INHALTSVERZEICHNIS-
A PHILOSOPHIE UND WAHRHEIT...2
B WAHRHEIT UND IHRE KONSEQUENZ BEI PLATON UND NIETZSCHE...3
I. Wahrheit und ihre Konsequenz nach Platon... 3
1. Platons Ideenlehre: die Welt der Ideen als die wahre Welt des Seins ... 3
2. Die Konsequenz: das Postulat der Philosophenherrschaft...5
II. Wahrheit und ihre Konsequenz nach Nietzsche... - 6 -
1. Der theoretische Hintergrund ...6
♦ Kritik an Platon und der traditionellen Metaphysik ...6
♦ Nietzsches Vorstellung von Welt als Wille zur Macht ...7
2. Verschiedene Wahrheitsbegriffe ...9
♦ Die traditionelle, objektive Wahrheit: ihre Entstehung und ihre Falschheit ...9
♦ Ausgeburt des Willens zur Macht oder Nietzsches subjektive Wahrheit ...11
3. Die Konstruktion der Realität...13
4. Die Konsequenz: von einer Herrenmoral zu einer Sklavenmoral und hoffentlich wieder zurück ...15
♦ Zur Genealogie der Moral: wie wurde die Welt so wie sie ist?...15
♦ Nihilismus als Chance: die Welt muss nicht so sein wie sie ist...17
♦ Ästhetische Aristokratie der Kunst: schöne, neue Welt...19
C FAZIT...22
LITERATURVERZEICHNIS ...25
A Philosophie und Wahrheit
Über die unzähligen und unterschiedlichsten individuell bedingten und dem historischen Kontext geschuldeten Motive der einzelnen Denker hinweg scheint es eine grundlegende und allen philosophischen Bemühungen gemeinsame Triebfeder zu geben: das Streben nach der Natur der Menschen und Dinge. Wie funktioniert diese unsere Welt und was sind daraus für Konsequenzen für die Menschheit, für das Individuum im Speziellen und die Gesellschaft im Allgemeinen zu ziehen? Eine Frage, die zu einer ganzen Heerschar unterschiedlichster und gegensätzlichster Antworten geführt hat und deren allumfassende und letztgültige Beantwortung heute angesichts der Komplexität der Moderne unmöglicher denn je erscheint.
Eine zentrale Kategorie der Philosophie ist seit jeher die der Wahrheit. Der Begriff der Wahrheit als solcher ist zugleich ein sehr mächtiger und nichts-sagender Begriff. Die Möglichkeit der Erkenntnis von Wahrheit setzt eine Existenz selbiger voraus. Der griechische Philosoph Platon findet diese Wahrheit in der Welt der Ideen und begründet darin seine Forderung nach der Herrschaft der Philosophen. Diese allein sind fähig die wahre Ordnung der Dinge zu schauen und sollen dann diese Ordnung in die Seelen der Menschen zeichnen. In der daraus resultierenden Welt einer gerechten Ordnung finden die Menschen ihr Glück. Was jedoch, wenn es die eine Wahrheit nicht gibt, wenn alles eine Frage von Kreativität, Perspektive und Interpretation ist? Dies ist die radikale und folgenreiche Botschaft Friedrich
Nietzsches, die seiner Vorstellung der Welt als Wille zur Macht zugrunde liegt. Nicht mehr der vernunftbegabte Philosoph sondern der kreative Künstler, der Übermensch soll nun herrschen.
Im Rahmen dieser Arbeit soll der Wahrheitsbegriff in den Philosophien Platons und Nietzsches untersucht werden und dabei die jeweiligen Konsequenzen für Individuum und Gesellschaft aufgezeigt werden. Im ersten Teil der Arbeit soll zuerst Platons Ideen- und Erkenntnislehre vorgestellt werden, um dann in einem zweiten Schritt die Konsequenzen dieser Wahrheitskonzeption hinsichtlich der Ordnung des Gemeinwesens aufzeigen zu können. Der zweite Teil, der sich der Wahrheitskonzeption Nietzsches und ihren Folgen widmet, bildet dann den Schwerpunkt der Arbeit. Als theoretische Grundlage soll nach einer kurzen Skizzierung der Kritik Nietzsches an der platonischen Metaphysik kontrastierend dazu seine eigene Interpretation von Welt als Wille zur Macht vorgestellt werden. Es folgt eine Analyse der Entstehungsbedingungen traditioneller »objektiver Wahrheit«, der dann Nietzsches perspektivischer Wahrheitsbegriff gegenübergestellt wird. Schließlich sollen die Konsequenzen des kreativen Charakters aller Realität auf die konkrete historische Entwicklung unserer Gesellschaft sowie für Nietzsches Staatskonzeption aufgezeigt werden.
B Wahrheit und ihre Konsequenz bei Platon und Nietzsche
I. Wahrheit und ihre Konsequenz nach Platon
1. Platons Ideenlehre: die Welt der Ideen als die wahre Welt des Seins
Nach dem griechischen Philosophen Platon sind die Ideen als geistige, immaterielle Urbilder eine eigene Wirklichkeit und als solche der sinnlich erfahrbaren materiellen Welt, sprich der Realität, übergeordnet, da in jener nur Abbilder dieser Urformen existieren. Nehmen wir das Beispiel Tisch. Dieser ist nach Platon in dreifacher Weise anwesend.1 Zuerst in vollkommener und unverstellter Reinheit in der Idee des Tisches. Dann in Form des vom Tischler hergestellten Tisches, dessen Herstellung auf der Nachahmung der Idee des Tisches beruht. Schließlich in einer dritten Weise als gemalter Tisch. Der Maler blickt bei seinem Kunstwerk jedoch nicht mehr auf die Idee des Tisches selbst, sondern auf den Tisch als einzelnen in seiner konkreten Erscheinung in der sinnlich erfahrbaren Welt. Die Ideen im Gegensatz zur Materie sind ewig, unteilbar und unveränderlich und existieren unabhängig von den wahrnehmbaren Dingen. Die Urform und damit die Idee des Tisches bestünde auch dann noch, wenn alle Tische verbrannt würden. Weder entstehen Ideen, noch vergehen sie und genau deshalb, weil sie den Bereich des Unveränderlichen bedeuten, kommt ihnen Wahrheit zu. Alles Irdische ist bloße Nachahmung dessen und Abbilder können nie so vollkommen sein wie die Idee selbst, da sie sich im Bereich des Veränderbaren bewegen und somit aus veränderlichem und vergänglichem Material bestehen.
[...]
1 Volkmann-Schluck, K.-H, Wahrheit, 1984, S.59-60
Quote paper:
Helmut Wagner, 2005, Wahrheit und ihre Konsequenz bei Platon und Nietzsche, Munich, GRIN Publishing GmbH
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