Universität Potsdam, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Seminar: „Bundestag und Bundesrat im Politischen
System der Bundesrepublik Deutschland“
Sommersemester 2006, 2. Semester
Abgeordnete zwischen Fraktionsdisziplin und freiem Mandat
von: Maxi Hinze
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung - 3 -
2 Fraktionsdisziplin und freies Mandat: eine historische Betrachtung -6 -
3 Abgeordnete zwischen freiem Mandat und Fraktionsdisziplin - 10 -
3.1. Unvereinbarkeit zweier Prinzipien ? - 10 -
3.2 Gründe für die Einhaltung der Fraktionsdisziplin - 11 -
3.2.1. Stimmenverlust durch fehlende Geschlossenheit - 11 -
3.2.2. Abgeordnete – Experten auf allen Gebieten? - 12 -
3.2.3. Wahrnehmung der Fraktionsdisziplin in der Öffentlichkeit - 13 -
3.2.4. ein Beispiel aus der politischen Praxis: Die Vertrauensfrage -14 -
3.3. Konsequenzen für Abweichler - 15 -
3.3.1. Politik als Beruf - 16 -
3.3.2. Ausschussrückruf und Fraktionsausschluss - 17 -
4 Schlussbemerkung - 20 -
5 Literaturverzeichnis - 22 -
Internetquellen - 23 -
1 Einleitung
In der Bundesrepublik Deutschland (hinfort: BRD) gilt der Grundsatz des freien Mandats, der durch Artikel 38 im Grundgesetz verankert ist. Wörtlich heißt es in Absatz 1 Satz 2: „Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.“1
Ursprünglich sollte der Grundsatz des freien Mandats erst als Artikel 46 in das Grundgesetz der BRD aufgenommen werden. Die Entscheidung, diesen Artikel in der Endfassung als Artikel 38 an den Anfang des Abschnittes über den Bundestag zu stellen, zeigt die hervorgehobene Bedeutung des freien Mandats. Durch diese Entscheidung sollte ein deutliches Gegengewicht zum Fraktionszwang geschaffen werden, den man für die Zustimmung der bürgerlichen Parteien zum Ermächtigungsgesetz2 verantwortlich gemacht hatte. Hinter dem Grundsatz des freien Mandats steht die Absicht, die persönliche Verantwortung jedes einzelnen Abgeordneten aufzuwerten und ihn gegen Druckausübung und Einflussnahme durch Wähler, seine Partei oder sonstige Interessenverbände zu schützen.3
In der politischen Praxis steht der Grundsatz des freien Mandats jedoch meist im Spannungsverhältnis zu Artikel 21 (Absatz 1 Satz 1), der da lautet „Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.“4 Durch Artikel 21 wird die Stellung der Partei enorm gestärkt und der Handlungsspielraum einzelner Abgeordneter erfährt gleichzeitig eine signifikante Einschränkung.
Da politischer Erfolg zum großen Teil auch davon abhängt, wie geschlossen eine politische Gruppe bzw. Fraktion in der Öffentlichkeit in Erscheinung tritt und Zerstrittenheit im Umkehrschluss zu politischem Misserfolg führt, sind die jeweiligen Fraktionen um eine möglichst geschlossene Meinungsbildung bemüht, auch wenn diese möglicherweise nur durch Druckausübung auf Abweichler zustande gekommen ist. Wenn die jeweilige Fraktion dann im Plenum einheitlich abstimmt, wird das einerseits von der (z.T. harmoniebedürftigen) Öffentlichkeit honoriert, andererseits ist schnell die Rede von einer übermächtigen Fraktionsdisziplin oder sogar vom Fraktionszwang. Diese beiden Begriffe werden häufig als Synonyme verwendet und in der Bevölkerung im Allgemeinen negativ bewertet. Diese Bewertung gilt zu recht für den Fraktionszwang, der verfassungswidrig ist. Ein Werturteil über die Fraktionsdisziplin sollte jedoch erst nach sorgfältiger Untersuchung von Für und Wider abgegeben werden.5
Auch in der Wissenschaft wird das Thema „Fraktionsdisziplin“ unterschiedlich bewertet. Die jeweiligen Positionen hängen hauptsächlich davon ab, ob man Artikel 38 den Vorrang gibt – also die Gewissensfreiheit des einzelnen Abgeordneten hervorhebt – oder Artikel 21 größere Bedeutung beimisst.6 In der vorliegenden Arbeit soll zunächst die historische Entwicklung der parlamentarischen Arbeit gezeigt werden, aus der sich die heutige Notwendigkeit der Fraktionsdisziplin für die Funktions – und Beschlussfähigkeit des Parlaments ergibt. Darüber hinaus soll die öffentliche Wahrnehmung in Bezug auf die Fraktionsdisziplin auf der einen und den Handlungsspielraum der Abgeordneten auf der anderen Seite untersucht werden. Zur Illustration der schwierigen Stellung der Abgeordneten zwischen freiem Mandat und Fraktionsdisziplin werden einige Beispiele aus der politischen Praxis diskutiert, die sowohl den Erfolg als auch die negativen Folgen für abweichende Parlamentarier aufzeigen.
In der Schlussbemerkung werden die wichtigsten Ergebnisse / Erkenntnisse zusammenfassend dargestellt. Darüber hinaus werden Lösungsansätze zur Entspannung zwischen dem Grundsatz des freien Mandats und der machtvollen Stellung der Parteien im politischen System der BRD vorgestellt. Basis dieser Arbeit bilden vor allem Aufsätze von Vertretern aus der politischen Praxis, wie beispielsweise Hildegard Hamm – Brücher, die das Spannungsverhältnis von Artikel 38 und Artikel 21 aus Sicht der Abgeordneten schildert. Des Weiteren stützt sich die vorliegende Arbeit auf vorwiegend ältere Beiträge zum Thema, die von Politikwissenschaftlern7 und / oder Staatstheoretikern8 verfasst wurden.
2 Fraktionsdisziplin und freies Mandat: eine historische Betrachtung
[...]
1 Grundgesetz der BRD, Art. 38 Absatz 1 Satz 2, 39.Auflage, 2004.
2 Durch das Ermächtigungsgesetz bzw. „Das Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ wurde bereits im März 1933 das Ende der Demokratie in der Weimarer Republik besiegelt .Lediglich die SPD Fraktion verweigerte ihre Zustimmung zu diesem Gesetz.
3 Vgl. http://www.bundestag.de vom 29.08.2006.
4 Grundgesetz der BRD, Art. 21 Absatz 1 Satz 1, 39.Auflage, 2004.
5 Vgl. Pawelczyk, Alfons: Die Fraktionsdisziplin, Hamburg: Auerdruck 1967, S.5.
6 Als Vertreter der Parteienstaatslehre und damit Verfechter des Artikels 21 gilt z.Bsp. Gerhard Leibholz.
7 Stellvertretend ist hier der Aufsatz „Freies Mandat und politische Geschlossenheit. Widerspruch oder Ergänzung zweier Prinzipien des Parlamentarismus?“ von Prof. Dr. Jürgen Dittberner zu nennen. 8 Beispielsweise Edmund Burke, der u.a durch seine „Rede an die Wähler von Bristol“ vom 3. November 1774 als klassischer Vertreter des freien Mandats gilt.
Quote paper:
Maxi Hinze, 2006, Abgeordnete zwischen Fraktionsdisziplin und freiem Mandat, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Abgeordnete im deutschen Parlament: Gewissensfreiheit vs. Fraktionsdis...
Politics - Political Systems - Germany
Termpaper, 16 Pages
Abgeordnete im Parlamentarismus - Gewissensfreiheit oder Fraktionsdisz...
Politics - Political Systems - Germany
Scholary Paper (Seminar), 14 Pages
Das Freie Mandat als überkommenes Relikt im Parlament der Fraktionen?
Das Spannungsverhältnis zwisch...
Politics - Political Systems - Germany
Scholary Paper (Seminar), 35 Pages
Mandatsverlust von Mitgliedern verfassungswidriger Parteien - Das frei...
Politics - Political Systems - Germany
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Classic Philology - Latin philology - Literature
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Die Machtfülle des russischen Präsidenten - Verfassungsnorm vs. Verfas...
Politics - International Politics - Region: Russia
Scholary Paper (Seminar), 15 Pages
Die römische Geschichtschreibung
History - World History - Early and Ancient History
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 14 Pages
Anspruch und Wirklichkeit. Ist Osteuropa auf dem Wege zur Demokratie o...
Politics - International Politics - Region: Eastern Europe
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 32 Pages
Das Ruhrgebiet - Eine Betrachtung von Siedlungsraum, Kultur und Identi...
Geography / Earth Science - Demographics, Urban Management, Planning
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 37 Pages
Der status quo Russlands nach der Transformation - Eine defekte Demokr...
Politics - International Politics - Region: Russia
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 28 Pages
Abu Mus'ab az-Zarqawi - der Stadthalter al-Qa'idas im Irak?
Politics - International Politics - Region: Near East, Near Orient
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 48 Pages
Die Sequenzen des Spracherwerbs und ihre Anwendung im Fremdsprachenunt...
German - German as a Foreign Language / Second Language
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 34 Pages
Auf dem schweren Weg zu einer stabilen Demokratie: Systemtransformatio...
Politics - International Politics - Region: Eastern Europe
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 32 Pages
Die Rolle der katholischen Kirche in Polen
Politics - International Politics - Region: Eastern Europe
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Frauendarstellungen in den Erzählungen bei Thomas Mann
Eine Betrachtung der Femme fat...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 16 Pages
Maxi Hinze's text Abgeordnete zwischen Fraktionsdisziplin und freiem Mandat is now available as a printed book
Maxi Hinze has published the text Abgeordnete zwischen Fraktionsdisziplin und freiem Mandat
Maxi Hinze has uploaded a new text
Die Mitwirkungsrechte des Bundesrates und des Bundestages
In Angelegenheiten der Europäi...
Ruth Lang
Nebentätigkeiten und Nebeneinkünfte der Mitglieder des Deutschen Bunde...
Eine Untersuchung möglicher Re...
Anne Käßner
0 comments