TOLERANZ ALS GRUNDLAGE DER
INTERNATIONALEN BEZIEHUNGEN
EINE ARGUMENTATION
FÜR EIN NEUES ETHISCHES BEWUSSTSEIN
-INHALTSVERZEICHNIS- NA
A Intoleranz als Ursache von Leid 2
B Toleranz als Grundlage der Internationalen Beziehungen 3
I Das derzeitige System des Gegeneinanders 3
II Wende durch Bewusstheit 5
1. Selbsterkenntnis durch Blick nach Innen 5
2. Selbsttransformation durch Verinnerlichung von Tugenden 6
III Ethisches Bewusstsein der Toleranz 9
1. Konzeption und Ziel 9
2. Umsetzung in die Praxis 13
IV Was beinhaltet Toleranz in zentralen Fragen der IB 17
C Fazit 20
-Literaturverzeichnis- 22
1 NA
A INTOLERANZ ALS URSACHE VON LEID Die Frage von Krieg und Frieden ist seit jeher das zentrale Leitmotiv der politik- wissenschaftlichen Teildisziplin Internationale Beziehungen. Doch alle Hoffnungen auf dauerhaften Frieden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges erwiesen sich als illusionär. Ethnische Konflikte nehmen zu, die Gefahr des globalen Terrorismus wird immer präsenter und sogar die umstrittene These eines Clash of the Civilizations 1 ist in pessimistischen Szenarien durchaus denkbar. Die hohen Erwartungen, die in die Globalisierung gesetzt wurden, wurden bitter enttäuscht. Eintrat das Gegenteil: die derzeitige globale Weltordnung birgt enormes Konfliktpotential in sich und kann in dieser Form nicht lange überdauern. 2 Die Globalisierung wird immer mehr zu einer Quelle von Unsicherheit und Gewalt. Viele Menschen fühlen sich in ihrer Identität bedroht im Zuge der Entwurzelung traditioneller Strukturen, ein wachsender Konkurrenzdruck erzeugt weltweit ein Klima von Egoismus und Intoleranz - die Gewalt nimmt auf allen Ebenen zu. Gleichzeitig ist eine verstärkte Suche nach Halt in religiösen und spirituellen Werten zu beobachten. Ein solcher Bewusstseinswandel muss zweifelsohne stattfinden, denn der materielle Fortschritt allein wird den Frieden nicht bringen. Für ein friedliches Miteinander aller Kulturen bedarf es zusätzlich eines geistig-spirituellen Fortschritts im Sinne einer Bewusstseinserweiterung.
Die moderne Welt beruht auf dem Prinzip der Pluralität. Damit Pluralität nicht als Bedrohung empfunden wird, ist ein ethisches Bewusstsein von Toleranz notwendig. Nur wenn der Andere in seiner Andersheit geachtet werden kann, ist dauerhafter Frieden im Sinne eines harmonischen Miteinanders möglich. Dazu bedarf es jedoch eines Wandels im Bewusstsein der Individuen. Im Zuge dieses Wandels müssen Egoismus und Konkurrenz überwunden werden, um den Blick für den Anderen, sein wahres Sein und seine Bedürfnisse zu öffnen. Dieser Bewusstseinswandel in den Individuen ist die Voraussetzung für eine Veränderung der Strukturen auf systemischer Ebene. Die Arbeit soll zeigen, dass ein friedliches Miteinander in Pluralität möglich ist, wenn Toleranz zur Grundlage der menschlichen Beziehungen wird. Sie beginnt mit einer Charakterisierung des derzeitigen Systems des Gegeneinanders. Sodann werden die Etappen einer Wende durch Bewusstheit erläutert. Darauf aufbauend wird in Anlehnung an Emmanuel Lévinas eine Konzeption von Toleranzbewusstsein als 1 Vgl. Huntington, S.: Clash of Civilizations, 1996 2 Vgl. Kapstein, E.: Global Economy, 2000
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ethische Optik für eine gerechte Begegnung mit dem Anderen entworfen. Es folgt eine Skizzierung der Umsetzung von Toleranz in die Praxis. Nach einer Stellungnahme zum Inhalt des Toleranzprinzips in zentralen Fragen der IB endet die Arbeit dann mit einem Fazit meinerseits.
B TOLERANZ ALS GRUNDLAGE DER INTERNATIONALEN BEZIEHUNGEN I. Das derzeitige System des Gegeneinanders
Warum ist ein friedvolles, harmonisches Zusammenleben der Menschen auf Erden zu Beginn des 21. Jahrhunderts in so weite Ferne gerückt? Unser Entwicklungsstand in Technologie, Wissenschaft und Ökonomie sollte uns doch schon längst dazu in die Lage versetzen. Doch trotz des enormen materiellen Fortschritts der Menschheit nehmen Gewalt und Verrohung der (Welt-)Gesellschaft immer mehr zu. Die Lage der Menschheit erscheint immer verfahrener und komplexer. Egoismus und Konkurrenzdenken verhindern, dass wir unsere unglaublichen Errungenschaften auf den Gebieten der Technologie, Ökonomie und Wissenschaft für Frieden und Wohlstand der gesamten Menschheit einsetzen. Die Ursache dafür liegt in einem grundsätzlichen Prinzip des Gegeneinanders. Dieses Gegeneinander ist Ergebnis des Strebens egoistischer Individuen um begrenzte äußere Güter. 3 Im Kampf um diese begrenzten materiellen Güter wird der Andere zum Konkurrenten, zum Feind.
Dieses egoistische Bewusstsein spiegelt sich letztlich auch in den (Macht-)Strukturen des Internationalen Systems wieder. Die Anarchie auf internationaler Ebene wird in Übereinstimmung mit dem Neorealismus als das Produkt der Handlung individueller, egoistischer Akteure erachtet. 4 Egoismus und Intoleranz auf individueller Ebene begründen die anarchische Ordnung des Gegeneinanders auf internationaler Ebene, deren zentrale Parameter Konkurrenzprinzip und Machtkampf sind. Im Laufe der Zeit entstand eine sich gegenseitig bestärkende Wechselwirkung von systemischen Imperativen und individuellem Bewusstsein, von Konkurrenzprinzip und Egoismus. Später hat sich dann jedoch das internationale System immer mehr verselbständigt und übt nun Zwang auf die Akteure selbst aus. Insbesondere im Zuge 3 Vgl. Hobbes, Th.: Leviathan, 1984, S.75-98: diesem rastlosen Streben liegt ein triebhaftes Verlangen zugrunde. Um eine Eskalation dieses Gegeneinanders hin zu einem Kriege eines jeder gegen jeden zu verhindern, bedarf es einer übergeordneten Macht, die die Menschen im Zaume halten kann – den Staat. 4 Vgl. Waltz, K.: International Politics, 1979
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der Globalisierung werden die systemischen Imperative immer stärker. Diese Entwicklung geht mit einem zunehmenden Verlust an Autonomie der individuellen Akteure einher. Das »autonome« Individuum wird immer mehr zum Sklaven von Handlungszwängen und entfremdet sich damit zunehmend von sich selbst. Wer nicht nach den systemischen Regeln spielt oder nicht mitspielen kann, fällt aus dem System bzw. der Gesellschaft raus. Als Folge von verschärfter Konkurrenz und zunehmendem Egoismus entsteht ein Klima der Intoleranz. Wir leben in einem System des Gegeneinanders. Nicht wir sind es mehr, die die Welt erschaffen, sondern die Welt erschafft uns und zwingt uns nach ihren Regeln zu funktionieren. Dieser Verlust an Souveränität führt zu zunehmender Selbstentfremdung und bewirkt eine latente Frustration in uns. Diese innere Frustration äußert sich im zunehmenden Streben der Menschen nach Kompensation von außen - in Form von materiellem Reichtum, Wissen, Macht oder sexueller Befriedigung. Dieses Streben nach begrenzten äußeren Gütern dient aber nur der kurzfristigen Befriedigung eines prinzipiell unersättlichen Egos und zeugt von einem Mangel in uns selbst. Das Ego ist Ausdruck von Bedürftigkeit, es durstet. 5 Die Erlangung eines angestrebten Guts wirkt wie ein Tropfen auf den heißen Stein – das Ego versucht den inneren Mangelzustand durch Genuss zu kompensieren. Das Ego ist Sklave der Materie, möchte besitzen und fordert ein - die äußere Welt wird zum der Objekt der Begierde. Diese Begehrlichkeiten führen zu Konkurrenz um die begrenzten Güter, sie provozieren Ungerechtigkeit, Gewalt und Krieg. Das Streben nach Glück im Äußeren unterliegt einer Illusion: wir suchen in der Materie, was nur in uns selbst zu finden ist. Glückseligkeit besteht gerade nicht im rastlosen Verlangen nach äußeren Gütern, wie Hobbes dies behauptete 6 - sondern in einem inneren Zustand der Ausgeglichenheit der Seele. Zwischen diesem inneren Seelenzustand und den äußeren Verhältnissen in der Materie besteht eine Korrelation. 7 Der Charakter einer Gesellschaft lässt sich am kollektiven Bewusstsein ihrer Mitglieder ablesen. Deswegen spricht der griechische Philosoph Platon von der Notwendigkeit der Wendung des Blicks nach innen. 8 5 Vgl. Lévinas, E.: Unendlichkeit, 2002, S. 145-146: Bedürftigkeit zeugt von Abhängigkeit. Der Bedürftige ist nicht im Zustand wahren Seins und versucht durch Befriedigung der Bedürfnisse im Äußeren eine innere Leere zu füllen 6 Vgl. Hobbes, Th.: Leviathan, 1984, S.75: Obwohl der Begriff Glückseligkeit selbst schon auf die Seele verweist, wendet sich Hobbes explizit gegen die Vorstellung von Glückseligkeit als inneren Zustand zufriedener Seelenruhe 7 Vgl. BK Media, Werte leben, 1998, S.53-59 8 Vgl. Platon, der Staat, 2001, S.305
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II. Wende durch Bewusstheit
1. Selbsterkenntnis durch Blick nach Innen
Mit einer Wendung des Blicks nach innen werden wir uns unserer wahren Natur wieder bewusst. Wir Menschen sind nicht die äußeren Identitäten, mit denen wir uns ständig identifizieren. Die Identifizierung mit äußeren Rollen wie Geschlecht, Alter, Beruf, sozialem Status, Nationalität oder Religion lässt uns vergessen, wer wir wirklich sind. In diesem begrenzten Bewusstsein von Identität begegnen wir uns in unseren trennenden Rollen als Moslem - Christ, Deutscher - Australierin, Maurer - Student, Frau - Mann, Vater - Tochter und vergessen dabei unseren gemeinsamen Kern. Unsere alltäglichen Erfahrungen bestätigen uns dann in diesem Denken, es entsteht eine diese äußere Identität bejahende Wechselwirkung von Denken und Erfahrung. Diese Rollen sind aber bloße Äußerlichkeiten, die unserer wahren inneren Natur als einzigartige geistige Wesen nicht gerecht werden. Indem wir im Äußeren verhaftet bleiben, verlieren wir das Bewusstsein unserer wesenhaften Einzigartigkeit, die in unserer Eigenschaft als Seele liegt. Nur durch den Prozess der Selbsterkenntnis können wir zu diesem ursprünglichen Bewusstsein als einzigartiges seelisches Wesen wieder zurückfinden. Dieser Prozess der Selbsterkenntnis ist nach innen gerichtet. Die Dimension der Innerlichkeit ist für den Philosophen Emmanuel Lévinas überhaupt erst die Bedingung für die Autonomie des Subjekts bzw. der Seele. 9 Dieses Innenleben verläuft dabei durch seine Diskontinuität in einer eigenen zeitlichen Dimension, parallel zur äußeren, historischen Zeit. Die innere Dimension unserer Eigenschaft als Seele trennt uns von den Anderen, und zwar absolut. Sind wir noch von äußeren Dingen wie Anerkennung der Anderen oder einer bestimmten Position abhängig, so haben wir die Trennung von der äußeren Welt noch nicht vollständig vollzogen. Das wirklich getrennte Ich genügt sich selbst, ist nicht mehr von der Materie abhängig und damit autonom. Nur ein solches Subjekt ruht in sich selbst, ist wahrhaft seiend. Befindet sich die Seele in diesem natürlichen Zustand inneren Glücks, dann hat sie kein egoistisches Verhalten nach außen mehr nötig. Das Bewusstsein unserer Einzigartigkeit als seelische Wesen führt zu wahrer Selbstachtung und wird zur Grundlage gegenseitigen Respekts. Man begegnet sich in der Gewissheit, dass jeder einen unveräußerlichen inneren Wert besitzt und achtet diesen. Diese vollständige Trennung der Innerlichkeit vom äußeren Sein, dem 9 Vgl. Lévinas, E.: Unendlichkeit, 2002, S.66-78
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Helmut Wagner, 2006, Toleranz als Grundlage der Internationalen Beziehungen - Eine Argumentation für ein neues ethisches Bewusstsein, Munich, GRIN Publishing GmbH
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