Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Begriffsklärung des Höflichkeitskonzeptes 4
3. Übliche Konstruktionen für den Ausdruck von Höflichkeit 6
4. Anredeformen 8
4.1 Pronominale Anreden: Du oder Sie? Informelle und formelle Anredeweisen 9
4.2 Nominale Anreden 11
5. Zusammenfassung 16
Literaturverzeichnis 17
2
1.
Einleitung Die Geschichte des Ostblocks hat es mit sich gebracht, dass Kontakte zwischen russischsprachigen und deutschsprachigen Sprechern und Sprecherinnen immer häufiger werden. Damit berühren sich auch die möglichen Umgangsformen im Sinne von Höflichkeit. Gerade Höflichkeit gilt als eine selbstverständliche Umgangsform zwischen den Kommunikationsteilnehmenden. Damit sie jedoch auch als solche erkannt, und nicht etwa missverstanden wird, braucht es einen Konsens. Dieser Konsens ist bei Angehörigen einer Sprachgemeinschaft meist garantiert. Für Angehörige einer anderen Kultur jedoch müssen Höflichkeitselemente zuerst bewusst gemacht werden, um sie als solche zu verstehen und
im Umgang miteinander zu gebrauchen. Die vorliegende Arbeit soll einen kleinen Beitrag dazu leisten, wenige Elemente deutscher und russischer Höflichkeitskonventionen zu erläutern und dabei eine kleine Hilfestellung zu gegenseitigem Verständnis leisten. Diese Hausarbeit basiert hauptsächlich auf den Artikeln von R. Rathmayr „Sprachliche Höflichkeit. Am Beispiel expliziter und impliziter Höflichkeit im Russischen“, „Höflichkeit als kulturspezifisches Konzept: Russisch im Vergleich“, „Pragmatik“ und von E. Yakovleva „Deutsche und Russische Gespräche. Ein Beitrag zur interkulturellen Pragmatik“ sowie auf eigenen Erfahrungen, den Fernsehbeiträgen und dem
Internet. Inhaltlich gliedert sich Vorliegendes zunächst in einen theoretischen Teil, in welchem der Höflichkeitsbegriff erklärt wird. Dabei wird hauptsächlich das Konzept von S. Brown und P. Levinson vorgestellt. Es folgt der praktische Teil, in welchem die Beispiele aus der deutschen und der russischen Sprache miteinander verglichen werden, um am Ende die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Verwendung der Höflichkeitsindikatoren
aufzuzeigen.
1 Russisches Sprichwort. Zu Deutsch etwa: Mit eigenen Ordnungen dringt man nicht in ein fremdes Kloster
3
2. Begriffsklärung des Höflichkeitskonzeptes
Höflichkeit gehört in den Überschneidungsbereich von Sprache und sozialem Handeln. Sie modifiziert den sprachlichen und aussersprachlichen Umgang zweier oder mehrerer Interaktionspartner. Deshalb macht die Sprachwissenschaft bei der systematischen Beschreibung von Höflichkeit zunächst Anleihen bei der Verhaltensforschung, namentlich bei dem Soziologen Erving Goffman, der ein Konzept „der ständigen Imagewahrung undpflege“ entwickelt hat, „wonach Imagegefährdungen und -verletzungen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren und das Selbstwertgefühl des Interaktanten systematisch zu stärken ist (Rathmayr (1): 364).“
Steven Brown und Penelope Levinson haben sich auf Goffmans Imagekonzept gestützt und das Face-Konzept für Sprechakte entwickelt. Sie unterscheiden dabei zwischen positiver und negativer Höflichkeit. Positive Höflichkeit operiert mit gegenseitiger Bestätigung, Herstellung von Gemeinsamkeiten und Anerkennung, wodurch Solidarität und Harmonie zwischen den Gesprächspartnern entstehen sollen. Hierunter gehören z. B. Komplimente, Aussprechen von Anerkennung und Lob, Geschenke machen u. a. (vgl. Rathmayr (2): 179, Yakovleva 2004: 257). Ein Beispiel für die positive Höflichkeit wäre etwa der Satz Ich bedanke mich für Ihre wertvollen Diskussionsbeiträge und freue mich, dass wir weiter zusammenarbeiten werden.
Die Strategie der negativen Höflichkeit bemüht sich um die Wahrung und Stärkung des Gesichts und berücksichtigt den Wunsch des andern, nicht behindert zu werden oder in seiner Selbstbestimmung und Freiheit nicht eingeschränkt zu werden (ebenda). Der Satz Könntest du mir das Salz geben? statt Gib mir das Salz! kann gutes Beispiel für die negative Höflichkeit sein. Abschwächende Äusserungen, die häufig indirekt, im Konjunktiv und/ oder als Frage formuliert werden, statt direkt einen Befehl, eine Bitte oder eine Aufforderung auszusprechen, dienen der Wahrung des Gesichts, denn jeder kommunikative Akt sei potentiell „gesichtsbedrohend“ (face-threatening act), Höflichkeit dagegen sei eine ausgleichende Schutzmassnahme (ebenda).
Wie es oben schon erwähnt wurde, gehört das Solidarisieren also das Andeuten von Gemeinsamkeit zu der positiven Höflichkeit. In diesem Sinne spricht Rathmayr ((1): 377 f.) von „Solidaritätshöflichkeit“. Zur positiven oder der Solidaritätshöflichkeit gehören
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Sprechakte wie z.B. Betonung des Interesses an anderen, Vorschläge zum gemeinsamen Handeln, die Vorgabe, gleiche Probleme zu haben u. a. (ebenda).
Bei der Strategie der negativen Höflichkeit handelt es sich um die Wahrung der Autonomie, der Unantastbarkeit des Territoriums der Gesprächspartner und dadurch entsprechend um eine Distanzierung (vgl. Rathmayr (1): 376). Hier benutzt sie den Begriff der „Distanzhöflichkeit“ und spricht von „Vermeidungsstrategien“ die das Ziel haben, eine Beeinträchtigung des Gesprächspartners oder der Gesprächspartnerin zu vermeiden. Diese Vermeidungsstrategien beinhalten Sprechakte wie z. B. Ausdrücke des Zögerns, Abschwächung von Behauptungen, unpersönliche Strukturen, Pessimismus hinsichtlich der Erfüllbarkeit des eigenen Anliegens u. a. (ebenda).
Von der Solidaritäts- und der Distanzhöflichkeit, die Rathmayr unter dem Begriff der impliziten Höflichkeit vereint, unterscheidet sie zudem die explizite Höflichkeit. Explizite Höflichkeit ist „ das normale in einer Gesellschaft (...) angemessene verbale (und nonverbale) Verhalten. Sie besteht in der Beachtung des Konversationskontraktes und anderer Regeln der pragmatischen Wohlgeformtheit, ist also als Beachtung geltender Normen zu beschreiben“ (Rathmayr (2): 364). Explizite Höflichkeit ist das, was wir erlernen und unseren Kindern weiter geben: die Regeln der Etikette, Routineformeln wie z.B. danke, bitte; , u.a. 2 Explizite Höflichkeit ist in bestimmten
Standardsituationen erwartbar und voraussagbar. Sie ist rituell, konventionell, obligatorisch (Rathmayr (2): 387) 3 . Man kann sagen sie ist ein Minimum an Höflichkeit, die ein Individuum beherrschen muss, um mit den anderen Individuen umgehen zu können.
„Die implizite, individuelle oder informelle Höflichkeit ist eine mehr oder weniger bewusst eingesetzte Strategie zur Vermeidung von Imageverletzungen des Interaktionspartners (...), zur spontanen Imagepflege des Adressaten und (...) zur Selbstdarstellung des Sprechers als taktvolles und zuvorkommendes Mitglied der Gesellschaft (Rathmayr (2): 375).“ Rathmayr gibt zu, dass die Regeln der impliziten Höflichkeit im Vergleich zu der expliziten Höflichkeit schwerer zu formulieren und auch schwerer zu erlernen sind (ebenda). Sie
meint, dass man die implizite Höflichkeit an der Indirektheit der Äusserungen erkennen kann, z.B. wenn der Sprecher etwas anderes meint als er sagt. So werden die negierten
2 Mehr Routineformeln siehe Yakovleva 2004: 276 und Rathmayr (2): 365.
3 Siehe Tabelle zu der expliziten und der impliziten Höflichkeit im Anhang.
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2006, Deutsche und Russische Höflichkeit: Ein Vergleich, Munich, GRIN Publishing GmbH
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