Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Entwicklung der Geschlechtsidentität 4
2.1 Dannhauer 6
2.2 Kohlberg 8
2.3 Jüngere Forschungsergebnisse 11
3. Stereotypen 13
3.1 Untersuchungen Dannhauer 13
3.3 Kinder-Stereotype und Erwachsenen-Stereotype 15
3.4 Entstehung von Stereotypen-Wissen 17
3.4 Der Zusammenhang von Wissen über Stereotype und stereotypes
Verhalten nach Kohlberg und Dannhauer 19
4. Stereotypes Verhalten am Beispiel des Spiels 22
4.1 Untersuchungen von Dannhauer 22
4.2 Hypothesen für die frühe Spielzeugpräferenz 24
5. Stellungnahme 31
6. Literaturverzeichnis 35
2
1. Einleitung
Geschlechterstereotypen prägen unser Verhalten. Doch wie entstehen diese Stereotypen und wann beginnen diese, unser Handeln zu beeinflussen? Diese Frage werde ich in der folgenden Arbeit bearbeiten.
Zuerst werde ich mich diesem Thema allerdings durch den Themenkomplex der Entwicklung der Geschlechtsidentität annähern. Dies ist meiner Meinung nach sinnvoll, da die Entstehung von Stereotypen in diesem Prozess eingebunden ist. Ich werde also einen Teilaspekt der Entwicklung der Geschlechtsidentität genauer bearbeiten. Den großen Rahmen aber zuerst überblicksartig darstellen, um in diesem Kontext den Einsatz und das Auftreten von Stereotypen bewerten zu können.
In diesem ersten Teil meiner Arbeit werde ich auch in einem kleinen Überblick die verschiedenen Blickwinkel auf dieses Thema darstellen. Natürlich gibt es sehr viele verschieden Theorien mit eigenen Ausgangspunkten zu diesem Thema.
Ich werde das Konzept von Lawrence Kohlberg vorstellen. Der Blickwinkel, mit welchem ich mich diesem Thema nähere, wird also kognitiv geprägt sein. Der zweite Autor, welcher in meiner Arbeit eine übergeordnete Rolle spielen wird, ist Dannhauer. Von ihm werde ich vorwiegend Studien aufgreifen. Dannhauer hat umfangreiche und meiner Meinung nach sehr aufschlussreiche Studien zu diesem Thema gemacht. Um eine statistische Grundlage zu haben, werde ich einige seiner Untersuchungen etwas genauer behandeln. Auch die Theorie Dannhauers wird für mich ein häufiger Bezugspunkt sein.
Bei der Behandlung des Themas Geschlechterstereotypen wird es von Bedeutung sein herauszufinden, in welchem Alter Wissen um die Stereotypen entsteht. Also in welchem Alter Kinder einem Geschlecht bestimmte Fähigkeiten und Tätigkeiten zuordnen. Hierbei werde ich unterscheiden, ob die Stereotypen in Bezug auf Gleichaltrige oder in Bezug auf Erwachsene entwickelt werden. Ferner wird der Zusammenhang von stereotypem Wissen und stereotypem Verhalten innerhalb der vorgestellten Theorien von mir dargestellt. Die Theorien von Kohlberg und Dannhauer, sowie Studien zu diesem Thema, werden hier im Vordergrund stehen.
3
Im dritten Teil dieser Arbeit wird der Einsatz von stereotypem Verhalten am Beispiel des Spiels von mir behandelt werden. An dieser Stelle werden die theoretischen Konstrukte hinterfragt bzw. erweitert. Hier werde ich auch stärker auf andere Autoren eingehen.
2. Die Entwicklung der Geschlechtsidentität
Zum Einstieg eine Definition aus einem Lexikon der Psychologie: „Geschlechtsidentität: die Selbstidentifizierung eines Menschen mit seinem biologischen Geschlecht als männlich oder weiblich. Sie erfolgt den äußeren Geschlechtsorganen gemäß etwa innerhalb der ersten drei Lebensjahre und festigt sich dann weiter. Durch die Erziehung werden entsprechende Denk- und Verhaltensmuster übernommen“ (Brockhaus 2001: S. 208). Diese kurze Definition ist nur auf den ersten Blick eine allgemeine. Zwar würden die meisten Autoren zustimmen, dass ein Kind sich innerhalb dieser Entwicklung mit seinem Geschlecht identifiziert, seine Geschlechtsrolle anerkennt und übernimmt, allerdings schon die Altersangabe ist spezifisch. Ich denke, innerhalb der Arbeit wird sich klären, ob die ersten drei Jahre wirklich eine übergeordnete Rolle spielen und man später nur noch von einer „Festigung“ sprechen kann.
Der zweite Teil der Definition steht in Zusammenhang einem Schwerpunkt meiner Arbeit. Dieser Teil der Definition ist stark wertend. Durch die Erziehung sollen Verhaltensweisen übernommen werden. Auch hier wird sich herausstellen, ob es nicht noch andere Aspekte gibt.
Es gibt diverse Konzepte zur Entwicklung der Geschlechtsidentität, manchmal auch „Übernahme der Geschlechtsrolle“ genannt.
Was die Psychologie angeht, so gibt es von den drei großen Bereichen Psychoanalyse, Behaviorismus und kognitive Psychologie jeweils eine Theorie.
Die Theorie nach Freud werde ich hier nicht genauer bearbeiten. Der Vollständigkeit halber werde ich sie aber sehr knapp zusammenfassen. Der Junge entwickelt innerhalb des Ödipuskomplex’ die Angst, sein Vater könnte ihn kastrieren, da er sich zu seiner Mutter hingezogen fühlt und feststellt, dass Mädchen keinen Penis besitzen. Er überwindet diese Angst, indem er sich mit seinem Vater identifiziert, und erreicht somit seine Geschlechtsidentität. Beim Mädchen wird dieser etwas komplexer ablaufende Prozess „Elektrakomplex“ genannt. Das Mädchen gibt der Mutter die Schuld an ihrer
4
„Penislosigkeit“, sie möchte den Penis des Vaters besitzen. Dieser Wunsch entwickelt sich dahingehend, ein Kind von dem Vater haben zu wollen. Auch hier wird der Konflikt mit der Identifikation der Mutter und somit der Erreichung der weiblichen Geschlechtsidentität überwunden.
Die Lerntheorie, welche dem Behaviorismus zuzuordnen ist, wird noch einmal in zwei Untergruppen unterteilt, die klassische Lerntheorie und die soziale Lerntheorie. Beide Theorien betonen sehr stark den Einfluss von außen. Die klassische Lerntheorie basiert auf dem Prinzip Belohnung und Bestrafung: „Unter dieser Betrachtungsweise werden die Geschlechterrollen nach den gleichen Regeln wie andere Verhaltensweisen erworben, und zwar durch Ausbildung konditionierter Reiz-Reaktions-Verbindungen. Dabei wird ausnahmslos auf die Wirkung von Verstärkung (oder Bekräftigung) zurückgegriffen“ (Merz 1979: S.103) Die soziale Lerntheorie erweitert dieses Konzept, indem sie den Aspekt „Lernen durch Nachahmung“ integriert. So muss die Belohnung bzw. Bestrafung nicht selbst erlebt werden, um eine Verhaltensänderung zu erzeugen, sie kann stellvertretend durch eine andere Person wirken.
Diese strikte lerntheoretische Auffassung werde ich in dieser Arbeit nicht genauer darstellen. Der Einfluss des sozialen Umfelds, besonders der Eltern, wird für mich allerdings ein häufiger Bezugspunkt sein. Dieser Einfluss ist allerdings auch in den meisten anderen Konzepten, nur eben nicht als der vorrangigste, vorhanden.
Der zuletzt genannten Bereich der kognitiven Psychologie, vertreten von Lawrence Kohlberg, wird für mich, wie schon erwähnt, eine übergeordnete Rolle spielen.
Natürlich gibt es noch diverse andere Konzepte zur Erklärung der Geschlechtsidentität. Genannt werden sollten natürlich noch biologisch orientierte Konzepte. Diese werden für mich eine eher untergeordnete Bedeutung haben, obwohl ich nicht davon ausgehe, dass biologische Aspekte keine Rolle spielen.
Anthropologische Erklärungsansätze spielen bei dem Thema Geschlechterrollen ebenfalls traditionell eine Rolle. Ich werde im letzen Teil einen kleinen Einblick in die anthropologische Sichtweise geben.
5
2.1 Dannhauer Da ich auf mehrere Studien von Dannhauer eingehen werde, möchte ich vorab einige
Informationen zu diesen darstellen. Allgemein ist zu diesen Untersuchungen zu sagen, dass
diese in der DDR durchgeführt wurden. Dannhauer hat Kinder verschiedener Altersstufen
untersucht, wobei ich nur Studien verwenden werde, welche mit Klein,- sowie
Kindergartenkinder durchgeführt wurden. Die untersuchten Kinder im Kleinkindalter
besuchten eine Kinderkrippe in Jena. In Kindergärten gab es zwei umfangreiche
Untersuchungen, wobei insgesamt aus 20 Kindergartengruppen alphabetisch sieben Jungen
und sieben Mädchen ausgewählt wurden, um gruppenspezifische Einflüsse auszuschließen.
Hierbei stammen die meisten Kinder aus Städten mittlerer Größe und es gibt keine
Unterschiede in Bezug auf die Verteilung der Berufe von Müttern und Vätern sowie
Anzahl der Geschwister.
Die Untersuchungen wurden im Rahmen von Praktika, Diplomarbeiten von
Psychologiestudenten und Staatsexamensarbeiten von Lehramtsstudenten durchgeführt.
Die Einzelergebnisse wurden zusammengefasst und mit statistischen Methoden überprüft
(vgl. Dannhauer 1973: S.101/102).
Was die Entwicklung der Geschlechtsidentität im Allgemeinen angeht, verweist
Dannhauer auf eine Untersuchung von Becker 1 , welcher 1967 bei Kleinkindern die Entwicklung der Identifikation im Wahlexperiment untersuchte. Dannhauer beschreibt die
Entwicklungsstufen der Identifikation mit dem eigenen Geschlecht nach Becker:
„1. die Fähigkeit der Differenzierung zwischen den Geschlechtern;
2. die eigene Geschlechtszuordnung im Wahlexperiment (auf konkret-anschaulicher
Stufe);
3. die sprachliche Zuordnung des eigenen Geschlechts und
4. die Fähigkeit, die Beziehung der kindlichen Form des eigenen Geschlechts zur
Erwachsenenform herzustellen “ (ebd: S.103).
Die Durchführung dieser Untersuchung vollzieht sich folgendermaßen: Der Versuchsleiter
zeigt einem Kind eine Jungen- sowie eine Mädchenpuppe. Das Kind soll nun auf die
1 Becker,G.: Das Erkennen der eigenen Geschlechtszugehörigkeit im Wahlexperiment bei Kleinkindern.
Diplomarbeit Jena 1967
6
Puppe zeigen, die so aussieht wie es selbst bzw. nicht so aussieht, sowie auf die, die aussieht wie ein Junge bzw. ein Mädchen. Es gibt also vier Fragen, wobei der Versuch mehrmals wiederholt und die Reihenfolge der Fragen umgekehrt wurde, um Zufallslösungen auszuschließen.
Dieser Untersuchungskomplex dient der Ermittlung der eigenen Geschlechtszuordnung sowie der Fähigkeit der Geschlechtsdifferenzierung.
Die Untersuchung der dritten Stufe dient der Frage nach dem Namen des Kindes, sowie der Frage nach dessen Geschlecht.
Die vierte Stufe wird durch folgende Frage ermittelt: Wenn du einmal groß bist, wirst du einmal eine Mutter oder ein Vati sein?“ (ebd: S.103).
Dannhauer hält die Ergebnisse der Untersuchung überblicksartig in einer Tabelle fest. An der Untersuchung nahmen 60 Jungen und 60 Mädchen teil. Es gab vier Altersgruppen: 2,1-2,6 Jahre, 2,7-3,0 Jahre, 3,1-3,6 Jahre, 3,7-4,0 Jahre.
In der Tabelle wird nun gezeigt, wie häufig die Antworten auf die Fragen einer bestimmten Stufe richtig gegeben wurden, differenziert nach Alter sowie Geschlecht.
Stufe eins wird von 49 der Mädchen und 28 der Jungen im Alter von 2,7-3,0 erreicht. In dieser Altersklasse erreichen je nur ca. 1/3 der Kinder Stufe zwei. In der nächst höheren Altersklasse 3,1-3,6 erreichen deutlich mehr als die Hälfte aller Kinder die Stufen eins bis drei.
Dannhauer schreibt zu den Ergebnissen folgendes:
„Becker setzt das Vertrauensintervall bei der 66-%-Grenze an. Er kommt zu dem Ergebnis, daß sowohl die Jungen als auch die Mädchen der Altersklasse 3;1 bis 3;6 die 66-%-Grenze überschreiten, d.h., die Mehrzahl der Jungen und Mädchen haben die Stufen 1-3 der Geschlechtsidentifikation erreicht. … Die Stufe 4 der Geschlechtsidentifizierung wird, so kann man nach den Ergebnissen urteilen, erst nach dem 4. Lebensjahr erreicht (auf 66% bezogen). Diese Altersstufe wurde von Beckers Untersuchungen nicht mehr erfasst. Von den Jungen der Altersklasse 3;7 bis 4;0 erreichten 60% die Stufe 4, von den Mädchen 62%“ (ebd: S.104).
Dannhauer beschreibt ergänzend, dass in den Untersuchungen, an welchen er beteiligt war, die von Becker definierte vierte Stufe im fünften Lebensjahr erreicht wird.
Innerhalb dieser Stufen ist der Aspekt der Stereotypen ausgeklammert. Dannhauer behandelt dieses Thema jedoch an anderer Stelle und führte auch Untersuchungen hierzu
7
Quote paper:
Eva Wagner, 2006, Die Entwicklung von Geschlechterstereotypen, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Von der Heimerziehung zur Fremdunterbringung Entwicklung von Strukture...
Scholary Paper (Seminar), 25 Pages
Die Bedeutung und der Erwerb von sozialen Rollen unter besonderer Berü...
Termpaper, 19 Pages
Bedeutung der Peer-groups für den Erwerb der Identität im Jugendalter
Termpaper, 29 Pages
Wahrnehmungstraining - Voraussetzung für Kreativität?!
Scholary Paper (Seminar), 32 Pages
Ursachen und Folgen von Sucht am Beispiel der Magersucht und mögliche ...
Theology - Didactics, Religion Pedagogy
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 28 Pages
"Der Charakter des Menschen bestimmt sein Schicksal?" - Die ...
Pedagogy - Pedagogic Psychology
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Religionslehrer/in sein - Rolle und Person
Theology - Didactics, Religion Pedagogy
Scholary Paper (Seminar), 9 Pages
Theology - Historic Theology, Ecclesiastical History
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Phänomenologie des Spiels - Welche Wirkung hat das Spiel auf die kindl...
Pedagogy - Science, Theory, Anthropology
Scholary Paper (Seminar), 24 Pages
Geschlechterrollen und geschlechtstypisches Verhalten bei Jungen im Ki...
Pedagogy - Pedagogic Sociology
Termpaper, 23 Pages
„Spielbubis“ und „Eingebildete Weiber“ - Geschlechtsspezifische Sozial...
Pedagogy - Pedagogic Sociology
Termpaper, 17 Pages
Entwicklungslinien in der Heimerziehung nach 1945
Pedagogy - History of Pedagogy
Intermediate Diploma Thesis, 39 Pages
Gibt es den typischen Mann oder die typische Frau?
Psychology - Developmental Psychology
Termpaper, 19 Pages
Ausarbeitung einer Unterrichtsstunde zum Thema Freundschaft
Theology - Didactics, Religion Pedagogy
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 14 Pages
Zur Situation der Pressefreiheit in Deutschland
Der Fall „Cicero“ im Vergleich...
Politics - Political Systems - Germany
Termpaper, 68 Pages
Eva Wagner has published the text Die Entwicklung von Geschlechterstereotypen
Eva Wagner has uploaded a new text
Entwicklung des Staats- und Verwaltungsrechts in Südkorea und Deutschl...
Vorträge und Berichte auf dem ...
Rainer Pitschas
Die Entwicklung der Intelligenz seit der Geburt
Développer l'intelligence dès ...
Georges LEPETIT, Dr Patrick LEPETIT
Geschlechterstereotype in der Schule - Realität oder Mythos?
Anregungen aus und für die sch...
Gisela Steins
Lernen und Entwicklung in Organisationen / Learning and Development in...
Philip Herdina, Andreas Oberprantacher, Josef Zelger
Entwicklung und Unterentwicklung
Eine Einführung in Probleme, T...
Karin Fischer, Irmi Hanak, Gerald Hödl, Christof Parnreiter
0 comments