Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Katholisch-Theologische Fakultät
Lehrstuhl für Dogmatik
Wissenschaftliche Zulassungsarbeit für die Theologische Hauptprüfung
Das Zeitverständnis des hl. Augustinus im XI.Buch der Confessiones und
Aspekte seiner theologisch-philosophischen Rezeption im 20. Jahrhundert
vorgelegt von: Karsten Junk
vorgelegt im: Sommersemester 2006
Prolog
Das ist die Sehnsucht
Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit.
Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
die einsamste von allen Stunden steigt,
die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
dem Ewigen entgegenschweigt.
Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung ... 1- 4
Teil A Vor- und umfeld des Zeitkonzeptes aus Confessiones XI ... 4 – 18
A I Zum Verständnis von Confessiones XI im Rahmen des Denkens Augustins und der antiken Philosophie und Theologie ... 4 – 7
A I.1 Grundzüge der Biographie und der denkerischen Entwicklung Augustins ... 4 – 6
A I.2 Der Ort der Zeitthematik im Denken Augustins ... 6 – 7
A II Die Confessiones als Ort der Zeitreflexion ... 8 – 13
A II.1 Die Confessiones und ihr philosophischer Kontext ... 8 – 10
A II.2 Buch XI und sein Ort in den Confessiones ... 10 – 13
A III Zeittheorien im zeitlichen Vorfeld der Confessiones ... 13 – 18
A III.1 Zeit in der Bibel ... 13 – 15
A III.2 Voraugustinische Zeittheorien in der christlichen Theologie ... 15 – 16
A III.3 Voraugustinische Zeittheorien in der Philosophie ... 16 – 18
A IV Zusammenfassend: Grundstrukturen der Einbettung der Zeiterörterung Augustins ... 18
Teil B Augustins Erörterung von Ewigkeit und Zeit in Buch XI der Confessiones ... 19 – 58
B I Zum Aufbau von Confessiones XI ... 19 – 20
B II Confessiones XI: Zeit und Ewigkeit ... 20 – 34
B II.1 Ausgangsposition ... 20 – 24
B II.2 Philosophische Auslegungen zu Genesis 1,1 ... 24 – 35
Die geschaffene Welt verweist auf den Schöpfer ... 25 – 26
Der Vollzug des Schöpfungsaktes durch das verbum dei ... 26 – 31
Die manichäischen Einwände und ihre Beantwortung ... 32 – 34
Das Gegenüber von Zeit und Ewigkeit ... 34- 35
B III.1 Quid est tempus? Die Zeit als unausgedehnte Gegenwart ... 35 – 40
Die ontologische Tendenz zum Nicht-Sein der alltäglichen Zeit ... 36 – 37
Die Frage nach der Messung von Zeitdauern ... 37 - 40
B III.2 Ubi sunt tempora? Die Gegenwart der Zeiten im Geist ... 40 – 44
B III.3 Zeit und Bewegung ... 45 – 46
B III.4 Zeit als distentio animi ... 47 – 52
Die Zeit in der Erstreckung ... 47- 48
Die Zeit im Geist ... 48 - 49
Der Übergang des Zukünftigen zum Vergangenen in der Gegenwart ... 50 – 52
B IV Die Ewigkeit und der ewige Gott ... 52 – 54
Der Weg zur Vollendung ... 52 – 53
Zeit und Ewigkeit ... 53 – 54
B V Confessiones XI im Überblick und einige Fragen seiner Interpretation ... 55 - 59
Teil C Aspekte des Weiterwirkens der Zeittheorie aus Confessiones XI im 20. Jahrhundert ... 60 – 91
C I Aspekte der Aufnahme Augustins in der Zeitphilosophie des 20.Jahrhunderts durch E.Husserl und M.Heidegger ... 60 – 72
C I 1 Husserl: Die Phänomenologie des inneren Zeit-Bewusstseins und Bezüge zur augustinischen Zeittheorie ... 61 – 66
C I 2 Heidegger: Die Frage nach der ursprünglichen und vulgären Zeit und Bezüge zur augustinischen Zeittheorie ... 66 - 72
C II Aspekte der Aufnahme Augustins in theologischen Zeitmodellen des 20.Jahrhunderts durch K.Barth und W.Pannenberg ... 73 – 89
C II 1 Barth: Zeit als Selbstkundgebung Gottes und Bezüge zur augustinischen Zeittheorie ... 73 – 80
C II 2 Pannenberg: Die Vermittlung von Zeit und Ewigkeit und ihre Verantwortung vor dem Forum neuzeitlicher Vernunft und Bezüge zur augustinischen Zeittheorie ... 81 - 89
C III Perspektiven – Augustins Zeitkonzept in Confessiones XI aus verschiedenen Blickwinkeln ... 89 - 91
Teil IV Literaturverzeichnis ... 92 - 98
I. Einleitung
Die hier vorgelegte Zulassungsarbeit zur Theologischen Hauptprüfung hat das Verständnis der Zeit in Buch XI der Confessiones des hl.Augustinus und daran anknüpfend einige Aspekte der theologischen und philosophischen Rezeption der von Augustin in Buch XI vorgelegten Zeittheorie im 20. Jahrhundert zum Thema.
Die Frage nach der Zeit begleitet das abendländische Philosophieren seit seinen Anfängen. Die gefundenen Antworten konnten das Phänomen jedoch nie völlig fassen, so dass die Beschäftigung mit dem Thema „Zeit“ sich durch die Geschichte von Philosophie und Theologie zieht. Auch die neuzeitliche Naturwissenschaft hat sich der Zeitfrage angenommen und es scheint, dass die dort gewonnene Sichtweise der Zeit oft unthematisch dem gegenwärtig vorherrschenden Zeitverständnis zu Grunde liegt. Eine Auseinandersetzung mit dem naturwissenschaftlichen Verständnis wird im weiteren der Arbeit nicht unternommen, da dies das Thema der Arbeit übersteigt, jedoch erscheint es hilfreich, hier sehr kurz auf grundlegendste Aspekte einzugehen, da die Physik das Verständnis vieler Menschen des 20. /21. Jahrhunderts von Raum und Zeit in seinen Grundlagen prägt, selbst wenn dieses Verständnis nicht reflektiert oder stark vereinfachend ist.
Das weithin vorherrschende Bild der Zeit als Konstante, also als unterschiedsloser Abfolge von Jetzt-Punkten entspricht nicht nur einigen philosophischen Ansätzen (vgl. etwa Husserl), sondern auch der Zeitvorstellung der klassischen Mechanik (Newton), ist ihrerseits aber durch die Relativitätstheorie (Einstein) überholt. Die Zeit erscheint bei Einstein als von der Lichtgeschwindigkeit abhängige Größe, was eine Dehnung der Zeit zur Folge hat; eine absolute Gleichzeitigkeit ist unter diesen Voraussetzungen nicht mehr möglich. Zeit und Raum sind als Dimensionen einer einzigen Wirklichkeit zusammengefasst.1 Bleibt aber im Gesamt der Relativitätstheorie die kontinuierliche Abfolge eines vorher/nachher erhalten, führt die Quantentheorie durch die Möglichkeit einer diskontinuierlichen („tropfenden“) Zeit (vgl. Plank-Zeit) einen neuen Aspekt in die Diskussion ein, der es ebenfalls nicht an einem philosophischen Pedant fehlt (vgl. das diachrone Zeitverständnis). Die Thermodynamik scheint hingegen traditionellen Zeittheorien dadurch entgegenzukommen, dass sie die Irreversibilität und dreifache Differenzierung der Zeit bestätigt.2 Für unser Thema bedeutungsvoller erscheint im naturphilosophischen Kontext die durch die Zeit ermöglichte Wahrnehmung und Unterscheidung von distinkten Ereignissen und Gegenständen und die damit zusammenhängende Ermöglichung von Alterität. Zeit erscheint hier vor allem als asymmetrische, irreflexive und transitive Ordnungsrelation.3
Diese Näherbestimmung findet ihren allgegenwärtigen Niederschlag in der Uhr-Zeit, der kalendarischen Zeit, die durch Heideggers Frage, ob denn der Mensch in dieser Form (der Uhrzeit) über das Sein der Zeit verfügt, oder ob er sich darin selbst meint, oder ob „es am Ende die Zeit selbst [ist], die sich in uns die Uhr anschafft“4 direkt in die Mitte der philosophisch-theologischen Thematik führt.
Der Blickwinkel der überwiegenden Zahl der Zeitgenossen verbindet das Thema Zeit jedoch weniger abstrakt zumeist mit ihren Inhalten, was sich in der philosophischen Reflexion im Gedanken des „intentionalen Bewusstseins“ wieder findet. Das alltägliche, in Heideggers Terminologie vulgäre Zeitverständnis, das die Zeit als reine Abfolge von Ereignissen fasst, erscheint dabei als unverzichtbarer Ausgangspunkt diverser Reflexionen auf die Zeit in Philosophie und Theologie.5
Davon abgesehen wird die Wahrnehmung der Zeit in der Gegenwart maßgeblich von der These der „Beschleunigung der Zeit“ bestimmt, womit in der Regel gemeint ist, dass in kürzeren Zeitabständen immer mehr Eindrücke auf einen Menschen eingehen und seine Reaktion erfordern, die wiederum Handlungen in Gang setzen können.
Die Zeitthematik ist also virulent. Unter spezifisch theologischem Blickwinkel stellen sich weitere Fragen. Das Verhältnis zwischen Gott, dem traditionell Ewigkeit zugeschrieben wird, und der als zeitlich erlebten Welt wurde Anlass intensiven theologischen und philosophischen Nachdenkens.6 Kennzeichnend für diese Bemühungen sind die Verbindung von Offenbarungsgut und philosophischer Reflexion sowie die jeweilige Bezogenheit auf Termini wie Schöpfer und Geschöpf und damit verbunden Ewigkeit und Zeit, die durch die jeweiligen Gedankengänge zur Zeitthematik eine Näherbestimmung erfahren. Im Horizont jüdischchristlichem Denkens (der hier thematisch ist) wurden theologische Begriffe immer wieder aufgrund philosophischer Einwände und Anfragen präzisiert und gelangten auf diese Weise zu ihrer endgültigen Gestalt (fides quaerens intellectum). Insofern es christliche Theologie also unternimmt im Rahmen der Gotteslehre auf Gott selber zu reflektieren oder die Welt als seine Schöpfung zu bedenken (was – wie bei Thomas von Aquin – eng verbunden ist), ist zugleich mit der Zeitthematik auch das philosophische Nachdenken über diese von Belang. Trinitätstheologisch spielt die Frage nach Zeit und Ewigkeit eine bedeutende Rolle im Zueinander von heilsökonomischer und immanenter Trinität und damit auch für das Verständnis von Offenbarung.7 Die Frage nach der Zeit ist aber durchaus auch in der Christologie/Soteriologie (vgl. Christus als die Fülle der Zeiten, Eph 1,10) und der Pneumatologie und Gnadenlehre8, einschlägig. Offensichtlich ist die Bedeutung der Zeit für die Eschatologie, mit der sie in direktem Zusammenhang steht und in Verbindung mit der Frage nach dem Sinn der Geschichte überhaupt auf die Heilsgeschichte verweist.
Eine Anthropologie im Horizont christlicher Theologie wird das Selbstbewusstsein des Menschen zu berücksichtigen haben, welches durch seine Zeitlichkeit entscheidend geprägt wird.9 In der politischen Theologie (z.B. J.B.Metz) tritt der diachrone Charakter der Zeit, v.a. angesichts des nicht einzuholenden Datums von Auschwitz, besonders gegenüber dem in der Theologie vorherrschenden synchronen Zeitdenken hervor und damit auch der ethische Anspruch einer diachron verstandenen Zeit.10
Was in dieser Arbeit geleistet werden kann, nimmt sich angesichts der Bedeutung und Komplexität der Thematik und der Fülle der Fragen (und Antworten) bescheiden aus. Gegenstand ist die Zeittheorie des Kirchenvaters Aurelius Augustinus, wie er sie in Buch XI seiner Confessiones dargelegt hat.11 Diese soll möglichst adäquat herausgearbeitet werden, die verschiedenen (z.T. aporetisch konzipierten) Argumentationsstränge sollen erfasst und die Ergebnisse festgehalten werden. Dabei wird Buch XI auch als Teil des Gesamten der Confessiones gesehen. Es soll besonderes Augenmerk darauf gelegt werden, die Zeittheorie aus Confessiones XI unter Berücksichtigung der Absichten zu verstehen, die Augustin mit den Confessiones insgesamt verband. Auch der Motivation Augustins, die Endlichkeitsproblematik anzugehen (besonders die Todeserfahrung aus Confessiones IV,9), wird Gewicht für die Interpretation zugemessen. Maßgeblich erscheint darüber hinaus das Anliegen, Confessiones XI in den breiten Strom der philosophischen und theologischen Gedankenwelt des Augustinus und der antiken Philosophie und ihrer Zielsetzungen überhaupt einzureihen.12 Das Vorgehen bezüglich des XI. Buches selbst ist so angelegt, dass der Zeittraktat im engeren Sinn – der unterschiedlich abgegrenzt wird – nicht scharf von den vorherigen und folgenden Kapiteln des Buches XI getrennt wird, da sich dies als nicht sachgemäß erwiesen hat.
Schließlich bedarf es einer Ergebnissicherung, bevor das Weiterwirken des diesbezüglichen Gedankenguts des Bischofs von Hippo in den Zeittheorien Husserls und Heideggers sowie Barths und Pannenbergs behandelt werden soll. Hier soll nach einer knappen Darstellung der Grundzügen der jeweiligen Konzeption, die vor allem die Strukturen berücksichtigt, die in Anschluss oder Abgrenzung mit Augustin in Verbindung gesetzt werden können, der jeweilige Bezug zum augustinischen Verständnis zur Sprache kommen. Abschließend soll eine Reflexion aus verschiedenen Perspektiven auf die Zeiterörterung von Confessiones XI erfolgen, die markante Aspekte des Buches herausstellen soll.
[...]
1 Vgl. PANNENBERG 1962, 52.
2 Vgl. MÜHLING 2005, 168-169.
3 A.a.O. 168f.
4 HEIDEGGER (1924), 10.
5 Einem breiten Publikum werden Fragen aus dem Bereich der Zeitthematik durch die bekannte TV-Serie „Star Trek“ nahe gebracht. Der Horizont der – wenn auch implizit - anvisierten Problemstellungen reicht vom Verhältnis der Zeit (und des Raumes) zum Denken (Folge: Der Reisende), über die Frage der Folgen einer möglichen Kontrolle von Raum und Zeit (was mit Gott-Sein assoziiert wird, Folge: Rikers Versuchung – man beachte den religiösen Terminus) bis hin zu den Gefahren (und Vorzügen) von durch Menschen erschaffener Welten und Zeiten und wiederum der Frage nach dem Verhältnis von menschlicher Existenz, menschlichem Geist und Welt.
6 Vgl. AUGUSTINUS, Confessiones, XI,1,1.
7 Vgl. FREYER 1993, 470f.
8 Vgl. PFINGSTSEQUENZ „VENI SANCTE SPIRITUS“, der durchgehend die Gaben, das Licht und das Wehen des Geistes für das zeitliche Leben erbittet, das im Erblicken des exitus salutis vollendet werden und zum gaudium perennis geführt werden soll.
9 Vgl. FREYER 1993, 461.
10 A.a.O. 466f.
11 Ich beschränke mich auf Confessiones XI, es geht also nicht um „die“ Zeittheorie der Schriften Augustins in ihren Wandlungen, was Bezugnahmen aber nicht ausschließt.
12 FISCHER 1987, 152.
Quote paper:
Karsten Junk, 2006, Das Zeitverständnis des hl. Augustinus im XI. Buch der Confessiones und Aspekte seiner theologisch-philosophischen Rezeption im 20. Jahrhundert, Munich, GRIN Publishing GmbH
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