Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Inhalt und Grundthesen in 99 Francs - Rundumschlag gegen die Welt der
Werbung und des Kapitalismus 3
3. Der Niedergang der von Werteverfall und Individualismus geprägten
kapitalistischen Gesellschaft 5
4. Das öffentliche Auftreten und das Selbstverständnis als Autor - Beigbeder
und Houellebecq als Seismographen einer in sich kranken
Gesellschaft? 9
5. Realismus bei Beigbeder und
Houellebecq 13
6. Zusammenfassung
17
7. Literaturverzeichnis 19
7.1. Primärliteratur 19
7.2. Sekundärliteratur 19
7.3. Interviews 21
II
1. Einleitung
„Et ce n’est pas par hasard que Houellebecq intervient dans la discusion provoquée par le best-seller de Beigbeder, 99 francs, pour défendre celui-ci“. 1 . Selten wurde über einen Roman derart kontrovers diskutiert. Selten ging die Schere zwischen Bewunderung und Verachtung für einen Schriftsteller soweit auseinander. Mit 99 francs, wo er mit dem Leben und der Welt der Werbebranche und des kapitalistischen Systems abrechnet, ist Frédéric Beigbeder ein Roman gelungen, der ihn nicht nur in den Bestseller-Listen zahlreicher Länder an die Spitze katapulierte, sondern der ihm auch eine Nominierung für den Prix Goncourt, den wichtigsten französischen Literaturpreis, einbrachte. Gleichzeitig blieb jedoch die Zahl der Gegner Beigbeders groß und deren Kritik massiv.
Beigbeder begann die Arbeit an 99 francs erst auf den Impuls Houellebecqs hin, der ihm eines Tages befahl :
„Arrête de faire des livres sur tes soirées mondaines et tes boîtes de nuit, écris sur ce qui est le centre de pouvoir aujourd’hui, sans quoi il n’y a pas de nouvelle économie, ni presse,
2 ni politique : la pub.“
Im Folgenden stellte sich Houellebecq in der öffentlichen Diskussion über Beigbeders Werk klar auf dessen Seite. Unter anderem durch die Veröffentlichung seines Pamphlets La privatisation du monde 3 , wo er Beigbeders Kritik an Kapitalismus, Globalisierung und dessen Sicht auf die Welt der Werbung teilte, und ihm so im Kampf gegen seine Kritiker beistand. Die klare Parteinahme Houellebecqs für Beigbeder wirft die Frage auf, welche Verbindungen und Gemeinsamkeiten es zwischen den beiden französischen Schriftstellern geben könnte.
1 Asholt, Wolfgang, Deux retours au réalisme ? Les récits de François Bon et les romans de Michel Houellebecq et de Frédéric Beigbeder, in : lendemains. Der zeitgenössische französische Roman (27/2002), S. 52.
2 Interview von Garcin, Jérôme, Frédéric Beigbeder raconte, « Comment j’ai été licencié », in : Le Nouvel Observateur (1968), 31/8/2000, S. 59f.
3 Houellebecq, Michel, La privatisation du monde, in: Le Nouvel Observateur (1968), 31/8/2000, S. 58.
1
Die vorliegende Arbeit stellt sich zur Aufgabe diese Gemeinsamkeiten zu ergründen. Hierbei soll im Besonderen die Sicht der beiden Autoren auf die Gesellschaft, ihr Selbstverständnis als Autor, sowie der literarischen Umsetzung unter dem Aspekt der Wirklichkeitsillusion betrachtet werden. Klar im Mittelpunkt dieser Arbeit soll Beigbeders Roman 99 francs 4 stehen, von dem ausgehend Gemeinsamkeiten mit Houellebecq erarbeitet werden sollen. Es wird aber gegebenenfalls nicht darauf verzichtet werden frühere Werke Beigbeders heranzuziehen, oder ihn aus Zeitungsinterviews zu zitieren, was vor allem zum Einblick in sein Selbstverständnis als Autor für sinnvoll erachtet wird. Zur Veranschaulichung und zum besseren Verständnis von Houellebecqs Ansichten werden hierzu dessen Roman Les particules élémentaires 5 sowie sein Essaysammlung Interventions 6 zu Rate gezogen. Wie für Beigbeder sollen auch für Houellebecqs Sicht seiner Funktion und seines Verständnisses als Schriftsteller Interviews betrachtet werden.
Beginnen wird die vorliegende Arbeit mit einer kurzen Zusammenfassung des Romans 99 francs, wo die Thematik und die Hauptaussagen herausgearbeitet werden sollen. Hierbei soll in knappen Zügen Beigbeders allgemeine Kapitalismus- und Globalisierungskritik Platz finden. Auf eine ausführliche Auflistung Beigbeders Argumente diesbezüglich soll aber im Rahmen dieser Arbeit verzichtet werden, da das Hauptaugenmerk allein auf die Auswirkung des kapitalistischen Systems auf die Gesellschaft und das Individuum gelegt werden soll. Dies soll in Kapitel drei erarbeitet werden, wo die Sicht der beiden Autoren auf die aktuelle Gesellschaft untersucht und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet werden. Im darauffolgenden Kapitel(4) wird das Selbstverständnis der Beiden als Autor und die Möglichkeit mit Hilfe der Literatur in die Gesellschaft einzugreifen, im Mittelpunkt stehen. Nachgegangen werden soll in diesem Zusammenhang der Art und Weise, wie sich die Autoren Gehör in der Öffentlichkeit verschaffen, und auch dem Bild, das sie der Öffentlichkeit über sich vermitteln. Im fünften Kapitel wird die literarische Umsetzung der Weltsicht und des Selbstverständnisses der Schriftsteller untersucht. Hierbei soll unter anderem anhand des literaturtheoretischen Ansatzes des Realismuseffekts gezeigt werden, wie es beiden Autoren gelingt
4 Beigbeder, Frédéric, 99 francs, Paris, Gallimard folio, 2000.
5 Houellebecq, Michel, Les particules élémentaires, Paris, J’ai lu, 1998.
6 Houellebecq, Michel, Interventions, Paris, Flammarion, 1998.
2
durch eine möglichst realistische Darstellung die Wirkung auf den Leser zu verstärken.
In einem abschließenden Kapitel (6) sollen Ergebnisse zusammengefasst und im Hinblick auf die Fragestellung dieser Arbeit bewertet werden.
2. Inhalt und Grundthesen in 99 Francs - Rundumschlag gegen die Welt der Werbung und des Kapitalismus
Der Inhalt von 99 Francs ist schnell erzählt: Octave Parango, ein kleines Rad in der Werbebranche beschließt den Ausbruch in die Freiheit mit Hilfe eines Enthüllungsroman über die Werbebranche zu erzwingen: „j’écris un livre pour me faire virer“ 7 . Er lässt den Leser an seinen Beobachtungen aus der Werbewelt teilhaben. Sein Vorhaben ist trotz aller Anstrengungen und Provokation gegenüber Arbeitgeber, Kollegen und Kunden nicht von Erfolg gekrönt. Im Gegenteil: Sein provokantes Auftreten wird in der Agentur geschätzt und anstatt entlassen zu werden, wird er sogar befördert. Erst der Ritualmord an einer Rentnerin aus Miama, die als Teilhaberin an Rentenfonds von Octave und dessen Begleitern als Schuldige für die Ungerechtigkeit der Welt auserkoren wird, bringt ihm letztlich die ‚Freiheit’ des Gefängnisses. Beigbeders Roman kann als Rundumschlag gegen die Welt der Werbung und das kapitalistische System an sich gesehen werden. Als Insider schreibt er über die uneingeschränkte Macht der „Impératrice“ 8 Werbung 9 , sowie deren negativ ausgerichtetes Menschenbild 10 , das den Menschen zu einem, auf den stupiden Kaufakt konditionierten Wesen, ohne freien Willen 11 und individuelle Freiheit 12 reduziert 13 , ein Menschenbild, das nicht selten mit Rassismus einhergeht 14 .
7 Beigbeder, francs, S. 17.
8 Ders., S. 22.
9 „[…]elle fiance la télévision, dicte la presse écrite, règne sur le sport[…], modèle la société, influence la sexualité, soutient la croissance[…]“ : Ders., S. 52.
10 „dans ma profession, personne ne souhaite votre bonheur, parce que les gens heureux ne consomment pas“ : Ders. S. 19.
11 „C’est moi qui décide aujourd’hui ce que vous allez vouloir demain“ : Ders., S. 22.
12 „Vous croyez que vous avez votre libre arbitre, mais un jour à l’autre, […], vous l’achetrez […]croyez moi, je connais mon boulot.“ : Ders., S. 21.
13 Vgl. : Ders., S. 41.
14 „Je ne suis pas rassiste mais les Noirs c’est trop segmentant,[…] Ce n’est pas ma faute si notre produit est blanc, et que donc, pour le vendre, il faut montrer des Blancs “: Ders., S. 93; Interessant sind hierzu auch die häufigen Vergleiche mit dem Vorgehen der NS-Propaganda indem Hitler und Göbbels zitiert werden: „Si vous désirez la sympathie des masses, vous devez leur dire les choses les plus stupides[…]“: Ders., S. 39; Beigebder äußert sich zum Rassismus
3
Beigbeders Kritik bezieht sich letztlich nicht allein auf die Werbebranche,
sondern sie wird auf eine allgemeine Kapitalismus und Globalisierungskritik
ausgeweitet.
Er kritisiert die Macht der Wirtschaft 15 , deren stetiges Streben nach
Wachstum 16 , die Ausrichtung der Unternehmen am Aktienkurs 17 sowie die
Tatsache, dass sich die einzelnen Völker und Kulturen einer globalisierten Welt
kaum mehr von einander unterscheiden 18 . Das Verhältnis zwischen den
westlichen Industriegesellschaften und den Entwicklungsländern ist nach
Beigbeder zwar von Mitleid 19 geprägt, aber ernsthafte Bemühungen des
Westens deren Lage zu verbessern kann er nicht erkennen. Im Gegenteil, er
sieht Afrika „comme contre-exemple aux pubeux, pour qu’ils soient[…]soulagés
de constater qu’il y a pire ailleurs.“ 20
Auch wenn in Houellebecqs Romanen keine explizite Kritik gegen die Macht der
Werbung und gegen das kapitalistische System im Allgemeinen zu finden ist, so
teilt er doch Beigbeders Ansichten zu großen Teilen, wie aus seinem Text La
privatisation du monde und seiner Essaysammlung Interventions 21 hervorgeht.
Gemeinsamkeiten bzgl. allgemeiner Kapitalismusrespektive
Globalisierungskritik können in dieser Arbeit nicht eingehend untersucht
in der Werbebranche auch in einem Interview : „Das Prinzip ist das gleiche : Wie verpacke ich etwas hübsch und nett ohne meine wahren Absichten offen zu legen? Hitler und Goebbels waren Meister der Kommunikation“ allerdings sei „der Rassismus[...] jetzt diskreter[...]sie [sehen] niemals Werbung mit Schwarzen“: Interview von Kläsgen, Michael: Ein Kritiker erregt die Branche. Der Werbeexperte Frédéric Beigbeder rechnet mit seiner Branche ab, in: Die Zeit(43/2000), 14.9.2000, S. 32.
15 „Les hommes politiques ne contrôlent plus rien ;c’est l’économie qui gouverne…c’est
l’orchestre qui gouverne le chef“ : Beigbeder, francs, S. 42.
16 „Il a la Foi. Il l’a appris dans la Haute École: en la Croissance tu Croiras“ : Ders., S. 27.
17 Hierfür steht der Ritualmord an der Rentnerin aus Miami, die als Teilhaberin an US-
Rentenfonds als Schuldige für das nicht funktionierende System ausgemacht wird. Der Mord kann als Abrechnung mit der vorherrschenden Unternehmensphilosophie des Shareholder-Value gesehen, nach welcher der Erfolg einer Firma allein am Aktienkurs gemessen wird und die in ihrer ausgeprägtesten Form jegliche Rücksicht auf Arbeiter, Umwelt und Öffentlichkeit vermissen lässt: „En Europe, les entreprises licencient des milliers d’employés pour rapporter plus de fric aux retraités de Miami. “: Ders., S. 208.
18 „Pour la première fois dans l’histoire de la planète Terre, les humains de tous les pays
avaient le même but : gagner suffisamment d’argent pour pouvoir ressembler a une publicité“: Ders., S. 33 ; Die Literaturwissenschaft spricht hier von der „Macdonaldisierung der Welt“, nach der die Menschheit auf eine gleichförmige, mediengesteuerte und am Konsumverhalten westlicher Industriegesellschaften orientierte Einheitskultur zu steuere; Vgl.: Schulze-Englerer, Frank, Art. Globalisierung und Globalisierungstheorien, in: Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze - Personen - Grundbegriffe hrsg. von Ansgar Nünning, Stuttgart 2004, S.
232.
19 Vgl.: Beigbeder, francs, S.141.
20 Ders., S. 141.
21 Vgl. hierzu vor allem den Text Approches du désarroi, wo er ein Kapitel „Le monde comme
supermarché et comme dérision“ nennt: Houellebecq, Michel, Interventions, Paris, Flammarion,
1998, S. 71.
4
Quote paper:
Jochen Brandt, 2007, Frédéric Beigbeders gesellschaftskritischer Roman 99 francs - Gemeinsamkeiten mit Michel Houellebecq bezüglich Weltsicht, Selbstverständnis als Autor und Realismus, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Die französische Sprachpolitik
Romance Languages - French Studies - Culture
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 18 Pages
Analyse von Michel Houellebecqs: Elementarteilchen (Les particules élé...
Romance Languages - French Literature
Scholary Paper (Seminar), 22 Pages
Textwissenschaftliche und fachdidaktische Analyse der Kurzgeschichte &...
German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 29 Pages
Jochen Brandt has published the text Frédéric Beigbeders gesellschaftskritischer Roman 99 francs - Gemeinsamkeiten mit Michel Houellebecq bezüglich Weltsicht, Selbstverständnis als Autor und Realismus
Jochen Brandt has uploaded a new text
St. Albans, historical and picturesque. With an account of the Roman c...
Charles Henry Ashdown, Frederic George Kitton
Trac 99: Proceedings of Ninth Theoretical Roman Archaeology Conference...
Garrick Fincham, Geoff Harrison, Louise Revell
Lightfoot Guide to the Three Saints Way - Winchester to Mont Saint Mic...
Babette Gallard, Paul Chinn
Lightfoot Guide to the Three Saint's Way - Mont St Michel to Saint Jea...
Babette Gallard, Paul Chinn
0 comments