2 Berufswünsche von Kindern und Jugendlichen
Die Auseinandersetzung mit der eigenen persönlichen und der beruflichen Zukunft nimmt bereits im frühen Kindheitsalter einen herausragenden Platz für die Kinder ein. Kinder haben zudem auch recht klare Vorstellungen und Wünsche über ihren zukünftigen Beruf und setzen sich gerne mit diesem Thema auseinander. Zudem fällt es den Kindern nicht schwer, sich selbst 20-30 Jahre älter vorzustellen. Kinder nehmen ihre eigene Lebenswelt und die Lebens- und Arbeitswelt der Erwachsenen geschlechterdifferent war und ordnen sich dem entsprechenden Geschlecht („Klischee“) zu. Diese Klischees „behindern“ sie allerdings auch bei ihrer Selbstentfaltung und Rollenfindung. Dies gilt sowohl für die Jungen als auch für die Mädchen.
Bislang konzentrierten sich die Untersuchungen zur Beruforientierung junger Menschen hauptsächlich auf Jugendliche die nah am Übergang zum Berufsleben stehen oder junge Berufstätige die sich umorientieren wollen. Die Lebensentwürfe von Vorschulkindern und jungen Grundschulkindern ist bislang kaum zum Gegenstand der Kindheitsforschung gemacht worden.
Die Vorstellung der Kinder zu ihren Berufswünschen kann als eine Gesamtbilanz ihre bisherigen Sozialisationserfahrungen gesehen werden. In ihren Vorstellungen eröffnet sich ein breites Spektrum von Gefühlen, Gedanken, Hoffnungen und Sorgen, die sie von dieser Welt haben. Im folgendem geht es um eine
Untersuchung bei Kindern zwischen 5 und 10 Jahren. Hierbei konzentrierte man sich unter anderem auf die Fragen:
-Welche Berufsbegriffe und Berufskonzepte liegen den kindlichen Berufswünschen zugrunde?
-Lässt sich bereits bei Kindern eine geschlechtsspezifische
Ausdifferenzierung von Berufswünschen und Lebensplänen nachweisen? Die fünf bis sieben jährigen malten ein Bild um auf diese Frage zu antworten. Die neun bis zehnjährigen schrieben einen Aufsatz. Die Kriterien für die Auswertung dieser Bilder und Aufsätze sah wie folgt aus:
-Die Quantität der von den Kindern eingebrachten Berufsnennungen, d.h. die sprachliche verarbeitete Breite der Berufswahrnehmung,
-Die Häufigkeit der Berufsnennungen, aus der die geschlechtsspezifische Favorisierung von Einzelberufen abgeleitet werden kann,
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-Die Argumente für die aktuelle „Berufswahl“, bzw. die Nennung bestimmter Berufe,
-Die Vorbilder und Informationsquellen, auf die sich die Kinder bei der Beschreibung ihres Berufswunsches beziehen, wurden bewertet.
Es wurde dabei festgestellt, dass die Berufsnennung der Kinder sich auf ihr „eingeschränktes“ Mikrosystem bezog, welches sich aus der Familie und dem nahen Bekanntenkreis zusammensetzt. Die Ergebnisse der bildlichen Darstellung war nicht mit der realen Häufigkeitsverteilung von Berufen in der Arbeitswelt gleichzusetzen, sie konzentrierten sich vielmehr auf Berufe, die
-aufgrund von besonderer Berufsbekleidung beziehungsweise spezielle Dienstfahrzeuge die für Kinder attraktiv sind (z.B. Polizistin, Soldat, Ärztin, Pilot),
-institutionell definierten und für Kinder unmittelbar zugänglichen beziehungsweise nachvollziehbaren Tätigkeitsfeldern zuordnen sind (z.B. Krankenschwester, Kindergärtnerin, Lehrerin, Tierpflegerin),
-durch öffentliche Auftritte (Zirrus-Artistin, Sängerin, Reiterin, Turnerin) oder durch spektakuläre Arbeitseinsätze (Feuerwehrmann) die soziale Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Wie zu erwarten war wurde ein Teil der genannten Beruf durch Spielmittel repräsentiert die den Kindern dauerhaft zu Hause oder im Kindergarten zu Verfügung standen (Polizei-, Feuerwehrauto, Flugzeug, Arztkoffer, etc.). In diesem Zusammenhang spricht man auch von dem „Netz der Wissenselemente“, das sich scheinbar auf der Grundlage selektiver Wahrnehmungen von Personen und Situationen im jeweiligen Mikrosystem der Kinder entwickelt. Den Ausdruckt der „Pseudo-Berufsbegriffe“ kann man hier ebenso gut benutzen, um auf die Wahrnehmungsverzerrung der Kinder hinzuweisen. Die These von der sozialen Grammatik geschlechterspezifischer Berufwahlprozesse, die den „Berufswünschen“ der befragten Kinder entspricht, ist hier in diesem Sinne zu verwenden. Diese zeigt sich am Beispiel eines jungen Mädchens, deren Wahl auf den Beruf der Ärztin fiel. Ihr Berufswunsch kann als eine rollenkonforme Orientierung an den Tätigkeiten „weiblichen Arbeitsvermögens“ beschrieben werden. Das Mädchen verarbeitete in ihrem Bild die Erfahrung eines Krankenhausaufenthalts. Sie spielte seitdem häufig
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mit ihrer Schwester „Ärztin“. Für sie waren weiße Berufsbekleidung und die Tatsache, dass eine Frau im Krankenhaus arbeitet, die Merkmale ihres aktuellen Berufsbegriffs „Ärztin“. Sie wollte Kranke versorgen, im Krankenhaus Ordnung machen und die Zimmer putzen. Eine Unterscheidung der Berufe/Arbeitsplätze der Ärztin, der Krankenschwester und der Putzfrau nahm sie nicht vor. Bei den Mädchen war oft zu beobachten, dass sie keine Unterscheidung der unbezahlten Haus-, Familien- und der erwerbstätigen Arbeit machten. Bei den Jungen hingegen waren oft keine Schnittmenge zwischen Berufskonzept und Haus- und Familienarbeit zu sehen. Aber auch hier gilt, dass sie mit „Pseudobegriffen“ umgehen, wenn sie über den Beruf des Polizisten, Piloten oder Buchhalters reden. Ein Junge konnte sich z. B nicht zwischen den Berufen Pilot und Polizist entscheiden. Er nahm beide Berufe in sein Bild auf. In beiden Bildausschnitten steht das Dienstfahrzeug bzw. das Flugzeug im Zentrum seiner Darstellung. Sein Kommentar: „Als Polizist kann man rumrasen und als Pilot von oben gucken“ machte deutlich woran er seine Wahl fest machte. Zusammenfassend konnte man feststellen, dass sich bei Kindern dieses Alters (Vorschulkinder und junge Grundschulkinder) kleine Ausschnitte familiär vermittelter Lernumwelten wieder spiegeln. Diese Feststellung unterstützt die These der „Reproduktionslogik“ geschlechtsspezifischer Sozialisation.
Bei den Zehn bis zwölf jährigen ist schon eine deutlichere Ausdifferenzierung der Wünsche zu sehen. Sie machen eher eine Unterscheidung zwischen unbezahlter Haus- und Familienarbeit und der erwerbstätigen Arbeit. Die Berufsbegriffe der Kinder konstituierten sich auf fünf Ebenen.
-über die Verbindung eines Berufs mir bestimmten Tätigkeiten (reparieren, verkaufen, Verkehr regeln, korrigier, ...),
-über Ausstattungselemente eines Arbeitsplatzes (Polizei, Kran, Computer, ...),
-über formale Zugangsvoraussetzungen (Haupt- oder Realschulabschluss, Abitur),
-über Qualifikationsanforderungen (Fremdsprachenkenntnisse, EDV-Kenntnisse),
-über das Modell von Erwachsenen, die den jeweiligen Beruf ausüben.
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Arbeit zitieren:
David Distelmann, 2005, Berufswünsche von Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
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