Das nein zur Wahrheit als ein Ja zum Leben
Die Unfähigkeit, die Dinge so zu erkennen, wie sie an sich sind, wirft eine weitere Ungewissheit auf. Die Ungewissheit der Existenz der Dinge. Die von René Descartes aufgestellte Betrügergotthypothese, nach der, der Mensch sich in einer, durch eine allmächtige Instanz, geschaffenen, Scheinrealität befindet, ist durch nichts zu wiederlegen. Ein Scenario, dass alles in die Ungewissheit stürzt, außer der eigenen Existenz. Wenn nun jedoch nur das für wahr gelten darf, was unumstößlich gewiss ist und die Betrügergotthypothese nicht zu wiederlegen ist, ist der Mensch dazu verurteilt, in völliger Ohnmacht, in einer Scheinwelt zu leben, die jegliches Handeln zur Farce macht. Der Fleiß, die Inkaufnahme von Mühsal und Leiden, wären völlig sinnlos, da die Früchte dieser Opfer, lediglich Vorstellungen wären, die dem Menschen durch die Betrügerische Allmacht, eingesetzt werden würden. Ein Scenario das Resignation und Lethargie zum Ergebnis hätte. Um nun diesem Unheil zu entgehen ist eine Entscheidung vonnöten; eine Entscheidung gegen die Wahrheit, für das Leben.
Beispiele für die Umsetzung der Entscheidung gegen die Wahrheit Mathematik und Ideenlehre sind wesentliche Bestandteile der heutigen Lebenswelt. Sie finden ihren Ursprung in der Antike, also lange, bevor die Intelligibilität der Realität durch Philosophen wie Kant und Descartes so umfassend erschüttert wurde. Doch gleich der alltäglichen Entscheidung, die Dinge für das zu halten, als was sie erscheinen, wird trotz der Unstimmigkeiten, die man im nachhinein, an Mathematik und Ideenlehre, festgestellt hat, an ihnen festgehalten.
1. Ideenlehre
Die durch Plato begründete Ideenlehre, nimmt eine Unterteilung zwischen Ideenwelt und realer Welt vor. Alle Dinge der realen Welt haben ihren Ursprung in der Ideenwelt. Beispielsweise sind alle Pferde der Welt Abbilder der, Idee ,,Pferd” , welche ihren Ursprung in der Ideenwelt hat. Gemäß dieser Theorie ist es möglich, Dinge unter einem Oberbegriff, der Idee, zu subsumieren. Ein Umstand der dem Menschen sehr gelegen kommt, da es ihm ermöglicht wird, seine Umwelt zu kategorisieren und allgemeine Aussagen über sie treffen, sprich Wissenschaft zu betreiben. Durch die Wissenschaft ist es dem Menschen möglich seine Umwelt zu verstehen und sie, aus diesem Wissen heraus, zu seinen Gunsten zu manipulieren. Jede Verallgemeinerung impliziert jedoch eine Ungenauigkeit. Beispielsweise ist die Subsumierung eines kranken, schwachen Bernhardiners und eines gesunden, starken Bernhardiners unter dem Oberbegriff ,,Bernhardiner” zwar, gemäß der Ideenlehre, formal korrekt, jedoch offenkundig ungenau. Verallgemeinerungen sind dem Menschen zwecks Orientierung in der Welt, zwar unschätzbar nützlich, doch es kann nicht verneint werden, dass jede Verallgemeinerung eine kleine Unwahrheit ist. Trotz ihrer Nützlichkeit ist die Ideenlehre jedoch noch nicht wahr. Wahr ist vielmehr, dass sich Verallgemeinerungen auf die intellektuelle Unzulänglichkeit des Menschen gründen, jedes Ding für sich zu sehen.
Arbeit zitieren:
Benjamin Becker, 2007, Versuch über das Nein zur Wahrheit als ein Ja zum Leben, München, GRIN Verlag GmbH
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