Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
I. Rahmenbedingungen und Herkunft des dekonstruktivistischen Diskurses 4
II. Die Dekonstruktion unter Bezugnahme auf Nietzsche. 6
III. Derridas Sporen und Nietzsches Zarathustra - Gedankenspiele in der Differenz 12
IV. Schlußbetrachtung - Kritik. 21
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Einleitung
Als Thomas Mann am 29.Mai 1934 zum ersten Mal amerikanischen Boden betritt, liegt eine zehntägige Schifffahrt hinter ihm, auf der er sich die Zeit mit dem Lesen des „Don Quijote“ verkürzte. Jene Überfahrt zu einem Kontinent, auf dem er bald seine zweite Heimat finden und einen neuen Lebensabschnitt beginnen sollte, markierte für ihn eine Phase des Hinübers und des Wandels im geographischen, politischen und werkgeschichtlichen Sinne. Und gerade in dem Augenblick, in dem er die Freiheitsstatue erblickt und sich aus dem Morgennebel langsam die Hochhäuser von Manhattan lösen, erinnert er sich seines Traumes der vergangenen Nacht: Er träumte von Don Quijote und sprach mit ihm; doch welche Züge trug dieser? Er hatte einen dicken, buschigen Schnurrbart, eine hohe, fliehende Stirn und unter ebenfalls buschigen Brauen graue, fast blinde Augen. Er nannte sich nicht den Ritter von den Löwen, sondern Zarathustra. An der Stelle des für Thomas Mann entscheidenden Übergangs, zeigt sich ihm Friedrich Nietzsche in der Gestalt des tragischen Ritters. Was sich in diesem Traum Thomas Manns symbolisch widerspiegelt, ist heute geschichtliche Realität. Der Name Friedrich Nietzsche steht für einen „ Übergang und Untergang“, für einen Umschwung in der Geschichte des abendländischen Denkens. Für Habermas präsentiert Nietzsche die Drehscheibe in die sich ihrer selbst noch ungewissen Postmoderne. Nach Heidegger denkt jeder Heutige notwendig "im Licht und Schatten Nietzsches - mag er sich dessen bewußt werden oder nicht“ (Heidegger, „Zur Seinsfrage“, in: „Wegmarken“, 252); und auch bei Jaspers wird Nietzsche zu dem Philosophen, ohne den die Philosophie des 20. (Und wohl auch 21.) Jahrhunderts ihr Problem nicht findet:“niemand kann ohne Nietzsche eigentlich vom Dasein wissen und im Philosophieren eigentlich wahrhaftig sein.“ (Jaspers, „Nietzsche“ Vorwort)
So vielfältig die Stellungnahmen zu Nietzsche auch in gegenläufiger Weise im ausgegangenen Jahrhundert waren, so kann sich doch heute niemand mehr der durch ihn ausgelösten Erschütterung im Selbstvertrauen des über sich selbst reflektierenden Denkens entziehen. Die Anzahl der Veröffentlichungen zum Thema Nietzsche ist mittlerweile nur schwerlich noch zu überblicken; und dies nicht nur in Deutschland, sondern ganz besonders auch in Frankreich. Unter den vielen seit etwa Anfang der 70er Jahre publizierten französischen Studien über Nietzsche, erschienen auch einige Bücher, die einen radikal neuen Ansatz in der Nietzscheforschung fordern. Diese Autoren, die sich mehr oder weniger zu den intellektuellen Gruppen um die Zeitschriften Tel Quel und Poetique zählen oder gezählt haben, konzentrieren sich auf die Schreibweise Nietzsches und sein Spiel mit der Sprache,
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worin sie den wichtigsten Inhalt seiner Werke sehen. Im Rampenlicht der französischen Philosophie und Literaturwissenschaft stehen zur Zeit die Werke Derridas, die sich ebenfalls fast ausschließlich mit der Problematik der Sprache befassen. Seine Arbeiten werden ähnlich kontrovers diskutiert und teils heftig kritisiert, wie seiner Zeit die Arbeiten Nietzsches. Von Derrida ausgehend sollen seine auf Nietzsche verweisenden Spuren nun re-konstruiert werden, um die Voraussetzungen und Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten einer dekonstruktiven Nietzsche - Lektüre anzudeuten.
I. Rahmenbedingungen und Herkunft des dekonstruktivistischen Diskurses
Derridas Denken, so wie das fast aller französischen Geisteswissenschaftler, ist sehr eng mit dem Strukturalismus verbunden, der als grundlegend für den Gedankenhorizont im Frankreich des 20.Jahrhunderts angesehen werden kann. Traditionell, aber fehlerhaft, nennt man strukturalistisch die freilich sehr verschiedenen Arbeiten Foucaults, Althussers, Lacans, Derridas und, in Bezug auf das vorliegende Thema, einige Interpretationen Nietzsches von deren Anhängern. 1 Als struktural könnte man im weiteren Sinne jede Analyse eines Werkes (oder sonst irgend eines anderen Gegenstandes) bezeichnen, die eine Struktur, d.h. ein Netz innerer Verhältnisse in ihm erscheinen läßt, welche bestimmte Elemente miteinander verbinden. 2 Seine gedanklichen Grundlagen und seine terminologische Bestimmtheit zieht der Strukturalismus aus dem Werk „Cours de linguistique generale“ von de Saussure. De Saussure betrachtet die Sprache als ein System von völlig arbiträren Zeichen. Das linguistische Zeichen vereint nicht ein Ding und einen Namen, sondern ein Konzept (Signifikat) und ein akkustisches Bild (Signifikant). Bezeichnend, und auch für Derrida von größter Bedeutsamkeit, ist de Saussures Feststellung, daß das Verhältnis zwischen Ton (Bild) und Konzept arbiträr ist. Der Ton selbst hat keine Bedeutung, denn nur durch den Unterschied zwischen Worten entstehen Bedeutungen. Die Sprache sieht er als ein System von verschiedenen Zeichen, die in einer geregelten Beziehung zueinander stehen. Die Regeln der Sprache sind für de Saussure ähnlich denen eines Spiels. Das Problem der Beziehung zwischen Sprache und Wirklichkeit wird von de Saussure nicht spezifisch behandelt, aber
1 Blondel „Vom Nutzen und Nachteil der Sprache für das Verständnis Nietzsches“ S.521
2 Blondel S.519
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implizit kann das Zeichensystem als autonom betrachtet werden. Aufgrund seiner Überlegungen über die Sprache entwarf er eine generelle Wissenschaft der Zeichensysteme, die er Semiologie nannte. 3 Die Sprache ist dabei nur ein Zeichensystem unter vielen. Sie kann jedoch aufgrund ihrer herausragenden Stellung in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit und ihrer Kultur einen besonderen Status für sich beanspruchen. Die strukturale linguistische Analyse zeigt demnach an dem Körper (Sprache), den sie untersucht, Systeme von Beziehungen zwischen Elementen auf, die an sich keine natürliche bzw. immanente Bedeutung besitzen, sondern in differentiellen Oppositionen stehen und nur Sinn tragen, insofern sie sich von einem Gegenelement absetzen. Die Struktur ist somit das System der Regeln der Opposition der Elemente, das das Funktionieren der Sprache willkürlich bestimmt. Die einzelnen Elemente, an sich ganz inhaltslos, entnehmen ihren Wert lediglich dem System, an das sie gebunden und in dem sie entgegengesetzt sind, gemäß einer sozusagen willkürlichen Ordnung, d.h. einer Ordnung, die von keiner Natur oder keinem Sinn außerhalb des Systems bestimmt wird. Den Elementen wird ihr Sinn notwendig aus purer Konvention und nicht von irgendeiner Essenz der Dinge, sondern von dem besonderen Zusammenhang des Systems verliehen. Jedes Element wird in jedem anderen Zusammenhang einen anderen Sinn bekommen. 4 Saussures Bestimmung des sprachlichen Zeichens als Verbindung zwischen einem akkustischen Bild (Signifikant) und einem Konzept (Signifikat) korrespondiert mit sämtlichen klassischen Zeichentheorien. Sein revolutionärer Schritt war nun, den Bezeichnungseffekt der Sprache entgegen der Tradition nicht mehr als Repräsentation und die Sprache selbst damit als identitätslos und sekundär gegenüber den von ihr bezeichneten Objekten zu bestimmen, sondern, indem er die Differenz zwischen den sprachlichen Zeichen als Ursache ihrer Identität (und nicht umgekehrt) bestimmte, diesen Bezeichnungseffekt als immanentes und konstituives Prinzip anzusehen. Die Differenz ist somit das Prinzip, das Signifikant und Signifikat überhaupt erst erzeugt. 5 Die Einsicht in die Arbitrarität der Zeichen sowie eben jene erläuterte, daß Signifikat und Signifikant „letzten Endes nichts anderes sind als die zwei Seiten ein und des selben Blattes“, während für die klassische Zeichenlehre „immer schon die Unterscheidung zwischen Signifikat und Signifikant“ (Grammatologie, 25), und zwar in einem strikt hierarchischen Sinne gegolten hat, stellt für das Denken Derridas einen bedeutsamen Anstoß dar. Im Gegensatz zu Derrida bleibt de Saussure jedoch mit seiner Bestimmung der Schrift als sekundär gegenüber der
3 Künzli „Nietzsche und die Semiologie: Neue Ansätze in der französischen Nietzsche-Interpretation“ S.265
4 Blondel S.521
5 Metzlers Philosophen Lexikon S.782
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gesprochenen Sprache der klassischen (metaphysischen) Tradition verbunden. Hierauf soll im folgenden noch näher eingegangen werden.
II. Die Dekonstruktion unter Bezugnahme auf Nietzsche
Der Denkansatz Derridas wird im weiteren - aus Gründen der terminologischen Erleichterung - unter dem Begriff des „Dekonstruktivismus“ subsumiert. Eigentlich wurde der Begriff des Dekonstruktivismus in den USA in einigen Departments of Literary Criticism entwickelt und stellt eine eigene Weiterbildung Derridascher Denkmotive dar. 6 Die Dekonstruktion Derridas ist weder eine Theorie noch eine Methode; ebensowenig ist es möglich, sie im allgemeinen zu beschreiben.
Als Zugang zur Dekonstruktion bietet sich nur eine schrittweise Annäherung an, ein Verfolgen und Mit - gehen der Denkspuren Derridas und dessen, auf was sie verweisen. Derrida erhält entscheidende Impulse durch seine Auseinandersetzung mit dem Werk Heideggers. Er betont wiederholt, daß keine seiner Untersuchungen ohne den Ansatz der Heideggerschen Fragestellung möglich gewesen wäre. Derrida nimmt wie Heidegger das Ganze des Okzidents in den Blick und konfrontiert es mit seinem Anderen, das sich durch „radikale Erschütterungen“ anmeldet - ökonomisch und politisch, d.h. vordergründig durch die neue Konstellation zwischen Europa und der Dritten Welt, metaphysisch durch das Ende des anthropozentrischen Denkens. 7 Ebenso wie Heidegger beschäftigt auch Derrida die Frage der Möglichkeit einer Selbstüberwindung der Metaphysik; die De-struktion wird zur De-konstruktion: „Mit versteckten, stets gefährlichen Bewegungen, die immer wieder dem zu verfallen drohen, was sie dekonstruieren möchten, müssen, im Rahmen der Vollendung, die kritischen Begriffe in einen vorsichtigen und minuziösen Diskurs eingebettet werden, muß mit äußerster Sorgfalt ihre Zugehörigkeit zu jener Maschine bezeichnet werden, die mit ihrer Hilfe zerlegt werden kann. Zugleich gilt es, die Spalte ausfindig zu machen - , durch die, noch unerkennbar, durchschimmert, was nach der Vollendung (unserer Epoche) kommt.“ 8 Derrida konstituiert seine Metaphysikkritik nun dahingehend, daß er versucht aufzuzeigen, inwieweit Heidegger bei seinem Versuch einer Destruktion der Metaphysik eben dieser immer noch verbunden bleibt. Hierbei kommt für Derrida immer wieder Nietzsche ins Spiel, den er in
6 Kümmerle „Derrida zur Einführung“ S.17
7 Habermas „Der philosophische Diskurs der Moderne“ S.191
8 Derrida (1974), 28f, in: Habermas „Der philosophische Diskurs der Moderne“ S.192
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Bezug auf die metaphysikkritische Fragestellung entschieden vom Heideggerschen Nietzsche abgrenzt.
Ein durch den Strukturalismus Saussures bestimmtes Wissenschaftsklima ermutigt Derrida, die Linguistik für die Zwecke der Metaphysikkritik in Dienst zu nehmen. Entscheidend ist für Derridas Theorie der Schrift das Verhältnis von Stimme (gesprochenem Wort) und Schrift (geschriebenem Text). In der gesamten westlichen Tradition erkennt Derrida einen Vorrang der Stimme vor der Schrift. Die Hochschätzung des gesprochenen Wortes ist, nach Derrida, dem metaphysischen Denken zuzuordnen, d.h. der vorherrschenden Tendenz des philosophischen Denkens von Platon bis Hegel. Als maßgebend für diese Tendenz kann man Platons Siebenten Brief benennen, in dem es heißt, daß die philosophische Wahrheit sich nicht aufschreiben läßt. Sie ist nur im Dialog, mit seinen verschiedenen Standpunkten und Lösungsvorschlägen, die auf ihre Tragfähigkeit geprüft werden, gegenwärtig. 9 Die Priorität des gesprochenen Wortes vor der Schrift im Denken des Okzidents zeigt sich deutlich in der vorherrschenden Konzeption der Schrift als bloße Wiedergabe des gesprochenen Wortes, als „phonetische Schrift“, die das „Zentrum des Großen metaphysischen, wissenschaftlichen, technischen und ökonomischen Abenteuer des Abendlandes“ wurde (G, 23). Vermittels des gesprochenen Wortes stand die ihrem Wesen nach derivative Schrift in Verbindung mit der „Instanz eines Logos oder einer von ihm abstammend gedachten Vernunft, wie immer man diesen Logos auch verstehen mag: im vorsokratischen oder philosophischen Sinne, als unendlicher Verstand Gottes oder im anthropologischen Sinne, im vorhegelschen oder nachhegelschen Sinne“ (G,24). 10 Unsere Epoche des Logos erniedrigt somit die Schrift, indem sie diese als „Vermittlung der Vermittlung und als Herausfallen aus der Innerlichkeit des Sinns“ konzipiert. 11 Derrida versucht nun aufzuzeigen, daß das dergestalt logozentrische, metaphysische Denken immer zugleich auch phonozentrisch (zentral auf die Stimme gerichtet) ist. (Im folgenden wird der Begriff des Phonozentrismus implizit unter denjenigen des Logozentrismus subsumiert). Der Logos wohnt demnach stets dem gesprochenen Wort inne, während die vom Wort abgeleitete Schrift sich immer nur referentiell zu dem ihr übergeordneten Logos verhalten kann. Die Konzeption des Sich-im-Sprechen-Vernehmens durch die Lautsubstanz hindurch prägte, nach Derrida, im Westen die gesamte Idee der Welt mit all ihren Unterscheidungen „zwischen dem Weltlichen und dem Nicht-Weltlichen, dem Draußen und dem Drinnen, der Idealität und der
9 in: Kümmerle S.20
10 Behler „Derrida - Nietzsche/Nietzsche - Derrida“ S.66
11 Derrida „Grammatologie“ S.27
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Arbeit zitieren:
Steffen Heil, 2003, Nietzsche und Derrida, München, GRIN Verlag GmbH
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