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1. Vorüberlegungen
Die klientenzentrierte oder auch nicht-direktive Beratung wird in der Sozialen Arbeit oft als die optimale Form der Gesprächsführung und Beratung gesehen. Welches Konzept aber steckt dahinter? Meint die Technik des “Spiegelns”, die von Rogers herausgearbeitet wurde, lediglich die Wiederholung dessen, was der Klient sagte, oder steckt mehr dahinter? In welchen Feldern der sozialen Arbeit ist die klientenzentrierte Beratung angebracht, wo ist sie eher fehl am Platz? Um diese praktischen Fragen zu beantworten bedarf es einer Beschäftigung mit dem Konzept und den theoretischen Grundlagen.
Im Text wird der Einfachheit halber von Beratern und Klienten in der männlichen Form gesprochen, was natürlich nicht bedeutet, dass die Ausführungen nicht auf Beraterinnen oder Klientinnen bezogen werden können.
2. Philosophische Wurzeln der Klientenzentrierten
Beratung
Die philosophischen Wurzeln dieses Modells sind im bürgerlichen Humanismus und im Existenzialismus zu finden. Der Humanismus, als dritte große philosophische Strömung neben der Renaissance und der Reformation beschäftigt sich mit dem Menschen als solchem, mit seinen Leistungen und seinen Bestrebungen. Das humanistische Ideal des selbstverwirklichten Individuums ist bei Rogers wiederzufinden, der sagt, dass jeder Mensch nach Selbstverwirklichung strebt. Auch die selbstverantwortete Handlung und die Freiheit zur Entscheidung sind zentrale Ausgangspunkte seines Ansatzes. Darauf werden wir weiter unten noch zu sprechen kommen.
Der Existenzialismus des 19. und 20. Jahrhunderts stellt nicht vordergründig das “unveränderliche Wesen” des Menschen heraus, sondern es geht um das menschliche Werden, um Entwicklung, um die Existenz, die hier als aktives Handeln und nicht als Zustand verstanden wird. “Nicht das, was der Mensch ist, sondern das, wozu er sich durch die Tat macht, ist sein Wesen.” (Kriz 1991, 174) Es geht nicht um einen
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verallgemeinerden Objektivismus, sondern der einzelne Mensch als Subjekt wird in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt. “Man sieht in ihr (der Existenzphilosophie) zumeist eine Krisenphilosophie, das heißt den Ausdruck einer Umbruchsituation. ... Der Mensch wird als ein Wesen verstanden, das aus der Sicherheit in die Unsicherheit und heimatlose Ungeborgenheit, in die dunkle Nacht ... seiner endlichen Beschränktheit hinausgeschleudert ist. Dadurch geht ihm zwar die >Welt< mit allen ihren Äußerlichkeiten verloren, er selbst wird aber auf sich selbst zurückgeworfen und zur Besinnung,
Selbsterweckung und zu seinem eigentlich Sein geführt.” (Diemer/Frenzel 1969, 65)
Es geht bei dieser Philosophierichtung um grundlegende Fragen nach dem Woher? Warum? Wohin? Wozu? . Auch die klientenzentrierte Beratung setzt bei Krisen an und hat nicht den angepassten und unauffälligen, sondern den verantwortungsvoll denkenden, freien und selbstverwirklichten Menschen zum Ziel. Dieser Weg führt oft auf die oben erwähnten
Grundfragen zurück und wird nie ohne Probleme zu gehen sein, sondern es muss mit Schwierigkeiten, Blockaden und Krisen gerechnet werden. In diesem Sinne würde ich die klientenzentrierte Beratung als existenzialistisch bezeichnen. Wichtige Vertreter dieser Philosophierichtung, die einen gewissen Einfluss auf Rogers’ Modell gehabt haben dürften sind der Däne Sören Kierkegaard und der jüdische Philosoph Martin Buber. Bei Buber ist besonders deutlich der Mensch als Beziehungswese angesprochen: “Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du.Alles wirkliche Leben ist Begegnung.” (Buber 1979, 18)
Auch ist bei Rogers m.E. sein christlicher Hintergrund zu sehen, besonders in seinem Menschenbild, was dem Menschenbild Jesu in den Evangelien nahe steht (wohl noch mehr als dem paulinischen Menschenbild). Rogers selbst hat einige Jahre Theologie parallel zur Psychologie studiert.
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3. Menschenbild
Der Mensch wird als verantwortliches, autonomes, wahrnehmendes und erlebendes Subjekt gesehen. “Das Verhalten eines Menschen wird durch die subjektive Erlebniswelt bestimmt.” (Hobmair 1991, 415) Entscheidend ist also nicht vordergründig, was ein Mensch erlebt, sondern wie er sich persönlich dazu stellt und das Erleben interpretiert. “Jeder Mensch hat eine angeborene Tendenz zur Selbstverwirklichung.” (ebd.) Diese angeborene Tendenz bestimmt sein Handeln und ist prinzipiell positiv, nicht im modernen Sinne egozentrisch zu sehen. Es geht
darum, dass der Mensch mit sich selbst “stimmig” wird. Das geht nur im Kontext von sozialen Beziehungen, die für den Menschen lebensnotwendig sind. Weiterhin ist jeder Mensch auf der Suche nach Ziel und Sinn in seinem Leben. Hier ist vielleicht der deutlichste Bezug zum Existenzialismus zu finden. “Wesentlich ist durchaus auch eine selbsttranszendierende Zielsetzung durch die Suche nach Sinn und Erfüllung über die eigene Existenz hinaus.” (Kriz 1991, 179)
Der Mensch beobachtet sich selbst und bewertet alle Verhaltensweisen und Erfahrungen nach dem Bedürfnis der Selbstverwirklichung. Diese Vorstellung von sich selbst nennt Rogers das “Selbst-Konzept”. “Unter Selbstkonzept vesteht man die Art und Weise, in der jemand sich selbst bzw. seinen Charakteristika und Fähigkeiten Wahrnimmt und beurteilt.” (ebd., 416) Wenn dieses Selbskonzept (also das Bild, das der Mensch von sich selbst hat) nicht mit der Realität übereinstimmt, kommt es zu psychischen Störungen. Diese kann sich zum Beispiel durch permanent unterdrückte Gefühle wie Wut oder Ärger entwickeln. So geht es bei Rogers’ Therpieansatz stark um die Aufdeckung und Akzeptanz von Emotionen.
Das der klientenzentrierten Gesprächstherapie zugrunde liegende Menschenbild würde ich als positiv und sehr optimistisch bezeichnen - der Mensch hat den Drang sich zu entwickeln und das Leben voranzutreiben. Manchmal erscheint es fast ein bißchen naiv. Aber vielleicht war das besonders in der damaligen Zeit nötig, als die Menschen, besonders in der Psychologie und Theologie, vor allem über ihre Defizite definiert wurden. Dem stellt Rogers sein Konzept von Selbstverwirklichung und Freiheit
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gegenüber. “Der vollendete Mensch ... greift nicht in das Leben der Wesen ein, er erlegt sich ihnen nicht auf, sondern er verhilft allen Dingen zu ihrer Freiheit.” (Rogers 1975, zitiert in Kriz 1991, 195)
4. Psychologische Wurzeln
Die klientenzentrierte Gesprächstherapie ist neben der Gestaltpsychologie, dem Psychodrama und anderen Ansätzen eindeutig in die humanistische Psychologie einzuordnen. Als 1962 die “Association for Humanistic Psychology” (AHP) in Amerika gegründet wurde, war sie vor allem eine Protestbewegung, nicht nur eine Ergänzung, sondern eine deutliche Abgrenzung zu den beiden vorherrschenden Richtungen Psychoanalyse und Verhaltenstherapie. Sie verstand sich bewußt als "Dritte Kraft". Rogers selbst war Gründungsmitglied der oben erwähnten “Gesellschaft für Humanistische Psychologie”. Weitere bedeutende Gründungsmitglieder waren Charlotte Bühler und Abraham Maslow, der besonders durch seine Lehre von den primären und sekundären Bedürfnissen bekannt wurde. Bei Maslow steht das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung an der Spitze der Pyramide, als das finale Bedürfnis, welches der Mensch zu befriedigen sucht.
Von der Gestalttherapie ist Rogers sicher beeinflusst durch das ganzheitliche Menschenbild von der Einheit von Körper, Seele und Geist. Rogers ist Schüler des Freud-Schülers Otto Rank. Auch dieser “... betonte sehr stark, dass der Patient die Verantwortung für sein eigenens Leben und die Form seiner selbstgeschaffenen Wirklichkeit haben müsse und unterstrich die Notwendikeit, dass der Klient seinen persönlichen Willen ausdrücken müsse.” (Kriz 1991, 196)
Außerdem sehe ich den Einfluss von Alfred Adlers Individualpsychologie. Adler meinte, dass der Mensch prinzipiell danach strebe, eine subjetkive emfpundene Minderwertigkeit zu kompensieren. Dieses Minderwertigkeitsgefühl kann sowohl körperlicher als auch sozialer oder intellektueller Natur sein. Hier sind Parallelen zu Rogers “Selbskonzept” zu finden, beispielsweise darin, dass sowohl das
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Peter Kühn, 2004, Klientenzentrierte Beratung nach Rogers, Munich, GRIN Publishing GmbH
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