4.3.1. Der Kronprinz 31
4.3.2. Der König 49
4.3.2.1. Der Feldherr und Diplomat 53
4.3.2.2. Der Intellektuelle 59
4.3.2.3. Der alte König 63
4.4. Analyse des Friedrich-Bildes Heinrich Mannsdargestellt an sechs ausgewählten Aspekten 67
4.4.1. Erziehung und Persönlichkeitsstruktur 67
4.4.2. Friedrich und die Frauen 73
4.4.3. Der Herrscher und sein Volk 80
4.4.4. Der "französelnde" König 82 4.4.5. Der "Schauspieler" 85 4.4.6. "Geist und Macht" 88
5. Exkurs: Thomas Mann und sein Essay "Friedrich und die Große Koalition" 91 6. Schlußbetrachtung 99
6.1. Heinrich Mann als Tiefenpsychologe "avant la lettre" 99
6.2. Das "Friedrich"-Fragment als "Lehrbuch einer modernen psychologischen Analyse" 101
6.3. Heinrich Manns psychologisches Friedrich-Bild als Beispiel für die Negativentwicklung eines Herrschers 102 Literaturverzeichnis 104
Primärquellen 104
Sekundärquellen 104
Nachschlagewerke 105
Rezensionen anläßlich des Erscheinens von Heinrich Manns Essay und Fragment im Claassen Verlag, Hamburg 1962 106
Veröffentlichungen anläßlich der Aufführung von Heinrich Manns Fragment im Schloßtheater, Potsdam 1998 107
"Mag ein Professor, der den Kleinkram liebt, es mir verübeln, daß ich nirgends angebe, aus welchem Stoffe der Rock Albrecht Achills gewesen oder welchen Schnitt der Kragen Johann Ciceros gehabt hat... Für solche Leute schreibe ich nicht. Überhaupt bin und bleibe ich der Meinung, daß eine Sache nur so weit die Niederschrift lohnt, wie sie wert ist, behalten zu werden." Friedrich der Große 1
1 zitiert nach: Valentin, Veit: Friedrich der Große, Berlin: Erich Reiß Verlag 1927, S.
7
1. Einleitung
Mit der Person Friedrichs des Großen werden zunächst historische denn literarische Abhandlungen verbunden. Auch Heinrich Manns Texte "Der König von Preußen" und "Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen", die die vorliegende Arbeit zum Thema hat, sind wenig bekannt. Das folgende Kapitel beschreibt die Entstehungsgeschichte von Heinrich Manns Essay und Fragment und deren zeitgenössische Rezeption, eingeleitet durch die Betrachtung der Genese des Friedrich-Stoffes. Dem Essay "Der König von Preußen" widmet sich dann auch das dritte, dem Fragment "Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen" das vierte Kapitel. Anhand dieses Fragmenttextes werden hier zunächst die verschiedenen Lebensphasen des Preußenkönigs dargestellt. Da es sich bei Friedrich II. um eine historische Person handelt, läßt sich ein geschichtlicher Bezug nicht ignorieren, der zum Verständnis von Heinrich Manns literarischem Friedrich-Bild beiträgt. Im folgenden wird dieses Bild an sechs ausgewählten Schwerpunkten analysiert. Der Exkurs des fünften Kapitels behandelt Thomas Manns 1914 entstandenen Essay "Friedrich und die Große Koalition. Ein Abriß für den Tag und die Stunde" und stellt einen Vergleich zwischen der Bewertung und Einschätzung Friedrichs durch die beiden Brüder Mann an. Im sechsten Kapitel werden abschließend die bedeutende psychologische Komponente im Werk des Schriftstellers Heinrich Mann und insbesondere sein "Friedrich"-Fragment als Beispiel für die Negativentwicklung eines Herrschers beleuchtet.
5
2. "Das letzte ganz große Unternehmen" Heinrich Manns
2.1. Der Friedrich-Stoff
Friedrich der Große ist ein Politiker, dessen Denken und Handeln um Großmachtpolitik kreist, dessen außenpolitische Linie auf Aggression abzielt, der die Ideologie des Präventivschlags in die Geschichte einbringt und ohne das zu seiner Zeit aufkommende Nationalgefühl den weiteren Verlauf der deutschen Geschichte mit dem preußisch-österreichischen Dualismus belastet. Er gilt als begabter Feldherr und Krieger, der, dem Beispiel seines Vaters Friedrich Wilhelm I. folgend, sein Land als Feldlager nutzt und ihm im Interesse seiner Expansionspolitik ungeheure Opfer abverlangt. Er ist ein intelligenter, vielseitig und musisch begabter Herrscher, der die Etikette ignoriert, brillant zu unterhalten versteht und, wenn er will, die ganze Welt durch Bescheidenheit erst bezaubert und dann täuscht. Als Menschenverächter hält er mit zunehmendem Alter immer weniger von der menschlichen "Rasse" im allgemeinen und von seinem Volk im besonderen. Er empfängt zwar Impulse des neuen Zeitalters und reagiert auf sie, errichtet aber gleichzeitig Barrieren gegen die bürgerliche Gesellschaft und schützt die Privilegien des Adels. Er ist ein "aufgeklärter Konservativer", der, als er stirbt, ein Land hinterläßt, das sich trotz erstarkender Wirtschaft und geordneter Verwaltung in einer Systemkrise befindet und nach Überwindung der feudalen und ständischen Strukturen verlangt. 2
Wie immer sich die Persönlichkeit Friedrichs des Großen auch aus dem komplexen Zusammenwirken von Herkunft, Anlage, Umwelt, Begabung, Ausbildung und geschichtlicher Chance erklären lassen mag, sie ist in jedem Fall faszinierend und sichert ihm eine prägende Rolle in der Geschichte seines Staates. In der zweiten Hälfte seiner langen Regierungszeit wird er gar zu einer Art Touristenattraktion - Reisende besuchen Berlin in der Hoffnung, ihn sehen oder ansprechen zu können -
2 vgl. Mittenzwei, Ingrid: Friedrich II. von Preußen. Eine Biographie, 3., überarb.
Aufl., Köln: Pahl-Rugenstein Verlag 1983, S 228f.
6
und bald nach seinem Tod zur Legende. Zwar ist der praktische Beitrag, den er zur "Karriere" seiner Dynastie leistet, geringer als der des Großen Kurfürsten, und auch um den Aufschwung preußischer Institutionen macht er sich nicht so verdient wie sein Vater. Doch als Symbol und Personifizierung seines Staates ist er der Bedeutendste von allen. Seine Heldentaten und deren historische Aufbereitung geben den Preußen ein Gefühl für Sinn und Richtung. In seiner Gestalt erblicken sie sowohl den Beweis als auch die Verheißung ihrer eigenen Größe. 3 Die "Riesenarbeit der Idealisierung", die Friedrich Schiller an Friedrich dem Großen nicht vollziehen will, bleibt also nicht ohne Wirkung, und er wird zum Protagonisten preußischer Geschichte schlechthin. Der Vatergestalt des gerechten, das Volk schützenden, gegen eine Welt von Feinden kämpfenden und Opfer bringenden Helden begegnet man bis heute. So tief verwurzelt ist sein Andenken, daß sich selbst die Demagogie der Nationalsozialisten gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, kurz vor der vernichtenden Niederlage des faschistischen Deutschland, als Nutznießer dieser Legende auf die Durchhaltestrategie eines Friedrich beruft. 4
Friedrich II. ist mit Sicherheit ein selbstbewußter und vielseitig agierender Herrscher. Sein Ruhm gründet sich auf seine Expansionspolitik und militärischen Erfolge, zu denen neben einigen legendären Siegen auf dem Schlachtfeld auch seine Selbstbehauptung in verzweifelten Situationen während des Siebenjährigen Krieges zählt. Außerdem steht er in dem Ruf, stark von den französischen Enzyklopädisten, insbesondere von Voltaire, beeinflußt zu sein und als "aufgeklärter Monarch" gewirkt zu haben. So zeigt ihn das traditionellpositive Bild gleichzeitig als begabten Feldherrn und als Intellektuellen mit künstlerischen Neigungen. Darüber hinaus ist seine
3 vgl. Sheehan, James J.: Der Ausklang des alten Reiches. Deutschland seit dem Ende
des Siebenjährigen Krieges bis zur gescheiterten Revolution 1763 bis 1850. In:
Propyläen Geschichte Deutschlands, Band 6, Berlin: Propyläen Verlag 1994, S. 57
4 vgl. Mittenzwei, a.a.O., S. 232
7
Volkstümlichkeit, die ihm den Namen "Alter Fritz" einbringt, ebenso bekannt wie seine Schrulligkeit und Unberechenbarkeit. Durch Friedrich wird der Nationalstaatsgedanke eingeleitet: Die Genese des "deutschen Nationalstaats" als geschlossenes Territorium und einheitlicher Sprachraum beginnt, und die kleindeutsche setzt sich gegenüber der großdeutschen Lösung durch. Habsburg muß abtreten, damit Preußen die Führungsrolle in Deutschland übernehmen kann. "Die kleindeutsche Bewegung entdeckte nun Friedrich als Propheten ihres Nationalstaates. Sie vergaß den Franzosenfreund und harten Absolutisten zugunsten des Gegners Österreichs und Gründers des Fürstenbundes. War er nicht Vorkämpfer und Vorläufer preußischer Hegemonie in Deutschland?" 5
Das Vermächtnis, das Friedrich der Große hinterläßt und das die weitere Geschichte nachhaltig prägt, ist demnach facettenreich und zwiespältig. 6 Er wird zu jeder Zeit verschieden beurteilt und zu nationaler Heldenverehrung ebenso wie zu affektgeladener Anklage gegen Deutschland herangezogen. So reichen die Urteile über ihn noch heute von höchster Bewunderung bis zu völliger Ablehnung. 7 Überwiegend ist der Friedrich-Stoff wohl konservativ besetzt. Aufgrund ihrer Widersprüchlichkeit und Gebrochenheit ist Friedrich aber durchaus gleichermaßen für die linksliberalen Autoren der Weimarer Republik -und damit auch für Heinrich Mann - von Interesse.
2.2. Zur Entstehungsgeschichte von Essay und Fragment
"Das letzte ganz große Unternehmen" nennt Thomas Mann das Friedrich-Projekt seines Bruders. Als vielgestaltiger, monströser Torso ist es
5 Valentin, a.a.O., S. 130
6 vgl. Sheehan, a.a.O., S. 57
7 vgl. Brockhaus Enzyklopädie in 20 Bänden, Band 6, Wiesbaden: F.A. Brockhaus
GmbH 1968 und Meyers Enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden, Band 9,
Mannheim: Bibliographisches Institut 1973
8
schließlich "liegengeblieben über meinen anderen Sorgen", wie Heinrich Mann 1947, noch immer im kalifornischen Exil, bekennt. 8 Seit 1940 beschäftigt er sich, wie aus seinen Tagebuchnotizen hervorgeht, intensiv mit der Gestalt Friedrichs des Großen, unter anderem mit Friedrichs "Histoire de mon temps", mit dessen Korrespondenz mit Voltaire, mit den Memoiren seiner Schwester Wilhelmine von Bayreuth, mit den Aufzeichnungen des Schweizers Henri Alexandre de Catt aus dem Siebenjährigen Krieg und mit Werner Hegemanns "Fridericus"-Biographie. 9 Aus dieser sehr akribischen Arbeit mit Dokumenten, Briefen und anderen (zeitgenössischen) Quellen entsteht sein Versuch, das Leben Friedrichs in Form eines Dialogromans mit kurzen, dramatischen Einzelszenen wiederzugeben - wie stets als Historiker und Gestalter in einer Person. Alle geschilderten Einzelheiten, so zum Beispiel die Strafaktionen des Vaters Friedrich Wilhelm, sind auch von der heutigen Geschichtsforschung belegt und bestätigt. 10 Das "ganz große Unternehmen" besteht aus Texten, die äußerst vielgestaltig und fast über ein Jahrzehnt gestreut, letztlich jedoch spärlich sind: Notizen, niedergeschrieben vielleicht sogar schon vor 1940, Bemerkungen im großen Memoirenwerk "Ein Zeitalter wird besichtigt" von 1943, einigen brieflichen Äußerungen, einem vollständigen Handlungsschema, der "Outline", aber nur ungefähr einem Fünftel der beabsichtigten "historischen Szenenfolge", das die Jugendzeit Friedrichs bis zum Besuch am Hof Augusts des Starken in Dresden umfaßt, und schließlich dem umfänglichen Essay "Der König von Preußen" von 1948. Nur dieser Text wird noch zu Lebzeiten in der Zeitschrift "Die Neue
8 vgl. Haupt, Jügen: Nachwort. In: Mann, Heinrich: Die traurige Geschichte von
Friedrich dem Großen. Ein Fragment. Der König von Preußen. Ein Essay,
Düsseldorf: Claassen Verlag 1986
9 Bei einem Besuch des Heinrich-Mann-Archivs der Stiftung Archiv der Akademie
der Künste in Berlin im Sommer 1998 konnte ich feststellen, daß auch die
Friedrich-Biographien von Franz Kugler und Veit Valentin ihren Platz im
Bücherschrank Heinrich Manns hatten.
10 vgl. [N.N.]: Vorwort. In: Mann, Heinrich, a.a.O.
9
Rundschau" (Heft 14, Frühjahr 1949) des Frankfurter S. Fischer Verlages veröffentlicht. 11
Heinrich Mann kann seine Absicht nicht zu Ende führen. Sein Tod verhindert die Vollendung seines Vorhabens, an dem er bis zum Jahre 1948 arbeitet. "Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen" wird schließlich in seinem Nachlaß in Los Angeles entdeckt und erscheint 1960 als Sonderdruck der Deutschen Akademie der Künste in Ostberlin. Die Publikationen des Claassen Verlages (Hamburg 1962 und Düsseldorf 1986) sind Nachdrucke von Ausgaben des Aufbau-Verlages (Ostberlin 1960 und 1974) und wurden von Claassen mit Zustimmung des S. Fischer Verlages um den Essay "Der König von Preußen" erweitert, der thematisch zur "Traurigen Geschichte von Friedrich dem Großen" gehört und gleichsam Heinrich Manns letztes Wort zu diesem Thema darstellt. Dem Fragmenttext angefügt ist die "Outline", der Plan zur Weiterführung des Werkes, die zum Teil in englischer Sprache und überwiegend im nachhinein geschrieben ist. 12 Mit Orientierung an den "Henri-Quatre"-Romanen wird die Stoffülle in dieser "Gesamtschau" in die zwei Abschnitte "Der Kronprinz" und "Der König" gegliedert. 13 Auch wenn die in inhaltlicher und formaler Hinsicht rahmenschaffende "Outline" als Interpretationshilfe bezeichnet werden kann, sollte sich eine Analyse des Fragmenttextes doch vorrangig auf einzelne Figuren und Szenen der "Traurigen Geschichte von Friedrich dem Großen" stützen. Die "Outline" läßt durch ihren überwiegend konzeptionell orientierten Charakter kaum Schlüsse auf deren Farbigkeit, Phantastik und Konzentration zu. Dennoch unterstreicht sie die Gestaltungs- und Wirkungsabsichten des Autors und steckt die Dimensionen eines möglichen "Friedrich"-Romans ab. 14
11 vgl. Haupt, a.a.O.
12 vgl. [N.N.]: Vorwort. In: Mann, Heinrich, a.a.O.
13 vgl. Konow, Marei: Heinrich Mann und Friedrich der Große. "Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen", "Der König von Preußen" - Studien zur
Genesis und Gestaltung des Friedrich-Stoffs bei Heinrich Mann, Heidelberg: Julius
Groos Verlag 1993, S. 151
14 vgl. Konow, a.a.O., S. 55
10
Als Alternative zur "gewohnten verkümmerten Natur", zur Selbstentfremdung konzipiert Heinrich Mann schon früh "das Ideal von wirklichen Helden, also generöse, helle und menschenliebende Menschen". Er findet und gestaltet es schließlich in den dreißiger Jahren im französischen Exil im "menschlichen Reichtum" des "guten Königs" Henri Quatre. Häufig entfaltet Heinrich Mann sein idealistischaufklärerisches Menschenbild in personalen Konstellationen, so zum Beispiel auch im Kontrast von Friedrich dem Großen und Henri Quatre, die sich wechselseitig provozieren und profilieren: hier eine "traurige", dort eine tröstliche, zu Aufklärung und "grande revolution" führende Geschichte. "Das wäre das Gegenstück", schreibt er 1947. Heinrich Mann wählt also sein altes deutsch-französisches Kontrastmodell historischer und geschichtsphilosophischer Art, "um die Könige zu vergleichen", die am Beginn der jeweiligen Nationalstaatsbildung stehen. Außerdem schreibt Heinrich Mann über Friedrich als Ausdruck seines distanzierten Verhältnisses zur Macht, zur deutschen Geschichte und zu Hitler. Er äußert sein Entsetzens darüber, was aus Deutschland geworden ist. 15 Sein Friedrich-Projekt ist ein genuines Werk der deutschen Exilliteratur und des Antifaschismus zugleich. Einerseits geht sein Blick zurück, wenn er betroffen nach der Genese der deutschen Misere forscht und fragt, wieso "es" 1933 passieren konnte, andererseits zielt er auf Gegenwartsanalyse, Warnung und die Mobilisierung von Gegenkräften. Indem Heinrich Mann die volkstümlich-heroische Legende vom "Alten Fritz" decouvriert, geht es ihm bei der Anwendung seines historischsozialpsychologischen "Gleichnis"-Verfahrens vor allem um die Zerstörung des "Führer"-Mythos. Der zivilcouragierte Voltaire und das englische Parlament sind unübersehbar beschworene - ausländische -Gegenmächte der "Vernunft" gegen den deutschen Despotismus, eine schließlich erfüllte, in der Niederringung des Nationalsozialismus bestätigte Hoffnung Heinrich Manns für seine Zeit. Er vertraut der Übertragungsfähigkeit des deutschen Lesers: "Späte Folgen für
15 In dieser Arbeit werden Inhalte des Seminars "Das Spätwerk Heinrich Manns: 'Friedrich'-Fragment, 'Henri-Quatre'-Romane" (Sommersemester 1998) und der
Vorlesung "Heinrich und Thomas Mann" (Wintersemester 1998/99) von Prof. Dr.
Frithjof Trapp an der Universität Hamburg berücksichtigt.
11
Deutschland, Europa und die Welt können vorausgesehen werden", heißt es in der "Outline".
Das Friedrich-Thema ist also für den Autor des "Untertan" keineswegs eine "überraschende Stoffwahl", wie Thomas Mann 1946 glaubt. Ganz im Gegenteil: Die Gestalt Friedrichs des Großen gehört in ihrer Umstrittenheit in das Spektrum, das für beide Brüder interessant ist. Historisch, gesellschafts- und sozialpsychologisch ist Heinrich Manns Friedrich-Projekt das nachgelieferte Fundament für die Problematik der Diederich-Heßling- und Professor-Unrat-Typologie im Wilhelminismus mit Spätfolgen im nationalsozialistischen Deutschland. Zugleich ist es das konzeptionelle Parallel- und Gegenstück zum Henri-Quatre-Modell, auf dessen historischer Folie sich der deutsche Friedrich-Komplex abhebt, mit "seinen im eigentümlichen Emailleglanz historischen Kolorits leuchtenden, episch-dramatischen Szenen", wie Thomas Mann, einigermaßen fasziniert, bemerkt. Das "Friedrich"-Fragment ist als thematisches Zwischenstück und konzeptionelles Bindeglied zwischen den Hauptwerken "Der Untertan" und den "Henri-Quatre"-Romanen zu betrachten. Insofern verknüpft es zentrale Intentionen und Werk-Phasen Heinrich Manns.
Durchaus mit Selbstbewußtsein jedenfalls äußert dieser 1947 brieflich, als er das "Friedrich"-Fragment "liegenläßt über seinen anderen Sorgen": "Nun, Fragmente sind auch etwas. An ein Ende gelangt man doch nie, so wenig mit den eigenen Bemühungen wie mit der Betrachtung der Welt." 16
2.3. Die zeitgenössische Rezeption 17
Die zeitgenössische Rezeption wird in den zahlreichen Rezensionen anläßlich der westdeutschen Publikation von Fragment und Essay im
16 vgl. Haupt, a.a.O.
17 Alle in diese Arbeit einfließenden Rezensionen aus dem Jahre 1962 sind im Heinrich-Mann-Archiv der Stiftung Archiv der Akademie der Künste in Berlin zu
finden.
12
Hamburger Claassen Verlag im Jahre 1962 deutlich. 18 So läßt nach Rolf Traube allein die Tatsache, daß Heinrich Mann sein Fragment eine "traurige Geschichte" nennt, dem tragischen Element im Leben Friedrichs Gerechtigkeit widerfahren:
"Da verkümmert auf dem Sandboden der Mark Brandenburg ein musisch begabter Jüngling unter der Tyrannenfuchtel seines königlichen Vaters, eines rauhbeinigen Soldaten, zu einem macht- und ruhmlüsternen, menschenverachtenden und skrupellosen Autokraten. In den von Heinrich Mann vollendeten Szenen des dramatischen Fragments geistert besonders der Vater Friedrichs, der ewig räsonierende, trinkende und prügelnde Monarch vom geistigen Format eines Korporals herum, aber auch das ganze Kaleidoskop serviler Höflinge, aalglatter Diplomaten, geistreichelnder Philosophen und bramarbasierender Militärs blendet verheißungsvoll auf und würde gewiß ein pralles Zeitgemälde versprochen haben, wenn man nicht wüßte, daß es Heinrich Mann versagt blieb, das groß konzipierte Werk zu vollenden." 19
Werner Helwig betont die großartigen Ansätze, die Heinrich Mann etwa auf der Höhe seiner besten Frühwerke zeigen: "Die alten Parteigänger, die den Ruhm der Brüder anders verteilt wünschen, werden auch hier jene Blitzlichter einer ganz und gar poetischen Imagination finden, wie man sie im Œuvre Thomas Manns vergeblich sucht, eben jenes Unreflektierte, Direkte, das zu den gepriesenen Eigenschaften Heinrichs gehört. Aber im ganzen ist das, mit allen Anhängen, Werkplänen, einschließlich der historisierenden Fridericus-Betrachtung aus dem Jahre 1949, darin die Urteilsfähigkeit des Autors so klar wie wünschbar hervortritt und das Szenenfragment erläutern hilft, - im ganzen ist das alles eben doch nicht mehr als eine
18 s. Kapitel 2.2. Zur Entstehungsgeschichte von Fragment und Essay
19 Traube, Rolf: Eine sehr traurige Geschichte. Heinrich Mann wider die Fridericus-Legende, "Deutsche Volkszeitung", Düsseldorf: 2. November 1962
13
Schmähschrift, deren Schlüsse denn auch werbekräftig in der Ostzone zu Gehör gebracht wurden." 20
W. E. Süskind dagegen ist überzeugt, daß auch bei Vollendung des Fragments kein spielbares Stück entstanden wäre, sondern: "[...] immer nur ein szenischer Bilderbogen von offensichtlich epischem Ehrgeiz, woran auch der sehr sentenziös zugespitzte, echt Heinrich Mannsche Dialog nichts geändert hätte. [...] Und der beigefügte, 1948 geschriebenen Essay über den 'König von Preußen' erweckt in seinem Mißverhältnis zwischen allzu sentenziös gehämmerter Sprache und allzu unbestimmten Gedankengang erst recht nicht die Erwartung, daß das vollendete Werk die Kraft und Frische des Bruchstücks bewahrt hätte." 21
Friedrich Sieburg bemängelt ein dem Werk fehlendes Gleichgewicht, das dem Leser ein Gefühl von Unbehagen vermittelt: "Das Werk steht, dem Plan nach, auf verschiedenen Säulen. Der Geschichte des Kronprinzen und dessen Konflikt mit dem Vater sollte die Geschichte des Königs, seiner Kriege und seines einsamen Alters entsprechen. Da diese Entsprechung fehlt, verbreitet das Fragment das Unbehagen, das stets von einer statischen Störung und von nicht erreichtem Gleichgewicht ausgeht. [...]
Grübelnd und hadernd zeichnet hier ein Alter, der mit Deutschland niemals froh geworden, aber auch nie müde geworden ist, sich über seine Abgründe zu beugen, in blassen Schriftzügen die letzten Spuren seines Konfliktes auf, der ein Konflikt mit seinem eigenen Geiste oder zum mindesten mit seiner eigenen Seele ist. Dies Fragment ist kein Triumph der dichterischen Gestaltung über die eigene Zerrissenheit, es ist der
20 Helwig, Werner: Tendenz auf schwachen Krücken, "Die Tat", Zürich: 22. November 1962
21 Süskind, W. E.: Abschiedsgabe und Essays vor 33. Zu zwei Büchern von Heinrich Mann. Ein funkelndes Fragment, "Deutsche Zeitung und Wirtschaftszeitung",
Stuttgart: 11. August 1962
14
unvollkommene und undeutliche Nachklang eines Leidens, das auf immer auch unser Teil sein wird." 22
Willy Haas bedauert und kritisiert den fragmentarischen Charakter dieses späten Werkes Heinrich Manns:
"Es ist Fragment geblieben in einem absoluteren als in dem gewöhnlichen Sinn: der Dichter hat den Stoff noch nicht einmal so recht in die Hand genommen.
Die Figur Friedrichs des Großen ist nicht nur zwiespältig, dualistisch (das war sie in Wirklichkeit wohl, und doch eine fest umrissene Figur), sie ist bei Heinrich Mann tatsächlich ein wenig schlottrig und unzusammenhängend: der weiche, musische Jüngling, den sein brutaler Prügelpapa haßt und sogar töten möchte durch ein Kriegsgerichtsurteil, weil er ihn nicht für einen geeigneten Nachfolger hält, wird übergangslos und sogar zwischendurch der macht- und landhungrige Soldatenkönig. [...] Nun kann man nicht behaupten, daß diese 'Blitzschläge' der äußerst pittoresken und problematischen Bildphantasie hier ganz fehlen: der unglaublich burleske Besuch des Zaren Peter des Großen am preußischen Hof ist eine solche Szene, die nur ein Heinrich Mann schreiben konnte; eine andere Szene ist diejenige, da der jähzornige König Friedrich Wilhelm I. die Prinzessin Wilhelmine (die spätere feinsinnige Markgräfin von Bayreuth), ein erwachsenes heiratsfähiges Mädchen, an ihren Haaren über den Boden schleift und mit seinem Stock prügelt. [...] Doch ist dieses skizzenhafte Gebilde nicht in erster Linie ein politisches Drama. Es ist ein Drama gegen Friedrich den Großen, das zeigt vor allem auch der Essay am Schluß des Bandes, das wertvollste Stück des ganzen, etwas brüchigen Werkes. Sehr viel Material muß Heinrich Mann wohl dem scharf polemischen Werk Werner Hegemanns 23 gegen Friedrich entnommen haben, das in den zwanziger Jahren Aufsehen erregte." 24
22 Sieburg, Friedrich: Auch ein Unpolitischer, "Frankfurter Allgemeine Zeitung", Frankfurt: 11. August 1962
23 "Hegemann will in seinen erdichteten, belustigend zugespitzten Dialogen nichts Kleineres, als der Legende um Friedrich den Großen ein für allemal ein Ende
machen: Politikaster und Kriegspfuscher, Schwätzer und Faulpelz, eitler Dichterling
und pervertierter Genießling, geschmackloser Fresser und pathologischer
15
Wolfgang Paulsen vertritt eine ähnliche Auffassung, wenn er einen Mangel bereits in der Grundkonzeption des Fragments erkennt und hervorhebt:
"Wieder einmal hat der Polemiker und politische Satirist Heinrich Mann zur Feder gegriffen und Episoden aus einer groß angelegten Karikatur zu Papier gebracht, die ihren Sinn nicht in der Gestaltung, sondern in ihrer inneren und äußeren Beziehung zur historischen Wirklichkeit gewinnt. Es liegt keineswegs nur am skizzenhaften Charakter des Bruchstücks, wie der Herausgeber meint, nicht nur an der Hast, die sich mit Dialogen begnügt und den Raum nur andeutungsweise entworfen und ausgestaltet hat, daß diese Menschen nicht lebendig werden, sondern Marionetten bleiben, gespenstische und beklemmende Marionetten freilich, die in Zukunft (vielleicht) jedem literarischen Erneuerungsversuch der alten Fridericus-Legende im Wege stehen dürften - es liegt an der Grundkonzeption des Romans selbst, der niemals ein gültiges Roman-Kunstwerk geworden wäre. Heinrich Manns 'Traurige Geschichte von Friedrich dem Großen' ist ein Pamphlet und gehört als solches in die entsprechenden literarischen Kategorien, und zwar um ein Beträchtliches unterhalb der ähnlich intentionierten, in ihrer Art um vieles großartigeren Schriften aus Heinrich Manns Frühzeit." 25
Ausbeuter, Lügner und Verräter, Verächter alles Reinen und Echten, alle
Wahrhaftigen und Deutschen: so wird der König entlarvt, über den sich nach
Hegemann viele Zeitgenossen völlig klar waren, während sich eine dumme
Nachwelt von lakaienhafter Geschichtsschreibung beschwindeln ließ. - So klar auch
Hegemann manches einzelne sieht, er irrt im ganzen gründlich, wie nur ein
Fanatiker irren kann. Er hat nicht gemerkt, daß Friedrich der Große heute für einen
ernsthaften Menschen nur ein Problem geschichtlicher Wissenschaft sein kann, und
daß Geschichtsschreibung soviel heißt wie aus gegebenen Voraussetzungen heraus
verstehen. [...] Er will uns von falschen Götzen befreien; aber kann man das, wenn
man das heroische Götterbild durch eine karikierte Teufelsmaske ersetzt?"
Valentin, a.a.O., S 137f.
24 Haas, Willy: Heinrich Mann wider Friedrich II., "Die Welt", Berlin: 5. Mai 1962
25 Paulsen, Wolfgang: [Ohne Titel], Germanistik, 2. Jahrgang, Heft 1, Januar 1961
16
Letztendlich bleibt ein lauter Jubelschrei seitens der Literaturkritik auswenn auch die Stärken des Autors Heinrich Mann immer wieder betont werden. Ein negativer Tenor überwiegt.
17
3. Der Essay "Der König von Preußen"
3.1. Der Essay als eine geschichtsphilosophische
Abhandlung Heinrich Manns
"Der König von Preußen" ist eine der spätesten Arbeiten Heinrich Manns im amerikanischen Exil. Daher ist es kaum verwunderlich, daß die Altersproblematik, die ohnehin die gelassene Diktion bestimmt, auch eine zentrale Stellung innerhalb dieses Textes einnimmt. 26 Heinrich Mann geht mit dem historisch verbürgten Material relativ frei um. Die hauptsächlichen Akzente des "Königs von Preußen" betreffen scheinbar weniger den essayistischen Gegenstand als vielmehr Themen, die den Autor selbst bewegen: Frankreich, preußisch-deutsche und europäische Geschichtszusammenhänge, das "Problem der Sprache" und Voltaire. Die Kompositionsstruktur des Essays beruht auf der Darstellung zweier Grundantriebe - Ruhmsucht und Liebe zu Frankreich. 27 Heinrich Mann konzentriert sich darauf zu beschreiben, wie Friedrich seinen eigenen Ruhm generiert: Er ist ruhmsüchtig und ehrgeizig und gründet seinen Ruhm auf Schlachten. Auch sein Ziel, eine aufgeklärte Weltordnung zu schaffen, ist nur Mittel zum Zweck, persönlichen Ruhm zu erlangen. Indem Voltaire zum Propagandisten Friedrichs wird, entwickelt sich eine absurde Spirale der Propaganda: "Die Art, wie Friedrich nach der Schlacht die französischen Gefangenen 'cajolieren' ließ, würde ihn menschlich erscheinen lassen, wenn es nicht leider auf Kosten der deutschen Gefangenen geschehen wäre, die annehmbare Quartiere an die Franzosen abgeben mußten. Voltaire, den Friedrich unermüdlich zur Friedensarbeit antrieb, erhielt Nachricht von dieser Bevorzugung der Franzosen und gab sie weiter." 28
26 vgl. Konow, a.a.O., S. 138
27 vgl. Konow, a.a.O., S. 159-160
28 Hegemann, Werner: Fridericus oder Das Königsopfer, 4., veränd., erw. Aufl., Hellerau: Jakob Hegner 1926, S. 364
18
Der Essay "Der König von Preußen" kann als wissenschaftliches Experiment oder geschichtsphilosophische Abhandlung interpretiert werden. Heinrich Mann beleuchtet unterschiedliche Faktoren wie erbliche Konstitution, Intelligenz, Anpassungsfähigkeit,
Familienbeziehungen, Erziehung, Sprache, Literatur, Erotik oder Traumata, die die Entwicklung des Individuums prägen und es in seiner Haltung beeinflussen. Er zeichnet das thesenhafte Psychogramm eines bestimmten intellektuellen Typus mit der ihm eigenen Konstellation psychischer Eigenschaften und Erscheinungsformen. Zunächst geht es ihm lediglich um ein wertneutrales Verstehen unter Heranziehung von historischem Wissen und Erkenntnissen aus Ethik, Ästhetik und Politik. Auf diese Weise entsteht ein Wechselspiel von historischen Fakten und Hypothesen, die die Entstehung dieser historischen Entwicklungen zu erklären versuchen.
Darüber hinaus sind - wie immer, wenn Heinrich Mann psychologisch argumentiert - sehr rationale und politische Bezüge vorhanden. 29 Indem er sich der Person Friedrichs des Großen annimmt, verfolgt er kein ausschließlich retrospektives, sondern auch ein Interesse an der Gegenwart: Die mögliche Verbindung zum Nationalsozialismus besteht als eine unausgesprochene Voraussetzung, insbesondere wird die Parallele zwischen Friedrich und Hitler - im übrigen auch von Hitler selbst - gezogen.
Heinrich Mann versteht Friedrich als groteske Gestalt und verzerrtes Individuum mit schrillen, bizarren Zügen. Überspanntheit, Größenwahn und eine gewisse Monströsität werden indirekt vom Text transportiert. Auch Friedrichs "Größe" ist fragwürdig: Militärische Expansionspolitik und Schlachtenruhm können nicht als Indiz oder Maßstab für Erfolg geltend gemacht werden. Auf friedlichem Wege, durch eine Konzentration auf die Innenpolitik, hätte der Preußenkönig für sein Volk segensreichere Siege erringen können. Markant ist die Aussage, die auf die immensen Kriegskosten anspielt. Nach Auffassung Heinrich Manns wären die zum Kriegführen benötigten finanziellen Mittel besser für eine
29 s. Kapitel 6.1. Heinrich Mann als Tiefenpsychologe "avant la lettre"
19
Land- und Bevölkerungsreform verwendet worden. Friedrich wird als Deutschland-Hasser und "Totengräber" der allgemeinen Reichsidee dargestellt, der egoistische Interessen dem Reichsinteresse überordnet. Eigentümlich ist, daß durch die Trennung von Preußen und der Person Friedrichs der Eindruck erweckt wird, Preußen sei eine Art Kollektivpersönlichkeit.
Im Jahre 1914, in dem Thomas Manns Essay "Friedrich und die Große Koalition. Ein Abriß für den Tag und die Stunde" erscheint 30 , hätte Heinrich Mann seine Kritik an Friedrich wahrscheinlich noch viel stärker zugespitzt. 1940 jedoch verspürt er wohl Mitgefühl für ihn. Obwohl er ihn einerseits zwar verächtlich findet, sieht er andererseits auch, daß der Preußenkönig nicht allein die Schuld an seinem Schicksal trägt. Denn Heinrich Mann erhebt seinen Vorwurf auch gegenüber dem preußischen Volk, das nicht protestiert, obwohl es von seinem König mißbraucht wird. Es hat dem stark ausgeprägten Selbstwertgefühl seines Herrschers nur das mangelnde Selbstwertgefühl einer ohnmächtigen Nation entgegenzusetzen, die durch gewaltige Anstrengungen groß werden möchte.
3.2. Die "Überspannung der Kräfte" 31
Friedrich ist das "vorweggenommene Preußen-Deutschland". Unter seiner Herrschaft kommt es zur "herausgeforderten Entzweiung des einzelnen Landes [Preußen] mit der europäischen Ordnung" und zu einer bis dahin undenkbaren Machtverschiebung in Europa. Er ist die "Überspannung der Kräfte". Frankreich und England benutzen ihn insbesondere im Verlauf des Siebenjährigen Krieges abwechselnd, um ihr eigentliches Ziel der kolonialen Vormachtstellung zu erreichen. Friedrich täuscht sie aber nicht weniger als sie ihn.
30 s. Kapitel 5. Exkurs
31 Alle nicht anders ausgewiesenen Zitate im Kapitel 3. Der Essay "Der König von Preußen" sind diesem Essay entnommen.
20
"List und Verstellung ist Friedrich besonders wichtig: List nutzt im Kriege oft mehr als Kraft, sagt er. Man darf sie nur nicht zu häufig anwenden, sonst verliert sie an Wert.
Und er führt die Lebensregel an, die die Normannen ihren Kindern mitgeben: 'Sei mißtrauisch! Gegen wen? - gegen jedermann!'" 32 In dem "Militärgefängnis", das er regiert, herrscht verbissene Askese. Preußen wird zu einem "Land mit nichts als Soldaten, mit dem Krieg als einzigem Geschäft" - einem Geschäft, das sich aber letztendlich nicht auszahlt. Friedrich ist "Herr über Leben und Eigentum jedes Preußen". Um den Siebenjährigen Krieg zu entfachen, benötigt er einen Vorwand. Preußische Armeen verwüsten Sachsen, das "blühendste" deutsche Land, doch bleibt Dresden die einzige Hauptstadt, die von ihm erobert wird. Seine Strategie erschöpft sich nach Meinung seines Bruders Heinrich darin, "Schlachten herauszufordern". Aber er verliert ebenso viele wie er gewinnt und "beendet keinen seiner Feldzüge anders als durch Vergleich".
"Die Preußen haben, trotz ihres seltsam überlegenen, neuen Exercitiums, unter Friedrich II. etwa ebenso viele Schlachten verloren, als sie gewannen; es ist eine alte und meist eingehaltene Übereinkunft, daß bei Schlachten immer einer der beiden Gegner gewinnt; der wird dann Sieger genannt. Gerade bei Friedrich II. ist es schmerzhaft, wie er verschiedentlich das Schlachtfeld verließ, um sich in Sicherheit zu bringen und um erst nachträglich zu erfahren, daß er die Schlacht 'gewonnen' habe." 33
Trotz allem wagt er im Grunde nichts, denn "kein Staat seines Jahrhunderts ist von den Stärkeren nach unglücklichen Kriegen aufgelöst worden", und auch sein Volk würde ihm niemals zu einer so ernsthaften Gefahr werden wie das französische im Zuge der Revolution wenige Jahre später seinem König.
32 Valentin, a.a.O., S. 86
33 Hegemann, a.a.O., S. 342
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"Oder, um Bismarcks Worte zu wiederholen: 'Diejenigen Könige gelten als die volkstümlichsten und beliebtesten, welche ihrem Lande die blutigsten Lorbeeren gewonnen, zuweilen auch wieder verscherzt haben.'" 34
Am Ende des Siebenjährigen Krieges liegen Preußen und seine Armee am Boden, und auch die "niemals ganz, dafür seit dem ersten Tag eroberte Provinz" Schlesien entschädigt kaum für "ein Leben in Feindschaft", wie Friedrich es bis zu seinem Tode führt.
3.3. "Ruhmbegehren"
Beziehungsreich charakterisiert Heinrich Mann den Ruhm Friedrichs durch das in seinem Werk ebenso bedeutungsvolle wie vielschichtige Schauspieler-Motiv. Die Feststellung, daß Friedrich der Große "seinen Ruhm wie ein Schauspieler" trägt, kennzeichnet diesen Ruhm als eine vorgestellte, gespielte Identität, die zur Lebenshilfe wird. Noch als vereinsamter alter König spielt Friedrich Komödie, "um seinen Ruhm glaubwürdig vorzuführen". In Krisensituationen verschwendet er dann auch unüberhörbar "Gedanken an Thronentsagung und Selbstmord". "In der Tat, nichts könnte fesselnder sein, als zu verfolgen, wie Voltaire sich mit den unablässigen Selbstmorddrohungen seines Schülers und mit Friedrichs Drängen auf Friedensvermittlung abfand. Voltaire war ein überlegener Beobachter, der Geist, der Witz im Sinne Goethes besaß. [...] Voltaire kannte den großen König zu genau - hatte er ihn doch selbst 'den Großen' getauft - als daß er hätte ernst bleiben können beim Lesen der heroischen Jeremiaden Friedrichs II." 35
Der im Grunde maskenhafte Ruhm wird später durch den Vergleich mit der "Totenmaske" Friedrichs ironisiert. Diese Maske wiederum ist ein
34 Hegemann, a.a.O., S. 656
35 Hegemann, a.a.O., S. 453f.
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Arbeit zitieren:
Leslie Middelmann, 1999, Das Friedrich-Fragment Heinrich Manns und sein Essay, München, GRIN Verlag GmbH
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