Inhaltsverzeichnis
1 ) Einführung 3
2 ) Begriffsbestimmung Determinismus 5
3 ) Die neurowissenschaftlichen Forschungsergebnisse 6
3.1 ) Das Libet-Experiment 6
3.2 ) Die Theorien von Wolf Singer und Gerhard Roth 7
4 ) Gegenreaktionen 10
4.1 ) Erwiderungen der Philosophie 10
4.2 ) Erwiderungen der Psychologie 13
5 ) Soziologische Konsequenzen 16
5.1 ) Gesellschaften und Determination 16
5.2 ) Werte, Normen und Schuld 17
6 ) Schlussbetrachtung 20
Literaturverzeichnis 23
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1) Einführung
Hat der Mensch einen freien Willen oder ist er in seinen Entscheidungen und Verhaltensweisen determiniert? Anders gefragt: Sind wesentliche Grundannahmen über unser menschliches Weltbild eine Illusion? Auf diese - an sich philosophische Frage - glaubt nun seit einigen Jahren die Neurowissenschaft eine Antwort ge-funden zu haben.
Mit seinem Buch „Ein neues Menschenbild?“ 1 hat der Neurophysiologe Prof. Wolf Singer eine öffentliche Diskussion entfacht, die weit über die Kreise der Wissenschaft hinausgeht und auch in den Medien einen breiten Widerhall findet. Zusammen mit dem Biologen Prof. Gerhard Roth behauptet Singer, dass der freie Wille - im traditionellen und alltäglichen Verständnis - nicht existiert. Vielmehr sei alles Wollen, Wissen und Handeln ein Ergebnis der neurobiologischen Disposition 2 und der Mensch damit nicht in der Lage, sein „[…] Verhalten über Einsicht und Willen zu ändern.“ 3
Naturgemäß haben diese - zum Teil bewusst provokativ formulierten -Ausführungen heftige Reaktionen hervorgerufen, insbesondere bei Philosophen und Theologen, die sich mitunter auch über den Vorstoß der Hirnforschung auf ihr ureigenes Terrain überrascht zeigten. Aber auch andere wissenschaftliche Disziplinen, wie die Psychologie, die Rechtswissenschaft und nicht zuletzt die Soziologie sind von den Konsequenzen dieser Diskussion betroffen.
Im folgenden soll nun erläutert werden, welches Weltbild Singer, Roth und andere Vertreter des Determinismus propagieren, wie ihre Gegner - u.a. so prominente Persönlichkeiten wie Jürgen Habermas - darauf reagieren und wie die Diskussion in den Medien möglicherweise verkürzt und verfälscht wiedergegeben wird.
1 Suhrkamp, Frankfurt 2003, ISBN 3-518-29171-8
2 Vgl. Kotlorz: Das Gehirn des Menschen kennt keinen Präsidenten. Die Welt (21.4.01)
3 Vgl. Zewell: Früchte des Dialogs. Rheinischer Merkur 12/05
3
Im Anschluss daran soll geklärt werden, wie die Sozialwissenschaften von dieser Debatte beeinflusst werden, welche Auswirkungen die neurobiologischen Theorien für die Konstitution unserer Gesellschaft hätten. Schlussendlich soll die Frage beleuchtet werden, ob die Ergebnisse der Hirnforschung tatsächlich im absoluten Widerspruch zu unserem menschlichen Selbstverständnis in Geschichte und Gegenwart stehen, oder ob die Aussagen dieser beiden scheinbar unversöhnlichen Lager aus der interdisziplinären Perspektive möglicherweise relativierbar sind.
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2) Begriffsbestimmung Determinismus
Der Begriff des Determinismus entstand historisch in der klassischen Mechanik und der Naturphilosophie und beschreibt die Festlegung physikalischer Systeme bei vollständig gegebenen Bedingungen. Ein echter Zufall ist demnach ausgeschlossen. In der Wissenschaftstheorie ist er für die Relativitätstheorie, die Quantenmechanik und die Wahrscheinlichkeitstheorie relevant. Jenseits der Naturwissenschaften fand das deterministische Modell seit dem 17. Jahrhundert auch in der Anthropologie und der Staatsphilosophie Verwendung. Immanuel Kant beschäftigte sich unter diesen Voraussetzungen mit dem Problem der Willensfreiheit, welches nach ihm nur im Bereich der praktischen Philosophie gelöst werden kann. 4
Grundsätzlich ist zu unterscheiden zwischen einem allgemeinen Determinismus, der sich auf das Weltgeschehen an sich bezieht, und dem persönlichen Determinismus, der die Vorherbestimmtheit des Menschen durch äußere und innere Einflüsse bezeichnet, somit im Gegensatz zur Willensfreiheit steht und im folgenden hier behandelt wird.
4 Vgl. Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. 2005, Band 2, S. 167-168
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3) Die neurowissenschaftlichen Forschungsergebnisse
3.1) Das Libet-Experiment
Am Anfang der Darstellung des aktuellen Stands der Hirnforschung und der daraus gefolgerten neurophilosophischen Thesen, soll ein vieldiskutiertes Experiment aus dem Jahr 1979 5 dienen, welches gewissermaßen eine Art „Startschuss“ für die heutige deterministische Dekonstruktion des freien Willens mit neurologischer Argumentation geliefert hat.
Der amerikanische Neurophysiologie Benjamin Libet verfolgte mit seinem Versuch das Ziel, möglichst exakt festzustellen, in welchem Verhältnis die bewusste Intention - also die Willensentscheidung - zur zerebralen Aktivität (dem sog. Bereitschaftspotential) steht. 6 Dabei ging er folgendermaßen vor: Seine Versuchpersonen erhielten die Instruktion, einen Finger ihrer rechten Hand zu einem selbst gewählten Zeitpunkt zu krümmen, während Libet mittels eines Elektroenzephalogramm (EEG) die Hirnströme und durch ein Elektromyogramm (EMG) die Muskelaktivität der Probanden überwachte. Dabei sollten diese sich auf einer mitlaufenden Uhr exakt den Zeitpunkt merken, zu der sie die Entscheidung getroffen, bzw. den Befehl gegeben hatten. Das unerwartete Resultat: Bereits eine halbe Sekunde vor der bewussten Entscheidung registrierte das EEG im entsprechenden motorischen Areal des Gehirns Aktivitäten. 7 „Der Willensentschluss konnte daher nicht die Ursache der Bewegung sein, die schon zuvor durch das Bereitschaftspotential eingeleitet worden ist.“ 8
Libet allerdings, der durch das Ergebnis des Experiments die Willensfreiheit in Frage gestellt sah - obwohl es sein eigentliches Ziel war, eben diese zu beweisensprach in seinen anschließenden Kommentaren dem Bewusstsein eine Art „Vetofunktion“ zu: Seine weiteren Experimente hatten gezeigt, dass ein
5 Vorläuferexperimente begannen bereits 1973, die Veröffentlichung des hier besprochenen Experiments erfolgte 1983
6 Vgl. Oeser: Das selbstbewusste Gehirn. Darmstadt 2006, S. 158
7 Vgl. Lakotta: Die Natur der Seele. Der Spiegel 16/05, S. 184; Weber: Neurophilosophie. Focus 7/04, S. 80
8 Oeser: Das selbstbewusste Gehirn. Darmstadt 2006, S. 159
6
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Christian Hesse, 2007, Eine Frage der Perspektive, Munich, GRIN Publishing GmbH
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