II
Inhalt
Inhalt II
Abbildungsverzeichnis IV
Verzeichnis des Anhangs V
Abk ürzungsverzeichnis VI
1 Einleitung 1
1.1 TOURISMUS: AUSWEG ODER SACKGASSE? 1
1.2 METHODISCHE VORGEHENSWEISE 2
1.3 STAND DER WISSENSCHAFT 3
2 Hintergrund 5
2.1 TOURISMUS 5
2.2 ENTWICKLUNGSLÄNDER - ÄGYPTEN. 6
2.3 DIE TOURISMUSINDUSTRIE ALS WACHSTUMSMARKT 7
2.3.1 Welttourismus. 7
2.3.2 Entwicklungsländertourismus 8
2.3.3 Ägyptischer Tourismus. 9
2.3.4 Wachstumsmodell nach Butler. 12
3 Tourismus am Scheideweg: Der ELT zwischen Erwartungen und Problemen 14
3.1 ERWARTUNGEN. 14
3.1.1 Entwicklungsländer in der Weltwirtschaft - Ägypten 14
3.1.2 Warum Tourismus? 18
3.2 ÖKONOMISCHE AUSWIRKUNGEN DES ELT - ÄGYPTEN. 19
3.2.1 Volkswirtschaftliche Wachstumsimpulse 20
3.2.2 Erwirtschaftung von Devisen. 21
3.2.3 Tourismus und Beschäftigung. 25
3.2.4 Steuereinnahmen aus dem Tourismus 28
3.2.5 Regionale Entwicklungsimpulse 29
III
3.3 PROBLEME 30
3.3.1 Externe Effekte 30
3.3.1.1 Ökologische Auswirkungen - Ägypten 31
3.3.1.2 Soziokulturelle Auswirkungen - Ägypten 35
3.4 BEWERTUNG UNTER DEM KRITERIUM DER NACHHALTIGKEIT I. 38
4 Tourismus als Marktsystem 40
4.1 DIE TOURISTISCHE NACHFRAGE. 40
4.2 DAS TOURISTISCHE ANGEBOT 42
4.3 ZIELGEBIETE. 45
4.4 BEWERTUNG UNTER DEM KRITERIUM DER NACHHALTIGKEIT II 50
5 Perspektiven: Tourismus verändert die Welt - verändert die Welt auch den
Tourismus ? 54
5.1 UMWELTBEWUSSTSEIN ALS CHANCE? 54
5.2 GENERAL AGREEMENT ON TRADE IN SERVICES (GATS) 56
6 Zusammenfassung und Ausblick 59
ANHANG. 62
LITERATURVERZEICHNIS 75
IV
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Internationale Touristenankünfte und internationale Einnahmen aus dem
Tourismus
Abbildung 2: Destinationen am Roten Meer.
Abbildung 3: Regionale Verteilung der Hotelbetten in Ägypten
Abbildung 4: Tourism Area Cycle Evolution
Abbildung 5: Korrelation Importe und Besucherzahl
Abbildung 6: Umsatzentwicklung der sechs größten Touristikkonzerne
Abbildung 7: Entwicklung am deutschen Reisevermittlermarkt - Anzahl der Reisebüros
Abbildung 8: Volatilität der Einreise nach Ägypten
Verzeichnis des Anhangs
Anhang I: Topografische Karte Ägyptens (Maßstab 1:44.000.000) - Ausschnitt…...……….I Anhang II: International Tourist Arrivals by Country of Destination - Africa…….………..II Anhang III: International Tourist Receipts by Country of Destination - Africa…………….III Anhang IV: International Tourist Arrivals by Country of Destination - Americas………….IV Anhang V: International Tourist Receipts by Country of Destination - Americas….………V Anhang VI: International Tourist Arrivals by Country of Destination - Asia…………….…VI Anhang VII: International Tourist Receipts by Country of Destination - Asia……...……... VII Anhang VIII: International Tourist Arrivals by Country of Destination - Europe………….VIII Anhang IX: International Tourist Receipts by Country of Destination - Europe…………...IX Anhang X: International Tourist Arrivals by Country of Destination - Middel East………..X Anhang XI: International Tourist Receipts by Country of Destination - Middle East……….X Anhang XII: International Tourist Arrivals 1950 bis 2002…………………………………...XI Anhang XIII: International Tourist Receipts 1950 bis 2002……………………………..…...XII
Abkürzungsverzeichnis
AIEST Association Internationale D´ Experts Scientifiques Du Tourisme BMZ Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung CAPMAS Central Agency for Public Mobilization and Statistics CRS Computerized reservation System CSD United Nations Commission on Sustainable Development DANTE Die Arbeitsgemeinschaft für Nachhaltige Tourismus Entwicklung DRV Deutscher Reisebüro und Reiseveranstalter Verband ECES Egyptian Centre of Economic Studies EL Entwicklungsland/-länder ELT Entwicklungsländertourismus EU Europäische Union GATT General Agreement on Tariffs and Trade GATS General Agreement on Trade in Services GDP Gross domestic Product / Bruttoinlandsprodukt GDS Global Distribution Systems HDI Human Development Index IL Industrieland / -länder ILO International Labour Organisation iz3W Informationszentrum Dritte Welt MERCOSUR Mercado Común del Sur NAFTA North American Free Trade Agreement OECD Organisation for Economic Co-operation and Development TSA Tourism Satellite Account TUI Touristik Union International TTS Travel and Tourism Related Services UN United Nations
UNCTAD United Nations Conference on Trade and Development UNCED United Nations Conference on Environment and Development UNDP United Nations Development Report UNEP United Nation Environment Programme WTO-OMC World Trade Organisation WTO-OMT World Tourism Organisation WTTC World Travel and Tourism Council WWF World Wide Fund for Nature
Tourismus: Ausweg oder Sackgasse? 1
1 Einleitung
1.1 Tourismus: Ausweg oder Sackgasse?
Die Tourismusindustrie boomt - auch oder gerade in Entwicklungsländern (EL). Relative politische Stabilität vorausgesetzt, verfügen viele EL über ein einmaliges touristisches Potential und damit über die Grundlage, ausländische Besucher anzulocken und vom Tourismusboom zu profitieren. Die World Tourism Organisation (WTO-OMC) betont die weltwirtschaftliche Bedeutung der Tourismusindustrie und stilisiert Tourismus zum Katalysator für Wirtschaftswachstum und damit zur möglichen Antwortstrategie auf Armut und Unterentwicklung. 1
Ägypten ist Forderungen der Weltbank gefolgt, die Wirtschaft neu zu strukturieren. Die touristische Erschließung wurde im Zuge dieser Umstrukturierungsmaßnahmen beschleunigt. 2005 sollte neues Rekordjahr für den ägyptischen Tourismus werden und die Besucherzahl erstmals die acht Millionen Grenze erreichen. Auch wenn dieses Ziel nach den Terroranschlägen in Sharm el Scheikh mittlerweile nicht mehr realistisch ist, bleibt die Bilanz des ägyptischen Tourismus positiv, zumindest hinsichtlich der quantitativen Entwicklung der vergangenen Jahre. Ist der Tourismus für Ägypten ein Ausweg aus der Unterentwicklung?
Oder ist er nicht vielmehr eine Sackgasse? Die negativen Begleiterscheinungen des Tourismus, vor allem auf ökologischer Ebene, sind nicht zu übersehen und in der (tourismuskritischen) Literatur viel diskutiert. Mit steigenden Besucherzahlen, steigt der Ressourcenanspruch des Tourismus und die Grenze zwischen Erfolg und Misserfolg der touristischen Nutzung verschwimmt. Die Dilemmasituation des modernen Tourismus ist offensichtlich: Der Erfolg des Tourismus wird dessen Problem.
Beschriebener Konflikt soll im Rahmen dieser Arbeit im Mittelpunkt stehen. Die Gegenüberstellung positiver und negativer Auswirkungen erscheint dabei zwar notwendig, jedoch keinesfalls ausreichend. Die Frage, die es darüber hinaus zu stellen gilt, ist, ob und inwiefern das System Tourismus Lösungen bereithält und die Tourismusindustrie unter Berücksichtigung der steuernden Prinzipien - Angebot und Nachfrage - adäquate Antworten auf bestehende Probleme selbst formulieren kann.
1 Vgl. WTO-OMC, http://www.world-tourism.org/aboutwto/eng/menu.html (Stand 17.11.2005)
Methodische Vorgehensweise 2
Gerade weil eine intakte (ökologische, politische und kulturelle) Umwelt für einen florierenden Tourismus unabdingbar ist, scheint das „Traumziel Nachhaltigkeit“ 2 für die Tourismusindustrie ein tatsächlich erreichbares zu sein. Es liegt im direkten (mittel- bzw. kurzfristigen) wirtschaftlichen Interesse der beteiligten Akteure nachhaltig zu handeln. Die Tourismusindustrie könnte damit zur „Leitökonomie des 21. Jahrhunderts“ 3 avancieren. Es gilt zu fragen, inwiefern die Tourismusindustrie diesem Anspruch gerecht wird bzw. werden kann.
1.2 Methodische Vorgehensweise
Im ersten Teil der Arbeit steht das quantitative Wachstum des Tourismus im Mittelpunkt. Die Wachstumspotentiale der Reiseindustrie sollen dargestellt werden, im Besonderen für den Entwicklungsländertourismus (ELT). Eine überproportional steigende Nachfrage nach Reisen in EL ist Basis der mit dem Tourismus verbundenen Erwartungen, begründet Förderungsmaßnahmen und damit die Öffnung der Grenzen für den Tourismus. Es gilt diese Entwicklung für die Destination Ägypten nachzuzeichnen. Das Hauptaugenmerk liegt auf den Zielgebieten am Roten Meer.
Im nächsten Schritt werden eben diese Erwartungen in den Fokus gerückt. Ausgehend von der wirtschaftlichen Position vieler EL am globalisierten Markt wird gezeigt, dass der Tourismus oftmals alternativlos ist (Kap. 3.1.1). Ein Verfügbarkeitsmonopol hinsichtlich des touristischen Potentials begründet eine ursprünglich starke Position der EL und ist Basis eines wirtschaftlichen Integrationsprozesses. Zumal sich Faktorausstattung vieler EL und Faktornachfrage durch den Tourismus weitgehend entsprechen, können EL von dieser Integration grundsätzlich profitieren (Kap. 3.1.2). Diese positiven erwarteten Effekte werden am Beispiel Ägyptens in ihrer Wirkung dargestellt (Kap. 3.1.3), um ihnen anschließend negative Auswirkungen gegenüber zu stellen (Kap. 3.2.1).
Darauf aufbauend wird versucht, das Marktsystem Tourismus zu durchleuchten (Kap. 3.2.2). Es gilt die Funktionslogik der Tourismusindustrie zu verstehen. Ausgehend von den determinierenden Faktoren der Nachfrage und einer fortschreitenden Unternehmenskonzentration am Anbietermarkt werden strukturelle Probleme für Zielgebiete am Beispiel Ägyptens dargestellt. Es wird gezeigt dass diese Probleme aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage ableitbar und damit logische Konsequenz des Marktmechanismus sind.
Abschließend werden die Perspektiven aus Sicht der EL diskutiert. Es gilt die Entwicklung in Ägypten unter dem Kriterium der Nachhaltigkeit zu bewerten. Dabei soll nicht nur die aktuelle
2 Invent (2005), S. 1
3 Petermann (1999), S. 108
Stand der Wissenschaft 3
Situation beurteilt werden, sondern vor allem die Entwicklungstendenz unter Berücksichtigung der strukturellen Probleme im Mittelpunkt stehen (Kap. 4.1). Es wird darauf verzichtet, normative Richtlinien einer nachhaltigen Tourismusentwicklung aufzustellen, sondern vielmehr gefragt, ob ein nachhaltiger Tourismus unter gegebenen Rahmenbedingungen möglich, bzw. inwiefern eine Änderung dieser Rahmenbedingungen realistisch erscheint (Kap. 4.2).
1.3 Stand der Wissenschaft
Der ELT wird in der Wissenschaft seit den 1960er Jahren kontrovers diskutiert. Wurde dieser zu Beginn der touristischen Erschließung aufgrund der ökonomischen Effekte positiv bewertet, wich diese Euphorie mit eintretenden negativen ökologischen und soziokulturellen Auswirkungen in den 1970er Jahren einer Ernüchterung. 4 Die Diskussion konzentrierte sich in den Folgejahren auf zwei Lager und bewegte sich damit zwischen neoklassischer Außenhandelspolitik (Ausweg) und dependenztheoretischem Ansatz (Sackgasse). 5
1992 spricht Menzel 6 vom Scheitern der großen Theorien und die sich seit Mitte der 1980er Jahre abzeichnende Synthese zwischen beiden Lagern begann sich durchzusetzen. Weaver 7 konstatiert einen Paradigmenwechsel, einen Wechsel von der „Kritik zur Strategie.“ 8 Allgemeine Bemühungen, Tourismus ökonomisch machbar und ökologisch sinnvoll zu gestalten, sind seit Ende der 1980er Jahre deutlich erkennbar. Im Zuge der UNO-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 erfuhr die Debatte eine weitere Dynamisierung. Das Nachhaltigkeitskriterium gewann auch im Tourismus an Bedeutung. Die Konfrontation beider Lager wich einer zunehmenden Kooperation. Die Formulierung von Absichtserklärungen ist ebenso wie ein Zusammenwirken aller Akteure charakteristisch für diese Umsetzungsphase. 9 Damit wurde der Nachhaltigkeitsgedanke durch die Akteure selbst verankert. Die Abhängigkeit von soll den Schutz der Ressource Umwelt gewährleisten. Die Tourismuskritik hat sich, indem ihre Forderungen in die Agenda aufgenommen wurden, selbst überlebt und steht vor der Herausforderung sich neu zu definieren. 10 Es stellt sich nicht mehr die Frage wie Tourismus sein soll, sondern vielmehr ob und wie ein nachhaltiger Tourismus erreichbar ist.
4 Vgl. etwa Wirth (1976) sowie. Aderhold et al. (2000), S. 55-57
5 Vgl. Vorlaufer (1997), S. 6
6 Menzel (1992)
7 Vgl. Weaver (1998), S.9f.
8 May (1985)
9 Vgl. Aderhold et al. (2000), S. 58
10 Vgl. Betz (1999), S. 38
Stand der Wissenschaft 4
Die gegenwärtige Aufgabe besteht folglich in der Überwachung der ablaufenden Prozesse. Diese gilt es kritisch und konstruktiv zu begleiten und unter dem Kriterium der Nachhaltigkeit zu überprüfen. 11 Aufgrund der unbedingten Zusammengehörigkeit ökonomischer, ökologischer und sozialer Aspekte zum Gesamtkonzept einer nachhaltigen Entwicklung, ist es geradezu sinnwidrig, einzelne Komponenten isoliert zu betrachten. Stattdessen ist der Blick auf die Gesamtheit der Auswirkungen zu lenken, woraus der interdisziplinäre Charakter der Tourismusforschung resultiert.
11 Vgl. ebd., S. 39
Tourismus 5
2 Hintergrund
2.1 Tourismus
Unter Tourismus wird „die Gesamtheit der Beziehungen und Erscheinungen […], die sich aus der Reise oder dem Aufenthalt von Personen ergeben, für die der Aufenthaltsort weder hauptsächlicher und dauernder Wohnnoch Arbeitsort ist“ 12 verstanden. Tourismus wird damit als ein vielseitiges von politischen, ökonomischen, ökologischen und kulturellen Faktoren abhängiges System definiert. In diesem System ist der Ortswechsel konstitutiv. Die zugrunde liegende Definition umfasst damit den Gesamttourismus. Die Argumentation dieser Arbeit ist jedoch auf die Urlaubsreise zu beschränken. Eine Einschränkung entlang der Motivation erscheint deshalb sinnvoll, weil der Erholungs- und Freizeit-Tourismus einer eigenen, für diese Arbeit relevanten, Funktionslogik folgt und sich dadurch etwa von Wirtschafts- oder Politikorientiertem Tourismus 13 unterscheidet. Aus der Fragestellung resultiert zudem eine Limitierung auf Zielgebiete in EL.
Die Argumentation dieser Arbeit stützt sich hinsichtlich touristischer Ankünfte und Einnahmen auf die von der WTO-OMT gesammelten und zur Verfügung gestellten Daten. Diese Daten beziehen sich jedoch auf den Gesamttourismus. Zwar sind in Industrienationen Erhebungen bezüglich Motivation, Aufenthaltsdauer oder Alterstruktur durchaus üblich, für EL sind Mängel nationaler Erfassungssysteme jedoch nicht zu übersehen und entsprechend spezifische Daten damit nicht vorhanden bzw. nicht zugänglich. Die ägyptische Central Agency for Public Mobilization and Statistics (CAPMAS) bildet dabei keine Ausnahme. Aus getroffener Einschränkung resultiert damit eine gewisse Problematik. Trotz dieser bestehenden Mängel erscheint die Einschränkung aufgrund der dem Erholungs- und Freizeit-Tourismus eigenen Funktionslogik notwendig und hinsichtlich der absoluten Bedeutung des Erholungs- und Freizeit-Tourismus für den ELT auch vertretbar.
Um diese Problematik zu entschärfen, arbeitet die WTO-OMT im Rahmen des Tourism Satellite Account (TSA) an einer Standardisierung der Erhebungskriterien. Die Vereinheitlichung der aus den 211 WTO-OMT Mitgliedstaaten stammenden Daten wird angestrebt. 14
12 Kaspar (1991), S. 18
13 Vgl. Kaspar (1993), S. 17
14 Hierzu WTO-OMT (2000a), S. 12-14
Entwicklungsländer - Ägypten 6
2.2 Entwicklungsländer - Ägypten
EL zeichnen sich durch eine Reihe gemeinsamer Faktoren aus: Ungleiche Einkommensverteilung, hohes Bevölkerungswachstum, Urbanisierung, geringe Lebenserwartung und hohe Säuglingssterblichkeit, niedrige Alphabetisierungsquote, hohe Arbeitslosigkeit sowie eine unzureichende Trinkwasserversorgung lassen sich nennen. 15 Unter Verwendung unterschiedlicher Operationalisierungsansätze kommen Weltbank, Vereinte Nationen oder OECD zu durchaus vergleichbaren, wenn auch sich im Detail unterscheidenden Ergebnissen hinsichtlich des Entwicklungsgrades einzelner Staaten. 16
Folgt man der Operationalisierung der UN und klassifiziert entlang des Human Development Index (HDI) 17 , weisen 55 der 177 klassifizierten Staaten ein high human development (HDI > 0,800), 88 ein medium human development (0,500< HDI< 0,799) und 34 ein low human development (HDI< 0,500) auf. Die beiden letztgenannten lassen sich zur Gruppe der EL zusammenfassen. 18
Obwohl der HDI für Ägypten zwischen 1975 (0,438 / Rang 129) und 2003 (0,659 / Rang 119) 19 kontinuierlich angestiegen ist, bestehen keine Zweifel am niedrigen Entwicklungsgrad des Landes. Erdölvorkommen und eine funktionierende Infrastruktur können darüber ebenso wenig hinwegtäuschen, wie die „glanzvollen Fassaden der Hochhäuser am Nil, eine moderne Metro in der Hauptstadt, die Luxusferienanlagen am Roten Meer oder der Hochstaudamm von Assuan.“ 20 Schwerwiegendes Problem ist der zunehmende Bevölkerungsdruck. Von 39 Millionen im Jahr 1975 stieg die Bevölkerung auf 71,3 Millionen 2002. Bei einer mittleren Wachstumsrate von 1,8% würde dies einen Weiteranstieg auf 88,2 Millionen Menschen bis 2015 bedeuten. 21 Bei zunehmender Verknappung der landwirtschaftlichen Produktionsfläche ist die Versorgung nicht sicher gestellt. 22
Auch wenn die Arbeitslosenzahlen offiziell sanken, werden beschäftigungspolitische Schwierigkeiten auch in Ägypten deutlich. Für Jugendliche bestehen kaum Zukunftsperspektiven. Bildungsmaßnahmen greifen, aber sie greifen langsam. Die Alphabetisierungsquote lag 2002 bei den über 15-Jährigen bei 55% (Rang 143), bei den unter 15-Jährigen bei 73% (Rang 134). 23
15 Vgl. Lachmann (2004), S. 2-8
16 Vgl. ebd., S. 15
17 Zu dessen Berechnung UNPD (2005), S. 342
18 Vgl. ebd., S. 363
19 Vgl. ebd., S. 225
20 Ibrahim (1996), S. 1
21 Zwischen 1975 und 2003 lag das durchschnittliche Wachstum bei 2,2%, die Projektion mit 1,8% liegt damit im mittleren Bereich. Vgl. UNDP (2005), S. 233
22 Vgl. Müller-Mahn (2001), S. 44
23 Vgl. UNDP (2005), S. 260
Die Tourismusindustrie als Wachstumsmarkt 7
Auf politischer Ebene hat ein Demokratisierungsprozess zwar eingesetzt, die arabische Republik Ägypten bleibt jedoch ein weitgehend autoritäres System. Die sozialen Disparitäten sind zwar nicht auf die urbanen Metropolen beschränkt, werden dort aber offensichtlich.
1991 verdienen 20% der Ägypter weniger als 1 USD pro Tag, das Einkommen weiterer 50% liegt unter 2 USD. Der Anteil der Arbeiterlöhne am BIP sank von 40% (1975) auf 25% (1994). 24 Diese Zahlen sprechen für eine extrem ungleiche Einkommens- und Kapitalverteilung.
Diese Fakten belegen, „dass Ägypten in seiner Entwicklung noch einen weiten Weg zu gehen hat“ 25 Die Zukunft des Landes wird auch davon abhängen, ob es gelingt, die natürlichen Potenziale langfristig in Wert zu setzten.
2.3 Die Tourismusindustrie als Wachstumsmarkt
Tourismus als Wachstumsmotor der Wirtschaft? Für viele EL, darunter auch Ägypten, avanciert der Tourismus zum wirtschaftlichen Hoffnungsträger. Ausschlaggebend hierfür ist nicht zuletzt das enorme Wachstum der Reiseindustrie - die Potentiale scheinen nahezu unbegrenzt. Es wird versucht die quantitative Entwicklung des Tourismus zum einen generell, zum anderen für EL darzustellen. Des Weiteren gilt es die Tourismusentwicklung für die Destination Ägypten nachzuzeichnen.
2.3.1 Welttourismus
Die Tourismusindustrie ist weltwirtschaftlich einer der wichtigsten Wachstumsmärkte. Zwar zogen politische oder wirtschaftliche Krisen auch im internationalen Reiseverkehr kurzzeitige Einbrüche nach sich, der allgemeine Wachstumstrend wurde jedoch nicht unterbrochen. Die Prognosen der WTO-OMT legen nahe, dass das Potenzial längst nicht ausgeschöpft ist und weiterhin mit einer „rasanten Intensivierung und räumlichen Expansion des Tourismus“ 26 zu rechnen ist.
Nach Schätzungen der WTO-OMT wird sich die Zahl der internationalen Ankünfte bis 2020 nahezu verdoppeln (von 800 Millionen 2005 auf 1,58 Milliarden) und im Jahr 2010 die Milliardengrenze erstmals erreicht werden.
24 Vgl. Ibrahim (2005), S. XIV
25 Ebd., S. XIV
26 Vorlaufer (1997), S. 8
Die Tourismusindustrie als Wachstumsmarkt 8
Abbildung 1: Internationale Touristenankünfte und internationale Einnahmen aus dem Tourismus
Nicht nur hinsichtlich der absoluten Zahlen erscheint es gerechtfertigt, von der Tourismusindustrie als dem Wachstumsmarkt zu sprechen. Auch der Vergleich mit der Weltwirtschaft zeigt, dass die Tourismusindustrie boomt. Während für die Weltwirtschaft das durchschnittliche Wachstum zwischen 1975 und 2000 bei 3,5% lag, ist der Tourismussektor im selben Zeitraum mit 4,7% gewachsen. Damit ist die Tourismusindustrie im Jahr 2005 der viertwichtigste Exportmarkt. 27 Investitionen im Tourismussektor scheinen angesichts dieser Zahlen rentabel und die Erschließung neuer Zielgebiete sowie die räumliche Expansion der Tourismusindustrie damit wahrscheinlich. Beispielhaft erscheint die Entwicklung der TUI AG, die sich „innerhalb weniger Jahre vom Industriekonglomerat [PREUSSAG AG] zum innovativen Touristikkonzern entwickelt hat, der führend in Europa ist.“ 28
2.3.2 Entwicklungsländertourismus
Der Tourismus in EL ist von diesem rasanten Wachstum nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Wiederum zeigen nicht nur absolute Zahlen, sondern auch der Vergleich mit dem gesamten Tou-rismussektor, dass der ELT floriert:
27 Vgl. WTO-OMT, http://www.world-tourism.org/facts/tmt.html (Stand 29.06.2005) Ein Eigeninteresse seitens der WTO-OMT die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus zu überhöhen ist zumindest nicht auszuschließen. Angaben der WTO-OMT sind deshalb in gewisser Weise einzuschränken.
28 TUI AG, http://www.tui.com/de/konzern/konzern_ueberblick/ (Stand 14.12.2005)
Die Tourismusindustrie als Wachstumsmarkt 9
Spielten die EL im internationalen Reiseverkehr 1981 mit - hinsichtlich der Ankünfte - 12% Marktanteil 29 eine relativ geringe Rolle, stieg dieser auf ca. 30% im Jahr 1998 30 und auf 34% im Jahr 2002. 31 Auch wenn Europa, 32 sowohl hinsichtlich der internationalen Ankünfte, als auch in Bezug auf die touristischen Einnahmen mit einem Anteil von 57% (Ankünfte) bzw. 48% (Einnahmen) im Jahr 2000 absolut wichtigste Zielregion war, lagen die Wachstumsraten mit 6,5% für den Zeitraum 1950 bis 2000 knapp unterhalb des weltweit durchschnittlichen Wachstums (6,8%). Ein überdurchschnittliches Wachstum verzeichneten für diesen Zeitraum hingegen die Regionen Asien und Pazifik (13,2%), der mittlere Osten (10,1%) sowie Afrika (8%). 33
Die Zahl der internationalen Ankünfte in EL stieg von ca. 48 Millionen im Jahr 1980 auf 200 Millionen im Jahr 2000 und vervierfachte sich damit innerhalb von 20 Jahren, während sich im selben Zeitraum die Zahl der Ankünfte nach Europa (ohne die Türkei) von 186 Millionen auf 383 Millionen nur verdoppelte. Die Vervierfachung der touristischen Ankünfte wird von einer Versechsfachung der Einnahmen begleitet. Diese stiegen auf 131 Mrd. USD im Jahr 2002. 34
Auch wenn sich EL hinsichtlich Besucherzahlen, touristischer Einnahmen und dem Grad der touristischen Nutzung stark unterscheiden - 2002 lagen die touristischen Einnahmen für die 34 Staaten mit einem low human development zusammen bei ca.2,5 Mrd. USD 35 und erreichten damit ca. 66% der ägyptischen Einnahmen (3,7 Mrd. USD) - verdeutlichen die Zahlen die enormen Wachstumspotentiale des ELT insgesamt und begründen die damit verbundenen Erwartungen.
2.3.3 Ägyptischer Tourismus
Ägypten als klassisches Reiseziel zu beschreiben ist wohl kaum übertrieben. Der Fremdenverkehr hat eine lange Tradition. „Für die Europäer war Ägypten das erste außerhalb ihres Kontinents gelegene Ziel des aufkommenden Tourismus im 19. Jahrhundert.“ 36 Im Zuge der napoleonischen Ägypten Exkursion (1798-1801) stieg das wissenschaftlich archäologische Interesse, womit der Grundstein für die
29 Vgl. Gormsen (1983), S. 608.
30 Vgl. Aderhold et. al (2000) S.13
31 Eigene Berechnung auf Grundlage der WTO-OMT. Aus Gründen der Vergleichbarkeit wurden die Ankünfte nach Afrika, Asien und Ozeanien (nicht Japan, Australien und Neuseeland), Amerika (mit Ausnahme der Vereinigten Staaten und Kanada) sowie die Türkei aufsummiert. Da das zugrunde liegende Datenmaterial nicht mehr frei zugänglich ist, wurde es in den Anhang aufgenommen.
32 Es liegt die Klassifizierung der WTO-OMT zu Grunde. Diese unterteilt die touristischen Zielgebiete in (1) Africa, (2) Americas, (3) Asia and the Pacific, (4) Europe und (5) Middle East. Vgl., Anhang
33 Vgl. WTO-OMT (2003), Anhang
34 Eigene Berechungen auf Grundlage der WTO-OMT (2003), Anhang
35 Eigene Berechnung auf Grundlage der WTO-OMT (2003), Anhang (Bei fehlenden Zahlen für das Jahr 2002 wurde auf Vorjahre zurückgegriffen.)
36 Ibrahim (1996), S. 131
Die Tourismusindustrie als Wachstumsmarkt 10
kulturtouristische Entdeckung Ägyptens gelegt wurde. 37 Bis zum ersten Weltkrieg stieg die Zahl ausländischer Touristen auf 50 000. 38 Die Besucherzahlen verzwölffachte sich zwischen 1950 und 1966 zwar, brach aufgrund der israelisch ägyptischen Kriege 1967 und 1973 jedoch wieder ein. Auf politischer Ebene wurde das Friedensabkommen von Camp David 1979 Basis des in den 1980er Jahren einsetzenden, im Grunde bis heute anhaltenden Booms des ägyptischen Tourismus. 39
Neben dem Kulturtourismus begann sich zu Beginn der 1980er Jahre der Tauch- und Badetou-
das rasante Tempo auffallend. Begründet ist dieses schnelle Wachstum durch eine intensive Tourismusförderung seitens der Regierung Mubarak. Diese strebte die wirtschaftliche Öffnung des Landes - auch auf Druck der Weltbank hin - an. 41
Dabei ist es nicht zuletzt der terroristischen Anschlagserie 42 zu Beginn der 90er Jahre geschuldet, dass sich die Anstrengungen vermehrt auf den Badetourismus am Roten Meer verlagerten. Die ummauerten Feriendörfer an der Küste galten in einer Zeit sich wiederholender terroristischer
37 Vgl. Standl (2003), S. 641f.
38 Vgl. Ibrahim (1996), S. 131f.
39 Vgl. ebd., S. 132
40 Abbildung 2 dient der besseren Übersicht und zeigt auch die Hotelanlagen von Wadi Gimal und Lahami. Eine detaillierte Karte Ägyptens findet sich im Anhang I.
41 Vgl. Heba (1995), S. 92
42 Vgl. Baehre (2002), Anhang VI
Die Tourismusindustrie als Wachstumsmarkt 11
Anschläge auf Touristenbusse und -schiffe als vergleichsweise sicher. Anbieter sahen sich zu einer Änderung des Angebots veranlasst, die Nachfrage wurde zunehmend in die neuen Destinationen umgeleitet, um damit das zeitweilige Sicherheitsrisiko kompensieren zu können. Was zunächst als Notlösung gedacht war, entwickelte sich zum Standard. Investitionen flossen zunehmend in die Erschließung der neuen Zielgebiete. Ägypten öffnete sich damit einer neuen Klientel. 43 Eine Pauschalisierung des Angebots und die aufgrund der Liberalisierung des Luftverkehrs sinkenden Flugpreise ermöglichten die breite Vermarktung des Zielgebietes. Kaufkraftschwache Zielgruppen wurden damit angesprochen. Die Besucherzahlen verdoppelten sich zwischen 1995 (2,84 Millionen) und 2000 (5,12 Millionen) nahezu. 44 Bis 2003 stiegen sie auf sechs Millionen. 45 Für die touristischen Einnahmen ist von 1990 (1,1 Millionen USD) bis 2000 (4,35 Millionen USD) eine Verfierfachung zu verzeichnen. 46
Die Besucherstruktur hat sich aufgrund beschriebener Entwicklung in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. „Viele der heute in Ägypten anzutreffenden Touristen kommen mit einem Minimum an Wissen über die […] Kultur Ägyptens und seiner Bewohner. Da die Hotelanlagen ghettoartig sind, lernen sie während ihres Aufenthaltes so gut wie nichts hinzu.“ 47 Ägypten hat sich zum Pauschalreiseziel entwickelt. Das neue Zentrum des ägyptischen Tourismus ist die Küste des Roten Meeres. 1992 machten die Bettenzahlen am Roten Meer nur 10% der Gesamtkapazität aus, 2002 waren es 57%. 48
Abbildung 3: Regionale Verteilung der Hotelbetten in Ägypten
43 Vgl. Ibrahim (1996), S. 137f.
44 Vgl. Anhang X
45 Vgl. WTO-OMT (2005a), S. 59
46 Vgl. Anhang IX
47 Ibrahim. (2005), S. 143
48 Die Zahlen beziehen sich auf Hotels internationalen Standards. Vgl. ebd., S. 144
Die Tourismusindustrie als Wachstumsmarkt 12
Die Investoren konzentrierten sich dabei vor allem auf El Ghardaqa. Zwischen 1990 und 2004 wurden dort 39 Hotels internationalen Standards gebaut. Der Bau dieser Anlagen erfolgte weitgehend unkontrolliert und konzeptlos. Heute erstreckt sich das ehemalige Fischerdorf auf eine Länge von über 15 km. 49
El Ghardaqa verlor damit an Exklusivität und entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zum pauschaltouristischen Massenziel. Südliche Gebiete - Safaga, El Quesier und Marsa Alam - sowie das nördlich gelegene El Gouna wurden in Konsequenz als die neuen Exklusivziele vermarktet und touristisch erschlossen. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar. Auf der Suche nach unberührter Natur und intakten Riffen rückt im Augenblick Dahab in den Blickpunkt der Inves-toren und auch zwischen Marsa Alam und der sudanesischen Grenze bestehen weitere Entwicklungspotentiale für eine touristische Vermarktung. Die Erschließung von Hamata und Port Berenice ist dabei nur eine Frage der Zeit. Zumal diese Region tauchtouristisch bereits erschlossen ist - die südlichen Riffe sind im Programm der Safarischiffe 50 - ist zu erwarten, dass Hotelanlagen diesem Beispiel folgen. Eine solche Entwicklung war schon für Safaga, El Quesier und Marsa Alam zu beobachten. Die Gebiete wurden vor allem durch den Tauchtourismus erkundet, danach folgten „Beduinen Camps“ und später komfortable Hotelanlagen.
2.3.4 Wachstumsmodell nach Butler
Abbildung 4: Tourism Area Cycle Evolution
wicklung charakteristisch für den hohen touristischen Reifegrad einer Region. 53 Für den Tourismus am Roten Meer manifestiert sich dies nicht zuletzt in der Ausweitung der Nachfrage auf neue Quellgebiete vor allem in Osteuropa. 54
49 Vgl. Ibrahim (2005), S. 148
50 Die Bezeichnung Safarischiff hat sich für das live-a-board-Konzept etabliert. Meist einwöchige Touren starten vor allem von El Ghardaqa und Marsa Alam. Exponierte Riffe sind damit erreichbar.
51 Vgl. Butler (1980), S. 5-12
52 Oppermann (1995), S. 536
53 Vgl. Kagermeier / Popp (2000), S. 69
Arbeit zitieren:
Markus Lohr, 2006, Tourismus: Ausweg oder Sackgasse? Erwartungen, Probleme und Perspektiven aus Sicht der Entwicklungsländer dargestellt am Beispiel Ägyptens, München, GRIN Verlag GmbH
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Markus Lohr gefällt Tourismus: Ausweg oder Sackgasse? Erwartungen, Probleme und Perspektiven aus Sicht der Entwicklungsländer dargestellt am Beispiel Ägyptens
Markus Lohr's Text Tourismus: Ausweg oder Sackgasse? Erwartungen, Probleme und Perspektiven aus Sicht der Entwicklungsländer dargestellt am Beispiel Ägyptens ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
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