möchte ich in diesem Essay das religiöse muslimische Selbst- und Fremdbild mit Hilfe der genannten Theoreme analysieren. Die panislamische Ideologie ist für die Konstruktion einer islamischen „wir“ - Gruppenidentität elementar. Da dies das Thema meines Essays ist, werde ich der Diskussion von Panislamismus vs. Panarabismus keine Aufmerksamkeit schenken, vielmehr ersteres voraussetzen. Dabei werde ich mich lediglich mit der im Seminar zur Verfügung gestandenen Literatur kritisch auseinander setzen. Inwieweit treffen die Aussagen der Verfasser auf die ‘umma (muslimische Gemeinschaft) im Sinne einer „wir“ - Gruppe zu? Unterscheiden sich religiös motivierte Gruppen von anderen und welche differenzierten Selbst- und Fremdbilder herrschen im Islam vor?
Zwischen Religion und Fremdenfeindlichkeit besteht ein bedeuteter Zusammenhang. Um Fremdbilder zu konstruieren, werden Religionen durch politische Instrumentalisierung missbraucht, wodurch fremdenfeindliche Phänomene ermöglicht werden können. Ein Beispiel dafür wäre eine Ansprache Bin Ladens vom Februar 2003. Darin lobpreist er: die Kraft der ‘umma in den historischen Schlachten der Muslime, die die muslimischen Triumphe [in der Vergangenheit] gewährleistete. Deshalb läge es in der Natur der ‘umma sich selbst gegen die zionistische Kreuzzugsallianz zu verteidigen, die die sunnitische Gesellschaft mit einer Einführung von Demokratie irreführen wollen.“ 4
Psychoanalytisch betrachtet, bezieht Bin Laden ein positives Selbstbild auf ein negatives Feindbild, um die gemeinsame muslimische Identität zu stärken. Durch den Bezug auf eine gemeinsame Gesellschaftsgeschichte, die von Grenzziehungen und Separation geprägt ist, vermischt sich diese, vor allem unter seinen Anhängern, mit dem Bild des „gefährlichen (unheimlichen)“ Fremden. Das Unheimliche ist eine Angst, die zunächst kein Objekt besitzt und sich das Fremde außen erst schaffen muss. 5 Die ängstigende Destrukturierung des Ichs kann durch eine Konstruktion des Imaginären als Realem aufgefangen werden. Somit ergibt eine Mischung aus realen und imaginären Fremden zusammen ein Fremdbild, das sich hervorragend für Grenzziehungsprozesse bei gleichzeitiger Vermischung von Imagination und Wirklichkeit eignet. 6
Bin Laden institutionalisiert den Fremden, indem er subjektiv jeden „Ungläubigen“ als einen aggressiven, vom Imperialismus geführten Kreuzfahrer oder Zionisten verurteilt. Mit dieser Programmatik findet er beängstigender Weise unter der muslimischen Bevölkerung regen Zuspruch. Frustrations- und Aggressionshypothetisch ist diese Tatsache zum einen dem Minderwertigkeitskomplex der Muslime und zum anderen der scheinbar fehlenden Fähigkeit (vor allem) westlicher Industriestaaten, die islamisch-arabische Kultur und Gesellschaft richtig zu deuten, anzulasten. Beides sind Folgen eines unterschiedlichen historischen Bewusstseins. Während im Vergleich vor allem in den USA, Geschichte häufig als etwas Unwichtiges in Bezug auf die aktuelle Situation abgetan wird, spiegelt die Geschichte im
4 vgl. an-nafīr: hutba šaih al-muğāhidīn kāmila - (dt. der Aufbruch: eine bedeutende Ansprache des Führers der
muğāhidīn), in: www.al-ğazīra.com (Hg.), 02.2003
5 vgl. Bielfeld, Ulrich: S. 105
6 vgl. ebd.
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Islam, die Umsetzung des göttlichen Plans für die ‘umma wieder. Die islamische Geschichte hat für Muslime eine wichtige religiöse und juristische Bedeutung, durch die das muslimische Selbstbild entscheidend geprägt ist. Die šari‛a 7 (das islamische Recht) spielt bei der Konstruktion des eigenen Selbstverständnisses eine entscheidende Rolle. Sie ist mit der Geschichte des Islam eng verbunden, da sie selbst als zeitlose Offenbahrung verstanden wird, die weder der geschichtlichen Veränderung noch dem Einfluss der Umstände unterworfen ist. 8 Aufgrund dieser Unantastbarkeit der šari‛a greift die Religion nicht nur in weltliche Belange ein, vielmehr konstruiert sich das muslimische Selbstbild anhand der aus ihr resultierenden Semantiken, da dadurch den Muslimen fortwährend ihre Geschichte vergegenwärtigt wird.
Nach Alexandra Frosch und Klaus Holz sind Semantiken ein Bestandteil der kulturellen Ordnung, einer Gesellschaft unter der man „bekannte und vertraute Muster“ der Sinnkonstruktion versteht. Dies gilt sowohl für nationale als auch religiöse Selbstbilder, die über lange Zeiträume und in unterschiedlichen Kontexten reproduziert werden können und dabei „wir“ - Gruppen erzeugen und erhalten können. 9 Werden Semantiken als Druckmittel eingesetzt, beschränkt sich die daraus resultierende Konstruktion einer „wir“ - Gruppe keineswegs auf den Typus freiwilliger und / oder bewusster Identifikation. Durch Semantiken wird vor allem dann die Komplexität möglicher Sinnkonstruktionen stark reduziert. Systemtheoretisch kann davon gesprochen werden, dass Semantiken zur Programmierung von Sozialsystemen genutzt werden. 10
Der Islam als Basis eines Kollektivierungsprozesses in der Konstruktion von „wir“ - Gruppen besitzt zudem einen „supranationalen“ Charakter. Der Begriff „supranational (lat.: supra = über, hinaus + natio = Staat)“ ist hierbei wörtlich zu Verstehen und nicht mit dem institutionellen Gefüge der europäischen Union (EU) zu vergleichen. Während im europäischen Sinne „supranational“ eine Verlagerung von Kompetenzen von der nationalen Ebene auf die höher stehende (europäische) Ebene bedeutet und eine Folge des wachsenden Kollektivierungsprozesses der EU ist, muss dieser Begriff in Verbindung mit der ‘umma die Folgen des Imperialismus, in denen Staatsstrukturen geschaffen wurden die bis heute nicht abgelegt werden konnten, berücksichtigen. Die Unterteilung der ‘umma in Nationen geschah lange nachdem sie sich unter Muhammad konstituiert hatte.
Die Möglichkeit eines „supranationalen“ Zustandes von einer „wir“ - Gruppe ist in den Überlegungen der behandelnden Autoren nicht berücksichtigt. Bielefeld sieht zum Beispiel in der Entstehung des modernen Nationalismus eine Verarbeitungsform des gesellschaftlichen Wandels, der Volk (Rasse) als auch nationale Identität hervorbrachte und sich als „natürliche“
7 šari‛a (dt.: Gesetz; wörtl: der Weg zur Wasserstelle) suggeriert im koranischen Gebrauch eines in dieser Welt
unerlässlichen Mittels zur Erhaltung des Lebens als auch die des Eintritts in das Gottesreich der kommenden
Welt. Sie dient zum einen dem Zweck, das Gemeinwohl der Gesellschaft zu sichern, zum anderen soll es den
Menschen helfen, zur Erlösung zu gelangen. vgl. Ruthven, Malise: Der Islam - Eine kurze Einführung, S. 103
8 vgl. Ruthven, Malise: Der Islam - Eine kurze Einführung, S. 103
9 vgl. Frosch, Alexandra/Holz, Klaus: Die kulturelle Dimension der Integrationspolitik, in: Saalmann, Gernot
(Hg.): Religionen und Nationen. Fundamente und Konflikte, S. 62
10 vgl. ebd. S. 62
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Arbeit zitieren:
Christian Müller-Thomas, 2006, Islamismus als Gemeinschaftsideologie, München, GRIN Verlag GmbH
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