UNIVERSITÄT ERLANGEN - NÜRNBERG, INSTITUT FÜR SOZIOLOGIE
Proseminar: Wie wird man fremd? Konstruktion des Eigenen und des Fremden.
WS 2005/2006
Typologien des Fremden
von: Christian Müller
Hinter dem deutschen Ausdruck für „Fremd“ verbirgt sich ein komplexer Bedeutungsgehalt. Hinzu erschwert der ordnungsüberschreitende Charakter des „Fremdenbegriffs“, auf verschiedenste wissenschaftliche Disziplinen eine eindeutige Definition.1 „Fremd“ oder „das Fremde“ sind mehrdeutige Negativwörter, wie zur näheren Verdeutlichung dessen, aus verschiedensten Wörterbüchern zu erkennen ist. Als Synonym für „Fremd“ sind darin Wörter wie „unbekannt“, „unzugehörig“, „nichteigen“, „andersartig“ oder „seltsam“ zu finden. All diese Worte bezeichnen eine gewisse Nichtzugehörigkeit.2
Als grundlegende Literatur zur Diskussion der Fremdentypologisierung gilt Georg Simmels „Exkurs über den Fremden“3 als auch Alfred Schützes Beitrag „zum Fremden“ in seinen „Studien zur soziologischen Theorie“4. Während Alfred Schütz „den Fremden“ aus der Sicht „des Fremden“ selbst analysiert, betrachtet Simmel die gesellschaftliche Stellung „des Fremden“ aus der subjektiven Wahrnehmung der „Nicht-Fremden“. In diesem Essay werde ich die Konzepte der Fremdenbilder der beiden oben genanten Autoren aufgreifen, um diese in einer vergleichenden Darstellung, sowohl zueinander, als auch deren Weiterentwicklung im Vergleich zu den später behandelten Ansätzen des Themenblocks II: „Typologien des Fremden“ zu analysieren. Außerdem werde ich mich in diesem Essay mit den Problemfeldern auseinandersetzen, die in den verschieden Fremdentypologien zur Sprache kommen. Wegen der eingeschränkten Möglichkeiten, die jeder Autor in einem ihm vorgegeben Rahmen einer kurzen wissenschaftlichen Abhandlung besitzt, wird es mir nicht möglich sein sämtliche Fragen, welche sich später in meinem Essay ergeben werden zu beantworten. Deshalb werde ich abschließend einige Anregungen zur weiteren Problemanalyse geben.
Simmel vereinheitlicht in der soziologischen Form des Fremden den begrifflichen Gegensatz von Wandern und Fixiertheit. Der Fremde ist der potentiell Wandernde, der die Gelöstheit des Kommens und des Gehens nie ganz überwunden hat. Hier definiert Simmel: den Fremden, der heute kommt und morgen bleibt.5 Der Fremde gehört aufgrund seines mobilen Charakters nicht ganz zur Gemeinschaft, trägt dadurch aber wiederum fremde Qualitäten in sein Umfeld herein. Das Beispiel des Händlers kommt diesem Typus am nächsten. Anders als bei Schütz, wie im späteren noch erläutert werden wird, ist der Fremde nach Simmel von vorn herein kein Unbekannter. Für den gänzlich Unbekannten verwendet Simmel den aus dem griechischen abgeleiteten Begriff des „Sirius“.6
Während Simmel den Fremden in seinem Umfeld fixiert sieht und ihn trotz Mobilität als ein Element der Gruppe selbst betrachtet, muss sich nach Schütz, der Fremde einer Gruppe annähern und von dieser dauerhaft akzeptiert oder zumindest geduldet werden.7 Kinder, Primitive, vor allem aber Gäste und Besucher zählen nach der schützschen Anschauung nicht als Fremde.8 Zudem zieht Schütz hier eine Parallele zwischen den beiden soziologischen Formen des Fremden und des Heimkehrers. Beide versuchen ihr relevantes System (Heimat oder Fremde) also die Welt um sich herum, zu einem beherrschbaren Feld zu ordnen, da sie in diesem fremd oder fremd geworden sind.
[...]
1 Vgl. Waldenfels, Bernhard: Fremd/Fremdheit, in: Sandkühler, Hans-Jörg (Hg.), Enzyklopädie Philosophie, S. 407 - 410
2 Vgl. Nünning, Ansgar; Nünning, Vera: Konzepte der Kulturwissenschaften, S. 284
3 Simmel, Georg: Exkurs über den Fremden, in: Merz-Benz, Peter-Ulrich / Wagner, Gerhard (Hg.), Der Fremde als sozialer Typus, S. 47 - 54
4 Schütz, Alfred: Der Fremde, ein sozialpsychologischer Versuch in: Ders. (Hg.), Gesammelte Aufsätze, Bd. 2: Studien zur soziologischen Theorie, S. 53 - 69
5 vgl. Simmel, Georg: S. 47
6 vgl. ebd. S. 52
7 vgl. Schütz, Alfred: Der Fremde, S. 53
8 vgl. ebd.
Arbeit zitieren:
Christian Müller-Thomas, 2006, Typologien des Fremden, München, GRIN Verlag GmbH
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