vorgelegt von: Heidrun Rothmaier
INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 1
2. Planung der Unterrichtseinheit 3
2.1. Sachanalyse 3
2.1.1. Brechts Schauspiel Mutter Courage und ihre Kinder 3
2.1.1.1. Entstehung von Brechts Mutter Courage 3
2.1.1.2. Aussageabsicht und Darstellungsmittel in der Mutter
Courage 4
2.1.2. Mutter Courage im Konflikt zwischen Handel und
Menschlichkeit 7
2.2. Bedingungsanalyse 11
2.2.1. Ausgangsbedingungen der Lerngruppe 11
2.2.1.1. Beschreibung der Lerngruppe 11
2.2.1.2. Kenntnisstand der Schüler 12
2.2.2. Voraussetzungen der Lehrenden 12
2.2.3. Institutionelle und unterrichtsorganisatorische Bedingungen 13
2.2.4. Vorgaben durch Richtlinien und Schulcurriculum 13
2.2.4.1. Neue Richtlinien 13
2.2.4.2. Alte Richtlinien 13
2.2.4.3. Schulcurriculum 13
2.2.4.4. Auswahl des Themas 13
Exemplarische Bedeutung des Themas 13
Gegenwartsbedeutung des Themas 14
Zukunftsbedeutung des Themas 14
2.3. Didaktische Überlegungen und Entscheidungen 15
2.3.1. Didaktische Akzentuierung und Reduktion 15
2.3.2. Lernziele 17
2.3.2.1. Fachliche Lernziele 17
2.3.2.2. Erzieherische Lernziele 18
2.3.2.3. Stufengemäße Lernziele 19
2.3.2.4. Schulformspezifische Lernziele 20
2.4. Methodische Entscheidungen 20
2.4.1. Lehr /Unterrichtsmethode 20
2.4.2. Fachmethode 21
2.5. Thematischer Zusammenhang der Unterrichtsreihe 22
2.5.1. Darstellung des Reihenaufbaus 22
Thema der Unterrichtsreihe 22
II
Themen der Unterrichtseinheiten 22
2.5.2. Begründung des Reihenaufbaus 24
2.5.2.1. Zur 1. und 2. Einheit 2.5.2.2. Zur 3. Einheit
3. DURCHFÜHRUNG UND REFLEXION 26
3.1. Erste Stunde
3.1.1. Thema, Hausaufgaben und Lernziele der ersten Stunde 26
3.1.2. Begründung der didaktisch-methodischen Entscheidungen der ersten Stunde 27
3.1.3. Geplanter Unterrichtsverlauf der ersten Stunde 28
3.1.4. Geplantes Tafelbild zur ersten Stunde 29
3.1.5. Durchführung und Reflexion der ersten Stunde 30 3.2. Zweite Stunde 32
3.2.1. Thema, Hausaufgaben und Lernziele der zweiten Stunde 32
3.2.2. Begründung der didaktisch-methodischen Entscheidungen der zweiten Stunde 33
3.2.3. Geplanter Unterrichtsverlauf der zweiten Stunde 34
3.2.4. Geplantes Tafelbild zur zweiten Stunde 35
3.2.5. Durchführung und Reflexion der zweiten Stunde 36 3.3. Dritte Stunde 39
3.3.1. Thema, Hausaufgaben und Lernziele der dritten Stunde 39
3.3.2. Begründung der didaktisch-methodischen Entscheidungen der dritten Stunde 40
3.3.3. Geplanter Unterrichtsverlauf der dritten Stunde 41
3.3.4. Geplantes Tafelbild zur dritten Stunde 42
3.3.5. Durchführung und Reflexion der dritten Stunde 42 3.4. Vierte Stunde 45
3.4.1. Thema, Hausaufgaben und Lernziele der vierten Stunde 45
3.4.2. Begründung der didaktisch-methodischen Entscheidungen der vierten Stunde 46
3.4.3. Geplanter Unterrichtsverlauf der vierten Stunde 47
3.4.4. Geplantes Tafelbild zur vierten Stunde 48
3.4.5. Durchführung und Reflexion der vierten Stunde 48 3.5. Fünfte Stunde 51
3.5.1. Thema, Hausaufgaben und Lernziele der fünften Stunde 51
3.5.2. Begründung der didaktisch-methodischen Entscheidungen der fünften Stunde 52
3.5.3. Geplanter Unterrichtsverlauf der fünften Stunde 53
3.5.4. Geplantes Tafelbild zur fünften Stunde 55
3.5.5. Durchführung und Reflexion der fünften Stunde 55
3.6. Hinweise zur Durchführung der Stunden der 1. und 2. Einheit 58
III
3.7. Klausur 59
4. GESAMTREFLEXION DER 2. UNTERRICHTSEINHEIT 60
4.1. Zur Umsetzung der Lernziele in der 2. Einheit 60
4.2. Schlussfolgerungen hinsichtlich zukünftiger Lernsituationen 61
4.2.1. Zu den Lehr-/Unterrichtsmethoden 61 4.2.2. Zu den Fachmethoden 63
4.2.3. Materialien und Medien 63
4.2.4. Schriftliche Ergebnissicherung 63 4.3. Resümee 64
5. Literaturverzeichnis 65
6. Anhang
- Material zu den Stunden und 3 Klausurbeispiele
IV
1. EINLEITUNG
Als wir auf unserer Fahrt vom Fachseminar Deutsch im Herbst ‘98 in Berlin auf dem Dorotheenfriedhof das Grab von Bertolt Brecht sahen, schlicht und unauffällig, ein einfacher Grabstein, nur mit seinem Namen und Efeu auf dem Grab, daneben der Grabstein seiner Ehefrau Helene Weigel, konnte man nicht umhin zu denken: Irgendwie passt das zu ihm. Er selbst hatte sich gedacht: „Ich benötige keinen Grabstein, aber
Haben sie angenommen.
Durch eine solche Inschrift wären Wir alle geehrt.“ 1
Vorschläge finden sich viele in seinen Werken; auch in seinem Schauspiel Mutter Courage und ihre Kinder. Schon damals zur Enstehungszeit des Stückes kurz vor dem 2. Weltkrieg stellte Brecht fest: „Die Schriftsteller können nicht so schnell schreiben, als die Regierungen Kriege machen können“ und zog den Schluss „‘Mutter Courage und ihre Kinder’ kam also zu spät“ 2 .
Dieser Einwand mag für die damalige Zeit berechtigt sein, trotzdem ist seine Kritik des Krieges bzw. unmenschlicher Verhaltensweisen damals wie heute von erschreckender Aktualität, schaut man sich die gegenwärtigen Entwicklungen auf der Welt - vor allem im Kosovo - an. Brecht gilt bis heute als bedeutender deutscher Schriftsteller und Lyriker; 101 Jahre nach seiner Geburt im Jahr 1898. Daher wurde sein episches Theater „für Schülergenerationen zur Pflicht“ 3 .
Auch für die Schüler 4 von heute lohnt sich die Beschäftigung mit Brechts Werken, nicht
nur, weil sie mit dem epischen Theater eine von traditionellen Erzähltechniken abweichende
1 Jesse, Horst, S. 303.
2 Thiele, Dieter, S. 11.
3 vgl. hierzu eine Darstellung aus dem Internet: Vorwort zum Lehrerhandbuch. Bertolt Brecht, Mutter Courage und ihre Kinder (siehe Literaturverzeichnis).
4 Anmerkung: Mit „Schüler“ sind immer Schülerinnen und Schüler gemeint.
Form kennenlernen, was unter literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten interessant ist, sondern auch, weil Brechts Vorschläge aufgrund ihrer Aktualität heutigen Schülern nicht vorenthalten werden sollten.
Die geplante Unterrichtsreihe soll dazu beitragen, dass die Schüler im Sinne Brechts die Verhaltensweisen von Menschen mit kritischen Augen sehen und zum Handeln in sozialer Verantwortung motiviert werden.
2
2. PLANUNG DER UNTERRICHTSEINHEIT
2.1. Sachanalyse
Eine Sachanalyse beinhaltet immer auch didaktische Aspekte, denn es gibt keine reine Sachanalyse 5 . Daher beschränkt sich die folgende Darstellung auf Sachaspekte, die für die
zu dokumentierenden Unterrichtsstunden relevant sind.
Zunächst soll auf die Entstehungssituation 6 des Werkes und den Bezug zu Vorlagen
eingegangen werden und vor diesem Hintergrund anschließend Brechts besondere Aussageabsicht und Darstellungsmittel.
2.1.1. Brechts Schauspiel Mutter Courage und ihre Kinder
2.1.1.1. Entstehung von Brechts Mutter Courage
Vor mittlerweile genau 60 Jahren, also im Jahr 1939, schrieb Brecht das Stück Mutter Courage und ihre Kinder 7 . Bertolt Brecht wurde 1898 in Augsburg geboren, er starb
1956 in Berlin. Er gilt bis heute als einer der bedeutendsten deutschen Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts. Wie viele andere Schriftsteller floh er 1933 vor den Nationalsozialisten ins Ausland. Im Exil in Schweden erfuhr er von Johan Ludvig Runebergs Ballade der Marketenderin Lotta Svärd 8 , die ihn zu seiner Markentenderin, der Mutter
Courage, anregte. Übernommen hat er vor allem die „volksnahe Perspektive“ der Ballade aus dem 19. Jahrhundert. Eine weitere „Vorlage“ stellte die Lebensbeschreibung Der Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche (1670) von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen dar 9 . Sowohl bei Brechts Courage als auch bei Grimmelshausens
Courasche kann man von einer „merkantilen“ Beziehung zum Krieg sprechen; beide Hauptfiguren wollen vom Krieg profitieren. Weiterhin hat Brecht den Namen Courasche (oder je nach Schreibweise Courage) und die vorangestellten Inhaltsangaben vor jeder Szene 10 übernommen.
5 vgl. Meyer: Leitfaden zur Unterrichtsvorbereitung, S. 257.
6 vgl. Schutte, Jürgen, S. 44f.
7 vgl.Berg/Jeske, S. 39.
8 Müller, Klaus -Detlef, S. 15-20
9 vgl. Thiele, Dieter, S. 14.
10 Hein, Edgar, S. 33.
3
Wie schon Grimmelshausen, so verfolgte auch Brecht mit Mutter Courage eine „Lehrabsicht“ 11 . Interessant für den Unterricht ist vor allem Brechts Aussageabsicht und
deren Vermittlung durch epische Elemente; beides soll daher im Folgenden erläutert werden.
2.1.1.2. Aussageabsicht und Darstellungsmittel in der Mutter Courage Mit seinem Stück Mutter Courage und ihre Kinder wollte Brecht im Jahr 1939, also kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, zunächst „seine skandinavischen Gastgeberstaaten warnen, auf Kriegsprofite durch Materiallieferungen an Hitler zu spekulieren“ 12 .
Kriegsprofit ist auch in der Mutter Courage (Brecht bezeichnet das Stück als „Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg“) zentrales Thema; der Krieg soll als eine „besondere Form des Geschäftes begreifbar“ und Mutter Courage „als Vertreterin kapitalistischer Lebensgesetze“ dargestellt werden 13 . Anders als man beim Begriff „Chronik“ erwartet,
stellt Brecht in seiner Chronik nicht die Schicksale von Königen etc. dar, sondern die Schicksale „kleiner Leute“ 14 . Daher ist der Dreißigjährige Krieg in Brechts Stück kein
„Glaubenskrieg“, sondern „‘der plebejische Blick’ legt den verborgenen Krieg zwischen ‘Oben’ und ‘Unten’ frei“ 15 . Brechts Interesse für soziale Verhältnisse bringt ihn dazu sich ausgiebig mit dem Marxismus zu beschäftigen 16 . So ist auch das Stück Mutter Courage
von Brechts Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft geprägt.
Der Inhalt des Stücks lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Mutter Courage zieht als Marketenderin im Dreißigjährigen Krieg mit ihrem Wagen und ihren drei Kindern mit den Truppen durch das Land. Der dargestellte Zeitraum erstreckt sich über 12 Jahre (1624-1636) und wird in 12 Bildern dargestellt, wobei aber im Stück von einem Bild zum anderen oft mehrere Jahre übersprungen werden. Die Marketenderin will einerseits vom Krieg profitieren („Der Krieg ist nichts als die Geschäfte“ 17 ), andererseits will sie ihre Kinder aus dem Krieg heraushalten 18 . Während ihr
11 ebd., S. 34.
12 ebd., S. 7.
13 Müller, S. 274.
14 Knopf, S. 185.
15 Knopf, S. 186.
16 vgl. Jesse S. 50ff; Hein, S. 20-21.
17 Brecht: Mutter Courage, S. 75.
4
Geschäftserfolg wechselt, verliert sie nacheinander ihre drei Kinder, weil sie immer wieder ihre geschäftlichen Interessen über die der Mutter stellt. Der Wagen dient dabei als „Leitsymbol“, um den jeweiligen Zustand ihres Geschäftes anzuzeigen 19 .
Durch diesen Verlauf der Handlung will Brecht dem Zuschauer die Einsicht vermitteln: „Daß die großen Geschäfte in den Kriegen nicht von den kleinen Leuten gemacht werden“ 20 . So zieht Mutter Courage am Schluss allein, aber unbeirrt und unbelehrt mit ihrem Wagen weiter („Ich muß wieder in’n Handel kommen“, Bild 12) 21 . Mutter Courage
hat auch am Schluss nicht begriffen, dass der Kapitalismus auf dem „Kampf aller gegen alle“ beruht und so den Krieg erst herbeiführt, der im Kapitalismus eben „für den Kapitalismus“ nötig ist 22 .
Der Zuschauer soll hingegen erkennen, dass der Krieg nicht als Schicksalsschlag zu sehen ist, den man hinzunehmen hat, sondern dass die „politischen und sozialen Machtkonstellationen“ 23 den Krieg verursachen - anders als in der griechischen Tragödie, wo das Schicksal „von den Göttern verhängt“ und damit unveränderbar ist 24 . Brecht
formuliert seine Absicht so: „Dem Stückeschreiber obliegt es nicht, die Courage am Ende sehend zu machen, ihm kommt es darauf an, dass der Zuschauer sieht“ 25 .
In den Schriften zum Theater erklärt Brecht, auf welche Weise er den Zuschauer belehren will: „[...] damit die Zuschauer etwas lernen, müssen die Theater eine Spielweise erarbeiten, welche nicht auf die Identifizierung der Zuschauer mit der Hauptfigur (Heldin) ausgeht“ 26 .
So begründet Brecht die Notwendigkeit von der klassischen Form des Dramas abzuweichen, die auf Aristoteles zurückgeführt wird. Im aristotelischen Drama erfährt der Zuschauer durch die Einfühlung und Identifikation mit der Hauptfigur eine „seelische Läuterung“ (Katharsis) 27 . Statt Einfühlung will Brecht die „ Verfremdung“ herbeiführen,
18 vgl. Aussage des Feldwebels in Mutter Courage, S. 19.
19 Hein, S. 37.
20 Brecht: Schriften zum Theater 6, S. 55.
21 Brecht: Mutter Courage, S. 107.
22 Hecht: Materialien, S92.
23 Hein, S. 44.
24 ebd. , S. 61.
25 ebd. , S. 113.
26 Brecht: Schriften zum Theater 6, S. 135.
27 vgl. Hecht: Materialien, S. 103.
5
indem er dem Gegenstand das „Selbstverständliche, Bekannte, Einleuchtende“ nimmt 28 ,
was den Zuschauer zum kritischen Nachdenken veranlasst. Brecht will auf diese Weise eine kritische, distanzierte Haltung des Zuschauers erzeugen. Die Verfremdung ist eine „Zentralkategorie des epischen Theaters“ 29 . Es klingt zunächst paradox, wenn man von einer „epischen Dramatik“ spricht 30 ; jedoch wird die dramatische Handlung immer wieder
durch epische Elemente unterbrochen, die die Handlung kommentieren und reflektieren. Epische Gattungsarten sind durch eine „erzählende Haltung“ gekennzeichnet 31 ; Brechts
episches Theater lässt sich nur teilweise in diesem wörtlichen Sinn als „episch“ verstehen, denn die verfremdenden Darstellungsmittel sind nicht alle „erzählend“, daher lässt sich sein Theater eher „im metaphorischen Sinne“ als episch bezeichnen 32 . Jan Knopf zählt folgende Darstellungsmittel des epischen Theaters auf 33 :
- Titularium (Titelprojektionen)
- Songs, diese sind „episch“, denn sie kommentieren, reflektieren die Handlung
- Offene Form des Dramas im Gegensatz zur geschlossenen, aristotelischen Form
- Doppelszenen, die sich gegenseitig relativieren
-Umwertungen der Sprache durch: Wortwitze, Sinnverdrehungen, Umformulierungen von Zitaten, Paradoxien, gewollte Missverständnisse, Dialekt 34 . Unter der offenen Form des Dramas wird ein Drama mit „atektonischer Handlungsstruktur“ verstanden, bei dem also die drei Einheiten des aristotelischen Dramas (Ort, Zeit, Handlung) nicht eingehalten werden 35 .
All diese Darstellungsmittel führen einen Verfremdungseffekt herbei und damit die kritische Reflexion des Zuschauers.
Diese „betrachterische Distanz“ soll durch die Verwendung bestimmter Musik noch unterstützt werden; sie soll auf keinen Fall eine „hypnotische Entrückung“ bewirken 36 .
28 Staehle, Ulrich, S. 92.
29 Thiele, S. 19.
30 Hein, S. 29.
31 Braak, Ivo, S. 148.
32 Asmuth, Bernhard, S. 55.
33 vgl. Knopf, Jan: Brecht Handbuch, S. 190-192 (vgl. auch Hein, S. 31).
34 vgl. Hein, S. 48.
35 Asmuth, S. 55.
36 Hein, S. 22.
6
Daher werden nicht „landläufige Harmonien“ eingesetzt, sondern wie eine Art Bänkelgesang soll auch die Musik lehrhaften Charakter besitzen. Brechts Komponist für die Songs der Mutter Courage war Paul Dessau 37 .
Als Marxist ist es Brecht wichtig die Figuren „als Typen einer bestimmten historischen Zeit und Klassenzugehörigkeit zu zeigen“ 38 , wobei Verfremdung auch immer „Historisierung“
bedeutet; er will dem Zuschauer bewusst machen, dass Vergangenes zugleich vergänglich und damit veränderbar ist 39 .
Brecht spricht auch von „Gewichtsverschiebungen vom dramatischen zum epischen Theater“ 40 ; die epische Form des Theaters „erzählt“ einen Vorgang, um dem Zuschauer
Erkenntnisse zu vermitteln und von ihm Entscheidungen zu erzwingen. Denn darum geht es Brecht, wenn er die kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse und den Krieg als deren Auswirkung kritisiert: der Zuschauer soll das Theater mit dem Bedürfnis verlassen, an diesen Zuständen etwas zu ändern - wie Brecht im Salomon-Song sagt: „[...] so ist die Welt und müßt nicht so sein!“ 41
2.1.2. Mutter Courage im Konflikt zwischen Handel und Menschlichkeit Das folgende Zitat von Brecht erklärt den Konflikt der Mutter Courage: „Sie ist Geschäftsfrau, weil sie Mutter ist, sie kann nicht Mutter sein, weil sie Geschäftsfrau ist“ 42 .
Sie will - wie im einführenden Bild 1) deutlich wird - vom Krieg leben, aber sich und ihre Kinder heraushalten 43 . Schon ihr Name drückt diesen Widerspruch aus; sie besitzt die „Courage“, den Mut der Geschäftsfrau, aber sie ist zugleich auch Mutter 44 . Doch bereits im
1. Bild geht ihre Rechnung mit dem Krieg nicht auf. Der Werber entdeckt zielsicher die Schwachstelle der Courage: „Verwickel sie in einen Handel“ 45 und so gelingt es den Werbern den Sohn Eilif wegzulocken.
37 Hein, S. 23.
38 Thiele, S. 20.
39 vgl. Hecht: Brechts Theorie des Theaters, S. 108.
40 vgl. Staehle, S. 72-73.
41 Brecht: Mutter Courage, S. 95.
42 Hein, S. 41.
43 vgl. Knopf, S. 187.
44 Brecht: Mutter Courage, S. 9.
45 ebd., S. 17.
7
Als sie Eilif wiedersieht, freut sie sich zwar („Jesus, das ist mein Eilif“ 46 ), benutzt das
Auftauchen Eilifs und seine Heldentat aber sogleich für ihre geschäftlichen Interessen. Ihren Sohn Schweizerkas verliert sie, weil sie ihre Interessen als Mutter den Interessen als Geschäftsfrau unterordnet (Bild 3) 47 . In der guten Absicht Schweizerkas vor der
Hinrichtung zu retten, will sie ihren Wagen verpfänden, um Schweizerkas auszulösen. Doch sie handelt „zu lang“. Sie will ihren Wagen nur äußerst ungern hergeben („Warum, wir leben von dem Wagen“) und sie denkt ausgiebig darüber nach, wie sie den größtmöglichen Gewinn dabei erzielen kann („nur nix Vorschnelles“). Die Einsicht: „[...] da ist keine Minut zu verlieren [...] Lauf und handel nicht herum, es geht ums Leben“, schiebt sie wiederum sofort beiseite, als sie erfährt, dass sie die Regimentskasse nicht mehr bekommen kann: „Ich muß nur einen Augenblick überlegen [...] Etwas muß ich in der Hand haben“. Sie zeigt jedoch mütterliche Gefühle, wenn sie an Kattrin denkt („Dein Bruder kriegst du“). Trotzdem ringt sie sich zu spät zu der Entscheidung durch: „[...] ich geb die zweihundert“. Die Geschäftsfrau dominiert über die Mutter; die Konsequenz ist, dass sie ihren Sohn verliert.
Sie begreift nicht, dass sie bei ihrem „Paktieren mit dem Krieg ihre Kinder als Pfand gesetzt hat“ 48 . Der Konflikt zwischen den Interessen der Händlerin und der Mutter wird in Bild 3)
zugespitzt. Auch dass die Mutter der Geschäftsfrau untergeordnet ist, lässt sich hier erkennen. Weiterhin führt dieses Verhalten der Mutter Courage dazu, dass der Zuschauer sich nicht mit ihr identifiziert, sondern kritisch über sie nachdenkt. Damit will Brecht sein Ziel erreichen den Zuschauer zu einer distanzierten, kritischen Haltung zu bewegen. Es fällt auf, dass ein entsprechendes Verhalten der Mutter Courage in Bild 8) zu Eilifs Tod führt. Sie denkt nur an ihre Geschäfte und bemerkt daher auch nichts von der Verhaftung Eilifs („Sie erzählens mir später, wir müssen fort“) 49 . Die „Sucht nach dem ‘in-den-Handel-Kommen’ macht sie blind“ 50 .
46 ebd., S. 22
47 ebd., S. 48ff.
48 Hein, S. 64.
49 vgl. Brecht: Mutter Courage, S. 88-89.
50 Hein, S. 66.
8
Bild 8) schließt sich aufgrund dieser inhaltlichen Ähnlichkeiten gut an Bild 3) an; wobei sich anhand von Bild 8) die Wirkungsweise der epischen Elemente Brechtscher Dramaturgie erabeiten lässt:
- die Titelprojektion zu Bild 8) enthält beides: einen Bezug zur Handlung von Bild 8) und exemplarisch die Funktion eines epischen Elementes; nämlich die Vorwegnahme der Handlung, wodurch die Spannung aufgehoben wird, so dass der Zuschauer Zeit hat über das Geschehen nachzudenken 51 . Die Ironie der Äußerung „eine Heldentat zuviel“ ist nicht zu übersehen. Auch der Friede als Bedrohung („Der Frieden droht Mutter Courages Geschäft zu ruinieren“) zeigt sich hier schon; es wird ein Verfremdungseffekt (= V-Effekt) erzeugt, da der Zuschauer von einem positiven Verständnis des Begriffs „Frieden“ ausgeht.
- die Sprache: Umwertungen in der Sprache finden sich, z.B. wenn über den Frieden gesprochen wird (z.B. „Sagen Sie mir nicht, daß Friede ausgebrochen ist“ anstelle von „der Krieg ist ausgebrochen“).
- Widersprüchlichkeiten z.B. in der Bewertung von Eilifs Tat: im Krieg eine Heldentat (vgl. Bild 2), im Frieden ein Verbrechen, für das Eilif hingerichtet wird 52 .
- Unterbrechung und Kommentar der Handlung durch das Lied: „Von Ulm nach Metz“ 53 . Das fröhliche Geschäftslied der Courage, in dem sie den Krieg als ihren Brotgeber besingt („Der Krieg wird seinen Mann ernähren“) widerspricht der unmittelbar vorangegangenen Handlung in Bild 8): Eilif wird gerade hingerichtet. Weiterhin besteht ein Widerspruch zwischen dem Song und dem ganzen Stück, denn wie der Ausgang zeigt, ernährt der Krieg „seinen Mann“ eben nicht, sondern bringt ihm den Tod. Die „wichtigste Funktion“ der Songs besteht somit in der „Verfremdung der Handlung“ 54 . Diese Widersprüche, Umwertungen der Sprache, V-Effekte sollen den Zuschauer anregen kritisch nachzudenken. Jedes Mal, wenn der Zuschauer befremdet ist, muss er sich fragen: Stimmt das? Ist das so? Was sollte man an diesen Zuständen/Verhaltens-weisen ändern?
51 vgl. Hecht: Brechts Theorie, S. 127.
52 vgl. Brecht: Mutter Courage, S. 87, 22.
53 ebd., S. 89.
54 Thiele, S. 54.
9
Auch ihr drittes Kind verliert die Courage, weil sie gerade mit ihren Waren beschäftigt ist
55 . Die Tochter Kattrin opfert sich, um die Stadtbewohner zu retten.
Dass Mutter Courage den Konflikt zwischen Handel und Menschlichkeit zugunsten des Handels entscheidet, wird in Bild 5) ersichtlich; B recht legte Wert darauf, „ihre Gewinnsucht den Zuschauern abstoßend zu machen“ 56 : Mutter Courage weigert sich ihre
Hemden zu „opfern“, um den Verwundeten zu helfen - dieses Verhalten kann Kattrin nicht akzeptieren 57 . Mutter Courage zeigt ihre Einstellung sowohl durch Worte („Ich geb nix.
Die zahlen nicht, warum, die haben nix“) als auch durch ihre Körpersprache ( sie verwehrt Kattrin den Eintritt in den Wagen, indem sie sich auf die Wagentreppe setzt 58 ). In der Verfilmung der Theaterinszenierung des Berliner Ensembles von 1960 59 wird die
kurzfristige innere Zerrissenheit der Courage zusätzlich anhand der Bewegungen auf der Bühne veranschaulicht: aus Sorge um Kattrin läuft sie ihr nach; aus Sorge um ihre Waren aber gleich wieder zurück zum Wagen.
Im Verlauf des Stücks gibt Brecht zu erkennen, dass es gerade die Menschlichkeit und andere Tugenden sind, die in dieser Welt ins Verderben führen. In Bild 9) wird im Salomon-Song über die Gefährlichkeit der Tugenden reflektiert. Es werden historische Persönlichkeiten aufgezählt, denen die Tugenden den Tod bringen, wobei man den kühnen Cäsar mit Eilif, den redlichen Sokrates mit Schweizerkas und den selbstlosen Martin mit Kattrin vergleichen kann. In Bild 1) wurden den Kindern der Courage Tugenden zugeordnet: Eilif ist „klug“ und „kühn“, Schweizerkas „redlich“ und Kattrin hat ein „gutes Herz“.
Diese Tugenden bringen den Kindern den Tod: Eilif stirbt aufgrund seiner Kühnheit (Heldentaten), Schweizerkas aufgrund seiner Redlichkeit (er will die Regimentskasse in Sicherheit bringen), Kattrin aufgrund ihres Mitleids für die Stadtbewohner 60 . Das Verhalten
der Mutter Courage im ganzen Stück, der Verlust ihrer Menschlichkeit, wird durch diesen Song nachvollziehbar. Menschlichkeit würde ihrem Geschäft den Ruin bringen und damit
55 vgl. Brecht: Mutter Courage, S. 99.
56 Hein, S. 65.
57 vgl. Brecht: Mutter Courage, S. 62.
58 ebd., S. 61-62.
59 Palitzsch/ Wekwerth, DDR, 1960.
60 Jens, Walter, S. 106.
10
auch ihren Kindern, denn das Geschäft stellt ihre Lebensgrundlage dar. Der Song widerspricht jedoch der unmittelbaren Handlung in Bild 9): Mutter Courage entscheidet sich für Kattrin - ausnahmsweise überwiegt hier die Menschlichkeit. Der Koch hingegen rechtfertigt durch den Song seine Entscheidung gegen Kattrin. Dabei ist ihm - und auch Mutter Courage - bewusst, dass die Schlechtigkeit der Welt die Ursache für die Gefährlichkeit der Tugenden ist. Die Welt „müsst nicht so sein“, doch Mutter Courage unterstützt mit ihrem Handel den Krieg noch. Die Welt zu verändern ist die von Brecht intendierte Aufgabe des Zuschauers; dieser soll sich überlegen, wie die Figuren des Stücks hätten besser handeln können, z.B. durch eine „Absage an den Krieg in Form des Verzichts auf das Marketendergeschäft“ 61 . Der Zuschauer kann „Verhaltensarten einfügen,
die der andere selber gar nicht fände“; dieser Vorgang wird als „eingreifendes Denken“ bezeichnet 62 .
Betrachtet man abschließend das ganze Stück, so zeigt sich durchgängig die dialektische „Spannung zwischen Geschäftstrieb und Mutterliebe“ 63 . Obwohl ihre Entscheidungen
zugunsten des Handels ihren drei Kindern den Tod gebracht haben, hat sie - wie in Bild 12) deutlich wird - am Schluss nichts dazugelernt.
2.2. Bedingungsanalyse
Nach der kritisch-konstruktiven Didaktik im Sinne Wolfgang Klafiks steht vor der konkreten Planung einer Unterrichtsreihe die Bedingungsanalyse 64 . Dabei wird auf äußere Umstände wie „Restriktionen und Handlungsspielräume von Lehrer und Schülern“ 65
eingegangen, die sich auf den Unterricht auswirken. Der Aufbau der Bedingungsanalyse in Kapitel 2.2.1. - 2.2.3. erfolgt in Anlehnung an die Anleitung aus dem Hauptseminar 66 .
61 Hinderer, S. 95.
62 Hecht: Brechts Theorie, S. 344.
63 Hinderer, S. 98.
64 vgl. Klafki, Wolfgang: Neue Studien, S. 273.
65 Meyer: Leitfaden zur Unterrichtsvorbereitung, S. 248.
66 Anleitung zur Erstellung eines ausführlichen Unterrichtsentwurfs, Studienseminar Dortmund, Teil 2.
11
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Heidrun Launicke (geb. Rothmaier), 1999, Mutter Courage im Konflikt zwischen Handel und Menschlichkeit, Munich, GRIN Publishing GmbH
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