Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG UND FRAGESTELLUNG 4
1.1 HINWEISE ZUM METHODISCHEN VORGEHEN. 6
1.2 BEDEUTUNG FÜR DIE SOZIALE ARBEIT. 7
2 BEGRIFFSKLÄRUNGEN. 10
2.1 PRIMÄRER ANALPHABETISMUS 10
2.2 SEKUNDÄRER ODER FUNKTIONALER ANALPHABETISMUS 10
2.3 ILLITERALITÄT 11
2.4 ILLETTRISMUS 12
3 VERBREITUNG VON ANALPHABETISMUS UND ILLETTRISMUS 13
3.1 WELTWEITE VERBREITUNG VON ANALPHABETISMUS. 13
3.2 VERBREITUNG VON ILLETTRISMUS IN INDUSTRIENATIONEN 14
3.3 LESE- UND SCHREIBKOMPETENZEN IN DER SCHWEIZ 15
3.3.1 Die pädagogische Rekrutenprüfung. 15
3.3.2 Programme for International Student Assessment (PISA) 16
3.3.3 Die International Adult Literacy Survey (IALS) 18
3.3.4 Die Adult Literacy and Lifeskills Survey (ALL) 19
3.4 DIE ROLLE VON IMMIGRANTINNEN UND IMMIGRANTEN. 20
4 ENTWICKLUNG LESEN UND SCHREIBEN 22
4.1 ENTWICKLUNG LESEN UND SCHREIBEN AB DEM 17. JAHRHUNDERT 22
4.1.1 Lesefähigkeit 22
4.1.2 Schreibfähigkeit 23
4.1.3 Orthographie 24
4.1.4 Bibliotheken 25
4.1.5 Geschlechtsspezifische Entwicklung in der Alphabetisierung 25
4.1.6 Der Einfluss der Kirche auf den Alphabetisierungsprozess. 26
4.2 BEDEUTUNG VON LESE-N UND SCHREIBEN-KÖNNEN HEUTE 27
4.3 DIE „WIEDERENTDECKUNG“ VON ILLETTRISMUS IN DEN 1980ER JAHREN 29
5 ENTSTEHUNGSBEDINGUNGEN FÜR ILLETTRISMUS IN DER SCHWEIZ. 31
5.1 ENTSTEHUNGSBEDINGUNGEN FÜR LESE- UND SCHREIBSCHWÄCHEN 31
5.1.1 Individuelle Faktoren und äussere Umstände. 31
5.1.2 Soziale Verhältnisse 31
5.1.3 Schule. 33
5.1.4 Leseaktivitäten privat und beruflich 35
5.2 SOZIODEMOGRAPHISCHE MERKMALE UND LESEKOMPETENZEN 36
5.2.1 Ausbildung 37
5.2.2 Ausbildungsniveau der Eltern. 37
5.2.3 Sprache und Ausbildungsort 37
5.2.4 Geschlecht. 38
5.2.5 Alter 38
6 AUSWIRKUNGEN VON ILLETTRISMUS. 40
6.1 AUSWIRKUNGEN IM PERSÖNLICHEN BEREICH 40
6.2 AUSWIRKUNGEN IM SOZIALEN UMFELD 41
6.3 AUSWIRKUNGEN IM ÖFFENTLICHEN LEBEN. 41
6.4 AUSWIRKUNGEN IM AUSBILDUNGSBEREICH 42
7 SCHLUSSFOLGERUNGEN UND AUSBLICK 44
7.1 ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE UND SCHLUSSFOLGERUNGEN. 44
7.2 AUSBLICK. 48
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1 Einleitung und Fragestellung
In der Schweiz leben heute gemäss den neusten Untersuchungen bis zu 30'000 sogenannte funktionale Analphabetinnen und Analphabeten. Dies scheint auf den ersten Blick eine erstaunlich hohe Zahl zu sein. Mit der allgemeinen Schulpflicht seit 1912 ging man nämlich bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts davon aus, dass jede Person, die die obligatorische Schulzeit abgeschlossen hat, auch genügend gut lesen und schreiben könne, denn im Gegensatz zum Mittelalter, wo Lesen und Schreiben einer Minderheit vorbehalten war, gilt es heute in der westlichen Welt als „Kulturtechnik“ und wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Die Partizipation an kulturellen Aktivitäten im Alltag, Arbeits- und Lebensbereich und somit umfassend am gesellschaftlichen Leben ist abhängig vom Beherrschen der Schriftsprache (vgl. STAUFFACHER 1992, S. 19-21).
Als „typische“ Personengruppen, die überhaupt nicht lesen und schreiben konnten, galten im 20. Jahrhundert höchstens noch sogenannte „Randgruppen“ wie Behinderte, Fahrende oder fremdsprachige Immigrantinnen und Immigranten aus 3.-Welt-Ländern, die aus verschiedenen Gründen nie eine Schule besuchen konnten. Dass die Wahrnehmung über fremdsprachige Immigrantinnen und Immigranten in der Öffentlichkeit verzerrt ist und Illettrismus vor allem Schweizerinnen und Schweizer betrifft, die ihre Schulbildung in der Schweiz genossen haben, ist längst bekannt (vgl. VEREIN LESEN UND SCHREIBEN FÜR ER- WACHSENE 1987,S. 4-6).
Die Schule hatte und hat die Aufgabe, den Kindern neben anderen Grundfertigkeiten Lesen und Schreiben beizubringen. Seit Bestehen der allgemeinen Schulpflicht nahm man an, das Problem des Analphabetismus beseitigt zu haben. Schweizer Schulen und Bildungsabschlüsse besassen einen hohen Stellenwert, auch im Ausland. Dass in der Schweiz Kinder im Vergleich zu anderen europäischen Ländern eher spät eingeschult werden, schien kein Nachteil zu sein.
Seit ein paar Jahren ist es durch Ergebnisse aus verschiedenen Studien und Untersuchungen wie die PISA-Studie vermehrt in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt, dass es auch in der Schweiz Jugendliche und Erwachsene gibt, die nach Erfüllung der obligatorischen Schulpflicht über ungenügende Lese- und Schreibkompetenzen verfügen. Illettrismus
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scheint in allen westlichen Industrieländern in den letzten Jahrzehnten wieder eine konstante, wenn nicht gar leicht ansteigende Grösse zu sein: Am Ende der obligatorischen Schulzeit ist ein Drittel der Schülerinnen und Schüler nicht in der Lage, einen einfachen Text zu verstehen und zu interpretieren 1 und weiteren 20% gelingt dies nur knapp (vgl. VANHOOY- DONCK/GROSSENBACHER 2002,S. 7 und AUFDEREGGEN 1999, S. 20).
Diese neu entdeckten Beeinträchtigungen der schriftlichen Kommunikation scheinen in einem seltsamen Widerspruch zu stehen: Unsere Gesellschaft erhält einerseits immer mehr Zugang zu Information, andererseits findet ein Verlust von Sprachausdrucksvermögen statt. Wirtschaftlicher und sozialer Wandel stellt steigende Anforderungen an Menschen, auch im Bereich ihrer Fähigkeiten, mit schriftlichen Informationen in ihrem Alltag umzugehen. Zwischen diesen Anforderungen und den entsprechenden Kompetenzen der Bevölkerung bestehen Diskrepanzen, wie internationale Studien, wie z.B. die PISA-Studie, die seit den neunziger Jahren durchgeführt werden, zeigen. Das Phänomen Illettrismus ist also heute wieder sehr aktuell.
Weil mich dieses Phänomen interessierte, lautet die Hauptfragestellung:
- Welche Entstehungsbedingungen führen zu Illettrismus in der Schweiz?
Daneben lassen sich folgende Nebenfragestellungen ableiten:
- Welche Rolle spielt die Schule bei der Entstehung von Illettrismus? Gibt es schulische Bedingungen und Verhältnisse, welche dieses Phänomen verursachen oder begünstigen?
- Welches sind die soziodemographischen Merkmale von Menschen, die ungenügend lesen und schreiben können?
- Welche Auswirkungen hat Illettrismus für die Betroffenen?
1 Die Betroffenen sind zum Beispiel nicht in der Lage, aus einem einfachen Text Informationen zu entneh- wie beispielsweise die empfohlene Dauer der Einnahme eines Medikamentes aus dem Beipackzettel.
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1.1 Hinweise zum methodischen Vorgehen
Ziel dieser Diplomarbeit ist es, eine Übersicht über das Thema Illettrismus in der Schweiz zu vermitteln. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt dabei auf den Entstehungsbedingungen, die zu Illettrismus führen.
Die Wissensaneignung basiert vor allem auf Literatur resp. Ergebnissen von Studien und Untersuchungen. Mit einer hermeneutischen Herangehensweise wird die zum Thema vorhandene Literatur studiert. Dadurch wird die Fragestellung systematisch bearbeitet. Indem Studien aus den letzten fünf bis zehn Jahren herangezogen werden, können auch empirische Daten verwendet und dargelegt werden. Der Inhalt wird in 7 Kapitel gegliedert, die sich wie folgt darstellen:
Nach der Einleitung mit der Fragestellung, der Relevanz des Themas für die Soziale Arbeit und den Begriffsdefinitionen im zweiten Kapitel, zeige ich in Kapitel drei die weltweite Verbreitung von Analphabetismus auf. Anschliessend wird die „Wieder-Entdeckung“ und prozentuale Verbreitung von Illettrismus in einigen ausgewählten Industrienationen dargestellt. Daraufhin wird der Stand der heutigen Lese- und Schreibkompetenzen in der Schweiz anhand von Ergebnissen aus kürzlich durchgeführten Studien und Untersuchungen beschrieben. Zum Schluss dieses Kapitels gehe ich noch auf die Rolle von Immigrantinnen und Immigranten bei den Ergebnissen ein.
Im 4. Kapitel stelle ich dar, wie sich Lesen und Schreiben seit dem 17. Jahrhundert historisch entwickelt hat und welche Bedeutung diese Fähigkeiten in der heutigen Gesellschaft haben. Dabei wird die Entwicklung von Lese- und Schreibkenntnissen in der Bevölkerung in separaten Unterkapiteln beschrieben, da die historische Entwicklung von Lesen nicht mit der Entwicklung von Schreiben gleichzusetzen ist. Kurz erläutere ich auch geschlechtsspezifische Aspekte sowie den Einfluss der Kirche auf den Alphabetisierungsprozess in der Schweiz. Am Ende dieses Kapitels beschreibe ich die „Wiederentdeckung“ von Illettrismus in den 80er Jahren in der Schweiz.
Das Kapitel 5 stellt den Schwerpunkt dieser Arbeit dar. In diesem Kapitel untersuche ich die Entstehungsbedingungen für Illettrismus näher. Einige der in der Literatur vorhandenen Erklärungsansätze wie persönliche, familiäre und schulische Einflussfaktoren werden vor-
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gestellt. Anschliessend werden die soziodemographischen Merkmale der Personen, die von Illettrismus betroffen sind, näher beschrieben. Es wird aufgezeigt, welchen Einfluss Merkmale wie Ausbildung, Sprache, Geschlecht und Alter auf die Entstehung von Illettrismus haben.
Kapitel 6 beschreibt die Auswirkungen, die Illettrismus im Leben von Betroffenen verursacht. Der persönliche Bereich, das soziale Umfeld, das öffentliche Leben und der Aus- und Weiterbildungsbereich ist dabei betroffen. Es wird dargestellt, wie vielfältig und umfassend die Beschränkungen für die Personen sind, die von Illettrismus betroffen sind.
Im 7. und letzten Kapitel fasse ich die Ergebnisse zusammen und ziehe Schlussfolgerungen aus den Erkenntnissen der vorigen Kapitel. Ich führe aus, wo Illettrismus in der Schule und Familie präventiv angegangen werden kann und nenne Massnahmen in der Schule, Familie oder im Aus- und Weiterbildungsbereich, die zur Bekämpfung von Illettrismus getroffen werden können. Im Ausblick zeige ich kurz Schwächen und Lücken in den untersuchten Studien auf und führe auf, welche Zusammenhänge zukünftige Studien untersuchen könnten.
Die Literaturliste schliesst diese Arbeit ab.
1.2 Bedeutung für die Soziale Arbeit
Durch die ständige technische Entwicklung wurde es notwendig, den Bildungsstand der gesamten Bevölkerung anzuheben. Unsere Gesellschaft hat sich zu einer Kommunikationsbzw. Informationsgesellschaft entwickelt. Das Beherrschen von Lesen und Schreiben wird immer wichtiger, um sich in unserer Gesellschaft zu orientieren und an sozialen, kulturellen und politischen Aktivitäten teilzunehmen. Das Beherrschen von Lesen und Schreiben ist also mit gesellschaftlicher Partizipation eng verknüpft, wie dies am Beispiel Ausbildung und Erwerbsarbeit deutlich wird:
Das Ausbildungsniveau ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen. Betroffene mit ungenügenden Lese- und Schreibkompetenzen haben es heute aller Wahrscheinlichkeit nach schwer, einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen. Niedrige Schulabschlüsse werden deklassiert in dem Sinn, dass sie nicht mehr hinreichen für den Eintritt in eine qualifizierte berufliche Position und damit für ein bestimmtes Einkommen und Ansehen. Sie wer-
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den somit faktisch zum Ausschliessungskriterium. Wenn also der Zugang zu Weiterbildungsmöglichkeiten aufgrund Lese- und Schreibschwächen beschränkt ist oder von Illettrismus Betroffene nach einer Entlassung weniger gut in neue Arbeitsstellen vermittelt werden können, droht die Gefahr, von qualifizierter Erwerbsarbeit längerfristig ausgeschlossen zu werden. Als Folge davon drohen Armut, Verwahrlosung oder Devianz.
Auch in anderen Bereichen sind Personen mit ungenügenden Lese- und Schreibkenntnissen benachteiligt, da die Teilhabe an kulturellen oder politischen Aktivitäten in der Gesellschaft oft auf schriftlichen Informationen beruht (z.B. politische Wahlen, Fahrpläne, kulturelle Ereignisse, etc.). Wenn Bürgerinnen und Bürger diese Informationen aufgrund mangelnder Lese- und Schreibkenntnissen nicht mehr interpretieren oder verstehen können, werden sie von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgegrenzt und sind somit sozial benachteiligt.
20% der Schweizer Bevölkerung mit klar ungenügenden und weiteren 20-30% mit geringen Schriftsprachkompetenzen stellen einen grossen Anteil der Bevölkerung dar, die über ungenügende Lese- und Schreibkompetenzen verfügen. Durch die Verbreitung dieses Problems kann dies nicht mehr als ein Defizit einzelner Personen gesehen werden, sondern muss als gesellschaftliches, als ein soziales Problem definiert werden, das in der Gesellschaft noch weitgehend tabuisiert ist.
Hier muss Soziale Arbeit ansetzen. Ihre Aufgabe ist es, Illettrismus als soziales Problem zu erkennen und die Öffentlichkeit für dieses Thema zu sensibilisieren, damit Möglichkeiten zu Austausch und Diskussion geschaffen werden. Die Integration von sozial Benachteiligten in unsere Gesellschaft, also auch Personen mit Lese- und Schreibschwächen, muss gewährleistet werden. Der Zugang zu sozialen, kulturellen oder politischen Aktivitäten in unserer Gesellschaft muss für alle bestehen, d.h., den Bedingungen, die zur Ausgrenzung von Menschen führen, muss entgegengewirkt werden. In handlungsorientierten Gebieten der Sozialen Arbeit wie der Familienhilfe oder der Schulsozialarbeit haben Fachkräfte aus Sozialarbeit oder Sozialpädagogik die Möglichkeit, mit Betroffenen in Kontakt zu treten und sie auf entsprechende Angebote für Jugendliche und Erwachsene aufmerksam zu machen, wo diese ihre Lese- und Schreibkenntnisse verbessern können. Familien müssen in ihren sozialen Problemen dahingehend unterstützt werden, ihnen bei der Lösung derselben behilflich zu sein, damit zu Hause ein anregendes Lern-Umfeld frei von Belastungen geschaffen werden kann.
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Als Wissenschaft ist die Soziale Arbeit gefordert, Illettrismus als soziales Problem wahrzunehmen, zu definieren, öffentlich bekannt zu machen und somit einen Diskurs über dieses Phänomen in Gang zu setzen. Für die Zukunft braucht es Konzepte, die der Prävention und Bekämpfung von Illettrismus dienen.
Bereits gibt es erste wissenschaftliche Ansätze, die die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Aktivitäten und ungenügenden Lese- und Schreibkenntnissen untersucht haben. Das ungenügende Beherrschen von Lesen und Schreiben hat demnach in der Schweizer Bevölkerung einen direkten Zusammenhang mit geringeren gesellschaftlichen Aktivitäten wie den Besuch von Bibliotheken, der Mitarbeit in einer gemeinnützigen Organisation, das Verfolgen von politischen Ereignissen, der Beteiligung am Arbeitsmarkt oder einer erhöhten Gefahr der Arbeitslosigkeit (vgl. NOTTER/BONERAD/STOLL 1999, S. 141-170).
Die Zusammenhänge zwischen Lese- und Schreibschwächen und gesellschaftlicher Partizipation oder Auswirkungen für die Betroffenen benötigen jedoch noch weitere wissenschaftliche Untersuchungen. Für die Zukunft wäre es wünschenswert, die Zusammenhänge zwischen Lese- und Schreibschwächen und den Auswirkungen, abweichendem Verhalten oder gesellschaftlicher Partizipation der Betroffenen wissenschaftlich weiter zu untersuchen. Somit können auch Konzepte für die Prävention sowie Massnahmen für bereits Betroffene entwickelt werden.
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2 Begriffsklärungen
2.1 Primärer Analphabetismus
Der Begriff „Analphabet/in“ leitet sich vom griechischen Wort άναλφάβητος ab - wörtlich bezeichnet er eine Person, die weder Alpha noch Beta kennt, die also des Lesens und Schreibens unkundig ist. 1792 erschien das Wort im Juristischen Wörterbuch eines Notars, was darauf schliessen lässt, dass es im juristischen Sprachgebrauch verwendet wurde. In der deutschsprachigen Literatur erscheint der Begriff Analphabet/Analphabetin nicht vor dem 20. Jahrhundert. Analphabetinnen und Analphabeten können also nicht lesen und schreiben, weil sie das Alphabet, also die einzelnen Buchstaben, nie gelernt haben. Diese Art von Analphabetismus wird auch als primärer Analphabetismus bezeichnet. In industrialisierten Ländern ist der Anteil an primären Analphabetinnen und Analphabeten tatsächlich eher gering und es existieren kaum Untersuchungen dazu. Analphabetismus ist eine kulturabhängige und historisch wandelbare Grösse. Mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht in der Schweiz galt das Problem des Analphabetismus als behoben und es wurde lange Zeit keine Erhebungen zur Analphabetenquote gemacht. 1912 galt als alphabetisiert, wer seinen Namen schreiben konnte. Die Anforderungen an das Beherrschen von Lesen und Schreiben sind gewachsen. Heute wird an anderen Kriterien gemessen, wer als alphabetisiert gilt 2 (vgl. GENZ 2004, S. 40-55).
2.2 Sekundärer oder funktionaler Analphabetismus
Es gibt keine einheitliche Definition des Begriffs Analphabetismus und es finden sich verschiedene Definitionsansätze mit jeweils anderem Schwerpunkt:
a) Lese- und Schreibkenntnisse: Analphabetinnen und Analphabeten sind Menschen, die einen einfachen, kurzen Text im Zusammenhang mit ihrem täglichen Leben nicht verstehend lesen und schreiben können. Diese Definition wird seit 1958 von der UNESCO verwendet (vgl. STAUFFACHER 1992, S. 18 und VANHOOYDONCK/GROSSENBACHER 2002, S. 25).
b) formales und effektives Bildungsniveau: Hier ist die Anzahl Schuljahre, die eine Person absolviert hat, entscheidend, d.h. ob ein Mensch das Leistungsvermögen einer bestimmten Schulstufe erreicht hat oder nicht. In England wird die Grenze folgendermassen gezogen: Wer beim Lesen und Schreiben das Niveau eines Drittklässlers bzw. einer Drittklässlerin
2 Siehe die Begriffserläuterungen im nachfolgenden Kapitel.
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Arbeit zitieren:
Claudine Haller, 2006, Illettrismus - ein soziales Problem? Zu den Entstehungsbedingungen und Auswirkungen eines wiederentdeckten Phänomens in der Schweiz, München, GRIN Verlag GmbH
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