In dem Hauptseminar „Semantische Kontextualisierung“ haben wir uns mit den Mitteln in natürlicher Sprache beschäftigt, mit denen auf die Sprechsituation verwiesen wird. Es wurde herausgearbeitet, dass die Informationen, die wir zum Verstehen einer Äußerung benötigen, nicht allein in den Wörtern steckt, die wir benutzen, sondern dass man die „wahre“ Information erst durch Kontextualisierung erhält. Dieser Begriff ist in der pragmatischen Interaktionsanalyse entstanden. Wir geben mit Sprache immer Informationen allgemeiner Art; Lücken sind auszufüllen durch Kontextualisierung. Dies ist das Verfahren, mit dem Interaktionsteilnehmer Kontext für Sprechsituationen schaffen. Dadurch werden so genannte Frames (=komplex strukturierte Wissenseinheiten) aus dem Hintergrundwissen verfügbar gemacht. Nur so ist die Interpretation einer konkreten Äußerung möglich. Die Teilnehmer müssen beispielsweise einander deutlich machen, dass sie überhaupt miteinander kommunizieren, in welchen Rahmen ihre Äußerungen einzuordnen sind, worauf sie sich konkret beziehen usw. Dazu werden Kontextualisierungsmittel benötigt: Die so genannten Kontextualisierungshinweise. Das können zum Beispiel Blickverhalten, Stimmgestaltung, Benutzung konventioneller Ausdrucksweisen oder sprachlicher Mittel wie Konjunktionen (aber, daher etc.) sein oder so unscheinbare Hinweise wie bestimmte Artikel. Die Bedeutung eines Kontextualisierungshinweises ergibt sich aus dem Zusammenspiel mit anderen Hinweisen. Durch diese Mittel wird der relevante Kontext für die Interpretation angezeigt beziehungsweise hergestellt und somit die konkrete Interpretation in eine bestimmte Richtung gelenkt. Einen wesentlichen Aspekt in diesem Zusammenhang stellt die Deixis dar. Unter Deixis versteht man alle Phänomene, die Bezug auf die Sprechsituation nehmen. Dies geschieht durch Gesten oder sprachliche Ausdrücke, die auf Situationselemente verweisen. Die Deixis gilt als ein semantisches Themenfeld, das -wie im Verlauf dieser Arbeit deutlich wird- eng mit dem Gesichtspunkt der Kontextualisierung verknüpft ist. Im ersten Teil werden die Begriffe „Kontextualisierung“ und „Deixis“ eingehender erläutert. Im zweiten Teil der Arbeit wird erklärt, welche Kontextualisierungsebenen und Deixiskategorien es gibt und dabei der Bezug zwischen den beiden Aspekten hergestellt. Die theoretischen Überlegungen werden dann im dritten Teil auf ein aufgezeichnetes Telefongespräch angewandt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. „Kontextualisierung“ und „Deixis“
1.1 Das Konzept der Kontextualisierung
1.2 Die Deixis
2. Die Ebenen der Kontextualisierung und die Hauptkategorien der Deixis
2.1 Reden wir (gerade) miteinander? (Erste Ebene)
2.2 Wer redet (gerade) mit wem? (Zweite Ebene)
2.3 Was tun wir (gerade) miteinander? (Dritte Ebene)
2.4 Worüber reden wir (gerade) miteinander? (Vierte Ebene)
2.5 Wie stehen wir (gerade) zueinander? (Fünfte Ebene)
3. Analyse eines Gesprächs im Bezug auf die Aspekte der Deixis
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Zusammenspiel von Kontextualisierung und Deixis in natürlicher Sprache. Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie Sprecher durch deiktische Ausdrücke und Kontextualisierungshinweise aktiv Situationen konstruieren und dadurch ihre Äußerungen für andere interpretierbar machen. Dies wird anhand eines aufgezeichneten Telefongesprächs praktisch analysiert.
- Grundlagen der Kontextualisierung und Frames
- Definition und Kategorien der Deixis nach Levinson
- Die fünf Ebenen der Kontextualisierung nach Auer
- Integration von Deixis in die interaktive Problemlösung
- Anwendung der theoretischen Ansätze auf ein authentisches Telefongespräch
Auszug aus dem Buch
1.2 Die Deixis
Bei den folgenden Ausführungen über Deixis beziehe ich mich auf das Buch „Pragmatics“ von Stephen C. Levinson. Die Deixis gilt als Bindeglied zwischen Semantik und Pragmatik, insofern als die Referenz deiktischer Ausdrücke nur aus der jeweils pragmatisch situierten Sprechsituation heraus ermittelbar ist. In ihr spiegelt sich die Beziehung zwischen der Struktur der Sprache und den Kontexten, in denen sie verwendet wird, wider. So lassen sich den isolierten Aussagen „Ich habe Hunger“ und „Heute ist Vollmond“ keine Wahrheitswerte zuordnen, da ihre Interpretation abhängig ist von wem, wann oder wo sie jeweils geäußert werden. „Deixis“ leitet sich vom griechischen Wort für „zeigen“ ab und bedeutet, dass mit Gesten oder sprachlichen Ausdrücken auf bestimmte Situationselemente verwiesen wird. Als Deixis bezeichnet man somit die Elemente in der Sprache, mit denen ein direkter Bezug zum Äußerungskontext hergestellt wird.
Oder anders gesagt: Die Deixis umfasst die Möglichkeiten, wie Sprachen Aspekte des Äußerungskontextes enkodieren. Die Interpretation der jeweiligen Äußerung hängt somit auch stark von der Analyse des Äußerungskontextes ab. Nur bei richtiger Analyse des Kontextes eines Sprechakts können deiktische Begriffe richtig interpretiert werden. Als Definition ergibt sich also: Deixis ist die Bezugnahme durch Ausdrücke, deren Interpretation relativ zum außersprachlichen Kontext der Äußerung steht.
Alles, was wir sagen, bezieht sich in irgendeiner Weise auf die Welt, ist immer in irgendeiner Hinsicht situationsbezogen. Dieser Bezug auf eine sprachexterne Situation wird hergestellt durch „deiktische Ausdrücke“. Sie beziehen sich insbesondere auf die Person-, Raum- und Zeitstruktur von Äußerungen in Abhängigkeit von der jeweils aktuellen Äußerungssituation. Es handelt sich hauptsächlich um Personalpronomen, Adverbialausdrücke, Temporalformen von Verben und Demonstrativpronomen. Sie erlauben es, sich mit demselben Begriff auf unterschiedliche Dinge zu beziehen. Zum Beispiel kann man mit dem Pronomen „dies“ verschiedene deiktische Ausdrücke paraphrasieren. „Dies“ kann viele unterschiedliche Bedeutungen haben, je nachdem in welcher Sprechsituation man sich gerade befindet.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Kontextualisierung als pragmatisches Verfahren und Vorstellung der Deixis als semantisches Themenfeld.
1. „Kontextualisierung“ und „Deixis“: Theoretische Herleitung der Konzepte Kontextualisierung nach Cook-Gumperz/Gumperz/Auer sowie der Deixis basierend auf Levinson.
2. Die Ebenen der Kontextualisierung und die Hauptkategorien der Deixis: Erläuterung der fünf Auer’schen Ebenen der Kontextualisierung und deren Verknüpfung mit den fünf Kategorien der Deixis.
3. Analyse eines Gesprächs im Bezug auf die Aspekte der Deixis: Praktische Anwendung der theoretischen Überlegungen auf die Transkription eines Telefongesprächs.
Schluss: Zusammenfassende Betrachtung der aktiven Rolle der Interaktionsteilnehmer bei der Konstitution von Kontext durch deiktische Ausdrucksmittel.
Schlüsselwörter
Kontextualisierung, Deixis, Pragmatik, Semantik, Interaktionsanalyse, Frames, Referenz, Sprechsituation, Personendeixis, Raumdeixis, Zeitdeixis, Diskursdeixis, Sozialdeixis, Kommunikationssituation, Kontextualisierungshinweise.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Interaktionsteilnehmer in natürlicher Sprache durch Kontextualisierungshinweise und deiktische Ausdrücke eine Kommunikationssituation strukturieren und verständlich machen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die pragmatische Interaktionsanalyse, das Konzept der Frames sowie die verschiedenen Arten der Deixis (Person, Ort, Zeit, Diskurs, Sozial).
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Sprecher aktiv Kontext konstruieren, um ihre Äußerungen interpretierbar zu gestalten, und dies anhand eines Telefongesprächs praktisch zu veranschaulichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein theoretisch-analytischer Ansatz gewählt, der Konzepte aus der Pragmatik (insbesondere von Auer und Levinson) auf ein selbst aufgezeichnetes, transkribiertes Gespräch anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erläuterung der Konzepte Kontextualisierung und Deixis, die Verknüpfung beider auf fünf verschiedenen interaktiven Ebenen sowie die praktische Gesprächsanalyse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Kontextualisierung, Deixis, Frames, Referenz und Sprechsituation charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Deixis in einem Telefongespräch von einer persönlichen Begegnung?
Beim Telefonat fehlt der visuelle Kanal, weshalb wichtige Kontextualisierungshinweise wie Blickverhalten oder F-Formation wegfallen und durch vermehrtes sprachliches, intonatorisches oder deiktisches Handeln kompensiert werden müssen.
Welche Rolle spielt das „deiktische Zentrum“ bei einem Rollenwechsel?
Beim Wechsel der Teilnehmerrollen verschieben sich die Koordinaten des deiktischen Zentrums (Sprecher, Zeit, Ort) auf die Position des neuen Sprechers, was für die korrekte Interpretation der Äußerungen essenziell ist.
- Arbeit zitieren
- Verena Roelvink (Autor:in), 2005, Kontextualisierung und Deixis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70385