Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
Einleitung 3
1. „Kontextualisierung“ und „Deixis“ 3
1.1 Das Konzept der Kontextualisierung 3
1.2 Die Deixis 5
2. Die Ebenen der Kontextualisierung und die Hauptkategorien der Deixis 7
2.1 Reden wir (gerade) miteinander? (Erste Ebene) 8
2.2 Wer redet (gerade) mit wem? (Zweite Ebene) 10
2.3 Was tun wir (gerade) miteinander? (Dritte Ebene) 11
2.4 Worüber reden wir (gerade) miteinander? (Vierte Ebene) 15
2.5 Wie stehen wir (gerade) zueinander? (Fünfte Ebene) 16
3. Analyse eines Gesprächs im Bezug auf die Aspekte der Deixis 17
Schluss. 22
Literaturverzeichnis 23
2
Einleitung
In dem Hauptseminar „Semantische Kontextualisierung“ haben wir uns mit den Mitteln in natürlicher Sprache beschäftigt, mit denen auf die Sprechsituation verwiesen wird. Es wurde herausgearbeitet, dass die Informationen, die wir zum Verstehen einer Äußerung benötigen, nicht allein in den Wörtern steckt, die wir benutzen, sondern dass man die „wahre“ Information erst durch Kontextualisierung erhält. Dieser Begriff ist in der pragmatischen Interaktionsanalyse entstanden. Wir geben mit Sprache immer Informationen allgemeiner Art; Lücken sind auszufüllen durch Kontextualisierung. Dies ist das Verfahren, mit dem Interaktionsteilnehmer Kontext für Sprechsituationen schaffen. Dadurch werden so genannte Frames (=komplex strukturierte Wissenseinheiten) aus dem Hintergrundwissen verfügbar gemacht. Nur so ist die Interpretation einer konkreten Äußerung möglich. Die Teilnehmer müssen beispielsweise einander deutlich machen, dass sie überhaupt miteinander kommunizieren, in welchen Rahmen ihre Äußerungen einzuordnen sind, worauf sie sich konkret beziehen usw. Dazu werden Kontextualisierungsmittel benötigt: Die so genannten Kontextualisierungshinweise. Das können zum Beispiel Blickverhalten, Stimmgestaltung, Benutzung konventioneller Ausdrucksweisen oder sprachlicher Mittel wie Konjunktionen (aber, daher etc.) sein oder so unscheinbare Hinweise wie bestimmte Artikel. Die Bedeutung eines Kontextualisierungshinweises ergibt sich aus dem Zusammenspiel mit anderen Hinweisen. Durch diese Mittel wird der relevante Kontext für die Interpretation angezeigt beziehungsweise hergestellt und somit die konkrete Interpretation in eine bestimmte Richtung gelenkt. Einen wesentlichen Aspekt in diesem Zusammenhang stellt die Deixis dar. Unter Deixis versteht man alle Phänomene, die Bezug auf die Sprechsituation nehmen. Dies geschieht durch Gesten oder sprachliche Ausdrücke, die auf Situationselemente verweisen. Die Deixis gilt als ein semantisches Themenfeld, das -wie im Verlauf dieser Arbeit deutlich wird- eng mit dem Gesichtspunkt der Kontextualisierung verknüpft ist. Im ersten Teil werden die Begriffe „Kontextualisierung“ und „Deixis“ eingehender erläutert. Im zweiten Teil der Arbeit wird erklärt, welche Kontextualisierungsebenen und Deixiskategorien es gibt und dabei der Bezug zwischen den beiden Aspekten hergestellt. Die theoretischen Überlegungen werden dann im dritten Teil auf ein aufgezeichnetes Telefongespräch angewandt.
1. „Kontextualisierung“ und „Deixis“
1.1 Das Konzept der Kontextualisierung
Unter „Kontext“ versteht man alle Elemente in einer Kommunikationssituation, die zur Interpretation einer Äußerung herangezogen werden. Diese Elemente können beispielsweise „sozial(...), situativ(...) [oder] sequentiell(...)“ 1 sein. In älteren Ansätzen zum Kontextbegriff wird der Kontext als gegeben vorausgesetzt. Das heißt, er ist unabhängig von der jeweiligen Interaktion und schon vor ihr vorhanden. Es wird davon ausgegangen, dass alle sprachlichen Äußerungen von ihrem Kontext abhängig sind, also der Kontext das
1 Auer, Peter: „Kontextualisierung“ (1986) in: „Studium Linguistik 19“
Diese Quelle wird im Folgenden unter Verwendung der Sigle >AU< und Angabe der Seitenzahl zitiert.
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sprachliche Verhalten der Teilnehmer beeinflusst. Im Jahr 1976 ist der Begriff der „Kontextualisierung“ entstanden, den Jenny Cook-Gumperz und John Gumperz geprägt haben. Ihre gegensätzliche Vorstellung zu den älteren Ansätzen erläutert Peter Auer in seinem Aufsatz „Kontextualisierung“. 2 Cook-Gumperz und Gumperz gehen davon aus, dass die Interaktionsteilnehmer nicht nur auf den Kontext reagieren, sondern selber aktiv sind und Kontext aufbauen. Ihrer Auffassung nach haben die Interaktionsteilnehmer die Aufgabe, mit Sprache Handlungen auszuführen und gleichzeitig interpretierbar zu machen. Dies geschieht durch das Konstruieren eines Kontextes, in den sie ihre sprachlichen Äußerungen einbetten. Dadurch werden nicht nur Informationen und Bedeutungen vermittelt, sondern wird auch Verstehen ermöglicht. Demzufolge betrachten Cook-Gumperz und Gumperz Kontext nicht als einfach gegeben, wie es andere Theorien tun, sondern als ein Ethnokonstrukt, das die Situation in ausreichender Weise definiert. Sie gehen also nicht davon aus, dass die Interaktionsteilnehmer vom Beginn ihres Kommunizierens an wissen, in welchem Kontext ihre Äußerungen stehen, sondern dass sie vielmehr Strategien benutzen, mit denen sie den Kontext während der Kommunikation anzeigen und konstruieren. Diese Verfahren, mit denen Interaktionsteilnehmer Kontext für Äußerungen schaffen, bezeichnen Cook-Gumperz und Gumperz als „Kontextualisierung“. Kontextualisierungsverfahren bestehen darin, dass in ihnen auf eine bestimmte Art sogenannte „Kontextualisierungshinweise“ eingesetzt werden, um Schemata aus dem Hintergrundwissen verfügbar zu machen. Unter einem Kontextualisierungshinweis versteht Auer ein „empirisch gegebene[s] (beobachtbare[s]) Datum, das der kontextualisierende Teilnehmer aus einem Zeichenvorrat sprachlicher oder nichtsprachlicher Art auswählt“. 3 Es ist ein Hinweis darauf, wie sprachliche Äußerungen zu interpretieren sind. Dies geschieht durch Prosodie, Blickverhalten, Kinetik und Proxemik, lexikalische Variation, sowie durch sprachliche Formulierungen. Was Auer in seinem Aufsatz „Schemata“ nennt, wird von anderen Sprachwissenschaftlern auch als „Frames“ bezeichnet. Gemeint sind komplex strukturierte Wissenseinheiten, die in bestimmten Situationen im Gehirn „geöffnet“ werden. Diese Wissensbestände sind eine wesentliche Grundlage des menschlichen Sprachverstehens, da sie die Interpretation von unvollständiger oder mehrdeutiger Information erleichtern. Frames beinhalten sowohl Wissensbestände über Abläufe als auch über komplexe Sachverhalte. Ein Frame besteht aus mehreren so genannten „Knoten“, welche zum Beispiel für Personen, Objekte oder Handlungen stehen können. Zwischen diesen einzelnen Attributen gibt es Zusammenhänge, aber auch klare Beschränkungen. Der Framebegriff nimmt Bezug auf Bestände des ständigen Wissens, des Weltwissens und des Allgemeinwissens, welches durch Erfahrung gewonnen wird und eine gewisse Kompetenz voraussetzt. Das bedeutet: Wenn ein Sprecher in einer Situation für die Interpretation eines Satzes ein Schema beziehungsweise Frame als Kontext indiziert, kann er normalerweise davon ausgehen, dass die Bestandteile dieses Frames für den Zuhörer verfügbar sind. Dies gilt zumindest für Mitglieder einer bestimmten Kulturgemeinschaft. In ein- und derselben Kulturgemeinschaft sind Frames nämlich weitgehend einheitlich strukturiert, wodurch sinnvolles Interagieren gewährleistet wird. Ist ein bestimmter Frame einmal kontextualisiert, so bedeutet das nach der Gumperz´schen Auffassung nicht, dass er für die ganze restliche Interaktion festgelegt ist. Frames sind
2 >AU<
3 >AU<, S. 24
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revidierbar, können aufgehoben und durch andere ersetzt oder auch variiert werden. Die Interaktionsteilnehmer müssen sich auf die Gültigkeit eines bestimmten Frames einigen. Kritische Punkte in einer Interaktion sind die Übergangsstellen zwischen den Frames. Deshalb vermehren sich an diesen Stellen die Anstrengungen der Teilnehmer, Kontext zu konstituieren. Die Kontextualisierungshinweise häufen sich also um den Beginn und um den Endpunkt der Framegültigkeit. Doch auch während eines Frames wird seine Relevanz fortlaufend durch Kontextualisierungshinweise bestätigt. So lässt sich erklären, dass viele Frames auch von Teilnehmern identifiziert werden können, die nicht von Beginn an an der Interaktion teilgenommen haben. Während Frames flexibel sind, haben semantische Kontextualisierungshinweise eine inhärente, feste Bedeutung. Trotzdem wird Kontextualisierung meist von mehreren Kontextualisierungshinweisen geleistet. Der Übergang von einem Frame zum nächsten kann beispielsweise sowohl von einer Veränderung der Körperhaltung als auch von einer Veränderung der Stimm-Lautstärke begleitet werden. Der Einsatz mehrerer Kontextualisierungshinweise ist deshalb sinnvoll, ja sogar notwendig, weil dadurch der Übergang von einem Frame zum anderen auch dann noch gesichert ist, wenn einer der Kanäle ausfällt, zum Beispiel bei einem Telefongespräch, bei dem der visuelle Kanal wegfällt.
1.2 Die Deixis
Bei den folgenden Ausführungen über Deixis beziehe ich mich auf das Buch „Pragmatics“ 4 von Stephen C. Levinson. Die Deixis gilt als Bindeglied zwischen Semantik und Pragmatik, insofern als die Referenz deiktischer Ausdrücke nur aus der jeweils pragmatisch situierten Sprechsituation heraus ermittelbar ist. In ihr spiegelt sich die Beziehung zwischen der Struktur der Sprache und den Kontexten, in denen sie verwendet wird, wider. So lassen sich den isolierten Aussagen „Ich habe Hunger“ und „Heute ist Vollmond“ keine Wahrheitswerte zuordnen, da ihre Interpretation abhängig ist von wem, wann oder wo sie jeweils geäußert werden. „Deixis“ leitet sich vom griechischen Wort für „zeigen“ ab und bedeutet, dass mit Gesten oder sprachlichen Ausdrücken auf bestimmte Situationselemente verwiesen wird. Als Deixis bezeichnet man somit die Elemente in der Sprache, mit denen ein direkter Bezug zum Äußerungskontext hergestellt wird. Oder anders gesagt: Die Deixis umfasst die Möglichkeiten, wie Sprachen Aspekte des Äußerungskontextes enkodieren. 5 Die Interpretation der jeweiligen Äußerung hängt somit auch stark von der Analyse des Äußerungskontextes ab. Nur bei richtiger Analyse des Kontextes eines Sprechakts können deiktische Begriffe richtig interpretiert werden. Als Definition ergibt sich also: Deixis ist die Bezugnahme durch Ausdrücke, deren Interpretation relativ zum außersprachlichen Kontext der Äußerung steht. Alles, was wir sagen, bezieht sich in irgendeiner Weise auf die Welt, ist immer in irgendeiner Hinsicht situationsbezogen. Dieser Bezug auf eine sprachexterne Situation wird hergestellt durch „deiktische Ausdrücke“. Sie beziehen sich insbesondere auf die Person-, Raum- und Zeitstruktur von Äußerungen in
4 Levinson, Stephen C.: „Pragmatics“ (1983), deutsche Übersetzung (M.Wiese, 2000), Niemeyer Diese Quelle wird im Folgenden unter Verwendung der Sigle >LE< und Angabe der Seitenzahl zitiert.
5 „Kodierung [engl. encoding]. … (2) In der Sprachwiss. (auch: Enkodierung): Umsetzung von Gedanken bzw. Intentionen in das sprachliche Zeichensystem des Sprechers, dem der Hörer beim komplementären Vorgang der →Dekodierung konventionalisierte Bedeutungen zuordnet. Der K.prozeß läuft simultan auf lexikalischer, syntaktisch-morphologischer und phonologischer Ebene ab und wird zugleich durch pragmatische (situationsspezifische) Aspekte gesteuert. …“ Quelle: Bußmann, Hadumod: „Lexikon der Sprachwissenschaft“, 2. Auflage 1990
5
Abhängigkeit von der jeweils aktuellen Äußerungssituation. Es handelt sich hauptsächlich um Personalpronomen, Adverbialausdrücke, Temporalformen von Verben und Demonstrativpronomen. Sie erlauben es, sich mit demselben Begriff auf unterschiedliche Dinge zu beziehen. Zum Beispiel kann man mit dem Pronomen „dies“ verschiedene deiktische Ausdrücke paraphrasieren. „Dies“ kann viele unterschiedliche Bedeutungen haben, je nachdem in welcher Sprechsituation man sich gerade befindet. Der deutsche Psychologe und Philosoph Karl Bühler beschrieb Deixis im Jahr 1934 folgendermaßen: "Jeder kann `Ich′ sagen, und wer immer das sagt, bezeichnet damit ein anderes Objekt als jeder andere". 6 Das heißt, deiktische Mittel sind nicht absolut zu sehen, sondern relativ zur Verwendung. Indem deiktische Elemente auf die Sprechsituation verweisen, dienen sie der Kontextualisierung von Äußerungen und machen diese interpretierbar. Somit zählen deiktische Ausdrücke zu den semantischen Kontextualisierungshinweisen. Mit ihrer Hilfe werden Frames aus dem Hintergrundwissen verfügbar gemacht. Für die meisten deiktischen Ausdrücke, also die sprachlichen Elemente, die primär deiktisch angewandt werden, gibt es auch nichtdeiktische Verwendungen. Das heißt, dass ihre Bedeutung nicht relativ zum Kontext der Äußerung definiert ist. Nach Levinson kann man deiktische Verwendungen in „gestische“ und „symbolische Verwendungen“ aufgliedern. Bei den nicht-deiktischen Verwendungen unterscheidet er zwischen „anaphorischen“ und „nicht-anaphorischen Verwendungen“. Deiktische Ausdrücke haben einen Situationsbezug während anaphorische Ausdrücke diskursbezogen sind. Gestisch verwendete deiktische Begriffe lassen sich nur durch die physische Beobachtung eines Sprechereignisses interpretieren. Beispielsweise Demonstrativpronomen, die von einer auswählenden Geste begleitet werden, wie: (1) Das möchte ich gerne haben.
Zur Interpretation von symbolischen Verwendungen deiktischer Ausdrücke muss man die grundlegenden räumlich-zeitlichen Parameter des Sprechereignisses kennen. Symbolische Verwendungen beziehen sich auf kontextuelle Koordinaten, die den Teilnehmern vor der Äußerung zugänglich sind. Um folgendes Beispiel interpretieren zu können, braucht man nur den allgemeinen Aufenthaltsort der Teilnehmer zu kennen: (2) Dieses Land ist traumhaft.
Eine nicht-deiktische anaphorische Verwendung liegt laut Levinson dann vor, „wenn ein Begriff dieselbe Entität (oder Klasse von Objekten) als Referenzobjekt auswählt, die früher im Diskurs bereits ein anderer Begriff ausgewählt hat.“ 7 Betrachten wir dieses Beispiel zur Verdeutlichung: (3) Giuseppe machte den Ofen an, und dann schob er die Pizza hinein.
Man interpretiert „er“ normalerweise so, dass es auf genau die Person referiert, auf die „Giuseppe“ referiert. Hier nun noch ein Beispiel für eine nicht-deiktische und nicht-anaphorische Verwendung: (4) Da hast du recht.
Es ist nicht zwingend so, dass ein deiktischer Begriff auf keinen Fall anaphorisch sein kann. Dass ein Begriff sowohl anaphorisch als auch deiktisch gebraucht werden kann, zeigt mein folgendes Beispiel: (5) Andreas lebt in Düsseldorf und fühlt sich dort sehr wohl.
6 Bühler, Karl: „Sprachtheorie - Die Darstellungsfunktion der Sprache“ (1934). Stuttgart/New York: Fischer (1982)
7 >LE<, S. 73
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Arbeit zitieren:
Verena Roelvink, 2005, Kontextualisierung und Deixis, München, GRIN Verlag GmbH
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