2. Einleitung
Roman Ingarden betreibt in seinem 1931 veröffentlichten Werk ,,Das literarische Kunstwerk“ neben einer Ontologie im Sinne der Kunstrezeption sowohl eine rein strukturelle als auch existentiell-ontologische Untersuchung literarischer Werke, um sie darüber hinaus in Bezug auf das Idealismus-Realismus-Problem in Frage zu stellen. Parallelen zu Husserls Phänomenologie lassen sich in verschiedener Weise erkennen. Besonders tritt hier die Idee einer rein intentionalen Gegenständlichkeit hinsichtlich eines Textes bzw. einer Gruppe zusammenhängender Sätze auf. Der Ausgangspunkt, auf den Ingarden seine Überlegungen gründet, geht maßgeblich von der bereits von Edmund Husserl formulierten Frage aus, wie die aus reiner Subjektivität geschaffenen Gegenständlichkeiten, die als ideale Objekte einer idealen ´Welt´ bezeichnet werden könnten, sich in der als real anzusprechenden Kulturwelt in einem zeitlich-räumlich gebundenen Dasein manifestieren. Nach Ingarden sind derartige Gebilde aus dem Bereich der Idealitäten aus der realen Welt auszuschließen. Während Husserl in seinem Werk ,,Formale und transzendentale Logik“ alle bisher angenommenen idealen Gegenstände für intentionale Gegenstände besonderer Art hält, so vertritt Ingarden die Unterscheidung in ideale Begriffe, ideale individuelle Gegenstände, Ideen und Wesenheiten.
Roman Ingarden spricht sich in seinem Werk explizit gegen eine psychologistisch gefärbte Wesensinterpretation literarischer Kunstwerke aus und distanziert sich somit von einer Fülle von Literaturkritikern, die das Zurückführen von Literatur auf ihren Kern mit dem für sie unausweichlichen psychologischen Ursprung der Zusammenhänge und deren Auflösung in Verbindung bringen. Damit schlägt er wiederum eine Brücke zu Edmund Husserl, der fordert, daß jemand, der Phänomenologie betreibt, sich von allen ,,natürlichen Wissenschaften“ frei machen muß und nichts voraussetzen darf, was für jene laut Husserl den Beginn ihrer Untersuchungen prägt: ,,Und wieder liegt darin, daß die reine Philosophie innerhalb der gesamten Erkenntniskritik und der ,,kritischen“ Disziplinen überhaupt von der ganzen in den natürlichen Wissenschaften und in der wissenschaftlich nicht organisierten natürlichen Weisheit und Kunde geleisteten Denkarbeit absehen muß und von ihr keinerlei Gebrauch machen darf.“1
[...]
______
1 E.Husserl, ,,Die Idee der Phänomenologie“, Hamburg 1986
Inhaltsverzeichnis
1. Biographisches zu Roman Ingarden
2. Einleitung
3. Das literarische Werk
3.1. Die Schicht der Gegenständlichkeiten
3.2. Die Schicht der schematisierten Ansichten
3.3. Die Rolle der Schicht der schematisierten Ansichten im literarischen Werk
3.4. Die Rolle der Gegenständlichkeiten
4. Kritische Betrachtung der Philosophie Ingardens
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das 1931 erschienene Hauptwerk "Das literarische Kunstwerk" von Roman Ingarden vor dem Hintergrund der phänomenologischen Erkenntnistheorie Edmund Husserls. Ziel ist es, die zentralen ontologischen Strukturen literarischer Werke, insbesondere die Schichten der Gegenständlichkeiten und der schematisierten Ansichten, objektiv darzulegen und kritisch einzuordnen.
- Phänomenologische Fundierung literarischer Ontologie
- Analyse der Schicht der Gegenständlichkeiten
- Untersuchung der schematisierten Ansichten
- Kritische Auseinandersetzung mit psychologistischen Literaturtheorien
- Bezugnahme zu Husserls Ideenlehre und Kants Erkenntnistheorie
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Schicht der Gegenständlichkeiten
Grundlegend ist für Ingarden die Tatsache, daß die dargestellten Gegenständlichkeiten ihrem Gehalt nach rein intentionalen Gegenständlichkeiten entsprächen und deshalb zwischen Gehalt und intentionaler Gegenstandsstruktur unterschieden werden müsse. Die dargestellten Gegenstände liegen seiner Meinung nach nie isoliert vor, sondern bringen immer eine Seinssphäre, einen Hintergrund mit sich, der jedoch nicht aktualisiert entworfen werden muß, sondern als fester Bestandteil mit dem Gegenstand verbunden vorliegt.
Der Begriff des „Gegenstands“ sei im Sinne der Materialität auf alle gegenständlichen Kategorien, sprich also auch auf Ereignisse, Zustände oder auch personale Akte zu verstehen und zudem nicht einer Objektivität unterworfen, so daß eine subjektive Färbung, wie z.B. ein emotionaler Charakter, durch den Leser nicht ins Gewicht falle. Eine Gefahr sieht Ingarden in der Verschmelzung intentionaler Gegenständlichkeiten mit Realitäten, die häufig bei Gegenständen mit offensichtlichem Realitätscharakter, also jene, die dem Leser in der täglichen Wahrnehmung begegnen, auftrete.
Der „Vorstellungsraum“ der intentionalen Gegenständlichkeiten sei zwar der realen Raumvorstellung der Realität sehr ähnlich, jedoch nicht wie dieser genau zu begrenzen und einzig und allein vom Autor des Werkes abhängig, der den Raum der Gegenständlichkeiten schaffen könne. Der Gegenstand dieses Vorstellungsraumes, also der Vorstellungsgegenstand sei daher nicht mit dem realen, seinsautonomen Gegenstand gleichzusetzen. Der Erste bilde die Summe der vollzogenen Vorstellungs- bzw. Meinungsakte. Vorstellungsraum, Vorstellungsgegenstand und –erlebnis könnten daher nicht getrennt werden, da die Intentionalität des Vorstellungsaktes immer ein Vorhandensein eines entsprechenden Gegenstandes verlange.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Biographisches zu Roman Ingarden: Dieses Kapitel skizziert den Lebensweg und die akademische Entwicklung Ingardens, insbesondere seine Verbindung zu Edmund Husserl und die Entstehung seines Hauptwerks.
2. Einleitung: Die Einleitung erläutert die ontologisch-phänomenologische Zielsetzung der Untersuchung und positioniert Ingardens Werk im Spannungsfeld zwischen Idealismus und Realismus.
3. Das literarische Werk: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil der Arbeit, in dem die strukturellen Schichten eines literarischen Werkes, wie Gegenständlichkeiten und Ansichten, detailliert analysiert werden.
3.1. Die Schicht der Gegenständlichkeiten: Hier wird die intentionale Beschaffenheit der Gegenstände im literarischen Text sowie ihre Abgrenzung zu realen Objekten behandelt.
3.2. Die Schicht der schematisierten Ansichten: Dieses Kapitel befasst sich mit der Funktion von Ansichten für die Konstitution der im Werk dargestellten Gegenstände.
3.3. Die Rolle der Schicht der schematisierten Ansichten im literarischen Werk: Die Ausführungen beleuchten, wie schematisierte Ansichten ästhetische Wertqualitäten im Werk erst ermöglichen.
3.4. Die Rolle der Gegenständlichkeiten: Das Kapitel diskutiert, inwiefern die gegenständliche Schicht über eine bloße Sinnvermittlung hinaus als eigenständiger Träger metaphysischer Qualitäten fungiert.
4. Kritische Betrachtung der Philosophie Ingardens: Dieser Abschnitt ordnet Ingardens Thesen wissenschaftshistorisch ein und setzt sie mit entgegengesetzten Strömungen wie der psychologistischen Poetik auseinander.
Schlüsselwörter
Phänomenologie, Roman Ingarden, literarisches Kunstwerk, Intentionalität, Gegenständlichkeiten, schematisierte Ansichten, Ontologie, Husserl, Quasi-Urteil, Wesenheiten, Ästhetik, Erkenntnistheorie, Sinnstruktur, Rezeption, Idealität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das literaturtheoretische Werk "Das literarische Kunstwerk" von Roman Ingarden aus einer phänomenologischen Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die ontologische Struktur literarischer Werke, die Rolle der Intentionalität sowie die Abgrenzung der Literatur von der realen Welt durch spezifische Phänomene.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Grundgedanken von Ingardens Werk objektiv darzustellen und die darin beschriebenen Schichten literarischer Texte zu erläutern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine phänomenologische Analysemethode angewandt, die sich eng an die Ansätze von Edmund Husserl anlehnt, um Texte strukturell zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich detailliert der Untersuchung der Gegenständlichkeit sowie der "schematisierten Ansichten" innerhalb eines literarischen Werkes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Phänomenologie, Intentionalität, Gegenständlichkeit, schematisierte Ansichten und ontologische Struktur.
Was versteht Ingarden unter einem "Quasi-Urteil"?
Ein "Quasi-Urteil" ist eine Aussage in einem literarischen Werk, die keine reale Existenz beansprucht, sondern ausschließlich im intentionalen Bereich des Kunstwerks verbleibt.
Wie unterscheidet sich Ingardens Ansatz von psychologistischen Theorien?
Ingarden lehnt die Reduktion von Literatur auf psychische Entstehungsprozesse des Autors ab und fokussiert stattdessen auf die immanente, objektive Struktur des fertigen Werkes.
- Citar trabajo
- Martin Endres (Autor), 2001, Roman Ingarden - Das Literarische Kunstwerk, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/704