Einleitung
Männern und Frauen werden in unserer Gesellschaft unterschiedliche Fähigkeiten und Verhaltensweisen zugeschrieben, die den gängigen Geschlechtsstereotypen 1 entsprechen. So
gelten Männer als abenteuerlustig, aggressiv, kräftig, mutig, unabhängig und stark, Frauen dagegen als liebevoll, einfühlsam, fürsorglich und schwach. Dabei sehen Männer und Frauen sich selbst oft nicht so einseitig, wie es die Normen von ihnen verlangen. 2
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit solchen Fragen wie: Worin unterscheiden sich Frauen und Männer wirklich? Wie entstehen die Geschlechtsunterschiede? Welche Rolle spielen dabei die Erziehung und soziales Umfeld? Die Antworten auf diese Fragen sind primär in der geschlechtsspezifischen Sozialisationsforschung zu suchen.
Die bisher gemachten Untersuchungen zur geschlechtsspezifischen Sozialisation zeigen nur dürftige und zum großen Teil widersprüchliche Ergebnisse. „Beim gegenwärtigen Stand der Forschung ist weder die Existenz faktisch relevanter Geschlechtsunterschiede in der Kog- nition oder im Sozialverhalten belegt, noch sind mehr als spärliche Belege für unterschied- liche Erziehungspraktiken je nach Geschlecht des Kindes in der Familie vorhanden.“ 3
Die bisher einzige Sozialisationstheorie, die Geschlecht als soziale Kategorie systematisch in die Analyse mit einbezieht, und den bisher ausdifferenzierten Ansatz zur Erklärung geschlechtsspezifischer Sozialisationsprozesse darstellt, ist die von Carol Hagemann-White (1984). Die Ausführungen der vorliegenden Arbeit beziehen sich hauptsächlich auf diesen Ansatz.
Als erstes wird in der vorliegenden Arbeit der Begriff der Sozialisation, wie er in der neueren Sozialisationsforschung und speziell in der Frauenforschung definiert wird, erläutert. Als nächstes wird die Bedeutung des kulturellen Systems der Zweigeschlechtlichkeit, in das die Kinder hinein geboren werden, und der Geschlechtsidentität untersucht.
Im dritten Kapitel werden die Ergebnisse der Untersuchungen zu Geschlechtsunterschieden im Sozialverhalten und in kognitiven Leistungen vorgestellt.
Im vierten Kapitel werden die Einflüsse und Auswirkungen von Sozialisationsinstanzen erörtert. Zuerst wird dabei der Einfluss der Familie, die nach wie vor als primäre Sozialisationsinstanz gilt, betrachtet. Als nächstes wird die geschlechtsspezifische Erziehung
1
„Geschlechtsstereotype sind allgemeine Annahmen über Eigenschaften von Männern und Frauen. Sie kennzeichnen das in einer Kultur und einer Region für typisch männlich und typisch weiblich gehaltene Verhalten. Geschlechtsstereotype legen öffentliche Erwartungen fest, indem sie ‚richtige’ Eigenschaften von Männern und Frauen durch Vereinheitlichung definieren, Werthaltungen und Rangpositionen rechtfertigen und aufrechthalten.“ (Bründel/Hurrelmann 1999, S. 14)
2
Vgl. Hagemann-White 1984, S. 25ff
3
Hagemann-White 1988, S.50 zit. nach Nyssen, S. 31
2
in den öffentlichen Einrichtungen untersucht. Dabei wird besonders auf die Schule als
sekundäre Sozialisationsinstanz eingegangen. Danach wird die Rolle von Gleichaltrigen
(Peers) in der Sozialisation von Kindern beschrieben. Als letztes wird der Einfluss von
Medien auf die geschlechtsspezifische Sozialisation untersucht.
Abschließend wird ein Fazit gezogen.
1. Sozialisation
Der Begriff der Sozialisation erfuhr Anfang der 1980er Jahre eine Bedeutungserweiterung.
„Während in den sechziger und siebziger Jahren noch weitgehend das Verständnis von Sozialisation vorherrschte, das vorrangig von einem Einfluss der sozialen und materiellen Umwelt auf das heranwachsende Kind ausging, wird in jüngster Zeit verstärkt die aktive Auseinandersetzung des Kindes mit seiner Umwelt als Sozialisationsfaktor betont. (…) Neben den Begriff des Geformtwerdens ist der Begriff der Selbstformung getreten.“ 4
Auch galt die Sozialisation bis in die siebziger Jahre mit dem Eintritt ins Erwachsenenleben
als abgeschlossen. Heute wird sie als umfassender, lebenslanger Prozess verstanden. 5 „Dieser
Prozess ist eingebettet in ein soziales Umfeld, in dem … die Geschlechts- und Schicht-
zugehörigkeit große Bedeutung haben.“ 6 Neben Geschlechts- und Schichtzugehörigkeit spielt
bei den Sozialisationsprozessen von Männern und Frauen die geschlechtsspezifische Arbeits-
teilung eine große Rolle. “Die Unterschiede in der lebenslangen Sozialisation von Frauen und
Männern sind durch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung strukturell bedingt, wobei sie
jeweils schichtenspezifisch gebrochen werden.“ 7
In dem bisher in der Regel geschlechtsunspezifisch definierten Bergriff von Sozialisation
wurden diese Aspekte nicht berücksichtigt. Erst durch die Frauenforschung wurde der Begriff
der Sozialisation geschlechtsspezifisch differenziert und wie folgt definiert:
„Sozialisation ist der Prozess, in dem aus einem hilflosen Neugeborenen ein menschliches Individuum wird, das fähig ist, gemäß seiner/ihrer Stellung in der Gesellschaft zu leben und zu handeln: ein gesellschaftliches Individuum. Mann/Frau wird sozialisiert, indem er/sie mit den vorgefundenen Lebensbedingungen umgeht. Im Austausch mit anderen Menschen und der sachlichen Umwelt eignet er/sie sich schrittweise deren Strukturen tätig an: den Umgang mit Puppe oder Auto ebenso wie die Erwartungen der Eltern an ein ´liebes Mädchen` oder einen `richtigen Jungen`. Sozialisation ist nicht ein passives Geprägtwerden, sondern ein Prozess, in dem die Aktivität des Individuums ebenso wichtig ist wie die Umwelt.
4
Nyssen, S. 28
5
Vgl. ebd., S. 28, 29
6
Kühne-Vieser / Thuma-Lobenstein, S. 16
7
Nyssen, S. 30
Das Fortbestehen von geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung bedeutet, dass sich die Lebens- und damit die Sozialisationsbedingungen für Frauen und Männer zu je unterschiedlichen Mustern (‚Lebenswelten’, ‚Lebenszusammenhänge’) zusammenfügen – auch wenn sie in der selben sozialen ‚Schicht’, Stadt, Familieleben. Die Arbeitsteilung weist Frauen die unbezahlte Arbeit im häuslichen Bereich zu und ‚nebenbei’ Berufstätigkeit. Für Männer ist Beruf, die anerkannte und bezahlte Form von Arbeit, Öffentlichkeit und Politik vorgesehen. So sind Frauen und Männer die meiste Zeit ihres Lebens mit verschiedenen Konstellationen von Dingen (…), Orten (inner/außerhäuslich) und Tätigkeiten (Personen/sachbezogen) konfrontiert. Ihre Lebensläufe sind systematisch verschieden, damit auch Zukunftsentwürfe und Sinnentwürfe für das Leben.“ 8
Vor diesem Hintergrund wird die Aufgabe einer Theorie geschlechtsspezifischer Sozia-
lisation darin gesehen, „… die Prozesse - sowohl theoretisch wie gegebenenfalls empirisch –
zu untersuchen, durch die Mädchen bzw. Jungen dazu befähigt werden, gemäß ihrer bzw.
seiner Stellung in der Gesellschaft zu handeln.“ 9
2. Das kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit
Die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht ist in unserer Gesellschaft sehr wichtig. 10 „Das
Geschlecht ist eine soziale Strukturkategorie, die neben Klassen- bzw. Schichtzugehörigkeit,
der Rassen- und Religionszugehörigkeit eine eigene soziale Wirklichkeit konstituiert und
Wirklichkeit strukturiert.“ 11 So ist unsere Gesellschaft stark vom „kulturellen System der
Zweigeschlechtlichkeit“ 12 geprägt.
„In der Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit unserer Kultur wird die Ge- schlechtszugehörigkeit als eindeutig, naturhaft und unveränderbar verstanden. Ohne jede bewusste Überlegung wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch entweder weiblich oder männlich sein müsse, was im Umgang erkennbar zu sein hat (Eindeutigkeit); dass die Geschlechtszugehörigkeit körperlich begründet sein müsse (Naturhaftigkeit); und dass sie angeboren ist und sich nicht ändern könne (Unver- änderbarkeit).“ 13
„Kinder werden in das reale und kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit hineingeboren
und müssen sich dieses aktiv aneignen, um gesellschaftliche Subjekte zu werden. In einer
Gesellschaft, die nur zwei Geschlechter kennt müssen sie die sie umgebenden Menschen und
sich selbst als einem Geschlecht zugehörig kategorisieren.“ 14 Nach Hagemann-White wäre
8
Bilden 1983, S. 270, zit. nach Nyssen, S. 31
9
Nyssen, S. 31
10
Vgl. Kühne-Vieser / Thuma-Lobenstein, S. 21
11
Ebd.
12 Vgl. Hagemann-White 1984, S. 78ff 13 Hagemann-White 1988, S.228 14 Nyssen, S. 37
„… die Verweigerung einer Geschlechtsidentität … eines der schlimmsten sozialen Schick- sale, die jemand heute erfahren könnte.“ 15
„Kinder erfahren die Struktur der gesellschaftlichen Zweigeschlechtlichkeit nicht unmittelbar und in ihrer gesamten Komplexität sondern vermittelt über ihre jeweils konkrete Lebens- umwelt.“ 16 „Für Kinder ist die Erkenntnis, selbst weiblichen oder männlichen Geschlechts zu
sein, keine einmalige Einsicht, sondern ein Prozess. Im Verlauf dieser Entwicklung müssen die „verborgenen“, von Erwachsenen gerade nicht bewusst vermittelten Signale und Zeichen für Geschlechtzugehörigkeit angeeignet werden.“ 17 Sobald die Kinder aber ihre eigene
Geschlechtsidentität erkannt haben, sozialisieren sie sich selbst in die Richtung auf geschlechtstypische Eigenschaften. 18
Die Zweigeschlechtlichkeit wird also durch die Entwicklung der Geschlechtsidentität und die Ausbildung weiblicher und männlicher Sozialcharaktere aufrechterhalten 19 und „… täglich neu durch die Handlungen der Menschen reproduziert.“ 20
3. Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Geschlechter
Während in den Berichten über den Forschungsstand bis ca. 1970 erhebliche Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen und deren Entwicklung festgestellt werden, konstatieren die Forschungsberichte nach 1970 sehr wenig geschlechtstypische Unterschiede, die für gesichert gehalten werden. 21
Der Begriff „geschlechtstypisch“ bezeichnet dabei Merkmale, „die zwischen den Geschlech- tern nach Auftretenshäufigkeit oder Intensität differieren, d. h. zwischen den Geschlechtern deutlich stärker variieren als innerhalb eines Geschlechts (Degenhardt, Trautner 1979, S. 11)“ 22 .
„Diese im Prinzip einleuchtende Bestimmung erweist sich als schwer anwendbar, da die Bandbreite der Variation innerhalb eines Geschlechts in der Regel sehr groß ist. Es gibt kaum Verhalten, dass ausschließlich bei einem Geschlecht vorkommt; … die Variation innerhalb eines Geschlechts (ist) auf jeden Fall größer als die Differenz zwischen den Mittelwerten für jedes Geschlecht“. 23
15
Hagemann-White 1984, S. 32
16
Nyssen, S. 35
17
Hagemann-White 1988, S. 233
18
Vgl. Hagemann-White 1984, S. 84
19
Vgl. Kühne-Vieser / Thuma-Lobenstein, S. 35
20
Nyssen, S. 36
21
Vgl. Gildemeister, S. 489
22
Zit. nach Hagemann-White 1984, S. 12
23
Ebd.
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Natalie Schlee, 2006, Geschlechtsspezifische Sozialisation, Munich, GRIN Publishing GmbH
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