Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Entstehungsgeschichte 4
3. Textanalyse 9
3.1 Die Rahmenhandlung 10
3.2 Tag eins der Flucht 10
3.3 Tag zwei der Flucht 14
3.4 Tag drei der Flucht 17
3.5 Tag vier der Flucht 19
3.6 Tag fünf der Flucht 21
3.7 Tag sechs der Flucht 23
3.8 Tag sieben der Flucht 25
4. Rezeptionsgeschichte 26
5. Schlussbetrachtung 28
6. Literaturverzeichnis 29
3
1. Einleitung
Anna Seghers schreibt 1937 - 1939 in ihrem Pariser Exil an dem Roman „Das siebte Kreuz“. Im folgenden sollen die Umstände, in denen der Erzähltext entstanden ist, essayistisch dargestellt werden. Darauf folgt eine Textanalyse in chronologischer Form, anhand derer grundlegende Textmerkmale und deren Bedeutungshorizont geklärt wird. Ein besonderer Augenmerk wird auf den Solidaritätsanspruch, der sogar den Allmachtsapparat des Nationalsozialismus negieren kann, gelegt. Im Glauben an die Gerechtigkeit, so wird bei der Analyse des Textes deutlich liegt der Schlüssel zur Befreiung auf verschiedenen Ebenen - in Hitler-Deutschland, wie auch heute. Die Rezeptionsgeschichte muss besonders berücksichtigt werden, weil zur Analyse ein Zeitroman vorliegt, dessen Inhalte den Herrschaftsstrukturen mehr als kritisch gegenüber stehen und somit der Rezipient gezwungen ist Stellung zu beziehen. Hier entsteht eine besondere Dynamik, die Prozesse der Bewältigung und Auseinandersetzung auslösen, die sich im Umgang mit dem Roman widerspiegeln.
Die Schlussbetrachtung fasst zentrale Thesen auf und schafft eine Verbindung über Zeitgrenzen hinaus.
2. Entstehungsgeschichte
Mit der Machtübernahme Hitlers und den daraus resultierenden politischen Veränderungen fängt die „Epoche“ Exilliteratur an, die streng genommen keine epochenspezifischen Merkmale hat, weil sie nicht natürlich gewachsen ist. Für viele Schriftsteller, Dichter und Journalisten ist ein Leben in Nazi-Deutschland nicht mehr möglich und so teilen die Betroffenen die Vertreibung durch die Machthaber des Dritten Reiches.
Exilliteratur umfasst also jene Werke, geschrieben von Deutschen, aus Heimat und Muttersprache Vertriebenen.
Anna Seghers gehört zu jenen Vertriebenen. Sie wird 1900 als Netty Reiling in eine jüdisch-orthodoxe Familie geboren. Früh lernt sie lesen, schreiben und sich kritisch mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen.
4
„…, war ich oft krank, und dabei lernte ich verhältnismäßig früh lesen und dadurch auch schreiben.“ 1
Schon während der Schulzeit bezieht Anna Seghers, wenn auch vorerst indirekt bzw. unbewusst, Position zu selbst erkannter Ungerechtigkeit.
„Ich empfand den Unterschied zwischen reich und arm. Ich verstand, welche Rolle die Söhne aus Bürgerfamilien bei den Unruhen spielten. Ich verstand jetzt, was ein Streik war.“ 2
Der erste Weltkrieg tangiert die Familie in Mainz nicht extrem. Doch die sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen berühren Anna Seghers. Sie ist am „menschlichen“ interessiert, folgt dem Drang nach sozialer Gerechtigkeit und übt in ihren Werken Solidarität mit Unterdrückten aus.. Ihre Abstammung und ihre geistige Grundeinstellung bewegen sie schließlich dazu das Land zu verlassen.
Als Hitler 1938 zum Reichskanzler ernannt wird, Hindenburg die „Verordnung zum Schutz des deutschen Volkes“ erlässt und damit der Grundstein der absoluten Gewalt gelegt wird, indem die Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheit massiv eingeschränkt wird, verlässt Anna Seghers mit ihrem Mann, dem Ungarn Laszlo Radvanyi das Land über die Schweiz nach Paris. Zur Schweizer Grenze bringen Anna Seghers Eltern die beiden Kinder: Peter und Ruth.
„Juni 1933: Wir haben unsere Kinder von der Grenze abgeholt. Wie Verrückte haben sie sich in unsere Arme geworfen, dort verharrten sie dann unbeweglich. Völlige, unendliche Sicherheit bei diesen unsteten Wesen, ihren Eltern, die doch selbst zu den obdachlosesten dieser Welt zählten, selbst von allen Stürmen hin- und hergeworfen wurden.“ 3
Zu dieser Zeit lebt noch die Hoffnung, dass die Herrschaft der Faschisten in absehbarer Zeit überwunden sein würde. Anna Seghers engagiert sich auch im Exil weiterhin für den Erhalt des Kulturerbes, die Aufklärung und hilft aktiv mit Plattformen für vertriebene Schriftsteller ins Leben zu rufen.
1 Seghers, Anna: Biographische Selbstaussagen. Anna Seghers im Gespräch mit Christa Wolf,
1965
2 Seghers, Anna: Biographische Selbstaussagen. Anna Seghers im Gespräch mit Achim Roscher, 1976
3 Seghers, Anna: Biographische Selbstaussagen. Anna Seghers, Sechs Tage, sechs Jahre. Tagebuchseiten. Paris, 19938
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1940 flüchtet die Familie aus Europa nach Mexiko; erst ohne den Vater, der zwischenzeitlich in das südfranzösische Lager „Le Vernet“, im besetzten Frankreich, interniert wird. Später gelingt die Flucht über Marseille, Ellis Island (New York), Vera Cruz, Mexiko City.
Erst 1947 kehrt sie nach Deutschland zurück. Der Aufbau-Verlag beginnt mit der Veröffentlichung der Exilwerke. Hier erscheint „Das siebte Kreuz“ zum ersten Mal 1946 in Deutschland.
Ein besonders beeindruckender Aspekt des Romans „Das siebte Kreuz“ liegt darin, dass Anna Seghers die Bürger Nazideutschlands nicht verurteilt. Es gelingt ihr dem Leser einen sehr sensiblen Zugang zu den Figuren, die als Gesamtheit die Gesellschaft repräsentieren, zu ermöglichen.
„Es ist das einzige epische Werk der gesamten deutschen Exilliteratur, in dem nicht
nur mit gerechtem Zorn Partei genommen wird, sondern - aus der Ferne - ein
menschlich glaubhaftes Bild des verfinsterten Deutschland gelungen ist.“ 4
Von 1937 - 1939 arbeitete Anna Seghers in ihrem Pariser Exil an dem Roman, der erstmals 1942 in den USA (Little Brown-Verlag) und kurz darauf in Mexiko beim deutschen Exilverlag „El Libro Libre“ erscheint.
Es ist also legitim den Zeitroman in die zweite Phase der Exilliteratur von 1936 - 8/1939 einzuordnen. Im August 1936 finden die Olympischen Sommerspiele in Berlin statt, der Anschluss Österreichs am 13.03.1938 bewirkt eine neue Fluchtphase, am 1.04.1939 siegen die rechten Faschisten gegen die Republikaner im spanischen Bürgerkrieg. In der zweite Phase der Exilliteratur ist noch kein Ende des Faschismus absehbar, die Idee der deutschen Volksfront wächst. Immer wichtiger wird auch die Weiterführung des Erhaltes des kulturellen Erbes, aus Angst der Zerstörung durch Bücherverbrennungen, etc. Den Themen: Der literarischen Kampf gegen den Faschismus und der moralischen Selbstvergewisserung ist Anna Seghers „Das siebte Kreuz“ zuzuordnen. Gekennzeichnet durch die kritische Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich, dessen Ursachen und den Chancen seiner Ablösung ist „Das
4 Zuckermayer, Carl. In: Seghers, Anna: Das siebte Kreuz, S. 2
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siebte Kreuz“ der Romanform Deutschlandroman zuzuordnen. Der Roman wird auch im Ausland überaus populär, was unter anderem dem unverzerrten Blick, den Anna Seghers dem Rezipienten auf Hitler ermöglicht, zuzuschreiben ist.
„Man hat mir gesagt, zum Teil hat dieser Erfolg in den USA auch darauf beruht, weil viele Menschen zum erstenmal stutzig wurden; sie haben zum erstenmal verstanden, dass Hitler, bevor er sich auf fremde Völker gestürzt hat, den besten Teil seines eigenen Volkes kaputt gemacht hat.“ 5
Anna Seghers fühlt stets eine soziale und historische Bindung an ihre Heimatstadt Mainz und an den Rhein. Diese Bindung verarbeitet sie in verschiedenen Werken, wie auch in : „Das siebte Kreuz“. 6 Durch die Vertreibung durch den Nationalsozialismus und die Aberkennung der Heimat durch ihr jüdisch-sein, wurde A. Seghers Vaterlandsliebe leidenschaftlich intensiviert. 7 1935 hält A. Seghers eine Rede im Rahmen des 1. Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur. Hier relativiert sie den Begriff der Vaterlandsliebe.
„Fragt erst bei dem gewichtigem Wort >Vaterlandsliebe< was an eurem Land geliebt wird. Trösten die heiligen Güter der Nation die Besitzlosen? … Trösten die >heilige Heimaterde< die Landlosen? Doch wer in unseren Fabriken gearbeitet, auf unseren Straßen demonstriert, in unserer Sprache gekämpft hat, der wär kein Mensch, wenn er sein Land nicht liebte.“ 8
A. Seghers distanziert den Begriff der Vaterlandsliebe also ganz klar von der Bürde, die dem Land durch die Regierung auferlegt wird und legitimiert so ihre Heimatverbundenheit, denn „nicht unser Land ist wild und barbarisch, wild und barbarisch in unserem Land ist nur der Faschismus, und in welchem Land ist der Faschismus nicht wild und barbarisch?“ 9 .
5 Seghers, Anna: Biographische Selbstaussagen. Anna Seghers im Gespräch mit Christa Wolf,
1965
6 vgl. Hilzinger, Sonja: Erläuterungen und Dokumente. Anna Seghers Das siebte Kreuz. Reclam 2004, S. 21. Künftig zitiert als: Hilzinger, S., Reclam
7 vgl. Hilzinger, S., Reclam, S. 22
8 Seghers, Anna: Vaterlandsliebe. In: Hilzinger, Sonja: Das siebte Kreuz von Anna Seghers. Texte, Daten, Bilder, Frankfurt am Main 1990, S. 50. Künftig zitiert als: Seghers, Anna: TDB
9 Seghers, Anna: TDB, S. 67
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Durch die Zahl „sieben“, die in fast allen Weltkulturen, in Mythos, Märchen und Astrologie verhaftet ist, wird dem Erzählten eine neue Dimension verliehen. Sie wird in Handlung und Struktur des Romans eingebunden. 10 Doch die Allmacht des Faschismus, bzw. der Totalitätsanspruch wird durch den positiven Ausgang der Flucht Georg Heislers durchbrochen. Das siebte Kreuz bleibt leer. Heisler gelingt die Flucht am siebten Tag aus Deutschland, damit wird die Passionsgeschichte negativiert. Jeder, der an der Flucht beteiligt ist, wächst daran, sogar der Lagerkommandant zweifelt an seinen Machenschaften.
„Fahrenberg fühlte zum erstenmal seit der Flucht, dass er nicht hinter einem einzelnen her war, dessen Züge er kannte, dessen Kraft erschöpfbar war, sondern einer gesichtslosen, unabschätzbaren Macht. Aber er konnte diesen Gedanken nur Minuten ertragen.“ 11
„Was jetzt geschieht, geschieht uns.“ 12 Hier wird angedeutet, was die weitere Handlung ausführt. Die kommunistische Autorin sieht die Lösung zur Änderung von gesellschaftlichen und politischen Zuständen in einem solidarischen Engagement. Anna Seghers Roman „Das siebte Kreuz“ ist auf verschiedenen Ebenen als zeitlos zu betrachten. Obwohl die Geschichte, die er erzählt doch streng verwurzelt mit dem Nationalsozialistischen Regime, ja sogar aus ihm heraus geboren ist. Der Leser wird auf realistische und ehrliche Weise mit sich selbst konfrontiert. Mit den Tiefen des Menschenmöglichen. Die unbegreifbaren Grausamkeiten, die im Dritten Reich systematisch Verwendung finden, werden durch menschliche Hand ausgeführt bzw. nicht durch menschliche Hand verhindert. So trägt jeder Verantwortung für seine Taten und seine Nicht-Taten. Der Roman repräsentiert die Gesellschaft in einer extremen Zeit; in einer Zeit, in der man sein Leben riskiert, wenn man sich für Gerechtigkeit im Großen und Solidarität im Kleinen einsetzt. Problematisch wirkt sich allerdings auch bei A. Seghers aus, dass der Nationalsozialismus als eine Art Krankheit dargestellt wird, die das deutsche Volk „befallen“ hat. Hier versteckt sich die Verzweiflung der Erkenntnis, das die politische Situation von Menschenhand bewirkt worden ist und es sich keinesfalls um eine Minderheit
10 vgl: Bogdal, Klaus-Michael und Kammler, Clemens: Anna Seghers. Das siebte Kreuz. Interpretation von Ursula Elsner. Band 76. München/ Oldenburg. 1999, S. 54
11 Seghers, Anna: Das siebte Kreuz. Aufbau Taschenbuch Verlag. Berlin und Weimar, 1975, Seite 405. Künftig zitiert als: Seghers, Anna
12 Seghers, Anna, S. 409
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Arbeit zitieren:
M.A. Baghira Karlos, 2005, Anna Seghers: Das siebte Kreuz, München, GRIN Verlag GmbH
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