Inhalt
1. Einleitung 2
2. Das Phonem r 3
2.1. R-Allophone 3
2.2. Zungen vs Zäpfchen-R 5
2.3. Vokalisiertes R 8
3. Die Norm im Deutschen 11
3.1. Regionale Unterschiede 12
3.2. R-Realisierung in verschiedenen Positionen 13
3.2.1. R im Anlaut prävokalisch 13
3.2.2. R intervokalisch 13
3.2.3. R postvokalisch nach Langvokal 14
3.2.4. R postvokalisch nach Kurzvokal 14
3.2.5. R nach a und a: 14
3.2.6. R in den Präfixen ver er her zer und im Suffix er 15
3.3. Kompensationsstrategien 15
3.3.1. Dehnung 15
3.3.2. Schließung 16
3.3.3. Zentralisierung 16
3.3.4. Diphthongierung 16
3.3.5. Senkung 16
3.3.6. Rhotazierung 16
3.4. Die präskriptive Norm 17
4. Schlussbemerkung 18
5. Literatur 19
5.1. Verwendete Literatur 19
5.2. Weiterführende Literatur 19
R und R-Vokalisierung – Seite 2
1. Einleitung
Das R ist im Deutschen eines der komplexesten Phoneme und verrät in seiner Artikulation mit am leichtesten einen regionalen oder ausländischen Akzent. Es kennt eine Reihe von Allo- phonen, von denen einige freie (bzw. regional bedingte), andere kontextabhängige Varianten sind; ihre richtige Anwendung ist zwar nicht von bedeutungsunterscheidender Relevanz (vgl. den Begriff „System“ bei Coseriu, s.u.), doch wird eine Abweichung sofort bemerkt („Norm“ bei Coseriu).
Seit Ende des 19. Jahrhunderts finden sich in der Literatur immer wieder Anmerkungen und erste Aufsätze 1 über die R-Aussprache im Deutschen, auffälligerweise anfänglich zumeist unter dem Aspekt der Normgerechtheit. Im 20. Jahrhundert folgen weitere Publikationen, längere Aufsätze und Monographien allerdings erst in den 1960er und 1970er Jahren. 2 Das Spektrum der Untersuchungsschwerpunkte erweitert sich und umfasst nun phonetische, auditive, artikulatorische, silbenstrukturbezogene, vergleichende, historische, einzeldialektale und literarische Gesichtspunkte; die Frage der Normgerechtheit rückt in den Hintergrund bzw. wird anhand von statistischen Erhebungen 3 zu beantworten versucht. Die Hauptfragestellung jedoch bleibt bestimmt von zwei für das Deutsche charakteristischen Phänomenen: dem uvularen und dem vokalisierten R (die hier getrennt behandelt werden, mit gutem Recht aber auch unter dem Begriff „Reduktionsformen“ zusammengefasst werden können). Die vorliegende Arbeit versucht, einen Überblick über die Problematik der R-Realisation im Deutschen zu geben, was mir lohnender erschien als die Behandlung eines einzelnen Teil- themas, umso mehr, als es kaum Arbeiten gibt, die die vielen verschiedenen Gesichtspunkte zusammenfassen. Notgedrungen bleiben dabei einige Aspekte auf der Strecke bzw. werden nur am Rande behandelt 4 , doch sollte das durch die weiterführenden Literaturhinweise wett- gemacht werden.
Als erstes soll mit einer Beschreibung der verschiedenen Allophone sozusagen das Arbeits- werkzeug gegeben werden, mit dem zunächst dann das uvulare und das vokalisierte R unter einem eher globalen Gesichtspunkt behandelt werden. Anschließend soll die tatsächliche
1 Zum ersten Mal sogar schon 1770 von Johann Friedrich Heynatz, dann in den 1820er Jahren von Jean Paul (vgl. Zimmermann 1995:271); später u.a. Vischer (1880), Trautmann (1880 und später), Bürde (1882), Curme (1891), Genthe (1895), Spieser (1895), Klinghardt (1896) und natürlich Siebs (ab 1898).
2 Zu erwähnen sind hier u.a. Göschel (1971), Ulbrich (1972), Harden (1981), Runge (1973 und 1974) und Werlen (1980).
3 Besonders Ulbrich (1972) und König (1989), später Graf/Meißner (1996) und Ulbrich (1998).
4 Vgl. Barry (1995) zu Schwa vs. Schwa + /r/, Hall (1993) zur Silbenstruktur sowie, wie auch Harden (1981), Schlobinski (1996), Werlen (1980) u.a., zum dialektalen Aspekt.
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Gebrauchsnorm im Deutschen mit ihren regionalen und positionsbedingten Realisierungs- formen beleuchtet und schließlich mit der präskriptiven Normgebung in den Aussprache- wörterbüchern verglichen werden.
2. Das Phonem /r/
R-Phoneme sind in ca. 75% aller Sprachen vorhanden und zeichnen sich durch verschiedene Gemeinsamkeiten aus: 5
- Sie nehmen im Konsonantensystem und in den Silbenstrukturen verschiedener Sprachen den gleichen Platz ein.
- Sie tendieren (in Sprachen, die Konsonantenhäufungen kennen) dazu, nahe am Silbenkern aufzutreten.
- Sie tendieren postvokalisch zu Vokalisierung bzw. Verschwinden.
- Sie haben ähnliche Effekte auf die Lautumgebung: Vokale vor R tendieren zur Dehnung; Vokale vor und nach R tendieren zur Senkung.
- Sie alternieren oft mit anderen rhotischen Lauten, d.h. es gibt häufig mehrere R- Allophone.
Diese Aufführung der Gemeinsamkeiten deutet bereits darauf hin, dass der gemeinsame Nenner nicht allzu groß ist: Schon allein in den Sprachen Westeuropas findet sich eine Vielzahl von artikulatorisch wie perzeptiv sehr unterschiedlichen R-Allophonen, darunter Vibranten, Frikative, Taps, Approximanten und Vokale. Nicht für alle von ihnen gibt es IPA- Zeichen, und nicht alle von ihnen sind für das Deutsche relevant, doch zumindest die wichtigsten sollen in der Folge kurz beschrieben werden.
2.1. R-Allophone
Die folgende Aufstellung orientiert sich an Ulbrich (1972:43-65); Anpassungen erschienen mir vornehmlich in Anlehnung an König (1989:68f) erforderlich.
Das Phonem /r/ ist zwar grundsätzlich konsonantisch, doch kann zwischen konsonantischen und vokalischen R-Allophonen unterschieden werden. Die konsonantischen Allophone sind:
- Das „gerollte Zungen-R“ [r], ein stimmhafter (mehrschlägiger) dental-alveolarer Vibrant.
- Das „gerollte Zäpfchen-R“ [R], ein stimmhafter (mehrschlägiger) uvularer Vibrant.
- Der „Tap“ [R], ein stimmhaftes (einfach) geschlagenes dental-alveolares R.
5 Vgl. Lindau 1985.
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- Das „vordere Reibe-R“ [®], ein stimmhafter prädorsal-präpalataler Enge- bzw. Reibelaut.
- Das „hintere Reibe-R“ [“] (uvular) bzw. [ƒ] (velar), ein stimmhafter uvular-/velar- postdorsaler Enge- bzw. Reibelaut.
- Das „entstimmlichte hintere Reibe-R“ [X] (uvular) bzw. [x] (velar), ein stimmloser uvular-/velar-postdorsaler Reibelaut 6 .
- Das „retroflexe R“ [}], ein stimmhafter retroflexer Enge- bzw. Reibelaut, der dem [®] sehr nahe steht; hier ist er lediglich der Vollständigkeit halber angeführt, da er im Deutschen nur in einigen wenigen Dialekten auftritt und auch dort dialektal/soziolektal markiert ist. 7
Bei König findet sich zudem noch eine Art „hinterer Tap“, d.h. ein stimmhaftes (einfach) geschlagenes 8 uvulares R, das er mit [ R ] transkribiert; die Unterscheidung velar vs. uvular spielt bei ihm keine Rolle. Tatsächlich sind die velaren Varianten v.a. kombinatorisch und idiolektal (regional) bedingt und können m.E. mit den uvularen zusammengefasst werden, bis auf wenige Fälle, wo entsprechend unterschieden werden muss.
Ebenso praktisch irrelevant sind (für das Deutsche) die Realisierungen des /r/ als Lippen- oder Kehlkopf-R, wobei unter ersterem das sogenannte „Kutscher-R“ zu verstehen ist 9 , während letzteres nur sporadisch bei manchen Sprechern und v.a. in umgangssprachlicher Rede auftaucht 10 .
Eine letzte Anmerkung betrifft die Unterscheidung zwischen Enge- und Reibelaut. In der Literatur wird hier nicht immer differenziert. Genau genommen aber müsste der Terminus „Reibelaut“ bzw. „Frikativ“, wie in König (1989), auf Laute mit deutlichem Reibegeräusch beschränkt sein, während „Engelaut“ eben Laute ohne dieses Reibegeräusch beschreibt und wohl dem Begriff „Approximant“ (vgl. Barry 1997) gleichzusetzen ist. Der Einfachheit halber wird hier, in Anlehnung an Ulbrich (1972), nur dort unterschieden, wo es eigens nötig erscheint; man möge sich aber des Problems bewusst sein, wann immer von „Reibelaut“ oder „Frikativ“ die Rede ist.
Die vokalischen Allophone sind:
6 Laut Ulbrich (1972:52) haben die ursprünglich uvularen R-Laute die Tendenz, sich im Artikulationsraum nach vorne zu verlagern, was allerdings durch den fließenden Übergang „auditiv kaum abzugrenzen“ ist. In Gegenden, wo /g/ intervokalisch frikativiert wird, können sich Schwierigkeiten bei der Zuweisung von stimm- haftem [ƒ] für /r/ bzw. /g/ ergeben; ebenso bei dem entstimmlichten [x] bzw. [X] für /r/ vs. /ç/. 7 Vgl. Göschel 1971:115.
8 König unterscheidet nicht zwischen einfach und mehrfach gerollt bzw. geschlagen und gerollt, wie ansonsten in der Literatur üblich, sondern zwischen schwach und stark gerollt, da es kaum möglich sei, rein akustisch die genaue Anzahl der Schläge zu perzipieren.
9 Vgl. Göschel 1971:90f, und Ulbrich 1972:49f.
10 Vgl. Göschel 1971:94f, und Ulbrich 1972:48f.
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- Das „monophthongische vokalisierte R“ [å] 11 , ein halboffener, silbenbildender Mittel- zungenvokal, der artikulatorisch weiter hinten und tiefer angesiedelt ist als das [´].
- Das „diphthongische vokalisierte R“ [å9], derselbe (etwas kürzer artikulierte) halboffene Mittelzungenvokal als Teil eines sekundären, fallenden Diphthongs.
Eine weitere vokalische Realisationsvariante des /r/ findet sich bei König unter dem Begriff „Rhotazierung“. Dieser beschreibt eine R-Färbung des /r/ vorausgehenden Vokals, die sogar ein völlig geschwundenes R kompensieren kann.
Diese Vielzahl von R-Allophonen zeichnet sich durch z.T. erhebliche Unterschiede in Artikulationsart und/oder -ort sowie akustischem Eindruck aus, und während sich einige perzeptiv ähneln, sind andere kaum als zum selben Phonem gehörig zu erkennen. Lässt sich überhaupt ein ihnen allen gemeinsames Merkmal finden? Lindau (1985) stellt die Hypothese auf, es sei ein tieferer dritter Formant, der die verschiedenen (konsonantischen) Allophone kennzeichnet, muss diese jedoch fallen lassen und kommt zu dem Schluss, das, was sie verbindet, sei eine Familienähnlichkeit (nach Wittgenstein): Es gibt nicht ein einziges, allen „Familienmitgliedern“ gemeinsames Merkmal, jedoch teilen jeweils zwei oder mehr eine bestimmte Gemeinsamkeit, so dass zwar nicht direkt, aber indirekt jedes mit jedem verbunden ist. So teilt z.B. [r] mit [R] den Artikulationsort und die Stimmhaftigkeit, doch ist [r] ein Vibrant und [R] ein Tap, also nur einmal geschlagen; [R] unterscheidet sich von [r] durch den Artikulationsort, ist aber ebenso ein stimmhafter Vibrant, während [“] sich von [R] nur da- durch unterscheidet, dass es ein Reibelaut ist und kein Vibrant, während es mit [r] überhaupt keine direkten Gemeinsamkeiten aufweist.
Die Darstellung könnte ergänzt werden um das vokalische [å] und das retroflexe [}] (siehe Grafik): Ersteres teilt mit [“] in etwa den Artikulationsort, zeichnet sich aber durch mangelnde Engebildung aus, so dass der entstehende Laut kein Frikativ ist, sondern ein Vokal; letzteres ist wie das [®] ein stimmhafter Reibelaut, doch ist die Zunge bei der Bildung weiter zurück-
gebogen, was zu der retroflexen Artikulationsweise führt. 12
2.2. Zungen- vs. Zäpfchen-R
Im Deutschen lassen sich in Bezug auf das /r/ wenigstens zwei interessante Feststellungen machen:
11 Zur Problematik der phonematischen Entsprechung als /r/ oder /´/ siehe unten.
12 Vgl. die Grafik in Lindau 1985:167, sowie die versuchsweise von mir ergänzte Grafik im Anhang.
Arbeit zitieren:
M.A. Friederike Kleinknecht, 2006, R und R-Vokalisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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